Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt
nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont
befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel
Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem
Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen
werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab.
Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht,
sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit
größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des
geliebten Sohnes zuzustimmen.
Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer
der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward
die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter
dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden
gefällten Baum heulen und „die Hirsche auch“.
Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober
Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei.
Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der
Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. „Tu was
du willst, lieber Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne
Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!“
„Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner
Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!“
Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg.
„So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch
begleiten und mit nach Frauenberg fahren!“
„Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!“
„Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert
ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt
ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu
schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf
Backhühner und Steiererwein! Da der -- mündige Prinz von Schwarzenstein
naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber --
_horribile dictu_ -- nur über lumpige zehn Kroneln verfügt, muß ich die
durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten allergehorsamst
bitten!“
„Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?“
„Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man
nicht!“
„Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen
für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!“
Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: „Ach wo!
Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl
frißt!“
„Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!“
Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und
merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen
gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. „Danke! Jetzt aber
muß auch Norbert mitfahren!“
„Aber warum denn?“
„Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe
Mama!“ Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich.
Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil
dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen
Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes
Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen
Fenster.
Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: „Bitte, sich
rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und
Steiererwein! Ich fahre ooch mit!“
„Nicht möglich! _Che grandissimo onore!_“ kicherte Martina und
verschwand vom Fenster.
In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen „sehr netten Käfer“. Und
auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt,
um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber
betrachten zu können.
Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: „Sie
fahren als Reisefourier mit, verstanden?“
„Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen versehen!“ Und
hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen.
Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend
die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe
Admont erbat.
Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den
Grafen in Admont abholen könne.
Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina
anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem
Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am
Bahnhofe.
Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und
gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.
Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende
Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht
der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres
Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu
Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser
brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse
Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon
während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte
Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen
Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang
der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen
wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch
darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten
solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der
erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt;
ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der
Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.
Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu
schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes
nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.
Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der
Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum
länger wird beherrschen können.
Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie,
von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch
Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.
Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert
gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen
wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von
Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit
trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das
eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien,
machte Emil verdrossen.
Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der
Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont
und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen
Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen
ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige
farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: „Du hattest
doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst
du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen
Barockbau aufzuführen?“
Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift
der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich
stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß
der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts
beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu
Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.
„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das
möglich?“
„Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein
Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder
umgekehrt!“
„Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam
er in das Stift Admont?“
„Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!“
Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie
konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso
das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte,
die Mama reinfallen zu lassen.
Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt
lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina
in guter Laune zu erhalten.