„Der Jagdgehilfe Eichkitz ist sofort seines Dienstes zu entheben!
Über Kündigungsfrist, Lohnauszahlung usw. wollen Sie das Weitere
veranlassen! Ebenso ist für Ersatz zu sorgen! Einstweilen kann wohl ein
anderer Jagdgehilfe das Revier am Pyrgas beaufsichtigen!“
„Sehr wohl, Durchlaucht!“ Zu Eichkitz gewendet sprach Hartlieb: „Sie
verlassen sofort das Revier! Den Hüttenschlüssel bringen Sie in die
Jagdamtskanzlei, wo morgen früh acht Uhr mit Ihnen abgerechnet wird!“
Emil hatte die Almhütte bereits verlassen. Ihm folgte Hartlieb.
Völlig verdattert hatte die schmächtige Burgl zugehört. Jetzt, da die
Herren sich entfernt hatten, meinte sie zu Eichkitz, dessen Zähne an
der Unterlippe nagten: „Siehgst es, da hast es! Ich hab es allweil
g’sagt, daß die Dienstschwänzerei nichts taugt und bald ein böses End
nimmt! Und dein Leichtsinn auch! Kannst lang suchen, bis du wieder
einen so schönen Jaagerposten findest, du Sausewind!“
Grob schnauzte Daniel Eichkitz die herbe Sennerin ab: „Dumme Gans!
G’heiratet hätt ich dich nie nicht! Und nun kannst mir auf den Buckel
steigen!“ Mit weiten Schritten zog er ab. Hinauf zur Pyrgas-Jagdhütte,
um seine wenigen Habseligkeiten zu packen.
Die Herren wanderten durch den Plechauergraben zu Tale. Und in der
Ebene des Halltales angekommen, sprach Prinz Emil seinen Dank für die
Führung aus. „Um meine Dankbarkeit aber auch zu beweisen, bitte ich
Sie, den bewußten Zwölferhirsch zu schießen! Und auch nach Bedarf
überzähliges Kahlwild, ganz wie Sie es für nötig erachten! Auf
meine Beteiligung am Abschuß und überhaupt am Weidwerk müssen Sie
aber verzichten! Mir fehlt das Interesse, das Jägerblut! Ich bin nur
ein begeisterter Naturfreund und Alpinist, habe nicht das geringste
Verständnis für Wild und Jagd! Hingegen habe ich den ehrlichen Willen,
Ihnen zu helfen, auf daß Ordnung wird! Bitte, sagen Sie dem Dickwanst
Gnugesser -- drolliger Name --, er soll mich morgen acht Uhr abholen;
wir wollen einen forstlichen Kontrollgang machen! Weidmannsheil, lieber
Oberförster! Auf Wiedersehen!“
„Weidmannsdank! Und gehorsamsten herzlichsten Dank für die erquickende
Abschußerlaubnis!“
Der Forstwart Gnugesser stand Punkt acht Uhr früh am Portal des
Schlößls, diesmal in Forstuniform und statt mit dem Hirschfänger
mit dem Plätzhammer ausgerüstet. Mit seinem strahlendsten Lächeln
im bärtigen Gesicht, hocherfreut von den guten Neuigkeiten, die ihm
gestern abend Oberförster Hartlieb mitgeteilt hatte. Bereitwilligst
hatte Beni auf Ersuchen Hartliebs die Mission übernommen, den jungen
Prinzen über forsttechnische Angelegenheiten zu informieren, ihm die
Notwendigkeit einer Forstnutzung auseinanderzusetzen, auf daß Prinz
Emil den Widerstand der Mama bezüglich jeder Schlägerung überwinde und
auch auf diesem Gebiete Reformen einführe.
Länger als vermutet mußte Beni warten, denn Prinz Emil kanzelte im
Flur des Hauses den Kammerdiener Norbert ab, und zwar so kräftig und
gut verständlich, daß sich Gnugesser bei all seiner Gutmütigkeit und
Friedensliebe hochvergnügt die Hände rieb. Offenbar versteht der junge
Herr das „Aufmischen“ gründlich; und wenn Prinz Emil jetzt sogar
die „allmächtigen“ Vertrauenspersonen und einflußreichen Diener
„fürifangt“, so müssen -- nach Benis Meinung -- die Verhältnisse bald
anders und sehr gut werden.
Endlich kam Prinz Emil in schlichter Lodenkleidung heraus, dem
Gesichtsausdruck nach etwas verstimmt, grüßte kurz und bat, es
wolle der Forstwart auf einem Inspektionsgange über den Stand der
Forstangelegenheiten Vortrag erstatten.
Der Marsch durch das nebelerfüllte Halltal wurde sofort angetreten.
Für Benis dickes Bäuchlein und kurze Beine in einem zu schnellen
Tempo. Eine Weile hielt Gnugesser zappelnd Schritt zur Linken des
weitausgreifenden Prinzen, der sich anscheinend durch das Renntempo den
Ärger weglaufen wollte. Dann aber wurde Benis Atem immer kürzer. So
mußte er denn bitten, es möge der gnädige Herr etwas weniger schnell
gehen. „Ich derpack das Gerenn nicht, die Haxeln sind z’ kurz!“
Schmunzelnd mäßigte Emil das Tempo. Und mit sarkastischem Blick
musterte er den „Hendlfriedhof“, das hüpfende Bäuchlein Gnugessers.
Beni fing den Blick auf und sprach: „Glauben S’ nur ja nicht, gnädiger
Herr, daß mein Wanst vom zu guten Essen so dick worden ist!“
„Also vom Hungern und Fasten?“ meinte lächelnd Emil und ging
gemächlichen Schrittes weiter.
Eifrig beteuerte Beni, daß bei ihm Naturanlage vorhanden sei, eine mehr
als dreimal verfluchte Veranlagung, die stetigen Verdruß verursache.
„Warum denn Verdruß?“
„No ja, halten zu Gnaden, weil mich jeder Hansdampf -- Jeß Maria! Ich
nehm das dumme Wort z’ruck -- weil mich die Leut immer frozzeln wegen
des dicken Bäucherls! Ist aber nicht zum Lachen! Magere Kost...“
„Vielleicht futtert der Forstwart zu feucht?“
„Ist nicht möglich, Duhrlauch! Wo das Gehalt so klein ist!“
„Was? Unzufriedenheit mit dem Gehalt?“
„Nicht! Keine Spur nicht von Unzufriedenheit! Wenn ich sag, daß mein
Gehalt so klein ist, so hängt das mit meinem Hauskreuz und mit der
vermaledeiten Haller Weiberrevolution zusammen!“
Emil fragte, neugierig geworden, nach Details dieser ihm fremden
Verhältnisse und blieb stehen, damit Beni ruhigen Atems berichten
konnte.
Der häusliche Krieg wegen der Entschädigung der Hausfrauenarbeit im
Ehestande, der Kampf um das Gehaltsdrittel des Brotverdieners hatte
Beni die Hauptwaffe, die Zunge, so geschärft, daß er sehr präzis und
geläufig über die Entwicklung dieser Frage referieren konnte. Und
besonders scharf betonte er die ethische Seite, das Herabdrücken
der Würde der Ehefrau durch Annahme eines Lohnes auf das Niveau der
bezahlten Dienstmagd. Für die ihn selbst betreffende finanzielle Seite
hatte er nur den winzigen Spott, den die Gutmütigkeit gestattete.
„Merkwürdig ist nur, daß die Weiber nicht nachgeben wollen, wiewohl
es gar kein solches Gesetz gibt und selbst in der Schweiz nur ein
Entwurf besteht! Der Pfarrer hat bereits scharf geschossen, die
Bezirkshauptmannschaft hat jedwede Agitation verboten und Bestrafung
wegen Störung der öffentlichen Ruhe angedroht! Hilft alles nichts,
meine heißgeliebte Amanda will das Gehaltsdrittel und hetzt weiter, bis
sie hoffentlich bald eingekastelt wird!“
„Aber das ist ja köstlich!“
„Mit Vergunst: was soll köstlich sein?“
„Die Situation, wenn Amanda -- das ist wohl Ihre Gattin? --
‚eingekastelt‘ wird!“
„Köstlich oder nicht, jedenfalls krieg ich für einige Zeit Ruhe, so
meine süße Amanda hinter schwedischen Gardinen sitzt als Revoluzzerin
und Volksaufwieglerin!“
„Ist denn meine Mama über diese interessante Affäre informiert worden?“
„Wohl, wohl! Eine Zeitlang ist die Frau Fürstin für die Frauen gewesen,
Duhrlauch hat es sogar dem Pfarrer von Hall verübelt, daß er die
Revolution bekämpfte! Wie aber die Frau Fürstin vom Pfarrer genauer
informiert worden ist, hat die Frau Fürstin nichts mehr wissen wollen!
Natürlich schimpfen die Haller Weiber jetzt wie die Rohrspatzen über
die Frau Fürstin!“
„Na, sehr nette Chose! Was soll denn daraus werden?“
„Ich hab keine Ahnung! Das begehrte Drittel kann ich nicht zahlen,
soviel steht fest! Dazu ist die Gage wirklich zu klein; nichts für
ungut, gnädiger Herr!“
Im Weiterschreiten ließ sich Prinz Emil über die Höhe der
Beamtengehälter und über die Löhne der Waldarbeiter und Jagdgehilfen
informieren. Selbst von Mama mit Geld sehr knapp gehalten, hatte Emil
eine Ahnung davon, was es heißt, mit wenig Geld leben zu müssen.
Kein besonderes Verständnis für soziale Verhältnisse, noch weniger
Verständnis dafür, wieviel Geld der Haushalt eines schlecht bezahlten
Beamten oder Forstarbeiters jährlich verschlingt. Aber eine hübsche
Idee hatte Emil, einen niedlichen Revanchegedanken: für seine eigene
Knapphaltung ist Revanche möglich und sehr nett, indem der knickrigen
Mama etlicher Mammon dadurch abgeknöpft wird, daß man die Löhne des
Forstwarts und der verheirateten Waldarbeiter aufbessert. Diebisch
freute sich Emil über diese niedliche Revancheidee.
Gnugesser erhielt Auftrag, ein Verzeichnis der verheirateten
Angestellten im fürstlichen Dienste anzufertigen und auszurechnen,
wieviel gezahlt werden müsse bei einer Aufbesserung um zwanzig Prozent.
Einen Luftsprung vollführte Beni. Das Bäuchlein hüpfte. Und vor Freude
schrie Gnugesser: „Vergelt’s Gott diese Wohltat!“
„Nur gemach! Erst die Berechnung! Dann muß ich die Angelegenheit
prüfen, studieren, wie Gelder aus dem Ertrag des Herrschaftsgutes
flüssig gemacht werden können! Denn aus der Privatschatulle wird Mama
die zur Aufbesserung der Löhne nicht bewilligen!“
„Oh, gnädiger Herr! Geld soviel wie Heu können Sie herauszwicken, wenn
überständiges Holz verkauft wird! Angebote haben wir genug, hiebreifen
Bestand auch, nur die Erlaubnis zum Schlägern haben wir nicht --
einstweilen!“
„Gut! Machen wir! Ich werde Mama schon umstimmen! Aber nun noch etwas:
den geldhungrigen Eheweibern muß der Mund gestopft, die Lust zum
Revolutionieren gründlich ausgetrieben werden!“
„Wie wollen denn gnädiger Herr dieses Kunststück fertigbringen?“
„Sehr einfach das: zehn Prozent der Aufbesserung liefert der Ehemann
der Gattin als Nadelgeld ab! Wer damit nicht zufrieden ist, wer weiter
hetzt und agitiert, wird entlassen!“
„Oha! Aber die Ehefrauen können doch nicht entlassen werden!“
„Die Weiber nicht, aber die in unserem Dienst stehenden verheirateten
Beamten und Arbeiter!“
„Ah so wohl! Jetzt versteh ich, was Sie meinen! Wir Ehekrüppel bekommen
durch die Aufbesserung eine Waffe, mit der wir die Revolution im
Haushalt bekämpfen und niederringen können! Feine Idee das! Hätt
gar nicht geglaubt, daß unser junger Prinz soviel Spiritus im Kopf
hat! Jeß Maria, nichts für ungut; es ist mir gleich nur so dumm
herausgerutscht!“ Und wütend auf sich selbst, schlug sich Beni auf den
vorlauten Mund.
Belustigt sprach Prinz Emil: „Ist schon recht, Dickwanst! Ich bin
wirklich nicht so dumm, wie ich aussehe! Die Idee zur Lösung der
‚Revolutionsfrage‘ gefällt mir selber, und ich glaube, daß den Weibern
der Mund gründlich gestopft wird!“
„Wohl, wohl! Bis auf die gefährliche Krämerin in Hall! Diese
Oberhetzerin steht nicht im fürstlichen Dienst, sie kann also auf die
Herrschaften husten und pfeifen, wie sie mag! Und das wird sie auch
tun! Und solang dieses Malefizweib hetzt, wird auch keine endgültige
Ruhe eintreten!“
„So? Da bin ich anderer Meinung! Die Krämerin wird einfach boykottiert!“
„Wie denn das?“
„Zur Strafe für die Verhetzung wird der Boykott über die Krämerin
verhängt! Wir kaufen nichts mehr bei ihr! Und wer von unseren Beamten
und Dienern fürder den Bedarf bei der Krämerin deckt, wird entlassen!
Merkt das die Krämerin, so wird sie, um nicht geschäftlich ruiniert zu
werden, ganz gewiß zu Kreuz kriechen und jede Agitation einstellen!“
„Gott! Sie sind ein heller Kopf!“ Und wieder schlug sich Beni auf den
Mund.
„Na schön! Nun gehen Sie heim und besorgen Sie mir so rasch als möglich
die Aufstellung und Berechnung! Bis Mittag will ich alles in Händen
haben!“
„Sehr wohl, gnädiger Herr! Aber was ist’s mit dem Inspektionsgang?“
„Machen wir ein andermal! Mich interessiert jetzt die
Revolutionsangelegenheit und ihre Lösung!“