Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder
in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche
Bemerkungen in das „Tagebuch“.
„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Herhängen‘ meinen, weiß
ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein
Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur
Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!!
Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner
Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste!
Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche
Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es
wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber
Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend
ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und
wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die
Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. -- --
Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! -- Und wie schnell
vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die
Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde
abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt!
Ich verstehe -- leider -- vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts,
aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in
seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch,
ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster
Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben,
irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob
dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines
Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei
solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist.
Ob sich Hartlieb diese Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung
des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem
Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber
männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes
bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl
‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist,
mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von
sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die
Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und
besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht
geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das
Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt!
Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel!
_Ecco la verità!_“