Siebentes Kapitel

Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag

hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn

rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern

wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte

dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten

bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre

diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin

von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse

des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl

die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden.

Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der

Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte

er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein --

huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung

für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid

doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet

hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war:

Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht

die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber

die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe

zu bewilligen, reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag

warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des

Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte

der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck

doch erreicht worden.

Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater

Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm

zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher

Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau

im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe

Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch

bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen.

Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf

in der -- Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer

gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne.

Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser

Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen

werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur

Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht

mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines

Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der

Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden.

Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen.

Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel.

Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß

die Haller Weiber bereits revolutioniert seien, und daß die

Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der

Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere.

Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen

Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug

antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar

von der Kanzel aus.

Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm

Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse

für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn

auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser

Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und

daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen

Frauen zu besänftigen.

„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht

zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid.

„Zunächst freilich nicht, uns wenigstens nicht! Du wirst gut tun,

deine Fürstin zum Abrücken von der Haller Frauenrevolution zu

veranlassen! Tut die Fürstin nimmer mit, so schwindet der Nimbus, die

damischen Weiber werden stutzig, wahrscheinlich durch den Rückzug der

Fürstin doch etwas eingeschüchtert werden! Wenn die Flammen nach Weng

überschlagen, werde ich als Wenger Pfarrer alles aufbieten, um den

Männern das Rückgrat zu steifen! Und das wird gelingen, denn wo die

Bauern zahlen sollen, werden sie sehr rasch bockbeinig und schwerhörig.

Gehe hin und tue desgleichen, viellieber Bruder im Herrn!“

„Ganz gut! Und wie soll ich meine Fürstin zum Abrücken veranlassen?“

„Ja, das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hofmann! Bring ihr bei, daß

die Beteiligung an der Frauenrevolution Kosten verursacht, daß die

Fürstin blechen, die Löhne ihrer verheirateten Diener und Beamten

aufbessern muß, wenn die von ihren Frauen geschröpften Diener und

Beamten die Weiberarbeit im Haushalt entlohnen sollen! Vom Gehalt

können die Ehemänner das ja nicht leisten! Hört die Fürstin, daß die

Liebäugelei mit der Frauenbewegung sie schwer Geld kostet, dann, meine

ich unmaßgeblich, wird die Frau mit aller Beschleunigung krebsen!“

„Der Rat ist gut und beachtenswert! Ein gerissenes Herrchen, der

vielliebe Amtsbruder!“

„Ach wo! Minimale Lebensweisheit, daß Geld überall eine gewichtige

Rolle spielt! Von Gerissenheit keine Spur! Und tausend Meilen entfernt

vom klugen und gewandten -- Eisenbaron!“

Wilfrid lachte zu dieser harmlos gemeinten Stichelei auf seine adelige

Abstammung. Und dann fragte er, ob Gäste im Stift angekommen seien, und

was es sonst Neues _intra muros monasterii_ gebe.

„Nicht viel, das Wenige aber schön und erquickend!“ Und nun berichtete

Pater Leo über den Stand der Jagdangelegenheit des Novizen Nonnosus,

der dem Abte Vergehen, Beteiligung an einer Treibjagd, der dem Kleriker

verbotenen _venatio clamorosa_, rückhaltlos eingestanden und demütig um

Bestrafung gebeten habe.

„Na, was hat der _Summus Abbas_ verfügt?“ fragte in offensichtlicher

Spannung Pater Wilfrid.

„Wie mir der Abt mitteilte, will er den Nonnosus der Heilsamkeit

wegen einige Tage zappeln lassen, dann aber verzeihen und von jeder

Bestrafung absehen. Wie der _Abbas_ den ‚Fall Nonnosus‘ auffaßt, liege

ein direkt straffälliges Vergehen gegen die kanonische Vorschrift

nicht vor; verboten sei die _venatio clamorosa_, den Ausdruck

‚Riegeljagd‘ wende der betreffende Paragraph nicht an, also habe der

Grundsatz zu gelten: ‚Strafgesetze sind streng zu interpretieren,

Analogien sind nicht zulässig, _in dubio pro reo_!‘ Der _Abbas_

erklärt, daß demnach die Erledigung der Sache in eigener Kompetenz

zulässig, die Meldung an den Bischof nicht nötig sei! Die milde

tolerante Behandlung werde eine viel bessere Wirkung bei Nonnosus

erzielen denn eine harte Bestrafung! Und so glaubt der _Abbas_, daß

der Novize im Laufe der Zeit seine Jagdleidenschaft überwinden werde!

Wohlwollen und Liebe seien gute Heilmittel, sagte der _Abbas_, und mit

feinem Lächeln fügte er bei: ‚_studeat plus amari quam timeri_‘!“

Freudig berührt, begeistert sprach Pater Wilfrid: „Ja, unser _Abbas_!

Eine Perle! Gott erhalte ihn uns ungezählte Jahre!“

„Ganz meine Meinung! Und noch eine Neuigkeit haben wir im Hause! Die

erquickende Milde des _Abbas_ hat dem anderen Novizen, Modestus, den

Mut gegeben, sich dem Abte anzuvertrauen. Geständnis: Kein Beruf zum

Priester und erst recht nicht für das Klosterleben! Will Medizin

studieren!“

„Alle Wetter, so’ne Bescherung! Auf Stiftskosten studiert und jetzt

ausspringen! Was hat denn der Abt gesagt?“

„Wunderschönes Diktum! _Summus Abbas_ sprach: ‚Wir können auch

tüchtige, christlich denkende Ärzte brauchen, die das Ordenswesen

aus eigener Erfahrung kennen!‘ Und der _Abbas_ will auch uns, _id

est conventus_, angehen, nach Maßgabe der Stiftsverhältnisse eine

Unterstützung zu bewilligen! Erquickende Toleranz, was?“

„Wahrhaftig erquickend! -- Nun aber Schluß! Ich bin rechtschaffen müde!

Muß aber noch die Kampfpredigt endgültig zu Papier bringen!“

„Wünsche viel Vergnügen und gute Verrichtung _ad hoc_! _Salve!_“

Die Patres-Pfarrer trennten sich, und Wilfrid suchte seine Zelle auf

und schrieb fleißig in die Nacht hinein mit gutem Erfolge...

*

Mit dichtem, langsam ziehendem Allerheiligen Nebel begann der Morgen

des Augustsonntages. Kühl war es im einsamen Halltale, frostig in

den Gemächern der Villa. Die Bewohner fröstelten wohl alle, bis auf

die Köchin in der Küche, wo es wohlig warm war. Und auch Fürstin

Sophie empfand die Morgenkühle in dem Moment nicht, da die Kammerfrau

Hildegard auf silberner Platte einen soeben eingelaufenen Brief

überreichte. Vor der Vertrauten gab sich die Fürstin nicht die Mühe,

ihre Erregung zu verbergen; sie griff hastig nach dem Briefe und

sprach: „Ich werde klingeln!“

Hildegard verschwand.

Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in

Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der

hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab.

„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich

in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den

Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen,

macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des

Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi, kurz er leitet

alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei

dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist

Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die

heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des

Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die

musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen

eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem

Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit

vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde,

wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich

erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel

verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch

der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von

Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts

ins Theater zu gehen pflegt!

Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun

auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier

Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der

Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte

Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles

auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im

verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog

gut für Kunst erzogenes Publikum!“

Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für

Nichtigkeiten schreibt!“

Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut

gepflegt, läuft nebenher! Für modernes Liebesleben in neuen Stücken

interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es

wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner

Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an

vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und

tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen

Respekt! -- In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen

Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber

keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche

Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein -- Flußpferd in _puncto_

theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist! Diese Ignoranz,

auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon eingestehen, weil

Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den Stephansturm hängen

wirst!“

Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt

bereitstehe.

„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“

Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf

fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom

Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist

und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis

als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um

die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer

Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte

des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten

des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und

Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und Wild habe ich

bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“

Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils

Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall

gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an

Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! -- Dann las die

Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg

im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein

Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung?

Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s

natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine

Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt

man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere

Leute aus!

Kuß und Gruß der lieben Mama!

Ew. Durchlaucht ehrerbietigst

Emil von Schwarzenstein.

_P.S._ Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach meinem

Geschmack.“

Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur

Kirche im Dörflein Hall.

Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem

Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt

sei!“

Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten

Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz

gewiß nicht gegeben.

Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit

dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar ein gewisses Aufwachen als

wohltätige Folge dieser Reise.

Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche.

In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern,

mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt.

Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin

mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft

der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war

seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der

Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der

Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die

Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen,

es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse

und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und

mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der

Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft,

welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf

den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er

nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der

Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus

gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen

Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das

Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und

billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den

Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung

und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der

Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“

Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer

Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das

Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das

nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst!

Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche

Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen

Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden

von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen

die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet

wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche

beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und

in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der

Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem

unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch

mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer

gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig,

daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die

Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in

einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue

Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch

einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit

ihm verbunden ist.

Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der

Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und

sogar eine Trennung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen

vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf

hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich

nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten

dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche

Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das

Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat

zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer

bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne

gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe.

In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer

Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib,

das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt!

Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin,

sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“

Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er,

wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger

mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte

ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im

Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in

den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des

Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen

sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt

euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt

es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der

Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen

Zivilgesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts

an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und

strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“

Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die

Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen,

ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der

drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner.

Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein,

die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in

das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden

Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der

Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat

zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche

Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die

Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte

Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie

aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen

gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser

üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des

Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur

sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich

Martina aus dem Oratorium.

Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu

erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet.

Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und den festlich

geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die

darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die

Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der

heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe.

„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“

Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu

springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer!

Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit

dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt!

Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert

haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“

„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“

Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und

Verdrossenheit.

Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete.

Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer

begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem

strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt,

so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart

den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge,

wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken

möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut

haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt,

die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die heißersehnte Erlösung

gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir

heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der

Weiberrevolution ist!“

Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte

Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen

Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen

Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem

Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“

Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau

und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten,

Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“

„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens

sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit

dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und

prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin

erschreckt in eine Ecke flüchtete.

Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich

an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit

und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein

Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs

Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen

Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein.

Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und

kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen

Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten

Hände. Ein böser Blick züngelte am Pfarrer hinauf, der aber diese

Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit

er dienen könne.

Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang

die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es

ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet

haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte

sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer

zurücknehmen!“

„Warum denn, liebe Frau?“

„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt

weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir

führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder

nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen

hab!“

„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu

bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der

Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon

mitteilen wird!“

„Mit den verdruckten Herren von der Bezirkshauptmannschaft will ich

nichts zu tun haben, die Herren sind zu politisch! Von der Kanzel hat

der Pfarrer gesprochen, durchaus Behauptungen, die dem Frauenbund nicht

passen, also halt ich mich an den Pfarrer, der die heutige Predigt

z’rücknehmen muß am nächsten Sonntag!“

„Zurücknehmen kann ich nichts, aber ich werde in der nächsten Predigt

schildern, was für eine grundgescheite Fürsteherin der Haller

Frauenbund hat...“

„Das ist grad nicht nötig! Ich weiß schon selbst, daß ich eine

g’scheite Frau bin!“

„Schön! Da Sie soviel Intelligenz besitzen, werden Sie gewiß auch

wissen, wie man die Tür von -- außen zumacht!“

„Was? Ausschaffen! Mich, die Fürsteherin, wo im kleinen Finger mehr

Gesetzeskenntnis hat als der ganze Herr Pfarrer! Das Ausschaffen

werden S’ büßen, wahrlich nicht wenig!“ Wie beschwörend streckte das

hagere Weib die dünnen Arme in die Höhe. „Sie wollen den Kampf, gut,

wir werden um unser heiliges Recht kämpfen! Empfehl mich, Hochwürden!“

Schrill lachend, entrüstet verließ die Krämerin mit zappeligen

Schritten das Zimmer.

Pater Wilfrid konnte der Komik dieses Auftrittes nicht widerstehen

und schmunzelte. In das Treppenhaus tretend, wollte er eben hinunter

zu Erna rufen, daß der nächste Besuch vorgelassen werden solle; das

Gekeife der Krämerin veranlaßte ihn jedoch, mit dem Rufe zu warten.

Wütend zeterte die Krämerin zur Dienerin: „Außi g’schmissen hat er

mich! Wo ich die Fürsteherin bin! Ich aber steh gut dafür: die längste

Zeit ist er in Hall Pfarrer g’wesen! Außi muß er! Und dem Abt in Admont

werd ich meine Meinung sagen, bis ihm die Augen tropfen und die Ohren

stauben!“

Wilfrid lachte hellauf.

In höchster Wut warf die Krämerin die Haustüre so wuchtig ins Schloß,

daß das Pfarrhaus erzitterte.

Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch

etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt

reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin

wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in

der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat um Benediktion des

Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten

oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere

Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und

zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine

alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs,

„ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen

schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“

Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und

Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und

im Monat Mai!“

Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen

mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken

darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken

sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt

eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser

schrecklichen Zeit!“

Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen.

Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die

Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo

es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den

Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach

mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin

und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der

Herr Pfarrer so -- herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken

des Altars nicht erlauben will, werd ich von nun an zum Frauenbund

halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren

ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht

und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“

Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen.

*

Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe,

der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch,

die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach

stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In

milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der

rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids.

Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen,

denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige

Wirtschafterin nach allen Seiten hin.

Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“

Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich

kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe.

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 18 / 60 题