Eichkitz grinste, hob verächtlich die Schultern und bat den
Kammerdiener um Anmeldung. „Zum Bericht auf neun Uhr von der Duhrlauch
befohlen, Herr Kammerdiener!“
„Das ist eine andere Wurscht! Befohlen, na gut! Wundert mich aber, weil
so früh die Fürstin sonst niemand empfängt!“
Pfauenstolz meinte der schmucke Jäger: „Mich schon! Ausdrücklich auf
Neuni befohlen, aufzuwarten!“
Norbert verschwand. Und alsbald kam er wieder, um zu melden, daß
der Herr aus dem Stift warten möge, bis der Jäger Eichkitz Bericht
erstattet habe.
„Danke, Herr! Ich werde geduldig warten!“ erwiderte Nonnosus in
unveränderter Haltung, auf seinen Bergstock gestützt.
Eichkitz legte im Flur Büchsflinte und Bergstock ab; mit dem
Hirschfänger an der Linken und mit dem Hütl in der Rechten stapfte er
hinauf. Und im Zirbensalon wartete er. Ziemlich lange währte es, bis
die Fürstin erschien.
Der unvermutete Anblick überraschte ihn; denn noch nie im Leben hatte
er eine Dame im -- Jagdkleid gesehen.
Sophie trug eine dunkelgraue Bluse aus Rohseide, darüber eine kokette
Lodenjacke, fußfrei kurz der grüne Lodenrock, Hosen von gleichem
Stoff, zierliche, bis zu den Knöcheln reichende Lederschuhe, die
notdürftig genagelt waren. Auf dem Kopfe saß ein dunkelgrüner Ausseer
Hut, geschmückt mit hellgrünem Seidenband und einem Gamsbart. Für
einige Sekunden verblüffte den Jäger Eichkitz diese Erscheinung,
besonders die Plastik der üppigen Büste und die ungewohnte Kleidung.
Doch rasch fand der junge Jäger und Weiberkenner heraus, daß dieses
schneidige Kostüm und die grüne Farbe wohl für ein hübsches junges
Mädel passe, keineswegs aber für eine Fünfzigerin. Mit vortrefflicher
Selbstbeherrschung unterdrückte er den Lachkitzel, den diese Kleidung
in ihm geweckt hatte. Eichkitz verbeugte sich und stammelte: „Gnädig
Duhrlauch haben befohlen! Ich melde mich gehorsamst zur Stelle!“
Lächelnd musterte die Fürstin den bildhübschen Burschen und lobte sein
pünktliches Erscheinen. „Ich möchte von Ihnen hören, ob wir wirklich
zuviel Gelttiere in den Hirschrevieren haben! Viel zuviel Kahlwild
angeblich!“
Die besondere Betonung des Wörtchens „angeblich“ fing der schlaue
Bursche sofort auf, er war willens, sich ganz nach der Gebieterin zu
richten und ihr zu Gefallen zu reden. Deshalb meinte er: „Ist nicht so
gefährlich!“
„Wieso?“
„Wenn gnädig Duhrlauch Kahlwild und Geltstück nicht abschießen wollen,
muß es auch nicht sein!“
„Also besteht kein gebieterischer Zwang?“
„Zu befehlen hat doch nur gnädig Duhrlauch! Das Verhältnis jagdbarer
Hirsche zum Kahlwild soll sein wie 1 zu 5! Das langt, weil ja unsere
Geweihten an Geweih und Leib eh stetig zurückgehen!“
„Weshalb denn?“
„In den Hochrevieren haben die Hirsche nicht die beste Äsung und für
Blutauffrischung ist nichts geschehen! Im letzten Winter ist die
Fütterung nicht überreichlich gewesen, weil ja die Pachtzeit ablief und
ein Käufer nicht vorhanden gewesen ist! Wenn gnädig Duhrlauch jedem
Hirsch mehr als fünf Stück gönnen wollen, hat es nicht viel auf sich!
Ganz wie Sie wollen!“
„Der Gedanke, Kahlwild abschießen zu lassen, ist mir unangenehm!“
„Muß ja nicht sein! Schießen dafür gnädig Duhrlauch die jungen Spritzer
und Schneiderhirscheln weg!“
„Sie meinen wohl auch, Eichkitz, daß man den Wald möglichst unberührt
lassen soll, was?“
„Mit Vergunst! Ich bin nur Jaager, vom Forstwesen versteh ich nichts!
Unsereiner heult um jeden Baum, der g’schlägert wird! Wie und wo soll
denn unser Hirschwild gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird?“
„Danke! Ihre Liebe zu Wild und Wald gefällt mir sehr gut! Ich hatte die
Absicht, daß wir heute nachmittag zur Pyrgas-Hütte hinaufsteigen und im
dortigen Revier auf Gemsen pirschen werden! Nun aber bestimme ich, da
ja auch der Admonter Theologe bereits da ist, daß wir in einer Stunde
aufbrechen! Die Förster sollen nachkommen! Apropos: Behandeln Sie den
Admonter Theologen gut, er ist Sohn eines Jägers, hat Jägerblut in den
Adern! Er darf pirschen, er soll mal die Wonnen des Weidmannslebens
durchkosten, ich habe ihn eingeladen, er ist für einige Tage mein
Jagdgast!“
„Zu Befehl! Hab ihn schon gesehen! So ein -- lieber, netter, armer
Herr! Schad, daß er als Jaagerssohn Geistlicher werden muß! Wird
ihn hart genug ankommen, die Bezwingung des Jaagerblutes! Befehlen
Duhrlauch noch was?“
„Danke! Sie können gehen! Verständigen Sie rasch den Herrn Oberförster
und kommen Sie alsbald zurück! Wir marschieren um zehn Uhr ab!“
„Zu Befehl! Küß d’Hand, gnädig Duhrlauch!“ Ein huldvoller Wink und ein
Blick des Wohlgefallens. Eichkitz machte einen Kratzfuß und stelzte
vorsichtig über das glatte Parkett.
Den erheblich gestiegenen Wert seiner Person ließ Eichkitz dem
Kammerdiener in der patzig gesprochenen Mitteilung fühlen, daß in einer
Stunde zur Pyrgas-Hütte aufgebrochen werde. „Unter meiner Führung!
Veranlassen Sie wegen Proviant und Bagasch das Weitere! Wir marschieren
Punkt zehn Uhr ab! Servus, Herr Norbert!“
Seinen Ohren nicht trauend, rief Norbert: „Wie? Was? Er ist wohl nicht
bei Trost?! Und den arroganten Ton verbitt ich mir! Für Ihn, den
Jagdgehilfen, bin ich der Herr Haushofmeister! Verstanden!“
„‚Giften‘ S’ Ihnen, wie Sie mögen, vorher aber vollziehen Sie den
Befehl der Duhrlauch! Alles herrichten und auffitragen!“ Eichkitz ließ
den Kammerdiener in heller Entrüstung stehen und begab sich hurtig zum
Theologen vor dem Jagdschlößl, dem er mitteilte, daß die Fürstin ihn
erwarte.
„Ich danke Ihnen herzlichst, Herr Oberjäger, für Ihre Güte!“
Die Titelerhöhung schmeichelte Eichkitz nicht wenig, gönnerhaft und
herablassend meinte er: „Ist gern g’schehen! Springen S’ hinauf! Hohe
Herrschaften darf man nicht warten lassen!“ Dann eilte der Jäger zum
Forsthause, um den Befehl zu überbringen. Und im voraus freute er sich,
wie die Förster Hartlieb und Gnugesser bei ihrer Rückkehr aus dem
Dienst zum Mittag überrascht und verblüfft sein werden, daß die Fürstin
unter Führung des Jägers Eichkitz bereits am Vormittag ins Revier
gegangen ist. Den Befehl mußte Eichkitz schriftlich hinterlegen und
in das Schlüsselloch der Haustüre stecken, denn das Forsthaus war wie
ausgestorben, die Männer und auch Frau Forstwart Amanda waren abwesend.
Dann wanderte Eichkitz gemächlich zum Jagdschlößl, wo unter der
Dienerschaft eine ameisenhafte Regsamkeit herrschte infolge des
überraschenden Befehles zu verfrühtem Aufbruche.
Im Zirbensalon unterhielt sich Fürstin Sophie mit dem bleichen
Theologen im schlotternden Steierergewand. Der junge Mann mit seinen
tiefen, leidenschaftlich flammenden Augen, sein demütiges Wesen,
sein Seelenkampf wie seine Zukunft, all das interessierte die Frau
in besonderem Maße. Etwas ganz Neues im Einerlei der Bergeinsamkeit!
Dazu der prickelnde Nervenreiz für das bevorstehende Experiment auf
psychischem Gebiete: Wird des Novizen glühende Jagdleidenschaft durch
die Jagdleidenschaft erst recht auflohen zu versengender Flamme oder
infolge gesättigter Gier erlöschen?
Zunächst fesselte die Fürstin die Art, wie Nonnosus in Dankbarkeit des
Abtes gedachte, der ihm das Studium ermöglichte und in vollendeter
Vornehmheit seines hohen Amtes so ganz anders walte, denn sonst
anderswo die Seminarvorsteher.
„Wieso denn?“ fragte die Fürstin.
„Durch Grundsätze und Anleitungen für die jungen Theologen! So dringt
unser _Summus Abbas_ auf Selbstbildung und Selbstzucht! Wir müssen erst
selber Pädagogen werden, meint der Abt, dann können wir auch andere
bilden! Duckmäuser, Frömmler wünscht man im Stifte nicht!“
„Wie denkt man im Stifte wohl über die Beziehungen der Theologen zur
Frauenwelt?“ Ein forschender Blick flog zum Novizen.
Ruhig erwiderte Nonnosus: „Wir haben Anstandskurse im Kloster behufs
Beseitigung von Schüchternheit und Unbeholfenheit, Erzielung eines
gesetzten und sicheren Auftretens! Noblesse im Verkehr mit Frauen wird
gefordert! Entgegen dem anderswo üblichen Gebote, daß Kleriker Frauen
kaum die Hand reichen dürfen, lehrt man uns im Stifte, daß Frauen auch
Menschen seien, und daß Leute mit übertriebener Prüderie leicht und
häufig in das Gegenteil umschlagen! Unser Abt verurteilt die totale
Abschließung der Theologen von der Welt...!“
„Stimmt! Was denken Sie über den Hochmut?“
„Im Stifte lehrt man uns, daß der Priesterberuf ein hehres Amt, die
Priesterwürde hochzuhalten sei; aber die jungen Priester sollen und
dürfen sich nicht einbilden, infolge der Würde Menschen höherer Art
oder gar unfehlbar zu sein! Aus solchen üblen Auffassungen erwachsen
Hochmut und Unverträglichkeit!“
„Freuen Sie sich schon auf die Tage frohen Weidwerkes?“ Die Frage warf
den Theologen im Nu aus dem seelischen Gleichgewichte; Nonnosus verlor
die Herrschaft über sich, die Augen flackerten, das Blut schoß in die
Wangen, tobte in den Schläfen und machte fast schwindelig. Begeisterung
und Leidenschaft leuchtete aus den tiefen Augen, verklärte das bleiche,
scharfgeschnittene Gesicht. Wie weggeweht war in diesem Moment der
asketische Ausdruck.
„Sie dürfen, so Sie guten Anlauf haben, Gamsböcke schießen und von
Hirschen, was Sie mit sicherem Schuß bekommen können! Weibliches Wild
muß geschont bleiben!“
Wie verhaltenes Jauchzen klangen die Worte: „Vergelt’s Gott
vieltausendmal für die große, große Freud!“
„Schon gut, junger Freund! Schnappen Sie nur nicht über!“ Und in jäher
Erinnerung an ihren Sohn, der so gar kein Jagdinteresse besitzt,
verstummte die Fürstin, und ihre Gesichtszüge verfinsterten sich.
Schatten des Schmerzes lagen auf den leise zuckenden Lippen. Doch rasch
überwand sie sich und rief nach der Kammerfrau, die beauftragt wurde,
für ein Gabelfrühstück für den Theologen zu sorgen.
Hildegard nahm den schier taumelnden Nonnosus mit.
Eine Stunde später wurde der Marsch zur hochgelegenen Pyrgas-Hütte
angetreten. Als Führer an der Spitze pfauenstolz, wie ein Triumphator
der Jäger Eichkitz. In einem Abstand von etwa acht Schritten folgten
die Fürstin und Martina von Gussitsch, die gleich der Gebieterin auch
ein Jagdkleid trug. Mit dem Unterschiede, daß dem jungen zierlichen
Fräulein diese einfache Kleidung entzückend stand. Hinterdrein
stapfte Nonnosus etwas unsicher, des Steigens nicht mehr gewöhnt, vom
Jagdfieber durchrüttelt, mit heißen, lodernden Augen.
Mürrisch folgte Herr Norbert mit dem leichten Kugelstutzen der
Gebieterin und dem Wettermäntelchen.
Frau Hildegard trug ein kleines Köfferchen und war auffallend guter
Laune. Die dralle Kammerfrau freute sich mächtig, auf der Pyrgas-Hütte
den Oberförster Hartlieb zu treffen, den sie -- ohne sein Wissen --
in ihr Witibherz eingeschlossen hatte. Nicht mehr und nicht weniger
als Frau Oberförster wollte Hildegard werden, den Namen Schoiswohl mit
Hartlieb vertauschen, an der Seite des Jagdoberbeamten so glücklich als
möglich werden. Einstweilen hieß es freilich vorsichtig und zu Hartlieb
liebenswürdig sein... Drei Diener schleppten Decken, dickgefüllte
Rucksäcke mit Konserven usw.
Den Beschluß der Karawane bildete ein von einem Pferde gezogenes
Schlapfenwägelchen, geleitet vom höchst verdrossenen Leibkutscher, der
ob dieser Dienstesdegradierung empört war. Wenn etwas sein umdüstertes
Gemüt trösten und aufhellen konnte, war es der Umstand, daß die Kiste
auf dem Wägelchen viele gute eßbare Sachen, Bier und Wein in vielen
Flaschen enthielt. Auf Anordnung Norberts, der nie das leibliche Wohl
bei derlei Expeditionen vergaß und mit längerem Aufenthalte zu rechnen
pflegte nach dem bewährten Grundsatz: lieber zuviel mitnehmen als
zuwenig. Demgemäß konnte die fürstliche Freßkiste gar nicht groß genug
sein.
Ehrgeiz und allerlei Hoffnungen hatten den Führer Eichkitz
veranlaßt, ein Eiltempo anzuschlagen, das auf Dauer wohl der geübte
Hochgebirgsjäger einhalten konnte, selbst im steilen Aufstiege, nun
und nimmer aber Damen. Absicht des Triumphators war es, die Fürstin
möglichst schnell zur Pyrgas-Hütte zu bringen, früher, als die Förster
erscheinen konnten, auf daß der Jäger als der einzige anwesende
Fachmann vielleicht den Auftrag erhalten würde, die Gebieterin auf
einer Gamspirsch zu begleiten. Jagdleiter sein für den ersten Gang,
danach lechzte der ehrgeizige Bursche.
Wie Eichkitz aber den sehr groß gewordenen Abstand, die weit
zurückgebliebenen Damen gewahrte, gab er das Eiltempo sofort auf und
blieb wartend auf dem Steige stehen. Nicht eben entzückt von der nach
seiner Meinung miserablen Steigerei der bereits puterrot im Gesichte
gewordenen Fürstin, die sich der Jacke entledigt hatte und nur mühsam
kraxelte. Flink und sicher stieg Fräulein von Gussitsch. Wie ein
Gamserl! dachte Eichkitz, dem die hübsche Hofdame arg in die Augen
stach. Ein Hoffräulein! Eine feine Abwechslung wäre das! Aber so hoch
darf man die Augen nicht heben! Soviel Vernunft besaß der Jäger denn
doch...
Von nun an hielt Eichkitz den kurzen Abstand ein und stieg langsam,
drehte sich oft um, gleichsam in Erwartung, von der Gebieterin befragt
und sonstwie angesprochen zu werden.
Doch Fürstin Sophie hatte mit Atemnot zu kämpfen und nicht die
geringste Lust, sich in ein Gespräch einzulassen.
Ein Blick auf die Taschenuhr überzeugte Eichkitz, daß bei diesem
Schneckentempo alle Pirsch- und Jagdleitungshoffnungen aufgegeben
werden müßten.
Und als auf der Plechauer Alp eine längere Rast befohlen wurde,
konnte Eichkitz leicht ausrechnen, daß in spätestens einer Stunde die
Förster im Eilmarsch ankommen werden. Groß staunte die Sennerin ob der
Tatsache, daß der Jäger Eichkitz die hohe Ehre genoß, Führer sein zu
dürfen. Das war wenigstens ein Wonnetropfen: der Jäger imponierte jetzt
der Sennerin, dem Wildkatzl!
Geraume Zeit benötigte die ermüdete Fürstin zur Erholung. Und vom
Aufstieg zur hoch und steil gelegenen Pyrgas-Hütte wollte sie im
Sonnenbrande vorerst gar nichts wissen. Norbert erhielt Auftrag, einen
Imbiß und kalten Tee zu reichen.
Nicht einen Bissen konnte indes Fürstin Sophie genießen. Nur vom kalten
Tee schluckte sie fleißig.
Nonnosus befand sich in einer Beziehung in ähnlicher Lage wie die
Fürstin: er konnte den dankend angenommenen Happen Schinken nicht
essen. Hatte überhaupt kein Bedürfnis, nur das übermächtige, brennende
Verlangen, an Wild zu kommen. So nahe dem Gamsreviere, den wuchtigen
„Haller Mauern“, von Höhenluft umweht, deuchte ihm jede vertrödelte
Viertelstunde ein schrecklicher Zeitverlust.
Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein
leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im
Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die
nichtigsten Dinge reges Interesse.
Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte
die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er
sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane
lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser
sein Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der
fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee
in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele
„Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr
aufsaugen.
Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben!
Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so
herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im
Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste
Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte!
Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von
Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin!
„Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin.
Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der
Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns
Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen...
Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm
anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind
achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen.
Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen
war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals.
Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter
Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte.
An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern
durchzogenen Mulde, etwa drei Büchsenschuß entfernt, ästen am Fuße
einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter,
ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und
sicherte.
Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß
viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der
durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte
nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen
werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen
Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht,
demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts
streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten
zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder
herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die
Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im
Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die
Menschenwitterung zuträgt.
Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich
geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der
Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig
eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt.
Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung.
Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des
kleinen Rudels war es nun schon zu spät.
Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas
vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach, die scharfen Augen auf den
mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu
äsen begann.
Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis
zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber
hinaus war das Gelände völlig offen.
Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl
die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer
Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses
körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war
die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen
des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine
Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die
Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink,
ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag.
Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen
Ziehen. Das Schußlicht minderte sich.
Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen
Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den
Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit,
lockend zum Schusse.
Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe
unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste
gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem
Gemarterten erpressen wollten.
Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das
korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den
mehr als gewagten, unweidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für
Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm
krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an
solchen „Anblick“.
Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf
und versuchte zu zielen.
Also doch! Sicher ein Fehlschuß bei schwindendem Licht! dachte Hartlieb
und wünschte von Herzen, daß die Kugel am Kapitalen vorbeifliegen möge.
Aber der tapfere Theologe bezwang sich und schob den Stutzen von sich.
Der Kapitalbock verschwand hinter einem Felsen. Und das Rudel empfahl
sich und zog gelassen weiter.
Die Dämmerung wob dunkle Schleier um die Stätte eines harten
Seelenkampfes.
Der letzte Schimmer auf der Pyrgas-Spitze erlosch, als sich die Herren
erhoben.
Hartlieb reichte dem heldenhaften Theologen die Hand und sprach im
Tone aufrichtiger Bewunderung: „Brav gemacht! Meinen vollsten Respekt!
So kann nur der echte Weidmann handeln! Meine Hochachtung für Ihre
erstaunliche Willenskraft!“
„Fast wäre ich doch im letzten Augenblick der überstarken Versuchung
erlegen! Ich darf also Ihr Lob nicht annehmen! Doch lieber geschneidert
heimgehen, als belastet sein mit einer Jagdsünde!“
„Morgen ist auch Jagdtag! St. Hubertus wird Sie schon belohnen und
Diana gnädig sein!“
Geschäftig frohes Leben herrschte auf der Pyrgas-Hütte, als Hartlieb
und Nonnosus ankamen. Das Diner wurde eben serviert. Norbert hatte
es wichtig mit dem Bedienen der Damen, die vor dem Anbau auf einer
Bank saßen und vergnügt über die primitive Art dieser Hofjagdtafel
kicherten. Der ins Freie gebrachte Tisch wackelte bedrohlich, wenn die
Damen Fleisch schneiden wollten, die Gläser wollten nicht stehenbleiben.
Flink kniete Eichkitz nieder, um Abhilfe zu schaffen, indem er
den Tischfüßen an der abschüssigen Stelle zusammengebogene Briefe
unterlegte.
Dies bemerkend, meinte Fürstin Sophie gutgelaunt: „Wohl Liebesbriefe,
Eichkitz, was?“
„Nicht ganz erraten, Duhrlauch! Nur unbezahlte Rechnungen! Hat also
nichts zu bedeuten, wenn die Briefeln etwa gelesen werden!“
„Sie schreiben wohl keine Liebesbriefe, was?“
„Nein, Duhrlauch! Ich mach so was immer mündlich ab! Ist sicherer!“
Ein großes Stück Roastbeef belohnte Eichkitz für seine Bemühung.
Hartlieb, Nonnosus und Gnugesser wurden eingeladen, am Tische der
Damen zu speisen. Da es an Stühlen mangelte, wurde die Bank aus der
Jägerstube herausgebracht.
Nonnosus sollte Bericht erstatten. Demütig bat er um Dispens. Für ihn
ergriff Hartlieb das Wort und lobte die Selbstbezwingung des Theologen
mit Wärme.
Die Fürstin dankte für diese Enthaltsamkeit und versprach dafür zu
sorgen, daß Nonnosus morgen sicher zu Schuß kommen werde.
In einen Wettermantel gehüllt, von Hartlieb begleitet, unternahm
Fürstin Sophie noch eine kleine Promenade. Es wurde ein Gamstrieb für
den Vormittag angeordnet. Hartlieb machte zwar aufmerksam, daß in den
Pyrgas-Revieren nie „getrieben“ worden sei, selten „gedrückt“; aber die
Gebieterin bestand auf ihrem Willen. Sie schränkte den Befehl aber dann
doch ein, indem sie dem Wunsche Ausdruck gab, es möge für Nonnosus
„geriegelt“ werden. Eichkitz und der Forstwart sollen in die „Sauwiel“
steigen und von oben die Gams herabdrücken zu den von der Fürstin und
von Nonnosus bezogenen Ständen. Je ein Gams genüge für die Schützen.
„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde am frühesten Morgen die Stände
herrichten! Gute Nacht, Durchlaucht, angenehme Ruhe!“
Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom
zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von
Marderlichtern im Dunkel der Nacht.
Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte
dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt
sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles
dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den
Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten.
Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau.
Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte
auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand.
Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis
die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz
und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im
Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes
vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin
immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht
wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich
verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust.
Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus
erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich
um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem
Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“
Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich.
Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz
errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke
bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut
kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit
erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die _venatio
clamorosa_, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er
eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe
nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen
werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften?
Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf
ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme?
In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein:
bezüglich der _venatio clamorosa_ ist ausdrücklich die Jagd mit Hunden
verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also kann der
Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen.
Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des
Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem
Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf
eventuellen Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit
im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe.
Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und
Rücksicht auf die Fürstin zu üben.
Der Hebschuß fiel, vom Oberförster abgefeuert, als die Fürstin endlich
schußbereit war.
Eine Viertelstunde später machten Eichkitz und Gnugesser durch
Einsteigen in die Wände das Krickelwild hoch. Das etwas schmale Terrain
gestattete den flüchtenden und herunterstürmenden Gemsen nicht die
hübsche Entfaltung der breiten Front in schnellster Vorwärtsbewegung.
Ein Schuß vom Stande der Fürstin löste sie in hastende Rudel auf.
Schon der Hebschuß hatte im Nu den so mühsam errungenen Entschluß des
Theologen zum Verzicht umgestoßen. Die bebenden Finger schoben die
Patronen in die Kugelläufe und zogen die Hähne auf. Und wie dann Diana
sich gnädig zeigte und dem Schützen einen guten Anlauf gewährte, da
siegte die Jagdleidenschaft über sämtliche kanonischen Vorschriften.
Die Büchse flog an die Wange, das scharfe Jägerauge suchte unter dem
anlaufenden Krickelwilde einen guten Bock aus, die „Fliege“ faßte
Haar, zog mit, fuhr entsprechend vor, und alsbald schlug die Kugel.
Stürzend quittierte der Gams den Schuß, der Bock rutschte, versuchte
hochzukommen, doch rasch entwich die Lebenskraft.
Eine zweite Kugel warf eine auffallend starke Geltgeiß um. Schnell lud
Nonnosus wieder. Das Gros im Trieb war vorüber. Doch ein Nachzügler
kam gehumpelt, ein Bock mit seltsam verkrüppeltem linken Hinterlauf.
Sichtlich sehr pressiert wegen der Annäherung der Treiber, aber
infolge von Schmerzen im kranken Hinterlauf gehindert, das rettende
Fluchttempo anzuschlagen. Aus Mitleid und Barmherzigkeit feuerte
Nonnosus und fehlte. Die zweite Kugel warf den Bock um, doch stand er
wieder auf und blieb dann mit gekrümmtem Rücken stehen.
Wieder schob Nonnosus Patronen ins Lager. Der Fangschuß ging zu hoch,
erst die vierte Kugel beendete die Leiden des Kranken.
Der Trieb war zu Ende. Für Nonnosus begann jedoch die seelische
Bedrängnis, da der Blick auf seine Strecke fiel. Zwei Böcke und eine
starke Geltgeiß! Erlegt in einer Treibjagd. _Venatio clamorosa!_
Trotz aller Vorschriften! Schier schwarz ward es dem Theologen vor
den Augen, da er an die Folgen dieses Vergehens dachte. Unselige
Jagdleidenschaft...
Entblößten Hauptes, mit gesenktem Blick, erwartete Nonnosus die
Fürstin, fest entschlossen, um sofortige Entlassung behufs Rückkehr in
das Stift zu bitten.
Aber es kam anders. Schon auf eine Distanz von einem Dutzend Schritten
rief die übelgelaunte Fürstin: „Was war denn das für eine Kanonade bei
Ihnen? Wer wird denn so gamshungrig sein! Sie wissen doch, daß ich
hegen will! Sie dezimieren mir ja mein Wild! Übermitteln Sie dem Herrn
Abte beste Grüße!“
So viel verstand Nonnosus nun, daß er entlassen war, in vollster
Ungnade entlassen, und daß er sich schleunigst zu verflüchtigen habe.
Er stammelte etliche Dankesworte und trollte dann eiligst ab...
Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und
Undankbarkeit.
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen
Ding, die Selbstbezwingung ist sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich!
Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat,
denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht
nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem
verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt
zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl
erfolgen müssen!“
„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“
„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der
Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist
stets die weidmännische Handlungsweise!“
„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von
geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht,
die Leiden zu beenden!“
Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! -- Sie
haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die
Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom
Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche
leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“