Fünftes Kapitel

Mit hochalpinen Kleidern durch Hildegards Schneiderkunst ausgerüstet,

konnte das Hoffräulein von Gussitsch einem Befehle zur Begleitung

mit einiger Ruhe entgegensehen. Stoff für ein richtiges Lodenkleid

war unterwegs. Die Fürstin Sophie schien jedoch nicht die geringste

Jagdpassion zu verspüren; der vom Jagdpersonal sehnlichst erwartete

Befehl zur Wildausmachung für Pirsch oder Drücken erfloß nicht. Dagegen

äußerte die Fürstin den Wunsch, das Forsthaus zu inspizieren, der

Forstwartfrau Gnugesser einen Besuch abzustatten. Für Fräulein von

Gussitsch war dieser Wunsch natürlich Befehl, weshalb die Hofdame

fragte, wann sie zur Disposition sein müsse.

Der Bescheid lautete: eine halbe Stunde vor dem Lunch, keine Ansage im

Forsthause.

Ein einleuchtender Befehl hinsichtlich der Nichtansage, damit Frau

Amanda keine Veranstaltungen zu feierlich-steifem Empfang oder gar zu

einer unerwünschten Bewirtung treffen kann.

Weniger einleuchtend fanden die allmächtigen Angestellten Norbert

und Hildegard den Besuch, sie befürchteten eine Verspätung des

Lunchbeginnes durch Verschwatzen. Wie überall in Hofhaltungen, sahen

die „Vertrauenspersonen“ sehr darauf, daß pünktlich gegessen werde am

Tische der -- Angestellten. Die höchsten Herrschaften können leichter

warten.

Im Forsthause herrschte eine Totenstille; die Forstbeamten weilten

dienstlich auswärts, Graf Thurn in Wien; Frau Amanda beschäftigte sich

mit dem Entwurf einer Ansprache, die demnächst in einer Versammlung

von Ehefrauen in der Angelegenheit der Entlohnung weiblicher Arbeit im

Ehestande gehalten werden solle.

In diese ziemlich schwierige Geistesarbeit vertieft, achtete Amanda gar

nicht des Geräusches leichter Schritte im Flur. Sehr überrascht fuhr

sie in die Höhe, als eine Frauenstimme rief: „Ist jemand da?“

Amanda trippelte in den Flur und stieß einen Schrei des Schreckens und

zugleich freudigster Überraschung aus, als sie die Fürstin erblickte,

die ob dieser Wirkung ihres unvermuteten Erscheinens vergnügt

schmunzelte und die Frau Gnugesser bat, ja keine „Geschichten“ zu

machen. Fürstin Sophie vereitelte auch sofort jede Möglichkeit hierzu,

indem sie bat, ihr die Wohnung des Forstwarts zu zeigen und zu sagen,

was allenfalls einer Änderung oder Verbesserung bedürfe.

Diese gutgemeinte, aber auch unvorsichtige Äußerung gab Amanda nicht

nur die Ruhe wieder, sondern auch hocherwünschten Anlaß, Bitten um

bauliche Verbesserungen vorzubringen.

Die Fürstin bereute denn auch ihre Äußerung und ging auf ein anderes

Thema über, indem sie fragte, ob sich die Frau Forstwart wohl fühle in

dieser Einsamkeit.

Sofort hing sich Amanda, indem sie den Damen Stühle anbot, in dieses

Thema ein und sprach gewandt und flüssig über den bitter empfundenen

Mangel an Verkehr mit gebildeten Leuten und an Mitteln geistiger

Weiterbildung. Nützliche Bücher seien ebenso schwer zu beschaffen wie

die enorm teuren Lebensmittel.

Auf die letztere Anspielung ging die Fürstin nicht ein, doch versprach

sie, die „einsame“ Försterin mit nützlichen Büchern versehen zu wollen.

„Untertänigsten Dank, Durchlaucht! Besonders beglückt werde ich sein,

wenn Durchlaucht die Gnade haben wollten, mir ein Exemplar des neuen,

für Hausfrauen so sehr wichtigen Gesetzes und wenn möglich eines

Kommentars dazu schenken würden!“

„Welches Gesetz meinen Sie denn, liebe Frau?“

„Es gibt ein völlig neues Gesetz, das der Frau einen Anteil am Gewinn

der Ehe in Höhe eines Drittels gewährt! Ist der Ehemann ein Beamter, so

muß er gesetzlich ein Drittel seines Jahresgehalts der Ehefrau zahlen

als Entlohnung der von der Frau im Haushalt geleisteten Arbeit! Von

Rechts wegen!“

Erstaunt und interessiert rief die Fürstin: „Was Sie sagen! Von einem

solchen Gesetz habe ich bisher keine Ahnung gehabt!“ Und zu Fräulein

von Gussitsch gewendet, fragte Fürstin Sophie: „Wissen Sie, liebe

Gussitsch, etwas von diesem sehr interessanten und wichtigen Gesetze?“

Martina mußte gestehen, daß sie bisher nicht das geringste davon

gelesen und auch nichts gehört habe.

Amanda sprach hastig: „Doch! Die Zeitungen beschäftigen sich

angelegentlich mit dieser Frage der Entlohnung der Frau im Hausstand!

Ich habe derlei Artikel ja selbst und so oft gelesen, daß ich hierüber

sehr gut informiert bin und auch darüber sprechen kann! Durch das

neue Gesetz, durch positive Rechtsnorm, ist ein Ziel erreicht, das

angesehene Frauen längst erstrebt hatten und das doch wohl als durchaus

berechtigt und den modernen Verhältnissen entsprechend anerkannt werden

muß!“

„Gewiß! Sagen Sie, liebe Frau, welche Stellung haben Sie vor Ihrer

Verheiratung innegehabt? Sie verfügen augenscheinlich über eine

Vorbildung, die sonst in Kreisen kleiner Beamter nicht zu finden ist!“

„Ich war früher Lehrerin!“

„Ach so! Das macht Ihre Stellungnahme zu dieser interessanten Frage

begreiflich! Was ich aber nicht verstehe, ist die Entstehung eines

in seinen Wirkungen so einschneidenden Gesetzes. Es wird doch über

Kleinigkeiten oft ganz schrecklich debattiert und Lärm geschlagen!“

„Höchste Herrschaften werden von diesem Gesetze nicht betroffen,

also ist es leicht möglich, daß Durchlaucht sich um dasselbe nicht

gekümmert, das Gesetz sozusagen übersehen haben! Die Interessen- und

Gedankensphäre einer Fürstin ist doch eine ganz andere, als die einer

Forstwartfrau oder Bäuerin oder Ehefrau eines Gewerbetreibenden!“

„Allerdings!“ Zur Hofdame sprach die Fürstin: „Bitte, liebe Gussitsch,

behalten Sie diese Angelegenheit im Auge und beschaffen Sie

baldmöglichst das betreffende Gesetz!“

Martina verbeugte sich.

Dann wandte sich die Fürstin wieder zu Amanda mit der Frage: „Wie

gedenken Sie auf Grund dieses interessanten Gesetzes in Ihrem Hauswesen

vorzugehen?“

Leuchtenden Auges und lebhaften Tones erwiderte Frau Gnugesser: „Die

Stellungnahme ist leicht und doch auch sehr schwer! Leicht insofern,

als das Gesetz klar und deutlich der Ehefrau das Gehaltsdrittel

zuspricht! Schwer hingegen wird es dem Ehemanne sein, dieses Drittel

in bar der Gattin auszuzahlen, wenn das Gehalt keine entsprechende

Aufbesserung findet! Mein Mann bezieht achtzehnhundert Kronen

Gehalt...“

„Verstehe! Also bekommen Sie als Ehefrau sechshundert Kronen, das

ist eine respektable Entlohnung Ihrer Arbeit, nicht? Ich hätte

wahrlich nicht geglaubt, daß ein so vernünftiges und wichtiges Gesetz

gemacht werden kann! Ein bedeutender Fortschritt auf dem Wege der

Gesetzgebung, eine soziale Großtat! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes

wert! Zweifellos ist durch das Gesetz die große Bedeutung der Frau als

guter Haushälterin und Verwalterin für die Sicherung der Früchte des

Eheerwerbes nun allgemein anerkannt! Und auf der Frauentätigkeit beruht

der Segen der Familie! Sehr schön also diese Sache! Nur merkwürdig, daß

ich davon bisher keinen Ton gehört habe! Apropos: wie stellen sich denn

die anderen Hausfrauen dieser Gegend zu dieser grandiosen Neuerung?“

Umständlich berichtete Amanda, die sich nun in ihrem Fahrwasser befand,

über die durchgeführte Agitation, über die Belehrung der Frauen in

Hall, über den bereits errungenen Erfolg, der darin bestehe, daß sogar

auch Bauernweiber die Drittelszahlung fordern. Demnächst werde eine

öffentliche Frauenversammlung stattfinden.

„Sehr schön! Großartige Sache! Muß unterstützt werden! Aber nun sind

wir lange genug hier gewesen! Wir sprechen gelegentlich darüber! Adieu,

liebe Frau! Auf Wiedersehen!“

Mit einem Wortschwall des Dankes für die hohe Ehre des auszeichnenden

Besuches geleitete Amanda die Damen vor das Haus. Ein letzter Versuch

der Anspielung auf die Notwendigkeit einer Gehaltsaufbesserung als

Folge der Drittelszahlung mißlang kläglich, da die Fürstin die Uhr zog

und sich jäh verabschiedete. War es doch bereits ein Uhr geworden, die

Stunde des Lunch erheblich überschritten.

Eilig zum Schlößl stapfend, meinte die Fürstin: „Wie man sich nur

so verschwatzen kann! War aber ganz interessant, nur kann ich trotz

alledem nicht recht glauben, daß bei uns ein so einschneidendes Gesetz

in Geltung ist! Vergessen Sie nicht, ein Exemplar zu besorgen! Was ist

denn Ihre Meinung über dieses rätselhafte Gesetz, liebe Martina?“

„Verzeihen, Durchlaucht, in Gnaden! Erst möchte ich die einzelnen

Gesetzesbestimmungen lesen...!“

„Ja doch! Die Sache muß ihre Richtigkeit haben, denn die Försterin ist

vorzüglich informiert und orientiert! Ich bin neugierig zu erfahren,

wie sich unser ‚Hofpfarre‘ zu dieser Angelegenheit stellt!“

„Dem Pfarrer dürfte weniger das Gesetz, viel mehr die Revolutionierung

der Ehefrauen eine böse Bescherung verursachen!“ meinte Martina, um

doch auch etwas zu sagen und ein gewisses Interesse zu markieren.

„Apropos: Pfarrer! Teilen Sie dem Pater Wilfrid mit, daß er am 30.

August, dem Todestage meines hochseligen Gemahls, ein feierliches

Requiem zelebrieren soll! -- So, da sind wir! Die armen Leute! Haben so

lange auf das Essen warten müssen!“

Norbert kam gesprungen und nahm den Damen die Schirme ab.

„Nicht böse sein, Alter! Wir haben uns verplaudert!“ sprach

liebenswürdig die Fürstin. „Gleich servieren! Hast du argen Hunger,

Norbert?“

„Untertänigst zu dienen, Durchlaucht, dem alten Diener fällt das Fasten

schwer! Ich bitte um Verzeihung...“

„Was hast du denn angestellt?“

„Ich habe mir eine Kleinigkeit in der Küche geben lassen!“

„Ganz recht! Sehr vernünftig! Hoffentlich war auch Hildegard so klug!“

„Gewiß, Durchlaucht! Mit gnädigster nachträglicher Genehmigung!“

„Aber gern! Natürlich!“

Die Damen begaben sich ins Speisezimmer und durften einige Zeit warten,

bis serviert wurde.

Die Angestellten hatten nicht eine Kleinigkeit, sondern das komplette

Menü verspeist, und zwar reichlich. Daher die Köchin nun rasch

Schnitzel als Ersatz zubereiten mußte.

*

Jeder Sonntag bringt dem Pfarrer, der keinen Kaplan hat, in den

Dörfern Arbeit in reichlichem Maße. Besonders mit Arbeit gesegnet

war Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall. Früh des Morgens begann die

Arbeit im Beichtstuhl, der sich um acht Uhr das Hochamt mit Predigt

anschloß. Unverdrossen, ja freudig tat der liebenswürdige Pfarrer und

Vater seiner Gemeinde seinen Dienst, angenehm davon berührt, wenn das

Gotteshaus dicht von Andächtigen gefüllt war. Insbesondere freute ihn

die Anwesenheit der Fürstin mit Hofdame im kleinen Oratorium. Während

der Predigt gewahrte er zu seiner Befriedigung auch die Forstbeamten

und etliche Jäger in den Reihen der Dörfler.

Nach dem Gottesdienste drängten zahlreiche Bauern zum Pfarrhause, wo

sie sich aufstellten wie die Orgelpfeifen.

Grüßend kam Pater Wilfrid vom Kirchlein herab, freundlich bat er die

Leute, ihm ein Viertelstündchen zum Frühstück zu gönnen, dann stehe er

zur Verfügung. Und lächelnd meinte er: „Aber einer nach dem andern!

Nicht alle zugleich einidrucken! Das vertragen die Mauern vom Häuserl

nicht!“

„Wohl, wohl!“ riefen die Bauern und lachten.

Die weißhaarige Dienerin im Pfarrhause trug den Kaffee mit Semmel auf,

und bemutternd mahnte sie den Pfarrer, er solle sich nur Zeit lassen

zum Frühstücken; die Bauern könnten schon warten, die kommen allweil

noch früh genug ins Wirtshaus.

Im Flur gellte die Hausglocke scharf und ungestüm.

„Jesses na, so eine Pressiererei! Der Hansdampf läutet mir gut! Lassen

S’ Ihnen nur Zeit, Hochwürden Herr Pfarrer! Ich mach nicht früher auf,

als bis Sie gefrühstückt haben!“

Pater Wilfrid trat ans Fenster und guckte, wer denn Einlaß forderte.

Erschrocken fuhr er zurück und hastig rief er: „Erna, g’schwind

aufmachen! Die Fürstin will mich besuchen!“

„Wär nicht zwider! Jesses na, so was! Wo ich gar nicht darnach an’zogen

bin und keinen Hut nicht aufhab!“

Der Kammerdiener Norbert riß abermals am Glockenstrange.

Die Dienerin sprang zur Haustüre und öffnete unter unzähligen

Verbeugungen. „Na, so eine Ehr! Frau Duhrlauch kommen selber, um mich

zu besuchen!“

Fräulein von Gussitsch sprach: „Durchlaucht geruhen den Herrn Pfarrer

zu besuchen! Bitte, melden Sie sofort!“

Gedehnten Tones, ob der leisen Zurechtweisung gekränkt, erwiderte die

Dienerin: „Selles Melden ist neammer nötig, wo der Pfarrer Ihnen eh

schon vom Fenster aus gesehen hat! Da springt er ja schon, der Herr

Hochwürden! Haben S’ die Ehr, und gehen S’ halt auffi!“

Pater Wilfrid bat die Damen, sich gütigst in das obere Stockwerk

bemühen zu wollen. Höflichst geleitete er die Fürstin hinauf.

Die Dienerin wollte die Haustüre abschließen und sah den Kammerdiener

Norbert wartend stehen. Ihn sprach sie schnippisch an: „San Sö

vielleicht der Brettelhupfer von der Fürstin? Dann können S’ herinnen

bleiben!“

Würdevoll erklärte Norbert, daß er der „Herr Kammerdiener“ sei.

Pater Wilfrid erschien oben an der Treppe und rief: „Geschwind, Erna,

Tee machen! Durchlaucht wünschen Tee zu nehmen!“

Schrill antwortete Frau Erna: „Was Ihnen nicht einfallt! Wo wir im

ganzen Haus kein Stäuberl Tee nicht haben! Und sicher im ganzen Dorf

auch nicht! Ein Schalerl Kaffee kann sie haben, die Frau Duhrlauch,

sonst nichts!“

So mußte denn Pater Wilfrid diesen Bescheid überbringen. Über seine

komisch klägliche Miene lachte die Fürstin hellauf. „Tut nichts, ist

kein Unglück! Herr Pfarrer wollen erlauben, daß ich Ihr Haus mit Tee

und was dazu gehört, versorge! Aus Selbstsucht, denn wir werden künftig

nach dem Gottesdienst bei Ihnen den Tee nehmen! Das heißt, wenn Sie

erlauben! So, nun wollen wir um so weniger stören, als zahlreiche

Bauern auf Audienzerteilung warten! Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!“

Norbert mußte den beim Wirte eingestellten Wagen holen. Am Pfarrhause

wartend, sah die Fürstin den Oberförster Hartlieb, den sie einlud, im

Wagen mit nach Hause zu fahren.

Mit höflichen, ernsten Dankesworten nahm Hartlieb diese Einladung an,

wiewohl sie seine Absicht, im Grabnerhofe dienstlich vorzusprechen,

durchkreuzte. Unwillkommen war sie ihm aber dennoch nicht, da er doch

wieder einmal Fräulein von Gussitsch in die schönen Mustela-Lichter

gucken konnte. Fand er doch Fräulein Edelmarderchen zum Anbeißen nett

und hübsch. Insgeheim natürlich, mit Ausschluß aller Öffentlichkeit.

Da es eine ziemliche Zeit währte, bis die Pferde angeschirrt waren,

bat die Fürstin, es wolle sich der Pfarrer nicht aufhalten lassen und

die Leute vornehmen. „Ich habe ohnedies mit dem Herrn Oberförster zu

sprechen!“

Pater Wilfrid verabschiedete sich und nahm den ersten wartenden Bauern

mit in die Pfarrkanzlei.

Ehrerbietig harrte Hartlieb der Mitteilungen, und er war im voraus

überzeugt, daß sie höchst wahrscheinlich eine Überraschung wenig

angenehmer Art für den Jagddienst sein werden. Aber auf die Frage, wie

sich das Jagdgut verzinse, war er doch nicht gefaßt. Die Käuferin mußte

doch über die Verzinsung informiert sein...

Kaum konnte Hartlieb seine Verblüffung verbergen.

Fräulein von Gussitsch hatte sich diskret einige Schritte entfernt und

hielt auf dem Sträßlein Ausguck nach dem Wagen.

Trocken und ernst wie immer gab Hartlieb die Auskunft: „Da für den

Haller Besitz nur das Jagdinteresse ausschlaggebend war und ist,

beträgt die Verzinsung nur zwei vom Hundert! Soll die Rente gehoben

werden, so muß eine geregelte Forstnutzung eintreten; wir haben

hiebreife Bestände, und für Nutzholz sind dieser Tage günstige Offerten

von größeren Firmen eingelaufen! Ich wollte nur noch kurze Zeit warten,

ob nicht noch einige Angebote erfolgen, und hatte vor, demnächst

hierüber Vortrag zu erstatten und die Genehmigung zur Durchforstung

und Schlägerung einzuholen!“

Das Antlitz der Fürstin bekam einen Zug von Geringschätzung, die Lippen

umspielte ein ironisches Lächeln, etwas wie Hochmütigkeit, da Sophie

sarkastisch sprach: „Holzhandel ist nicht mein Geschmack! Das Gut habe

ich in ganz anderer Absicht gekauft; freilich steht dahin, ob sich

diese Absicht verwirklichen läßt! Jedenfalls bleibt einzig und allein

das Jagdinteresse ausschlaggebend, ich werde mich mit der kleinen

Verzinsung begnügen! Also beachten Sie, lieber Hartlieb: nur das

Jagdinteresse im Auge behalten!“

„Zu dienen, Durchlaucht! Eben das Jagdinteresse veranlaßt mich auf

Grund eigener Wahrnehmungen in letzter Zeit und in Berücksichtigung der

Jägerrapporte den Abschuß überzähliger Gelttiere, und zwar bald, noch

vor Beginn der Hirschbrunft zu beantragen...“

„Aber warum denn?“

„Es hat sich das Geschlechtsmischungsverhältnis verschoben, wir

haben zu viel Kahlwild, der Abschuß von Gelttieren ist nötig! Ich

möchte bitten, daß das Personal, das ja sehr fachkundig ist, diesen

Abschuß vornehmen darf, und zwar auf der Pirsch, weil dadurch die

Revierbeunruhigung möglichst vermieden wird!“

Die Lippen hochziehend, meinte die Fürstin: „Ich weiß nicht! Der

Abschuß will mir nicht gefallen, noch weniger das -- Kanonieren durch

das Personal! Und ganz und gar nicht will mir gefallen, daß just das

weibliche Wild zum Opfer fallen soll! Das ist grausam! Nach Möglichkeit

hegen, Herr Oberförster, hegen!“

„Im Jagdinteresse bin ich genötigt, dringendst den Abschuß der

überzähligen Gelttiere zu verlangen!“ erwiderte Hartlieb höflichen,

doch dienstlich festen Tones. Und ehrlich ernst blickte er der

Gebieterin ins Auge.

„Ja doch! Sie als Fachmann müssen es ja besser wissen und verstehen,

Sie sind ja auch verantwortlich! Aber Wünsche wird die Besitzerin,

sozusagen der ‚Jagdherr‘, denn doch noch aussprechen dürfen! Machen

Sie mal einen Überschlag, so eine Art Aufstellung, damit ich erfahre,

wieviel weibliches Wild der Kugel verfallen soll! Eines steht fest:

ich für meine Person werde mich an dem erzwungenen Abschuß nicht

beteiligen! Und ohne Kontrolle darf auch das Personal nicht abschießen!

-- Der Wagen kommt! Wir fahren heim! Herr Oberförster, Sie können bis

zum Forsthause mitfahren!“

Unterwegs litt Hartlieb alle Qualen der Unterordnung des eigenen

Intellekts, des seelischen Kampfes in der Frage, ob der Fachmann

sich ducken, dem Willen eines Laien, noch dazu dem einer Frau, sich

unterwerfen oder auf die Dienstesstellung verzichten, sich um einen

anderen Posten bewerben solle. Unmännlich und feig erschien ihm das

Ducken, die Unterwerfung ein Verrat an den Idealen des grünen Berufes!

Lieber aus diesem Dienst scheiden mit reiner, ehrlicher Weidmannsseele!

Gehen, bevor der Waldmann -- fliegt...

Ein Weilchen hatte Fürstin Sophie mit Martina geplaudert, Fragen

gestellt und sie selbst beantwortet, bevor das Hoffräulein die Lippen

öffnete. Dann wandte sich die Fürstin mit einem liebenswürdigen

Lächeln an den Oberförster und fragte ihn im Tone köstlicher Naivität:

„Sagen Sie mal, lieber Hartlieb, was wird denn bei der jetzigen Art

des Jagdbetriebes eigentlich aus den -- Rehwitwen und aus den alten

Rehjungfern? Es werden ja doch immer nur Rehböcke geschossen! Wer sorgt

für die -- Reh-Relikten?“

Hartliebs Blick kündete Verblüffung; der Oberförster war paff. Und auf

der Zunge lag sehr locker ein Ausruf gelinden Entsetzens, ein Hilferuf

des konsternierten Weidmannes zum St. Hubertus.

Zum rettenden Engel aus dieser Verlegenheit Hartliebs wurde Martina,

die in diesem Moment lachte und ihre schimmernden Marderzähnchen zeigte.

Dieses erquickend frische Lachen ermöglichte es dem Jagdbeamten, den

Ausruf ungesprochen hinabzuschlucken, die verblüffende naive Frage

der Fürstin im Scherztone dahin zu beantworten, daß der Schöpfer dem

Leben der „Rehwitwen“ und alten „Rehjungfern“ mit dem fünfzehnten

Jahre ein natürliches Ziel und Ende gesetzt habe, so nicht durch

Krankheiten diese „Relikten“ früher verenden. Eine Verschiebung des

Geschlechtsmischungsverhältnisses zwinge übrigens auch beim Rehwild zum

Abschuß überzähliger Geißen und Gelttiere.

„Ach Gott! Nun kommt der schreckliche Mensch schon wieder mit den

‚Geschlechtsmischungsverhältnissen‘! An sich schon eine gräßliche

Worthäufung, gleich drei Hauptwörter aneinander gehängt und grausam

verquickt! Hat die Weidmannsprache, die ich wohl nie werde erlernen

können, noch mehr solcher Wortungetüme und Ungeheuer?“

Ehe Hartlieb antworten konnte, wandte sich die Fürstin aber schon

wieder an das Hoffräulein mit der Bemerkung, daß vergessen worden sei,

den Pfarrer wegen des Requiems zu interpellieren, zu fragen, ob diese

Angelegenheit in Ordnung sei.

Martina versicherte, daß sie befehlsgemäß dem Pater Wilfrid geschrieben

habe und somit wohl auf prompte Erledigung gerechnet werden dürfe.

„Schicken Sie den Norbert zum Pfarrer! Ich will bestimmten Bescheid

erhalten! -- Na, da sind wir ja schon am Forsthause! Apropos: Schicken

Sie mir morgen den Jäger Eichkitz zum Rapport! Auf Wiedersehen, Herr

Oberförster!“

Hartlieb verabschiedete sich. Ein warmer Blick inniger Sympathie flog

zum Mustela-Fräulein...

„Bei St. Huberto! Immer muß ich das Fräulein mit dem geschmeidigen,

zierlichen Edelmarder vergleichen!“ murmelte Hartlieb, als er nach

Abfahrt der Damen in das stille Forsthaus trat.

*

Der Reihe nach nahm Pater Wilfrid in der Haller Pfarrkanzlei die Bauern

und sonstigen Besucher vor.

Ein stämmiger Mann, der Schmied von Hall, ältlicher Junggeselle, erbat

Auskunft, welche Papiere zu beschaffen seien, da er aus Barmherzigkeit

eine arme Witwe mit zwei Kindern heiraten wolle, um die bittere Not zu

beseitigen.

Mit der beruhigenden Auskunft, daß die gewöhnlichen

Legitimationspapiere genügen und daß nach Empfang derselben das

Pfarramt das Weitere besorgen werde, konnte der Schmied sich entfernen.

Ziemlich enttäuscht darüber, daß die Sache so glatt gehen werde, und

daß der Pfarrer auf die „Barmherzigkeit“ soviel wie gar nicht geachtet

hatte.

Der zweite Besucher, seines Zeichens Spengler und Glasermeister in

einer Person, wünschte Aufschluß bezüglich des neuen Gesetzes, wonach

die Gattin für ihre Arbeit im Hauswesen künftig bezahlt werden müsse.

Pater Wilfrid ließ die Frage wiederholen, so sehr mißtraute er seinen

Ohren. Und dann erklärte er, sich wegen des ihm ganz unbekannten

„Gesetzes“ erkundigen zu wollen. „Kommen Sie am nächsten Sonntag, dann

werden Sie Bescheid erhalten!“

Mit einem ähnlichen, schärfer präzisierten Anliegen kam der dritte

Besucher, ein Taglöhner und Besitzer eines Kleinanwesens bei Hall. Der

abgerackerte Mann wollte wissen, ob er wirklich verpflichtet sei, von

seinem ohnehin geringen Einkommen aus seinem Tagwerk dem Eheweibe die

Hälfte als Lohn für die Hausarbeit zahlen zu müssen. „Springgiftig“

fordere die Gattin jetzt schon eine Anzahlung, könne aber nicht sagen,

welches Gesetz diese Zahlungspflicht des Mannes vorschreibt.

Pater Wilfrid gab dem Manne den gleichen Bescheid wie bei Nummer zwei.

Der vierte Besucher war ein mittlerer Bauer, der erbost klagte, daß

seine Bäuerin die Hühner verkauft, den Erlös für sich behalten habe als

Entschädigung für ihre Arbeit in Haus, Stall, Garten und Feld.

Nun wurde Pater Wilfrid ob dieser Übereinstimmung der Anliegen doch

stutzig. Er fragte, ob Anzeichen vorliegen, daß die Bäuerin vielleicht

aufgehetzt worden sei. Ingrimmig berichtete der Bauer, daß vor einiger

Zeit die Frau des Forstwarts öfter im Gehöft erschienen sei, eifrig mit

der Bäuerin getuschelt und verhandelt habe, worauf das Eheweib sehr

scharf geworden sei. „Sagen S’ nur gleich, Herr Pfarrer, was ich machen

soll! Därf ich das hantige Weib verhauen? Und was ist das für ein

‚Gesetz‘, von dem die Bäuerin behauptet, daß ich fürder blechen muß,

was Zeug haltet?“

„Gedulde dich bis zum nächsten Sonntag! Ich werde mich inzwischen

erkundigen! Von einem Gesetz, das die Hausarbeit der Ehefrau entlohnt,

weiß ich einstweilen nichts! Glaub auch nicht, daß es bei uns ein

solches Gesetz gibt!“

„So? Nicht? Na, freu dich, Alte! Ihr werd ich das Hühnerverkaufen

hinter meinem Rücken schon austreiben mit’m Haslinger!“

„Warte mit dem -- Haslinger bis zum nächsten Sonntag! Aufs

Wiederschauen!“

Insofern die übrigen Besucher verheiratet waren, hatten sie alle

das gleiche Anliegen und den Wunsch, bezüglich des neuen Gesetzes

informiert zu werden. Auch der Dorfkrämer, der davon sprach, daß er die

Hölle auf Erden habe, seit die Frau Gnugesser in seinem Hause verkehre

und sein Weib zur Freundin und Vertrauten erkürt habe. Auch andere

Weiber kommen häufig und halten Sitzungen ab, als wenn der Kramerladen

ein Weiberparlament wäre.

„Ausstampern!“ meinte anzüglich Pater Wilfrid und schmunzelte dazu.

„Hat sich was mit dem Ausstampern! Hasen und Katzelen kann man

stampern, nicht aber Weiberleut, wenn die Weibets -- bleiben wollen!

Einmal hab ich das Stampern probiert, ein zweites Mal tue ich es nicht

wieder! Eine Watschen hab ich erwischt, die ist nicht von schwacher

Hand gewesen! Und was mich wurmt: ich weiß nicht von wem! Kann sein,

daß es die Kramerin gewesen ist, es kann aber auch sein, daß ein

Bauernweib mir die Watschen runtergewischt hat! Jedenfalls ist keine

christliche Demut im Spiel gewesen! Drum bin ich der Meinung, daß

Hochwürden Herr Pfarrer auf der Kanzel loswettern sollten gegen die

Malefizweiber, die rebellisch worden sind! Aber, bitt schön, ausgiebig

loswettern, gesalzen und gepfeffert, ganz sakrisch, auf daß den

Revoluzzerinnen Hören und Sehen vergeht und die Augen tropfen!“

„Wird schon zur rechten Zeit geschehen!“ Einer Regung folgend, riß

Pater Wilfrid rasch die Türe auf. Richtig kniete die Dienerin vor dem

Schlüsselloch. Heillose Bestürzung. Wie ein begossener Pudel sprang die

Witwe Erna auf, und krebsrot im verhutzelten Gesicht hastete sie davon.

Der Krämer rieb sich schadenfroh die Hände und freute sich mächtig. Und

lachend verließ er das Pfarrhaus.

Pater Wilfrid eilte nun in das Schulgebäude, um den Sonntagsschülern

Unterricht in der Christenlehre zu erteilen.

Dann ein Halbstündchen Pause für einen kleinen Imbiß und für eine

Rüge der Dienerin wegen Belauschungsversuchen von Dienstgesprächen.

Die weißhaarige Frau Erna verhalf dem jovialen Pfarrer zu einer

nicht geringen Überraschung, indem die alte Dienerin statt mit einer

Entschuldigung mit dem Vorwurf anrückte, daß Pater Wilfrid zu den --

nichtsnutzigen, hartherzigen und grausamen Mannsbildern halte! Deshalb

sei es eine heilige Pflicht der Weiber, sich zusammenzuschließen

und alles aufzubieten, daß die segensreichen Bestimmungen des neuen

Gesetzes voll und ganz zur Durchführung gelangen...

Pater Wilfrid griff sich an den Kopf und rief: „Ja, wie wird mir denn?“

Die alte Witwe richtete sich gravitätisch auf, stemmte die Hände auf

die schmalen Hüften und erwiderte triumphierend: „Jawohl! Gucken Sie

nur verwundert, Hochwürden! Ihr Staunen ändert nicht das geringste an

der Tatsache, daß das neue Gesetz die Stellung der Frauen im Haushalt

und Ehestand bedeutend heben und bessern wird! Ich für meine Person

werde allerdings von dem neuen Gesetz nichts profitieren! Dennoch

erachte ich es als meine Pflicht, mich den Frauen anzuschließen und

tapfer mitzukämpfen, bis der Sieg errungen ist!“

Kühl gab Pater Wilfrid zur Antwort: „Gewiß, Frau Erna! Sie können

mitkämpfen, meinetwegen heldenhaft mit Schwert und Spieß, nur nicht

als Pfarrhäuserin! Bevor Sie die Waffen zum Heldenkampf ergreifen,

müssen Sie das Pfarrhaus und Ihre bisherige Stellung verlassen! Und

das heute noch! Im Hause eines friedfertigen Priesters wird eine

Revolution, die Unterstützung verrückter Frauen nicht geduldet! Eine

Stunde Zeit zum Überlegen sei Ihnen gegönnt! Ich muß jetzt wieder in

die Schule zur Christenlehre für die Mädchen gehen! Hernach ist Segen

und Rosenkranzgebet in der Kirche! Sodann geben Sie Ihre Erklärung ab!

Guten Tag, Frau Erna!“

Verblüfft guckte die Matrone; ihr Kopf wackelte, die knöcherigen

Finger bebten. Und weinerlich klangen die Worte: „Mit Vergunst, Herr

Pfarrer! Wenn Sie die Sach so scharf anfassen, wird es für mich wohl

gescheiter sein, wenn ich meine Finger nicht hineinstecke! Wo soll ich

altes Weibel denn ein anderes Heimatl finden, so ich aus dem stillen

Pfarrhaus außig’schmissen werd! Ich bitt um Verzeihung! Die Frauen

sollen ohne die alte Erna kämpfen und sich die Finger verbrennen! Ich

tue nimmer mit!“

„Gut! Dann bleibt alles beim alten! Adieu!“

Im Dienste vollzog sich für Pater Wilfrid die an Sonntagen übliche

Hetzjagd: Schulunterricht, nachmittägiger Gottesdienst, Beteiligung an

einer Versammlung christlicher Arbeiter. Während dieser Verhandlung

wurde der Pfarrer abberufen, er mußte dem todkranken Zirnitzbauern

die Sterbesakramente bringen. Hernach noch die Vorkehrungen für den

Todesfall treffen, Kranke besuchen und trösten. Darüber wurde es

Abend. Im Einspännerwägelchen fuhr dann der Haller Himmelsführer zurück

ins Admonter Kloster. Das Tagewerk war aber immer noch nicht beendet;

als Gastmeister des Stiftes hatte Pater Wilfrid die Pflicht, sich um

die Gäste des Klosters zu kümmern, für ihr leibliches Wohl, für gute

Unterkunft und nach Möglichkeit auch für gesellschaftliche Unterhaltung

zu sorgen. Verpflichtungen von nicht gerade angenehmer Natur, wenn der

Gastmeister so viele Sorgen im Kopfe hat. Die größte Rolle spielte das

neue „Gesetz“ und die Haller „Weiberrevolution“. Beiläufig und sehr

dunkel glaubte Pater Wilfrid sich erinnern zu können, in einer Zeitung

vor Wochen einen Artikel gelesen zu haben, der sich mit der Frage:

Entlohnung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, irgendwie beschäftigte.

Flüchtig gelesen und schnell vergessen. Emsig suchte Pater Wilfrid

in einer hofseitig gelegenen Zelle nach jener Zeitung. Einer der

weltlichen Klosterdiener kam und meldete pflichtgemäß, daß einige

Gäste gekommen seien, die sich jetzt in der Hofmeisterei befänden.

Provisorisch hätte der Diener des Gästetraktes die Zimmer angewiesen

und das Nötige für Beherbergung besorgt.

Rasch kontrollierte der Pater Gastmeister, ob der Rang der Gäste

mit den angewiesenen Zimmern und ihrer Ausstattung einigermaßen

übereinstimmte. Eine Umlogierung mit Verbringung des Reisegepäckes

mußte vorgenommen, Rücksicht auf Rang und Etikette, auf die

altberühmte Gastfreundschaft des Stiftes geübt werden. Nun eilte der

vielbeschäftigte Gastmeister hinauf in die im obersten Stockwerke

gelegene sogenannte Hofmeisterei. Ein großer, vielfenstriger Saal,

klösterlich einfach ausgestattet; ein Billard, von dem der Klosterwitz

erzählt, daß schon Kolumbus vor Antritt seiner Reise nach Amerika

auf diesem Vergnügungsmöbel gespielt hätte, etliche runde Tische

für Kartenspieler, an der einen Wand ein langer Tisch für Gäste und

Stiftsherren mit etlichen seltsam geformten Flaschen, die zwei Sorten

Klosterwein enthielten. Eine Kredenz mit Gläsern, ein Kleiderrechen

und ein Ständer für Zeitungen bildeten die Ausstattung des von einer

großen Hängelampe dürftig erleuchteten Saales. Klösterlich einfach und

bescheiden. Dennoch hatte dieser Raum eine Kostbarkeit aufzuweisen: die

herrliche, überwältigende Aussicht auf die „Haller Mauern“, auf das

wuchtig ragende Felsengebirge im Norden von Admont. Freilich waren von

diesen Zyklopenmauern am späten Abend nur noch die düsteren Schatten zu

sehen.

Etliche Stiftsherren mit dem Abte, den die goldene Prälatenkette

kenntlich machte, und drei Laiengäste saßen an dem langen Tische,

rauchten und plauderten. Nippten zeitweilig vom Weine, der an Sonntagen

auf Klosterrechnung den Stiftsherren gereicht wird. Gästen natürlich

auch an Wochentagen für die Dauer ihrer Anwesenheit.

Pater Wilfrid stellte sich den fremden Gästen als Gastmeister vor,

bat wegen verspäteten Erscheinens um Entschuldigung und verständigte

den einen Herrn wegen der Umlogierung. Und nun waltete er mit allem

Eifer seines Amtes, auf daß die Gäste rechtzeitig die Gläser gefüllt

erhielten und Unterhaltung fanden. Seine Weltgeläufigkeit wie die

höfisch geschulten Umgangsformen kamen dem Gastmeister gut zu statten

und machten den denkbar besten Eindruck. Benediktinerhöflichkeit und

-gastlichkeit.

Der vornehme Abt richtete später diskret an den Gastmeister und Haller

Pfarrer im halblauten Tone die Frage, ob dafür gesorgt sei, daß die

Fürstin von Schwarzenstein einen standesgemäßen Platz in der Haller

Kirche habe.

Flüsternd antwortete Pater Wilfrid: „Zu dienen, Euer Gnaden! Alles in

Ordnung und prompt besorgt!“

Ein freundlicher Blick des Abtes glitt zum Gastmeister, ein Nicken

kündete Befriedigung und Wohlwollen. Um zehn Uhr erhoben sich die Gäste.

Geräuschlos und flink besorgte Pater Wilfrid Licht. Und nachdem sich

die Gäste vom Abt und von den Stiftsherren verabschiedet hatten,

geleitete der Gastmeister, witzig sich als „Zimmermadel im Habit“

vorstellend, die Gäste in ihre Zimmer, sah noch geschwind nach, ob auch

Wasser vorhanden war, und zog sich dann mit besten Wünschen für eine

„geruhsame Nacht“ zurück.

In seiner Zelle bei traulichem Lampenschein beschäftigte sich Pater

Wilfrid noch einmal mit dem heillos unangenehmen „neuen Gesetze“. Die

Erinnerung an jenen Zeitungsartikel kehrte zurück und wurde lichter.

Und mit einem Male wußte der einsame Denker, daß der Entwurf zum

neuen Zivilgesetzbuche die Bestimmung enthält, wonach die Ehefrau ein

Drittel des Einkommens des Mannes als Entschädigung für ihre Arbeit im

Hauswesen erhalten solle.

Noch lichter wurde die Erinnerung: Es handelt sich um den Entwurf zum

neuen Zivilgesetzbuche der Schweiz.

„Gott sei Dank!“ murmelte Pater Wilfrid. Und wie von einer schweren

Last befreit, atmete er tief auf.

Und dann schlug er sich mit der Hand an die Stirne in Erinnerung, daß

jener Zeitungsartikel in einem Kölner Blatte enthalten war. Und einen

Pack dieser Zeitungen hat er selbst der Frau Forstwart Gnugesser, die

um Lektüre gebeten hatte, zum Lesen gegeben.

„Oh! Was hab ich getan?!“ stöhnte Pater Wilfrid. „Wie kann man so

unvorsichtig sein? Den Hecht in den Karpfenteich setzen!“

Freilich gab es eine Entschuldigung: niemand konnte ahnen, daß die

Forstwartsfrau just diesen Zeitungsartikel aufschnappen, den Entwurf

als gültiges Gesetz betrachten, die Länder verwechseln, den Entwurf

als Agitationsmittel benützen, die Weiber von Hall „revolutionieren“

werde...

Die mißverständliche Auffassung, die Verwechslung der Schweiz,

ermöglicht aber eine Gegenagitation, die wirksame Bekämpfung der

„Revolution“! Die Aufklärung des Irrtums durch eine Predigt von der

Kanzel aus wird und muß die Flammen der Weiberrevolution ersticken, in

der Haller Gemeinde die Ordnung und den Frieden wiederherstellen.

Um den Frieden bei seinen Pfarrangehörigen war es Wilfrid zu tun; dem

Frieden zuliebe hat er unzählige Opfer gebracht und wird sie bringen,

solange er Himmelsführer in der Gemeinde Hall sein wird.

So schrieb denn Wilfrid etliche Gedanken für die Predigt nieder.

Gegen Mitternacht machte sich die Ermüdung geltend. War der Pfarrer und

Gastmeister doch seit vier Uhr früh im Dienste, ununterbrochen tätig.

Die Feder entsank der fleißigen Hand.

Wilfrid löschte die Lampe aus und begab sich zur wohlverdienten Ruhe.

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 14 / 60 题