Viertes Kapitel

Mit unsicherem trüben Wetter, doch ohne Regen, begann der erste Tag des

„Hofdienstes“ in der Bergeinsamkeit für Fräulein von Gussitsch. Wohlige

Stille, göttliche Ruhe. Erquickend die würzige Waldluft. Des unsicheren

Wetters glaubte Martina sich freuen zu sollen, denn ein Jagdgang

dürfte unter diesen Umständen nicht befohlen werden. Wahrscheinlich

nach dem mittäglichen Lunch ein mehrstündiges Vorlesen oder sonstiges

Unterhaltungsmachen. Darauf war Martina gefaßt.

Gegen zehn Uhr überbrachte die rundliche hübsche Frau Hildegard

Schoiswohl die Mitteilung, daß Durchlaucht soeben den Forstwart holen

ließ und die Begleitung der Hofdame wünschen.

„Wird denn gejagt?“ fragte überrascht Martina.

Die Kammerfrau erklärte: „Anscheinend nicht, denn Durchlaucht tragen

Straßentoilette! Baronesse wollen in einer halben Stunde bereit sein!“

Notgedrungen mußte Fräulein von Gussitsch nun doch die Frage wegen

der Jagdkleidung mit der Kammerfrau besprechen und Hildegards Hilfe

erbitten.

Der Triumph leuchtete aus den Augen der hochbefriedigten Kammerfrau,

nun doch von der Hofdame um Rat und Hilfe gebeten zu werden. Frau

Schoiswohl fühlte sich, und ziemlich selbstbewußt erklärte sie, daß

die Angelegenheit rasch erledigt sein werde, wenn die Baronesse einen

Lodenrock fußfrei kürzen und den dazugehörenden _Pantalon fort large_

anfertigen lasse. „Das in kürzester Zeit zu machen, bin ich gern

bereit! Ich bitte nur um den nötigen Stoff!“

„Sie sind sehr freundlich! Aber Stoff zu einem Jagdkostüm führe ich

nicht mit! An die Beschaffung hätte ich in Wien denken sollen! Was

machen wir nun? So eine Verlegenheit!“

Im Tone der Bemutterung sprach die Kammerfrau: „So wie ich

Durchlaucht kenne, wird es mit der Jagdausübung keine Eile haben, das

Hauptinteresse ist auf den Posteinlauf konzentriert! Sollte wider

Erwarten eine Jagd befohlen werden, so gibt es schon Mittel und Wege

zur Verhinderung! Baronesse lassen inzwischen von Wien oder Graz

Lodenstoff kommen, und ich werde dann schneidern! Wenn Sie wünschen,

schreibe ich und beauftrage eine Verwandte mit der raschen Besorgung!“

„Ja, bitte, besorgen Sie alles Nötige, selbstverständlich komme ich für

alle Kosten auf!“

„Wird gemacht!“ Es klang etwas arrogant, als die Kammerfrau noch darauf

aufmerksam machte, daß die Baronesse zur Begleitung keine helle Bluse

tragen dürfe.

„Frau Schoiswohl! Ich muß bitten...“

„Verzeihung, Baronesse! Es ist nicht Anmaßung, nur gut gemeint, wenn

ich rate, dunkle Kleider zu tragen; Durchlaucht werden einen Reviergang

machen! Helle Kleider würden das Wild beunruhigen! Durchlaucht kleiden

sich stets dunkel auf derlei Waldwanderungen, demnach...“

„Ich verstehe! Danke!“

Devot und doch arrogant grüßend, entfernte sich die Kammerfrau, die

sich freute, die junge Hofdame in Verlegenheit und Abhängigkeit

gebracht zu haben. Und etliche Silberlinge werden bei der

Stoffbesorgung zu verdienen sein.

Ärgerlich grub Martina ihre Marderzähnchen in die Unterlippe, während

sie die Bluse wechselte und sich zum Ausgang rüstete.

Es kam aber gar nicht zu dem Waldbummel. Da die Forstbeamten nicht

zu Hause waren, änderte Fürstin Sophie ihre Absicht und befahl eine

Spazierfahrt nach Hall und Weng zur Besichtigung dieser Dörfer

und ihrer Kirchen. Fräulein von Gussitsch und der unvermeidliche

Kammerdiener Norbert sollten mitfahren. Norbert, der immer

Steierertracht trug und trotz seiner fünfzig Jahre und des grauen

Schnauzbartes in diesem Kostüm wie ein Junger aussah, schien die

Ausfahrt nicht zu passen. Prüfend hielt er die Hände flach in die

Luft, guckte zum grauen Firmament empor und schüttelte den Kopf so

bedenklich, daß der grüne Ausseer Hut wackelte.

Dieses Manöver wiederholte der fesche Kammerdiener so lange, bis

richtig wie erhofft die Fürstin vom Fenster aus sein Gebaren wahrnahm

und herunterrief: „Was ist’s, Norbert? Glaubst du, daß wir schlechtes

Wetter bekommen?“

„Zu dienen, Durchlaucht! Grobwetter, fürchte ich! Mir tun nur die armen

Pferde leid, wenn sie in einen Wolkenbruch geraten!“

„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert!

Wir bleiben zu Hause!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen

Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag

er dem behaglichen _dolce far niente_ in seiner Kammer. Dann freilich

mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn war zum

Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener einen

länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner gründlich zu

faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen Kaviar und

Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem Lunch nach

Admont zu gehen und die Post zu holen.

Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der

Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte,

fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der

Eile wegen zu Wagen bringen dürfe.

Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer,

für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster

Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt

von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre

Zustimmung.

Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in

Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen.

Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt,

daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte

sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um

die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn

geduldig warten und hungern.

Nach dem Lunch sprach Fürstin Sophie im Flur des Schlößls mit ihm,

hörte seinen Bericht an, wonach in der „Gschwend“ ein schußbarer Hirsch

mit einem Ovalgeweih stehe, der noch vor der Brunft abgeschossen werden

müsse. Sie gab wegen dieses Hirsches keinen Bescheid und erklärte, daß

auf die Führung Gnugessers wegen der unbeständigen Witterung verzichtet

werde.

Die grenzenlose Gutmütigkeit veranlaßte Benjamin zu sagen: „Wohl wohl!

Ganz wie Duhrlauch wünschen! Halt ein andermal! Wünsche wohl gespeist

z’ haben! Empfehl mich g’horsamst!“ Zog sein Hütel und trug Bäuchlein,

Rucksack, Hirschfänger, Büchsflinte, Bergstock und sein goldenes

Herzelein zurück zum „Steinkasten“. Den fuchsigen Patriarchenbart

teilten die leicht zitternden Finger in zwei große Wülste. Dies war das

einzige Anzeichen dafür, daß Beni sich über die „Fopperei“ ein bisserl

geärgert hatte. Als Gnugesser hungrig wie ein Wolf am „Steinkasten“

ankam, war der Patriarchenbart wieder geglättet und in Ordnung, der

kleine Ärger verraucht.

Der von Norbert angekündigte Wolkenbruch kam nicht, nur etliche

Regentropfen wagten die Fahrt zur Erde. Und dann guckte Frau Sonne für

kurze Zeit in die Haller Bergeinsamkeit. Stolz wie ein Spanier fuhr

Norbert nach Admont, selbstverständlich im Fond des Wagens sitzend.

Die Fürstin aber unternahm einen Talbummel, zum reizend gelegenen

Sensenwerk am Fuße der „Haller Mauern“. Dann zurück. Um fünf Uhr Tee

auf der Terrasse, Versuch einer Handarbeit seitens der Fürstin mit

oftmaligem Blick auf das Sträßlein. Fräulein von Gussitsch häkelte

gehorsamst und schwieg untertänigst. Graf Thurn war beurlaubt und

weilte im „Steinkasten“, beschäftigt mit den Vorbereitungen zur

befohlenen Fahrt nach Wien, um vergessene Sachen für die Fürstin zu

holen.

Nach sechs Uhr kam Norbert zurück und überbrachte Zeitungen. Der

erwartete Brief aus Dresden war nicht eingelaufen.

Seufzend, mit einer Kummerfalte auf der Stirne, machte sich Fürstin

Sophie an die Lektüre. Verzichtete aber bald.

„Darf ich vielleicht vorlesen?“ fragte dienstbereit Martina.

„Danke! Ich werde bis zum Diner etwas ruhen! Sorgen Sie bitte dafür,

daß nur zwei Gänge serviert werden, alles übrige streichen! Danke,

werde allein hinaufgehen!“ Freundlich nickend zog sich die Fürstin

zurück.

Mitleidsvoll blickte Martina der Frau nach. Und dann begab sich auch

das Hoffräulein auf das Zimmer.

Kaum zwanzig Minuten währte das Diner, zu dem Graf Thurn nicht geladen

war. Dann hatte der Dienst für Martina ein Ende für diesen Tag in der

Haller Bergeinsamkeit. Huldvolle Entlassung mit Handkuß, tiefer Knicks.

„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“

Ein wehmütiges Lächeln, ein gütiges Kopfnicken. Sophie von

Schwarzenstein zog sich mit ihrem Kummer zurück. Im Schlafzimmer harrte

ihrer die unentbehrliche Hildegard.

*

Der Wind blies durch das Admonter Ennstal und zwang in den etwas

sumpfenden Niederungen Schilf und Riedgräser zu respektvollsten

Verbeugungen. Reingefegt war das Firmament, kahl und klar starrten

die vielen Felsriesen in den lichten Himmelsdom: weißbestreut die

Spitzen der „Haller Mauern“, rechts der Enns die wuchtigen Türme

des „Sparafeld“, der „Reichenstein“, das „Hochtor“ und die vielen

Bergkolosse, die sich zusammendrängen, um das berühmte „Gesäuse“,

eine gigantische, von der tosenden Enns durchflossene Felsenwildnis,

zu bilden. Inmitten des lieblich grünen, bergumrahmten Admonter

Talbeckens erhebt sich zur Höhe von siebenzig Metern das schlanke,

doppeltürmige St.-Blasius-Münster, die elegante Domkirche im gotischen

Stile, umgeben von den quaderngefügten Gebäuden des uralten, von vielen

Schicksalsschlägen heimgesuchten Benediktinerstiftes Admont.

Wie liebkosend umspielten die Sonnenstrahlen diese Stätte emsigen

Fleißes, der Gelehrsamkeit, der Wohltätigkeit und klösterlichen Arbeit.

Der im Jahre 1074 gegründeten, im Laufe der Jahrhunderte durch

wissenschaftliche Tätigkeit hochberühmt gewordenen Benediktinerabtei,

an die sich die Häuser des Marktfleckens Admont schmiegen wie

Küchlein um die Mutterhenne, galt der Besuch der Fürstin Sophie von

Schwarzenstein.

Im munteren Trabe eilte der fürstliche Wagen dem einzig schön

gelegenen, imposanten, vornehme Ruhe kündenden Stifte zu. Im Fond saßen

die Fürstin Sophie und das Hoffräulein von Gussitsch, beide in schwarze

Seide gehüllt, auf dem Rücksitze Graf Thurn. Auf dem Bock neben dem

Kutscher der unvermeidliche Norbert in der schmucken Steierertracht.

Die Diener ganz Würde, schier spanische Grandezza.

Im Anblick der im Süden aufgetürmten Bergkolosse und des herrlichen

Münsters vergaß die Fürstin der nagenden Sorgen, auftauend pries sie

die Schönheit des Gotteshauses inmitten des entzückenden Geländes.

Und Graf Thurn mußte rasch über die Geschichte des Stiftes einige

Informationen geben. Marschallsaufgaben, auf die der gewandte Beamte

sich ahnungsvoll vorbereitet hatte und deren er sich aalglatt

entledigte. Und mit Eleganz verstand Graf Thurn das Interesse der Frau

für einen Novizen des Stiftes zu erwecken, indem er erzählte, daß ein

junger Kleriker mit Jägerblut in den Adern schwer ringe und kämpfe, um

die Jagdleidenschaft zu bezwingen bis zum Tage der für das ganze Leben

entscheidenden Profeßablegung.

Für einen Moment wich die Farbe aus dem Antlitz der Fürstin, die Wangen

wurden kalkig, das Haupt sank um etliche Zoll tiefer wie in jäher

Betroffenheit und weher Erinnerung. Doch sogleich richtete sie sich

auf, eine leichte Röte schoß in die Wangen, und voll Interesse rief

sie: „Was Sie sagen! Ein Novize, also ein eingekleideter Kleriker, von

Jagdpassion erfüllt, Sohn eines Berufsjägers! Und für immer entsagen

müssen! Den jungen Mann möchte ich kennenlernen, mit ihm sprechen!

Bitte, veranlassen Sie, lieber Graf, das Weitere!“

Der Wagen rollte schnell die Hauptgasse des saubergehaltenen

Marktfleckens entlang, die Bewohner grüßten respektvoll den --

Kammerdiener.

Am Portal der Prälatur harrte Pater Wilfrid in seiner offiziellen

Eigenschaft als Gastmeister des Stifts, neben ihm ein Klosterfrater,

des hohen Gastes.

Bei der Anfahrt winkte Fürstin Sophie dem Pater huldvoll grüßend zu,

ersichtlich in bester Stimmung. Und Wilfrid erwies Reverenz durch eine

tadellose Verbeugung.

Ein Ruck, die Pferde standen mit schlagenden Flanken. Norbert flog vom

Bock wie ein Blitz und riß den Schlag auf.

Die breite Steintreppe auf weichem Teppich hinansteigend, sprach die

Fürstin von dem vorzüglichen Eindruck, den zunächst äußerlich das

Münster wie die Stiftsgebäude hervorrufen.

Pater Wilfrid bat, es wolle Durchlaucht sich noch eine Treppe höher

bemühen, an der Prälatur erwarten Seine Gnaden der Herr Abt den hohen

Besuch.

„So feierlich? Wohl vorschriftsmäßige Empfangsetikette? Aber unnötig!

Privater Besuch, diktiert von regstem Interesse, wobei eine gewisse

Sympathie mitspielt, denn mein ‚Hofpfarrer‘ ist ja Admonter Stiftsherr!“

„Untertänigsten Dank, Durchlaucht, für so viel Huld und Gnade!

Ganz nach Vorschrift kann sich der Empfang des hohen Gastes leider

nicht vollziehen, da unser Prior verreist ist, also nicht zur

Reverenzerweisung erscheinen kann! Alles übrige im Programm wird

hoffentlich klappen!“

„Was? Ein ganzes Programm? _Mea culpa_, ich hätte besser getan, den

Besuch nicht anzukündigen, die Stiftsherren zu überrumpeln, um das

Vergnügen einer ‚_sweet disorder_‘ genießen zu können!“

„Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Durchlaucht trotz der

Besuchsansage dieses ‚Vergnügen‘ dennoch teilhaft werden können, denn

unsere _Camerieri_ sind nicht höfisch geschult, _ils travaillent pour

le bon Dieu_ und -- entbehren der Grazie!“ Wilfrid spitzte den Mund,

als wollte er Honig schlürfen, und blinzelte dazu.

Kichernd ging Sophie auf den Scherz ein und rief: „Milch geben, viel

Milch den Leuten!“

Der Fürstin folgten Graf Thurn und Fräulein von Gussitsch. Der

Hausmarschall flüsterte: „Gottlob, die Stimmung ist vortrefflich!“

An der zur Prälatur führenden Flügeltüre stand die hohe Gestalt des

Abtes Beda. Ein Vierziger im Galahabit, auf der Brust die goldene

Kette des _Summus Abbas_. Schlanke Eleganz der Erscheinung, Würde und

Noblesse, durchgeistigt die Gesichtszüge, Ruhe und Milde im Blick. Die

feine, hohe Gestalt gleichsam umweht von Höflichkeit und Toleranz.

Ein Idealpriester, von Liebe, Vertrauen und Hochachtung der Mitbrüder

im Konvent erkoren und erwählt zur höchsten Würde, die das Kapitel zu

vergeben hat. _Primus inter pares._ Mit weltmännischer Ehrerbietung

begrüßte Abt Beda die Fürstin und hieß sie unter Dankesversicherungen

für den auszeichnenden Besuch willkommen.

Den Begleitern wurde eine höfische Verbeugung gewidmet, indessen Sophie

den Grafen Thurn und ihre Hofdame vorstellte.

Die erste Besichtigung galt der berühmten Bibliothek, einer Sammlung

von 80000 Bänden, von über 1100 Handschriftenbänden und fast 1000

Inkunabeln.

Die Führung übernahm hier der Archivar und Bibliothekar Pater Leo, ein

großer, breitschulteriger Mönch in strammer Haltung, dem der Offizier

aus den Augen leuchtete. Und ein Schmiß im freundlichen Gesicht verriet

den früheren Studenten.

Mit ersichtlichem Wohlgefallen und vielem Interesse wandte sich Sophie

diesem Benediktiner zu, der es ausgezeichnet verstand, alles für Damen

Überflüssige und Uninteressante auszuscheiden und knapp nur auf das

Wichtigste aufmerksam zu machen.

Die üppigen Formen der italienischen Spätrenaissance des prachtvollen,

durch zwei Stockwerke reichenden Saales, die herrlichen Fresken und

Deckenbilder, welsche Kunst und deutsche Skulpturen nahmen die Fürstin

sofort gefangen und lösten Rufe der Bewunderung aus. Zur Erklärung

der Bildhauerarbeiten des Meisters Stammel, für die Hinweise auf die

drolligsten Burlesken, auf weihevolle Stimmung und beißenden Witz, auf

olympische Schönheit und bäuerliche Derbheit in den Schnitzereien war

Pater Leo der richtige Mann, dessen trocken witzige Bemerkungen die

hohe Frau höchlichst belustigten und auch Fräulein von Gussitsch zum

Kichern brachten.

Für die Manuskriptfragmente aus dem achten und neunten Jahrhundert

setzte der Bibliothekar kein Interesse voraus, aber auf das kostbare

prachtvolle Missale aus dem zwölften Jahrhundert machte er aufmerksam,

ebenso auf die handschriftliche Reisebeschreibung des Marco Polo.

Vor diesem interessanten Manuskript im Glaskasten blieb die Fürstin

stehen und sprach: „Wie ist es nur? Von dem uralten Zeug versteh’ ich

nichts, dennoch klingt der Name so bekannt, ja modern! Haben Hochwürden

dafür eine Erklärung?“

Pater Leo, ein Schalk wie sein Kollegissimus Wilfrid, verzog keine

Miene, verbeugte sich leicht und erwiderte: „Durchlaucht wollen in

Gnaden an die höchstmoderne -- Teesorte Marco Polo denken!“

„Ach ja! Das ist es! Danke bestens!“ Zufällig blickte Sophie dem

in ihrer Nähe stehenden Pater Wilfrid ins Gesicht, der abermals

die Lippen gespitzt hatte. Auflachend drohte sie dem Gastmeister

mit dem Zeigefinger: „_Sano compatrioti_, ein Schalk ärger wie der

andere! Aber liebenswürdige Herren, die Gott sei Dank gar nichts --

Spanisch-Inquisitorisches an sich haben! Was meint mein ‚Hofpfarrer‘?“

Wilfrid erwiderte respektvollst und strohtrocken: „Durchlaucht haben

immer recht! Im Stift spricht nur einer Spanisch, nämlich ich, und zwar

kann ich nur die wenigen Worte: _beso la mano_! Mehr ist vom Übel!“

Der Reihe nach wurden die herrliche Kirche, der Stiftsgarten und

Keller besichtigt, und zwar unter Führung des Abtes. Als Sophie dann

den Wunsch aussprach, die Klosterküche anschauen zu dürfen, tauchte

als Cicerone wieder Pater Leo auf und sprach verbindlichst: „Darf ich

bitten, sich abermals meiner Führung anzuvertrauen?“

Die Fürstin rief verdutzt: „Nanu?! Was hat denn den Archivar und

Bibliothekar die Klosterküche zu kümmern?“

„Zu dienen, Durchlaucht! Ich bin nämlich auch noch der Pater

Kuchlmeister, der im Schweiße seines Angesichts für die Mägen der

Stiftsherren zu sorgen hat! Und hoffentlich verschmähen die hohen

Herrschaften die von mir bereitgestellte Jause in der Prälatur nicht!“

„Archivar, Bibliothekar und Kuchlmeister, köstliche Zusammenstellung!“

„Köstlich finde ich diese _cumulatio_ gerade nicht!“

„Was sind Sie denn noch alles?“

„Die Bauern von Weng muß ich zum Himmel führen, so wie der Pater

Wilfrid in Hall!“

„Ein vielbeschäftigter Mann!“

Pater Leo versicherte, man habe die Förderung des geistigen und

leiblichen Wohles der Stiftsangehörigen absichtlich in eine Hand

gelegt, auf daß -- nicht zuviel des Guten auf beiden Seiten geschehe...

Die Damen lachten vor Vergnügen über diesen Scherz.

Graf Thurn verabschiedete sich; für ihn war die Stunde der Abreise nach

Wien gekommen.

In der Prälatur, den Wohnräumen des Abtes, angekommen, sprach die

Fürstin die Bitte aus, es möge ihr der „Novize mit dem Jägerblut“

vorgestellt werden. Zugleich bat sie den Abt um Mitteilung der

Verhältnisse. „Kann ich etwas zugunsten und zum Nutzen des jungen

Mannes tun, so bitte ich, es mir zu sagen!“

Abt Beda geleitete die Fürstin in das Empfangszimmer, während Fräulein

von Gussitsch und die Stiftsherren Wilfrid und Leo in das für hohe

Gäste bestimmte Speisezimmer der Prälatur traten.

Abt Beda teilte der Fürstin mit, daß der Novize Nonnosus ein

übereifriger Student und beflissen sei, durch strenge Aszese der

Jagdleidenschaft Herr zu werden. Dadurch schädigte der Novize seine

Gesundheit in nicht unbedenklichem Maße. Väterliche Ermahnungen

zur Einschränkung der selbstgewählten Aszese und des übereifrigen

Studiums hatten keinen Erfolg. „Ich bin nun gerne geneigt, dem braven

Novizen Erholung und Zerstreuung zu gönnen und sogar eine Ausnahme zu

gestatten! Nur will es mir fraglich erscheinen, ob beispielsweise eine

Beteiligung am Jagdvergnügen bei dem Novizen den seelischen Zustand

bessern wird oder kann! Die Möglichkeit soll ja nicht bestritten

werden! Anderseits kann die Ausübung der Jagd die Leidenschaft erst

recht steigern!“

Fürstin Sophie fragte sehr interessiert: „Ist denn einem Kleriker die

Jagdausübung überhaupt gestattet?“

„Um das _Decorum clericale_ und namentlich die spezifisch klerikalen

Tugenden zu wahren, sollen sich, gemäß den kirchlichen Bestimmungen,

Geistliche gewissen Vergnügungen entschlagen! Direkt und streng

verboten ist die Jagd mit Hunden und Falken, die _Venatio clamorosa_,

das ist die lärmende Jagd! Die Kanonisten folgerten aus diesem strikten

Verbot, daß die Jagd mit Netzen oder die Pirsche, die _Venatio quieta_,

den Geistlichen erlaubt sei! Für diese Unterscheidung der Jagdarten

scheint sogar das Konzil von Trient zu sprechen! Selbstverständlich

können die Bischöfe jegliche Jagdart verbieten!“

„Was ist daraus zu folgern?“

„Wenn ich wüßte, daß ein kurzes, auf einige Tage beschränktes

Jagdvergnügen dem Novizen gesundheitlich nützen und psychisch nicht

schaden würde, wäre ich geneigt, ausnahmsweise die Erlaubnis zu

erteilen! Der Aufenthalt in der Höhenluft dürfte dem armen jungen Manne

sicher gut tun!“

„Unter diesen Umständen bitte ich, mir den Novizen in Zivilkleidung

nach Hall zu senden! Ich werde ihn mit hinaufnehmen, etwa zur

Pyrgashütte, und dort pirschen lassen! Dort oben hat er Höhenluft!

Und vielleicht gewährt die nun doch ermöglichte Jagdgelegenheit eine

Beruhigung der aufgewühlten Nerven! Der Mensch wünscht am heißesten

das, was er nicht bekommen kann! Die Jägerei wird für den Novizen

sofort an Wert und Lust verlieren, wenn er sie ausgiebig betreiben

kann! Er soll nach Herzenslust Gemsen schießen, ich gönne ihm diese

Freude! Ja, ich bin nun überzeugt, daß die Jagdleidenschaft durch

reichliche Abschußerlaubnis sich vermindert und ganz verschwindet!

Also, mit Ihrer Zustimmung, machen wir das interessante Experiment!

Senden Sie mir demnächst den jungen Kleriker nach Hall, ich werde das

Weitere veranlassen! Auf die Vorstellung jetzt verzichte ich!“

Mit aller Ehrerbietung und doch herzlich dankte der Abt für diesen

Huldbeweis. Und dann geleitete er die Fürstin in das Speisezimmer, wo

die Hofdame und die beiden Stiftsherren warteten.

„Nun rasch eine kleine Jause zur Stärkung! Ich möchte nicht länger

stören!“ Kaum hatte die Fürstin Platz genommen, beeilte sich der

Gastmeister Pater Wilfrid Flaschenwein zu kredenzen.

„Wie? Wein?“ rief die Fürstin überrascht, „Pater Wilfrid behauptet

doch, daß die Stiftsherren auf Grazie und Geist halten, also -- Milch

trinken und sich von Eiern nähren!“

„Ganz richtig! Tun wir auch -- zuweilen! Den hohen Gästen reichen wir

aber Wein trinkbarer Sorte aus unseren Weingärten!“

Ein Frater servierte kalten Aufschnitt und Schinken in einer

auffallenden Befangenheit, und zwar nur den Damen.

Die Stiftsherren saßen zwar am Tische, nahmen aber nichts zu sich,

da just an diesem Tage das Gebot: _jejunium_, Enthaltsamkeit,

nur einmalige Sättigung, zu befolgen war, ein Gebot, das sich

selbstverständlich nicht auf die Klostergäste erstreckt. Pater

Wilfrid, als Mann von Takt, bemühte sich, durch ein Gespräch zu

verhüten, daß die Fürstin auf diese pflichtgemäße Enthaltsamkeit der

Klosterangehörigen aufmerksam werde. Er sprach von jener ‚_sweet

disorder_‘, jener „süßen Unordnung“, die stets dann eintrete, wenn

hoher Besuch im Hause weile, da die Domestiken sich mit Vorliebe zu --

drücken pflegen. „Auch heute ist es der Fall! Ich muß daher inständig

um Entschuldigung bitten, daß ein im Servierdienst ungeschulter Frater

die hohen Gäste in wenig genügender Weise bedient!“

„Aber nein! Der Frater macht seine Sache ganz vortrefflich!“ Und nun

gewahrte die Fürstin die Enthaltsamkeit der Herren. „Warum greifen denn

die hochwürdigen Herren nicht zu? Frater, servieren Sie, bitte, den

Stiftsherren!“

Nun war doch eingetreten, was Pater Wilfrid hatte verhüten wollen.

Und die Verlegenheit machte der Frater vollständig, als er der Fürstin

wichtigtuend zuflüsterte: „Wir haben _jejunium_!“

„Was haben Sie?“

„Fasttag haben wir!“ platzte der Klosterbruder heraus. Ein Wink des

Abtes veranlaßte den Pechvogel, schleunigst zu verschwinden.

Die Fürstin erhob sich, dankte für die liebenswürdige Bewirtung und bat

um den Wagen.

Unter Beachtung des üblichen Zeremoniells vollzog sich die

Verabschiedung.

Schon zogen die Pferde an, da ließ die Fürstin anhalten und bat den

Gastmeister, dafür zu sorgen, daß jener Frater nicht -- bestraft werde.

„Milde üben, ja!“

„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde es dem Herrn Abte melden!“

„Vielen Dank! Auf baldiges Wiedersehen!“

Nun rollte der Wagen über den Hof und bog in die Hauptstraße ein.

Norbert auf dem Bock drehte sich um und meldete der Gebieterin, daß

er die Post bereits geholt habe. Wissend, wie sehnsüchtig Durchlaucht

einen Brief aus Dresden erwartete, griff Norbert in die Tasche, um den

Brief zu überreichen.

Mit einer leichten Handbewegung wehrte die Fürstin ab. Wunderbar wußte

diese Frau sich zu beherrschen. Aber auch Norbert wußte, was er zu tun

hatte. Zum Kutscher sagte er: „Schnell fahren!“

Hinter der Ennsbrücke wurde ein rasendes Tempo genommen, eine wilde

Jagd begann, die ein Sprechen der Wageninsassen unmöglich machte.

Sophie hatte aber gar nicht die Absicht, zu sprechen. Mit geschlossenen

Augen, bleich vor Erwartung, saß sie im Wagen und ließ sich rütteln und

stoßen.

Fräulein von Gussitsch klammerte sich mit beiden Händen an den Rand

des Wagenschlages, um nicht an die Fürstin geschleudert zu werden. Den

Zweck dieser tollen, rasenden Fahrt: die Zeitverkürzung, begriff sie.

Aber lebensgefährlich war diese Ersparnis weniger Minuten doch.

Martina atmete auf, als der Wagen vor der Villa hielt.

„Ich sehe Sie bei Tische, bis zum Diner sind Sie frei, liebe

Gussitsch!“ sprach die Fürstin und schritt, von Norbert gefolgt, ins

Haus. Nun doch fast zappelig, nervös, aufgeregt. Zwei Stunden hatte

Martina Zeit, um sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen, was

denn eigentlich dieser Sorgen bereite und weshalb die Fürstin einsam in

dieser Weltabgeschiedenheit weile, der Sohn aber auf Reisen sei. Warum

die Trennung?

Aus dem Verhalten der Fürstin bei Tische konnte Martina nicht klug

werden. Sie war einsilbig, wachsbleich, gedrückt. Manchmal öffnete sie

die Lippen, als wollte sie sprechen, sich durch eine Mitteilung von

seelischem Druck befreien. Aber es kam kein Wort. Ein Ringen nach einem

Entschlusse. Beängstigende Stille. Dann ein Wink; Norbert verschwand

aus dem Speisezimmer.

Und nun richtete Fürstin Sophie an Fräulein von Gussitsch die Bitte,

dem Baron Wolffsegg, dem Begleiter des Prinzen Emil, zu schreiben, es

möge der Adjutant sorgsamst kontrollieren, mit wem der Prinz verkehre...

Martina traute ihren Ohren nicht und wagte es auch nicht, einen

forschenden Blick auf die Gebieterin zu richten.

Leise sprach die Fürstin im Tone der besorgten Mutter: „Es ist

mein Wunsch, daß Wolffsegg Leute fernhalte, die meinen Sohn übel

beeinflussen könnten!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“

„Verstehen Sie mich, bitte, recht! Schonend schreiben! Es soll dem

Baron kein Vorwurf gemacht werden, um Himmels willen nicht! Wolffsegg

ist ja ein tadelloser Kavalier, eine treue Seele, seit Jahren bewährt!

Also nicht die Spur einer Rüge! Höchste Vorsicht, die ja auch wegen der

Eigenart meines Sohnes geübt werden muß!“

Martina richtete nun einen verschüchterten Blick auf die bleich

gewordene Fürstin. Und bebenden Tones sprach die ängstlich und unsicher

gewordene Hofdame davon, daß sie den Brief mit denkbar größter Vorsicht

entwerfen, das Konzept zur höchsten Genehmigung unterbreiten werde.

„Die Unterbreitung ist nicht nötig! Sie besitzen ja Taktgefühl,

liebe Martina! Ich bin überzeugt, daß Sie den Brief ganz nach Wunsch

konzipieren werden. Leicht wird es freilich nicht sein! Größte

Vorsicht, denn es besteht die Gefahr, daß Wolffsegg die Bitte verübelt,

in mißverständlicher Auffassung mit dem Prinzen darüber spricht und daß

dadurch mein Sohn sich verletzt fühlt!“ Ein tiefer Seufzer der Sorge

folgte diesen Worten.

Wieder trat eine Pause ein. Die Fürstin schien zu überlegen oder sich

in wehmütige Erinnerungen zu vertiefen.

Angesichts dieser Situation wünschte Martina sich auf eine einsame

Insel im Indischen Ozean, möglichst weit weg von dem fürstlichen

Jagdschlößl...

Sophie richtete sich etwas auf und sprach leise, unsicheren Tones:

„Sie kennen meinen Sohn noch nicht! Sie sind ja erst nach seiner

Abreise in meine Dienste getreten! Ich muß Sie deshalb einigermaßen

informieren, daß mein Sohn -- leider Gottes -- apathischer Natur ist!

Blasiertheit kann man seinen Seelenzustand nicht nennen, vielleicht

liegt ein ungewöhnlicher Mangel an jeglichem Lebensinteresse vor! Zum

Zwecke einer sozusagen geistigen Aufrüttelung ist die Reise zunächst

nach Dresden angetreten worden! Mein armer Sohn sollte aus dem Bereich

der Wiener Luft gebracht werden...! Neue Menschen und vielleicht

auch -- Frauen soll er kennenlernen! -- Können Sie die Sorgen einer

angsterfüllten Mutter verstehen, liebe Martina? Sie sind allerdings

noch sehr jung, immerhin ein weibliches Wesen! Frauen können sich

verstehen oder doch in derlei Situationen hineindenken!“

„Zu dienen, Durchlaucht!“ Mehr konnte Martina beim besten Willen nicht

sagen. Und unmöglich fragen, welche Bewandtnis es mit dem Dresdner

Briefe habe, der anscheinend so große Sorgen wachrief.

Sophie strich sich mit der schmalen Rechten über die Stirne. „Wenn

ich vorhin davon sprach, daß wir ein geistiges Erwachen erstreben,

so muß diese vertrauliche Bemerkung ergänzt werden, und zwar dahin,

daß mein Sohn in Dresden etwas aufgewacht ist! Mehr als mir lieb ist,

zu meinem Schrecken! Was Emils Brief an mich beweist! An sich ist

dieses Aufwachen gewiß erfreulich als Zeichen dafür, daß Emil sich für

Menschen zu interessieren beginnt, die Apathie abgestreift hat!“

Wieder trat eine Pause ein. Sophie sann und überlegte.

Im Speisezimmer war es dunkel geworden. Den Wald umwoben die Schatten

der aufziehenden Sommernacht.

Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der

Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument

doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie,

liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau

informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den

Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen!

Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere

Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie

sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den

Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und

Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die

prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und

versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche.

„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“

„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und

klingelte.

Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre

Zimmer.

Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen.

Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht

gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen.

Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte

Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen

Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war

allenfalls die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr

witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher

apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist

und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit

ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen

Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine

Frau suchen!

Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu

schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen

Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde,

die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen.

Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett.

*

Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl,

dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte,

ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung

aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und

Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das -- Prügelmädchen sein in

Ermangelung eines Prügelknaben.

Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt

und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und

gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf -- „höchsten“ Wunsch...

Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja die Fürstin

jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte.

Also lief die Epistel nach Dresden...

Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch

zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte

endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben.

Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust,

den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und

höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard

Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts,

denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung

des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen.

Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch

einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach

seinen Wünschen.

Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch

mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem

häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß

eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht

selber -- wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn

abschieße?!“

„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser

Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“

In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung

und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft

im Jagdbetriebe. Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht

verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß

auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung

verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte.

Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin

mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und

in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen

dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“

Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber

stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein

Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust,

mit Zorn in der Kinderseele.

Knirschend stieß Beni hervor, -- hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl

--: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt

gar auch -- Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir

gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte...

Die Abwesenheit der Gattin zur Mittagszeit war auch nicht geeignet, die

üble Laune Benis zu bessern. Blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst

zu kochen: Spiegeleier und Salat dazu. Mehr von der Kochkunst war nicht

sein eigen.

Vergeblich fragte er sich, was denn zur Mittagszeit um Himmels

willen Amanda auswärts zu tun haben könne. Mehrmals war die Gattin

schon abwesend. Eine auffallende Pflichtvernachlässigung und

Rücksichtslosigkeit!

Lange konnte sich Gnugesser derlei Fragen nicht hingeben; er mußte nach

Tisch wieder in den nimmerruhenden Dienst.

Zum Abend war Amanda allerdings zu Hause, das schlecht gekochte Essen

bereit; die Gattin war aber nicht geneigt, Aufschlüsse über ihre

Abwesenheit zu geben. Da sie indes versicherte, sich unlieb verspätet

zu haben und just heimgekommen zu sein, wie Beni nach Tisch in das

Revier ging, ließ sich der herzensgute Mann leicht beschwichtigen.

Leicht gelang der Gattin der Themawechsel durch die Frage, was es Neues

in den Revieren gäbe.

Bei Gnugesser war indes der Ärger schon verraucht; vor Amanda

wollte er nicht über die Fürstin reden, schimpfen erst recht nicht.

Ein einzig und winzig Würmchen nagte allerdings noch gar emsig in

der Brust: der Neid! Den Beamten bleibt ein Abschuß versagt, der

Theologe hingegen darf Gams nach Herzenslust niederknallen. Beni war

gar nicht leidenschaftlicher Jäger, ganz frei von Schießwut; wegen

der Abschußerlaubnis beneidete er den Theologen aber doch, den er,

der fromme, kirchenfreundliche Beamte, in allergeheimsten Gedanken

einen „Schleicher“ und „Kittelpfaffen“ genannt hatte. Denn es war

doch gar nicht zu bezweifeln, daß der Theologe die Abschußerlaubnis

„erschlichen“ haben mußte. Kittelprotektion! Weiberwirtschaft im Revier!

„Friert dich in der Zung, weil ich keine Antwort auf meine Frage

bekomm?“ klang es spitz von den Lippen Amandas.

Gutmütig lachte Beni: „Nein, nein! Ist ja Sommer! Nur Gedanken hab’ ich

mir gemacht, weil -- na, ist Dienstsache, also Amtsgeheimnis! Neues

gibt es nichts! Nicht einmal Bescheid haben wir wegen der definitiven

Übernahme beim alten Gehalt!“

Schnippisch warf Amanda das Wort „Amtsgeheimnis“ hin. „Lächerlich das

Verschanzen hinter das Dienstgeheimnis, wo doch eine Frau regiert und

dirigiert! Da werden die Amtsgeheimnisse strengstens gewahrt bleiben!

Übrigens: was das Gehalt anbelangt, muß unbedingt eine Aufbesserung

eintreten!“

„Die Aussichten sind dazu nicht gut! Kein Darandenken!“

„Im Gegenteil: davon reden, und das bei nächster Gelegenheit!“

„Um Gottes willen nicht, Weiberl! Es könnt die Fürstin verschnupfen! Wo

sie eh nicht in rosiger Laune ist und auch noch gspaßige Ansichten vom

Jagdbetrieb hat!“

„Ich bin keine Klosterfrau, also laß ich mir das Reden nicht verbieten!

Ich werde mir die Fürstin schon fürifangen! Frau zu Frau redet sich

viel leichter, als wenn ein Mannsbild dabei ist!“

„Warum bist du denn so erpicht auf eine Gehaltsaufbesserung? Du

profitierst ja davon doch nichts, direkt wenigstens nicht!“

„Der Herr Forstwart irrt sich da aber ganz gewaltig! Ist übrigens egal,

ob Aufbesserung oder nicht: die Frauenarbeit im Ehestande muß von nun

an bezahlt und gelohnt werden! Mit Bargeld!“

Beni lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte und Lachtränen aus den Augen

sprangen. Und übermütig zitierte er den Wiener Gassenhauer: „Maderln,

hebt’s d’ Füß in die Höh, heut geigt der Strauß!“

„Laß doch das hölzerne dumme Gelächter! Dir wird das Spotten schon

vergehen, wenn es blechen heißt!“

„Vom Zahlen bin ich allerdings kein Freund, weil ich allweil z’ wenig

Geld hab trotz aller Sparsamkeit! Aber der Witz von Bezahlung der

Ehefrau für ihre Arbeit im Hausstand ist so gut, daß ich mir ein

Flaschel Bier jetzt kaufe! Der Witz muß begossen werden!“

„Laß die Faxen, Beni! Es ist Ernst, nicht Scherz!“

„Die Leichenbittermiene steht dir ausgezeichnet, nur mußt ein schwarzes

Seidenkleid dazu anziehen!“ spottete der belustigte Ehemann.

„Hör zu und paß auf, Beni! Es ist heiliger Ernst! Das neue Gesetz

bestimmt, daß den Ehefrauen für ihre Arbeit im Hausstand ein Drittel

des Gehalts oder Jahreseinkommens des Ehemannes ausgezahlt werden muß!

Von Rechts wegen! Gesetz ist Gesetz, es muß befolgt werden von jedem

Staatsangehörigen!“

„Ganz ausgezeichnet! Den Witz schick an die ‚Fliegenden Blätter‘, er

wird sicher angenommen und honoriert! Weißt was, Weiberl, für das

Honorar kaufen wir uns dann im Admonter Stiftskeller ein Flascherl

‚Eisentürer‘!“

„Wer nicht hören will, muß fühlen! Der Ernst des neuen Gesetzes wird

dich schon zwicken! Ohne Gehaltsaufbesserung, also nach deinem jetzigen

Einkommen, gebührt mir ein Jahreslohn von sechshundert Kronen für

meine Hausfrauenarbeit! Diese Summe verlange ich! Und kraft des neuen

Gesetzes bestehe ich auf Bezahlung dieser Summe! Und im Weigerungsfalle

werde ich dich, wozu ich gesetzlich berechtigt bin, vor Gericht

belangen!“

Beni schrie vor Vergnügen, trommelte mit den Fäusten auf der

Tischplatte, und im Übermaß der Freude an dem köstlichen Witz begann er

in Schlappschuhen zu schuhplatteln, ahmte die Bewegungen des balzenden

Urhahnes nach und wollte die Gattin animieren, sich am „Platteln“ zu

beteiligen.

Amanda in höchster Entrüstung versetzte dem seelenvergnügten, lachenden

Gatten einen Stoß, der Beni ins Torkeln brachte, dann aber rauschte

Amanda aus der Stube. Krachend flog die Tür ins Schloß.

In herrlichster Laune pfiff Benjamin die lustige Melodie des

„Schuhplattlers“ zu Ende. Und dann holte er sich wirklich ein Fläschle

Bier aus dem Keller, um den Witz und das famose neue Gesetz zu

begießen. Allein allerdings, denn Amanda ließ sich für diesen Abend

nicht mehr sehen.

Merkwürdig -- mit einem Male wollte dem einsamen Zecher das Bier nicht

mehr schmecken. Wenn Amanda keinen Witz gemacht haben sollte, wenn

wirklich ein neues Gesetz bestünde?

„Unmöglich!“ knurrte Beni, dem das Lachen vergangen war. „Es sind die

unglaublichsten Gesetze schon gemacht und sanktioniert worden, aber

noch nie ein Gesetz, wonach die Ehefrau wie eine Dienstmagd einen

Lohn für ihre Arbeit im Hausstande bekommen solle. Ein solches Gesetz

kann doch gar nicht gemacht werden! Undenkbar! Durch eine derartige

Lohnzahlung würde die Hausfrau ja zur Dienstmagd herabgedrückt, jeder

Würde beraubt werden! Ein verrücktes Gesetz wäre das! Und gleich ein

Drittel des Jahresgehaltes oder Einkommens! Wer kann denn das leisten

und erschwingen? Die Subalternbeamten mit ihrem winzigen Gehalt! Die

Gewerbetreibenden! Die Bauern!“

Je länger Benjamin über das neue Gesetz nachdachte, desto schwüler

wurde ihm trotz der Abendkühle, die durch die offenstehenden Fenster

in die Stube drang. Ganze zwölfhundert Kronen vom Gehalt würden nach

Abzug des „gesetzlichen“ Lohndrittels verbleiben für den Haushalt, für

alle Bedürfnisse des Lebens, für Kleider, Schuhe usw. Unmöglich ein

Auskommen mit einer so winzigen Summe! So unsinnig und grausam kann

doch eine Regierung nicht sein, die schlechtbesoldeten Ehemänner zu

zwingen, der Gattin ein Drittel des Jahresgehaltes auszuzahlen.

Im bitteren Sinnieren fand Gnugesser ein Körnchen Trost: ein klein

bißchen „überspannt“ ist Amanda als frühere Lehrerin, sie wird

vielleicht irgend etwas dem angeblichen Gesetze Ähnliches aufgeschnappt

und nicht recht verstanden haben. Das vermeintliche, unmögliche Drittel

würde just der Gattin in den Kram passen, denn auf Geld ist sie erpicht

wie Meister Petz auf Zeidelhonig!

Beni beschloß, sich wegen des „neuen“ Gesetzes zu erkundigen, am besten

beim Pfarrer Pater Wilfrid, der doch davon auch etwas wissen muß. Ist,

wie zu erwarten steht, nichts Wahres an dieser ohnehin unglaublichen

Sache, so werden der überspannten Gattin die Lohndrittelmucken bald

ausgetrieben sein. In aller Güte und Gemütlichkeit selbstverständlich.

Denn wehe tun möchte Beni der Gattin nicht...

Im Schlafzimmer fand er Amanda schlummernd. Ihre geschlossenen Augen

täuschten und beruhigten ihn. Kaum hatte Beni das Licht ausgelöscht,

flammten Amandas Rätselaugen auf...

Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark · 第 13 / 60 题