Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die
obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des
„Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine
Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in
der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte
Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit
dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo
sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der
Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche
Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter
Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des
Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in
der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten
Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht
viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der
Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der
schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als
Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue
dir auch nix!“
Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte
er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der
Xandl! Bist natürlich -- dienstlich da, wie ich!“
Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und
machte sich vor der Hütte zu schaffen.
„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen
wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von
der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“
„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen.
„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis!
Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin -- schußneidisch sein!
Spannst was, Eichkitz?“
Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich
darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis!
Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“
„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch
schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“
„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet
sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“
Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn
nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’
holen!“
„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“
„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“
„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber
weil die neue Besitzerin ein Weib ist, kann derjenige nur profitieren,
der es versteht, das Weib zu behandeln!“
„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur
ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit
nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten
Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“
„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im
Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig
anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch!
Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar
nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“
„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“
„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist
bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb
mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein
Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich
spekulier darauf!“
„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“
„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich!
Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald
abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“
„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß
ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“
„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen
haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager
bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen
gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“
„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in
unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte,
fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich
geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst.
Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang
fortzusetzen.
Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert
es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so
Wichtiges zu verhandeln g’habt?“
„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der
hübsche Jäger.
Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was
sagst?“
„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“
„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“
„Derweilen wissen wir noch gar nix!“
„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen
tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du
mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen
Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst
dich nicht?!“
„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz.
Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte.
Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte
in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“
*
Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf
dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend,
warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl
und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft
verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit
verloren zu haben.
In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten
Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über
Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür
soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“
„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr
herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und
Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl
und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen.
An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm
schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm
zahlen muß!“
Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die
Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine
Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“
Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die
Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und
umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun
wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben.
„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der
Stamm gefällt werden! Aber vorher mußt die Tax in der Kanzlei des
Oberförsters zahlen!“
Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte
Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten,
das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung
unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte
anzuplätzen.
Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim.
Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung
hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits
erlegt habe.
„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine
Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche
eines besonders kräftigen Baumes.
Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem
ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich
gegen die Zuweisung einer -- Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden
der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich
nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“
Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht
nehmen wolle.
Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen
Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte
Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im
tännernen Holz die Flöh wachsen!“
Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon
bis jetzt nichts gewußt zu haben.
„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh, das weiß jeder
Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich
nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“
Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine
astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten,
daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“
Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die
seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit
dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen.
Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter
zum Forsthause beim Dörflein Hall.
Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet
von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst-
und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei
Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre,
der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die
Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit
Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen.
Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des
Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders
gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der
sorgsamen Hand.
„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und
hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und
Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe.
Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in
das Nähkörbchen. „Du bist schon da?“ stieß die junge, blasse Frau aus
und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über
mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase,
eckig die Gestalt -- machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment
einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich
jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen,
unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar
in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt,
in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda
einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette
gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da
ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und
Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu
aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte
nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte,
so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch
die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß
Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit
in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte
Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre
Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte
nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung,
wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es
die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen,
ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten
Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinigkeiten
hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser
Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache.
Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir
erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“
„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht
bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen
können! Flaschenbier ist im Keller!“
„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller
hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren
gibt!“