Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und
stapfte in den Keller.
Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die
vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade
einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in
die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen.
Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier,
entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme
Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten,
wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann
und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas
langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des
Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend
etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der
Kommode den dort liegenden Pack Zeitungen. Und groß wunderte er sich,
wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die
steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont
gekommen sein mochten.
Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an
und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein
Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar
kein Interesse.
„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige
Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als
frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend
abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert.
Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas
Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße.
Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt
gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er
den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er
das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten.
Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol
meide.
Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast
noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer
Bier darauf.
Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken
vertieft.
Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die
Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten.
Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen
Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser
Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“
„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“
„Der Roman ist sehr schön!“
„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was
Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen
zu geben!“
Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden
und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber
nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere
Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“
Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint
sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix
drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“
„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir
leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige
Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den
Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“
„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch,
aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte
aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach
meinem Geschmack!“
Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß
die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“
„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“
„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“
„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig
spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß
schaust aus, Weiberl!“
Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob
unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte.
„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal
unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“
„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“
„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum
habe!“
„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“
„Warum willst du denn das wissen?“
„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn
beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer
Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert
werden?“
„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld
minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf
die Nase zu binden!“
„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder
geben wird?“
„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres
Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein
Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste
Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“
„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tausendachthundert
Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine
Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als
Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“
„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich
beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß
du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett!
Gehst auch schlafen?“
„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“
„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den
Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon
schlafe, wenn du kommst!“
„Orgle nur zu! Gute Nacht!“
Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie
so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als
kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief.
Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze
Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft
gründlich umgestalten wird und muß.
Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem
Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann
aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen
Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen
Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen.
Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt
selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr
Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden.
Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und
beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben
hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die
nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt.
Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas:
die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der
Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden.
Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich
verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen
Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell
gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand
bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war
Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache:
den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen
diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die
Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule
und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung,
so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die
Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte,
Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung.
Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet
wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem
Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda
auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und
anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich
der Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden
Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um
Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen
den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um
eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum
Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die
Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not,
denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für
verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank
der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine
richtige und tüchtige Hausfrau werden könne.
Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres
aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert
Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen
als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande
sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und
Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt
werden.
Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie
die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die
Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt.
Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den
Herren die Treppe zu erleuchten.
Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit
und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen
werde. „Frau Forstwart haben wohl die Güte, für die Schmückung des
Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir
behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das
Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für
die Ausschmückung!“
„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“
„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“
Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk.
Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand
aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform,
Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft
durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin
Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes...