Mein Vater sprang aus dem Bette, ich erhob ein Jammergeschrei und

dachte für's Nächste daran, meine Kaninchen zu retten. Wenn bei

besonderen Ereignissen wir anderen über und über aus Rand und Band

gerieten, so war es allemal die blinde Jula, unsere alte Magd, die uns

beruhigte. So sagte sie auch jetzt, daß ja nicht unser Haus im Feuer

stehe, daß das Klein-Maxel-Haus eine halbe Stunde weit von uns weg

wäre; daß es auch nicht sicher sei, ob das Klein-Maxel-Haus brenne, daß

ein Spaßvogel vorbeigegangen sein könne, der uns die Lug zum Fenster

hereingeworfen, und daß es möglich sei, daß gar niemand hereingeschrien

hätte, sondern uns das nur so im Traume vorgekommen wäre.

Dabei streifte sie mir das Höselein und die Schuhe an, und wir eilten

vor das Haus, um zu sehen.

»Auweh!« rief mein Vater, »'s ist schon Alles hin.«

Über den Waldrücken herüber, der sich in einem weitgebogenen Sattel

durch die Gegend legt und das Ober- und Unterland von einander

scheidet, strebte still und hell die Flamme auf. Man hörte kein

Knistern und Knattern, das schöne neue Haus, welches erst vor einigen

Wochen fertig geworden war, brannte wie Öl. Die Luft war feucht, die

Sterne des Himmels waren verdeckt; es murrte zuweilen ein Donner, aber

das Gewitter zog sich sachte hinaus in die Gegenden von Birkfeld und

Weitz.

Ein Blitz -- so erzählte nun der Mann, der uns geweckt hatte, der

Schaf-Gistel war's -- wäre etlichemal hin- und hergezuckt, hätte ein

Trudenkreuz auf den Himmel geschrieben und wäre dann niederwärts

gefahren. Er wäre aber nicht mehr ausgeloschen, der lichte Punkt an

seinem untern Ende wäre geblieben und rasch gewachsen, und da hätte

sich er, der Mann, gedacht: Schau Du, jetzt hat's den klein Maxel

troffen.

»Wir müssen doch schauen gehen, daß wir was helfen mögen,« sagte mein

Vater.

»Helfen willst da?« versetzte der Andere, »wo der Donnerkeil

d'reinfahrt, da rühr' ich keine Hand mehr. Der Mensch soll unserm

Herrgott nicht entgegenarbeiten, und wenn _der_ einmal einen Himmletzer

(Blitz) auf's Haus wirft, so wird er auch wollen, daß es brennen soll.

Hernachen mußt wissen, ist so ein Einschlagets auch gar nicht zu

löschen.«

»Deine Dummheit auch nicht,« rief mein Vater, und zornig, wie ich ihn

noch selten gesehen hatte, schrie er dem Gistel in's Gesicht: »_Du bist

blitzdumm!_«

Ließ ihn stehen und führte mich an seiner Hand rasch davon. Wir stiegen

in's Engthal hinab und gingen am Fresenbach entlang, wo wir das Feuer

nicht mehr sehen konnten, sondern nur die Röte in den Wolken. Mein

Vater trug einen Wasserzuber bei sich, und ich riet, daß er denselben

gleich an der Fresen füllen solle. Mein Vater hörte gar nicht d'rauf,

sondern sagte mehrmals vor sich hin: »Maxel, aber daß Dich jetzt so was

treffen muß!«

Ich kannte den kleinen Maxel recht gut. Es war ein behendiges, heiteres

Männlein, etwa in den Vierzigern; sein Gesicht war voll Blatternarben,

und seine Hände waren braun und rauh wie die Rinden der Waldbäume. Er

war seit meinem Gedenken Holzhauer in Waldbach.

»Wenn einem Andern das Haus niederbrennt,« sagte mein Vater, »na, so

brennt ihm halt das Haus nieder.«

»Ist's beim klein' Maxel nicht so?« fragte ich.

»Dem brennt alles nieder. Alles, was er gestern gehabt hat und heut'

hat und morgen hätt' haben können.«

»So hat der Blitz den Maxel 'leicht selber erschlagen?«

»Das wär' 's Best', Bub'. Ich vergunn' ihm das Leben, Gottseid',

ich vergunn' ihm's -- aber, wenn er eh'vor hätt' beichten mögen und

in keiner Todsünd' wär' gewesen, wollt' richtig gleich sagen, das

Allerbest', wenn's ihn auch selber troffen hätt'.«

»Da wär' er jetzt schon im Himmel oben,« sagte ich.

»Watsch' nur nicht so in's nasse Gras hinein. Geh' gleim (nahe) hinter

mir, und halt' Dich beim Jankerzipf an. Vom Maxel, von dem will ich Dir

jetzt was sagen.«

Der Weg ging sanft berganwärts. Mein Vater erzählte.

»Jetzt kann's dreißig Jahr aus sein -- ist der Maxel in's Land kommen.

Armer Leute Kind. Die erst' Zeit hat er bei den Bauern herum einen

Halterbuben gemacht, nachher, wie er sich ausgewachsen hat, ist er in

den Holzschlag 'gangen. Ein rechtschaffener Arbeiter und allerweil

fleißig und sparsam. Wie er Vorarbeiter ist worden, hat er sich vom

Waldherrn ausgebeten, daß er das Sauerwiesel auf der Gfarerhöh'

ausreuten und für sein Lebtag behalten dürfe, weil er so viel gern

eigen Grund und Boden hätte. Ist ihm gern zugesagt worden, und so

ist der Maxel alle Tag, wenn sie im Holzschlag Feierabend gemacht

haben, auf sein Sauerwiesel 'gangen, hat den Strupp weggeschlagen,

hat Gräben gemacht, hat Steine ausgegraben, hat die Wurzeln des

Unkrautes verbrannt -- und in zwei Jahren ist das ganze Sauergütel

trocken gelegt, und es wachst gutes Gras d'rauf, und gar ein Fleckel

Brandkorn hat er anbaut. Wie es so weit angeht, daß er's auch mit

Kohlkraut hat probiert, und gesehen, wie gut es den Hasen schmeckt,

ist er um Waldbäume einkommen. Die können sie ihm nicht schenken, wie

das Sauerwiesel, die muß er abdienen. So hat er Arbeitslohn dafür

eingelassen, und die Bäume hat er umgehauen und viereckig gehackt und

abgeschnitten zu Zimmerholz -- alles in den Feierabenden, wenn die

anderen Holzknechte lang' schon auf dem Bauch sind gelegen und ihre

Pfeifen Tabak haben geraucht. Und nachher hat er angehebt, an solchen

Feierabenden andere Holzhauer zu verzahlen, daß sie ihm bei Arbeiten

helfen, die ein einziger Mensch nicht dermachen kann, und so hat er

auf dem Sauerwiesel sein Haus gebaut. Fünf Jahr' lang hat er daran

gearbeitet, aber nachher -- Du weißt ja selber, wie es dagestanden

ist mit den goldroten Wänden, mit den hellen Fenstern und der Zierat

auf dem Dach herum -- schier vornehm anzuschauen. Ein fein Gütel ist

worden auf der Sauerwiese, und wie lang' wird's denn her sein, daß uns

unser Pfarrer bei der Christenlehr' den klein' Maxel als ein Beispiel

des Fleißes und der Arbeitsamkeit hat aufgestellt? Nächst Monat hat er

heiraten wollen; und daß er heraufgestiegen ist vom Waiselbuben bis

zum braven Hausbesitzer und Hausvater -- Bub', da ruck' Dein Hütel! --

Und jetzt ist auf einmal alles hin. Der ganze Fleiß und alle Arbeit

die vielen Jahr' her ist umsonst. Der Maxel steht wieder auf demselben

Fleck, wie voreh'.«

Ich habe dazumal meine Frömmigkeit noch aus der Bibel bezogen, und so

entgegnete ich auf des Vaters Erzählung: »Der Himmelvater hat den Maxel

halt gestraft, daß er so auf's Zeitliche ist gegangen wie die Heiden,

und der Maxel hat sich leicht um's Ewige zu wenig gesorgt. Sehet die

Vöglein in den Lüften, sie säen nicht, sie ernten nicht --«

»Sei still!« unterbrach mich der Vater unwirsch, »der das hat gesagt,

ist der König Salomo gewest, der kann so was schon sagen. Unsereiner

sollt's probieren! -- Ich kenn' mich nimmer aus, und das sag' ich,

wenn's mir so geht, wie dem klein' Maxel, ich bin verzagt und heb an zu

faullenzen. Wenn ein Mensch mit dem Zündholz in ein Strohdach fährt,

so wird er in den Kotter gesteckt -- ist auch recht, gehört ihm nichts

Anderes. Aber wenn einer vom Himmel herunter Feuer auf das nagelneue

Haus wirft, das ein armer, braver Arbeitsmann gebaut --«

Er unterbrach sich. Wir standen auf der Anhöhe, und vor uns loderte die

Wirtschaft des Klein-Maxel, und das Haus brach eben in seinen Flammen

zusammen. Mehrere Leute waren da mit Hacken und Wassereimern, aber es

war nichts Anderes zu machen, als dazustehen und zuzuschauen, wie die

letzten Kohlenbrände in sich einstürzten. Das Feuer war nicht wütend,

es brüllte nicht, es krachte nicht, es fuhr nicht wild in der Luft

herum; das ganze Haus war eine Flamme, und die qualmte heiß und weich

zum Himmel auf, von wannen sie gekommen.

Eine kleine Strecke vom Brande war der Steinhaufen, auf welchen der

Maxel die Steine der Sauerwiese zusammengetragen hatte. An demselben

saß er nun, der kleine, braune, blatternarbige Maxel, und sah auf die

Glut hin, deren Hitze auf ihn herströmte. Er war halb angekleidet,

hatte seinen schwarzen Sonntagsmantel, das einzige, was er gerettet,

über sich gehüllt. Die Leute traten nicht zu ihm; mein Vater wollte ihm

gern ein Wort der Teilnahme und des Trostes sagen, aber er getraute

sich auch nicht zu ihm. Der Maxel lehnte so da, daß wir meinten, jetzt

und jetzt müsse er aufspringen und einen schreckbaren Fluch zum Himmel

stoßen und sich dann in die Flammen stürzen.

Und endlich, als das Feuer nur mehr auf dem Erdengrund herum leckte und

aus den Aschen die kahle Mauer des Herdes aufstarrte, erhob sich der

Maxel. Er schritt zur Glut hin, hob eine Kohle auf und zündete sich die

Pfeife an.

Ich war damals doch noch klein und konnte nicht viel denken. Aber an

das erinnere ich mich: Als ich in der Morgendämmerung den klein' Maxel

vor seiner Brandstätte stehen sah, und wie er den blauen Rauch aus der

Pfeife sog und von sich blies, da war mir in meiner Brust plötzlich

heiß. Als ob ich es fühlte, wie mächtig der Mensch ist, um wie viel

größer als sein Schicksal, und es für das Verhängnis keinen größeren

Schimpf gäbe, als wenn man ihm in aller Seelenruhe Tabaksrauch in die

Larve bläst.

Und als die Pfeife brannte, setzte er sich wieder auf den Steinhaufen

und blickte in die Gegend hinaus. Was er gedacht hat, das möchtet Ihr

wissen? Ich auch.

Später hat der klein' Maxel die Asche seines Hauses durchwühlt und aus

derselben sein Schlagbeil hervorgezogen. Er schaftete einen neuen Stiel

an, er machte es an einem Schleifsteine der Nachbarschaft wieder scharf

-- und ging an die Arbeit. Seither sind viele Jahre vorbei: Um die

Sauerwiese liegen heute schöne Felder, und auf der Brandstätte steht

ein neugegründeter Hof. Junges Volk belebt ihn, und der Hausvater, der

klein' Maxel, lehrt seine Söhne das Arbeiten, erlaubt ihnen aber auch

das Tabakrauchen. Nicht gar zu viel -- aber ein Pfeiflein zu rechter

Zeit.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.

Noch viel seltsamer als diese Geschichten waren, ist jenes Erlebnis

gewesen, das hier erzählt wird.

Mein Pate, der Knierutscher Jochem -- er ruhe in Frieden! -- war

ein Mann, der alles glaubte, nur nicht das Natürliche. Das Wenige

von Menschenwerken, was er begreifen konnte, war ihm göttlichen

Ursprungs; das Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei

und Teufelsspuk. -- Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen, hat zum

Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben und sich Stiefel

daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an die Zehen friere; diese Gnade

hat er von Gott. Wenn der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter

oder gar den Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als

eine Anfechtung des Teufels. -- So hielt der Jochem den lieben Gott für

einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er, der Jochem, selber

war), den Teufel aber für ein listiges, abgefeimtes Kreuzköpfel, dem

nicht beizukommen ist, und das die Menschen und auch den lieben Gott

von hinten und vorn beschwindelt.

Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer, Beelzebub (was weiß

ich, wie sie alle heißen), war mein Pate ein gescheiter Mann. Ich

verdankte ihm manches neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.

Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes und sein Vertrauen

war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am Semmering. Es war eine Tagreise

dahin, und der Jochem machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon

hübsch zu Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen, die

mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns mit der Peitsche

nachlief), wollte der Pate Jochem auch mich einmal mitnehmen nach

Mariaschutz.

»Meinetweg',« sagte mein Vater, »da kann der Bub' gleich die neue

Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering jetzt gebaut haben. Das

Loch durch den Berg soll schon fertig sein.«

»Behüt' uns der Herr,« rief der Pate, »daß wir das Teufelszeug

anschau'n! 's ist alles Blendwerk, 's ist alles nicht wahr.«

»Kann auch sein,« sagte mein Vater und ging davon.

Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir gingen über das

Stuhleckgebirge, um ja dem Thale nicht in die Nähe zu kommen, in

welchem nach der Leut' Reden der Teufelswagen auf und ab ging.

Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinabschauten in den

Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen braunen

Wurm kriechen und darüber ein Rauchwölklein schweben.

»Jessas Maron!« schrie mein Pate, »das ist schon so was! spring Bub'!«

-- Und wir liefen die entgegengesetzte Seite des Berges hinunter.

Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch -- entweder der Pate war

hier nicht wegkundig, oder es hatte ihn die Neugierde, die ihm zuweilen

arg zusetzte, überlistet, oder wir waren auf eine »Irrwurzen« gestiegen

-- anstatt in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren

Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch in den

Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin ein Haus hätte

stehen können, und gar mit Fleiß und Schick ausgemauert; und da ging

eine Straße mit zwei eisernen Leisten daher und schnurgerade in den

Berg hinein.

Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte den Kopf; endlich

murmelte er: »Jetzt stehen wir da. Das wird die neumodische Landstraßen

sein. Aber derlogen ist's, daß sie da hineinfahren!«

Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter hin gegen Spital in

der Abendsonne stand an der eisernen Straße ein gemauertes Häuschen;

davor ragte eine hohe Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote

Kugeln. Plötzlich rauschte es an der Stange, und eine der Kugeln ging

wie von Geisterhand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß. Daß es

hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu merken. Doch

standen wir wie festgewurzelt.

»Pate Jochem,« sagte ich leise, »hört Ihr nicht so ein Brummen in der

Erden?«

»Ja freilich, Bub',« entgegnete er, »es donnert was! es ist ein

Erdbidn« (Erdbeben). Da that er schon ein kläglich Stöhnen. Auf der

eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs

stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem

Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus.

Und hintenher --

»Kreuz Gottes!« rief mein Pate, »da hängen ja ganze Häuser d'ran!«

Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären

ein paar Steirerwäglein gespannt, auf denen die Reisenden sitzen

konnten, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern

heranrollen, und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe

heraus, und schrecklich schnell ging's, und ein solches Brausen war,

daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein Herrgott mehr zum

Stehen! fiel's mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor

und rief mit verzweifelter Stimme: »Jessas, Jessas, jetzt fahren sie

richtig in's Loch!«

Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe; die

Rückseite des letzten Wagens schrumpfte zusammen, nur ein Lichtlein

davon sah man noch eine Weile, dann war alles verschwunden, blos der

Boden dröhnte, und aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.

Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Angesicht und

starrte in den Tunnel.

Dann sah er mich an und fragte: »Hast Du's auch gesehen, Bub'?«

»Ich hab's auch gesehen.«

»Nachher kann's keine Blenderei gewesen sein,« murmelte der Jochem.

Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir sahen aus mehreren

Schachten Rauch hervorsteigen. Tief unter unsern Füßen im Berge ging

der Dampfwagen.

»Die sind hin wie des Juden Seel'!« sagte mein Pate und meinte die

Eisenbahn-Reisenden. »Die übermütigen Leut' sind selber in's Grab

gesprungen!«

Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig still; die großen

Stallungen waren leer, die Tische in den Gastzimmern, die Pferdetröge

an der Straße waren unbesetzt. Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher

dieser Straße, lud uns höflich zu einer Jause ein.

»Mir ist aller Appetit vergangen,« antwortete mein Pate, »gescheite

Leut' essen nicht viel, und ich bin heut' um ein Stückel gescheiter

worden.« Bei dem Monumente Karl's VI. standen wir still und sahen in's

Österreicherland hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und

seiner unabsehbaren Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir dann

abwärts stiegen, da sahen wir drüben in den wilden Schroffwänden unsern

Eisenbahnzug gehen -- klein wie eine Raupe -- und über hohe Brücken,

fürchterliche Abgründe setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei

einem Loch hinein, beim andern heraus -- ganz verwunderlich.

»'s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag' die Leut' treiben,«

murmelte mein Pate.

»Sie thun mit der Weltkugel kegelscheiben!« sagte ein eben

vorübergehender Handwerksbursche.

Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.

Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen brannte, und beteten.

Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl und gingen an den

Kammern der Stallmägde vorüber auf den Heuboden, um zu schlafen.

Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last der Eindrücke

und unter der Stimmung des Fremdseins kein Auge schließen, vermutete

jedoch, daß der Pate bereits süß schlummere; da that dieser plötzlich

den Mund auf und sagte:

»Schlafst schon, Bub'?«

»Nein,« antwortete ich.

»Du,« sagte er, »mich reitet der Teufel!«

Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das war unerhört.

»Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn' genommen haben,«

flüsterte er, »'s giebt mir keine Ruh', 's ist arg, Bub'.«

»Was denn, Pate?« fragte ich mit warmer Teilnahme.

»Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird's besser,« beruhigte er

sich selbst.

»Thut Euch was weh', Pate?«

»'s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir schon so nah' dabei

sind, probieren wir's?«

Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.

»Was kann uns geschehen?« fuhr der Pate fort, »wenn's die andern thun,

warum nicht wir auch? Ich lass' mir's kosten.«

Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und horchte mit Fleiß.

»Da werden sie einmal schauen,« fuhr er fort, »wenn wir heimkommen und

sagen, daß wir auf dem Dampfwagen gefahren sind!«

Ich war gleich dabei.

»Aber eine Sündhaftigkeit ist's!« murmelte er, »na, leicht wird's

morgen besser, und jetzt thun wir in Gottes Namen schlafen.«

Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren und rutschten

auf den Knieen um den Altar herum. Aber als wir heimwärts lenkten, da

meinte der Pate nur, er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er

wolle nur den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg dahin.

Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der andern Seite.

War auch kohlfinster. -- Ein Zug von Wien war angezeigt. Mein Pate

unterhandelte mit dem Bahnbeamten, er wolle zwei Sechser geben,

und gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder

absteigen.

»Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält der Zug nicht,«

sagte der Bahnbeamte lachend.

»Aber wenn wir absteigen wollen!« meinte der Jochem.

»Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen zweiunddreißig

Kreuzer Münz.«

Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel wie die hohen

Herren könne er armer Schlucker nicht geben; zudem sei an uns beiden

ja kein Gewicht da. -- Es half nichts; der Beamte ließ nicht handeln.

Der Pate zahlte; ich mußte zwei »gute« Kreuzer beisteuern. Mittlerweile

kroch aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte heran,

und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle nicht anhalten. Es

zischte und spie und ächzte -- da stand es still.

Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe geschnitten, so stand der

Pate da, und so stand ich da. Wir wären nicht zum Einsteigen gekommen;

da schupfte der Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In

demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte noch, wie

der in's Coupé stolpernde Jochem murmelte: »Das ist meine Totenglocke.«

Jetzt sahen wir's aber: im Waggon waren Bänke, schier wie in einer

Kirche; und als wir zum Fenster hinausschauten -- »Jessas und Maron!«

schrie mein Pate, »da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!« -- Jetzt

wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres knarrenden

Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in der Nacht rauschte und toste

es, als wären wir von gewaltigen Wasserfällen umgeben, und ein- um's

anderemal hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.

Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und hauchte: »In

Gottes Namen. Jetzt geb' ich mich in alles drein. Warum bin ich der

dreidoppelte Narr gewesen.«

Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen sein, da lichtete

es sich wieder, draußen flog die Mauer, flogen die Telegraphenstangen

und die Bäume, und wir fuhren im grünen Thale.

Mein Pate stieß mich an der Seite: »Du, Bub'! Das ist gar aus der Weis'

gewesen, aber jetzt -- jetzt hebt's mir an zu gefallen. Richtig wahr,

der Dampfwagen ist was Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon

das Spitalerdorf! Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du,

da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk', Bub', wir

bleiben noch sitzen.«

Mir war's recht. Ich betrachtete das Zeug von innen, und ich blickte in

die fliegende Gegend hinaus, konnte aber nicht klug werden. Und mein

Pate rief: »Na, Bub', die Leut' sind gescheit! Und daheim werden sie

Augen machen! Hätt' ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt

sitz', auf unsern Berg hinauffahren!«

»Mürzzuschlag!« rief der Schaffner. Der Wagen stand; wir schwindelten

zur Thür hinaus.

Der Thürsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die wir beim Einsteigen

bekommen hatten, und vertrat uns den Ausgang. »He, Vetter!« rief er,

»diese Karten galten nur bis Spital. Da heißt's nachzahlen und zwar das

Doppelte für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!«

Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. »Bub',« sagte dieser

endlich mit sehr umflorter Stimme, »hast Du ein Geld bei Dir?«

»Ich hab' kein Geld bei mir,« schluchzte ich.

»Ich hab' auch keins mehr,« murmelte der Jochem.

Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten wir unsere Taschen

umkehren. Ein blaues Sacktuch, das für uns Beide war und das die Herren

nicht anrührten, ein hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife,

ein Taschenfeitel, etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von

Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich nichts

befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der Pate stets mit

sich trug im festen Glauben, daß sein Geld nicht ganz ausgehe, so lange

er das geweihte Ding im Sacke habe. Es hatte sich auch bewährt bis

auf diesen Tag -- und jetzt war's auf einmal aus mit seiner Kraft. --

Wir durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden aber

stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und mußten mehrere Verhöre

bestehen.

Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit, da nach so

rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause sein können, wurden wir

entlassen, um nun den Weg über Berg und Thal in stockfinsterer Nacht

zurückzulegen.

Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen, murmelte mein Pate:

»Beim Dampfwagen da -- 's ist doch der Teufel dabei!«

[Illustration]

[Illustration]

Als ich --

Einst war in unserem Waldhause ein alter Knecht, der einen gloriosen

Spitznamen hatte -- er hieß der Thalerbüchsen-Toni.

Er besaß nämlich -- ob als Erbschaft oder als Ersparnis, das ist nicht

ergründet worden -- einen kleinen Schatz von alten Silbermünzen, teils

mit Bildnissen Maria Theresia's, Friedrich's des Großen, teils mit dem

Bilde der Mutter Gottes oder mit dem Zeichen von Krummstab und Schwert,

von Adlern, Löwen, zweiköpfigen Tigern, von Kreuzen und Ringen,

seltsamen Buchstaben oder anderen geheimnisvollen Markierungen. Etliche

dieser Münzen, die wir, ohne Unterschied des Landes, der Prägung und

der Größe, Thaler nannten, sollen sogar vom dreißigjährigen Kriege

hergestammt haben. Den Schatz hielt Toni, der Knecht, eingeschachtelt

in einer runden, blutrot angestrichenen Holzbüchse. Wenn nun der

Feierabend kam oder eine stille Feiertagsstunde war, holte er aus

seiner Kleidertruhe die Büchse hervor, aber nicht etwa, um nach alter

Geizhalsart für sich allein darin zu wühlen und zu schwelgen, sondern

um die Thalerfreude mit seinen Hausgenossen zu teilen, ihnen nach

seiner Weise die Geldstücke zu erklären, sie dann auf dem Tische

klingen zu lassen, um die Feinheit des Silbers zu bekunden, und

sich an den gierigen Blicken zu weiden, die auf seine schönen Thaler

niederstachen.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 6 / 7 段