dick und schneeweiß eingeseift hatte, daß er aussah wie der Stallbub,
welcher der Kuhmagd über den Milchrahm gekommen; wenn er dann das
glasglänzende Messer schliff an seinem braunledernen Hosenträger und
hierauf langsam damit gegen die Backen fuhr, da hub er an, den Mund und
die Wangen und die Nase und das ganze Antlitz derart zu verzerren, daß
seine lieben, guten Züge schier gar nicht mehr zu erkennen waren. Da
zog er seine beiden Lippen tief in den Mund hinein, daß er aussah wie
des Nachbars alter Veit, der keine Zähne mehr hatte; oder er dehnte den
Mund nach links oder rechts in die Quere, wie die Köhler-Sani that,
wenn sie mit den Hühnern keifte; oder er drückte ein Auge zu und blies
eine Wange an, daß er war wie der Schneider Tinili, wenn ihn sein Weib
gestreichelt hatte.
Die spaßhaftesten Gesichter der ganzen Nachbarschaft fielen mir ein,
wenn der Vater beim Rasieren saß. Und da kam mir das Lachen.
Darauf hatte mein Vater stets liebevoll gesagt: »Gieb Ruh', Bübel.«
Aber kaum die Worte gesprochen waren, wuchs wieder ein so wunderliches
Gesicht, daß ich erst recht herausplatzte. Er guckte in den kleinen
Spiegel, und schon meinte ich, sein schiefes Antlitz werde in ein
Lächeln auseinanderfließen. Da rief er plötzlich: »Wenn Du keine Ruh'
giebst, Bub, so hau' ich Dir den Seifenpinsel hinüber!«
Kroch ich denn unter den Tisch, und das Kichern schüttelte mich, wie
die Nässe den Pudel. Der Vater aber konnte sich ruhig rasieren und war
nicht mehr in Gefahr, über seine und meine Grimassen selbst in ein
unzeitiges Lachen auszubrechen.
So auch war's einmal an einem Winterabend, daß der Vater beim
Seifenschüsselchen saß und ich unter dem Tisch, als sich draußen in der
Vorlauben jemand den Schnee von den Schuhen strampfte. Gleich darauf
ging die Thür auf und ein großer Mann trat herein, dessen dichter roter
Schnurrbart Eiszapfen trug, wie draußen unser Bretterdach. Er setzte
sich gleich nieder auf eine Bank, zog eine bauchige Tabakspfeife aus
dem Lodenmantel, faßte sie mit den Vorderzähnen, und während er Feuer
schlug, sagte er: »Thust Dich balbieren, Waldbauer?«
»Ja, ich thu' mich ein wenig balbieren,« antwortete mein Vater und
kratzte mit dem Schermesser und schnitt ein wahrhaft gottverlassenes
Gesicht.
»Na, ist recht,« sagte der fremde Mann.
Und später, als er schon von Wolken umhüllt war und die Eiszapfen
bereits niedertröpfelten von seinem Barte, that er folgende Rede:
»Ich weiß nicht, Waldbauer, wirst mich kennen oder nicht? Ich bin
vor fünf Jahren einmal an Deinem Hause vorbeigegangen und hab' beim
Brunnen einen Trunk Wasser genommen. Ich bin von der Stanz, bin der
Drachenbinderin ihr Knecht. Ich bin da um Deinen größeren Buben.«
Mir unter dem Tisch schoß es bei diesen Worten heiß bis in die Zehen
hinaus. Mein Vater hatte nur einen einzigen größeren Buben, und der war
ich. Ich duckte mich in den finstersten Winkel hinein.
»Um meinen Buben bist da?« entgegnete mein Vater, »den magst wohl
haben, den werden wir leicht entraten; halt ja, er ist gar so viel
schlimm.«
Bauersleute reden gern so herum, um ihre vorwitzigen Kinder zu necken
und einzuschüchtern. Allein der Fremde sagte: »Nicht so, Bauer,
gescheiter Weis'! Die Drachenbinderin will was aufschreiben lassen, ein
Testament oder so was, und sie weiß weit und breit Keinen zu kriegen,
der das Schreiben thät verstehen. Jetzt, da hat sie gehört, der
Waldbauer im Vorderschlag hätt' so ein ausbündig Bübel, dem solch' Ding
im kleinen Finger stecken thät; und so schickt sie mich her und läßt
Dich bitten, Bauer, Du sollst die Freundschaft haben und ihr Deinen
Buben auf einen Tag hinüberleihen; sie wollt' ihn schon wieder fleißig
zurückschicken und ihm was geben zum Lohn.«
Wie ich das gehört hatte, klopfte ich mit den Schuhspitzen schon ein
wenig an den Tischschragen -- das thäte mir gleich nicht übel gefallen.
»Geh,« sagte mein Vater, da er auf einem Backen bereits glatt gekratzt
war, »wie könnt' denn mein kleiner Bub' jetzt im tiefen Winter in die
Stanz gehen, ist ja völlig vier Stunden hinüber!«
»Freilich wohl,« versetzte der große Mann, »deswegen bin ich da. Er
steigt mir auf den Buckel hinauf, thut die Füß' auseinander, legt
sie mir zu beiden Seiten an den Rippen nach vorn, wo ich sie anfaß',
und mit den Händen halst er mich, wie eine Liebste, daß er nicht mag
rückwärts hinabfallen.«
»Versteh's schon,« drauf mein Vater, »ist nicht nötig, daß du mir das
Buckelkraxentragen so auslegst.«
»Nu, und nachher wird's wohl gehen, Waldbauer, und wenn der
Sonntagabend kommt, trag' ich Dir ihn wieder in's Haus.«
»Je nu, dasselb' weiß ich wohl, daß Du mir ihn wieder redlich
zurückstellst,« sagte mein Vater, »und wenn die Drachenbinderin was
will schreiben lassen, und wenn Du der Drachenbinderin ihr Knecht bist,
und wenn mein Bübel mit Dir will -- meinetwegen hat's keinen Anstand.«
Diese letzten Worte hatte er bereits mit glattem, verjüngtem Gesichte
gesprochen.
Eine kleine Weile nachher stak ich in meinem Sonntagsgewand; glückselig
über die Bedeutung, die ich so plötzlich erlangt hatte, ging ich in der
Stube auf und ab.
»Du ewiger Jud', Du,« sagte mein Vater, »hast mehr kein Sitzfleisch?«
Aber mir ließ es keine Ruhe mehr. Am liebsten hätte ich mich sogleich
auf das breite Genick des großen Mannes niedergelassen und wäre
davongeritten. Da kam erst die Mutter mit dem Sterz und sagte: »Esset
ihn, ihr zwei, ehe Ihr fortgeht!«
Umsonst hatte sie es nicht gesagt; ich habe unsern breitesten
hölzernen Löffel nie noch so hochgeschichtet gesehen, als zur selbigen
Stunde, da ihn der fremde große Mann von dem Sterztrog unter seinen
Schnurrbart führte. Ich aber ging in der Stube auf und ab und dachte,
wie ich nun der Drachenbinderin ihr Schreiber sein werde.
Als hierauf die Sache insoweit geschlichtet war, daß die Mutter
den Sterztrog über den Herd stülpen konnte, ohne daß auch nur ein
Brosamchen herausfiel, da hüpfte ich auf das Genick des Mannes, hielt
mich am Barte fest und ritt denn in Gottesnamen davon.
Schon ging die Sonne unter; in den Thälern lagen bläuliche Schatten,
die fernen Schneehöhen der Almen hatten einen mattroten Schein.
Als mein Gaul über die kahlen Weiden aufwärts trabte, da trug ihn
der Schnee, aber als er in die Gegend des jungen Lärchenwuchses und
des Fichtenwaldes kam, da wurde die Bodenkruste trügerisch und brach
ein. Jedoch darauf war er vorgesehen. Als wir zu einem alten, hohlen
Lärchenbaum kamen, der sein wildes Geäste recht keck in die Luft
hinaus reckte, hielt er an, langte mit der einen Hand in die schwarze
Höhlung und zog ein paar aus Weiden geflochtene Fußscheiben hervor,
die er an die Schuhsohlen band. Mit diesen breiten Sohlen begann er
die Wanderung von neuem; es ging langsam, denn er mußte die Füße sehr
weit auseinanderbiegen, daß er die Scheiben vermitteln konnte, aber mit
solchen Entenfüßen brach er nicht mehr durch.
Auf einmal, es war schon recht finster, und die Sterne leuchteten klar,
hub mein Gaul an, mir die Schuhe loszulösen, zog sie zuletzt gar von
den Füßen und that sie in seine aufgebundene Schürze. Dann sagte er:
»Jetzt Bübel, steck' Deine Pfötelein da in meine Hosentaschen, daß
die Zehen nicht herabfrieren.« Meine vorgereckten Hände nahm er in
die seinen und hauchte sie mit dem warmen Atem an -- was anstatt der
Handschuhe war.
An meinen Wangen kratzte die Kälte, der Schnee winselte unter den
Scheiben -- so ritt ich einsam fort durch den Wald und über die Höhen.
Ich ritt über den ganzen langen Grat des Hochbürstling, wo ich nicht
einmal zur Sommerszeit noch gewesen war! Ich preßte zuweilen, wenn
es schon ganz langsam ging, meine Knie in die Weichen, und mein Gaul
ertrug es willig und ging wie er konnte, und er wußte den Weg. Ich
ritt an einem Pfahle vorbei, auf welchem Winter und Sommer der heilige
Viehpatron Erhardi stand. Ich kannte den heiligen Erhardi von daheim;
ich und er hatten zusammen die Aufsicht über meines Vaters Herden; er
war immer viel angesehener als ich, ging ein Rind zu Grunde, so hatte
ich, der Halterbub, die Schuld; gediehen die andern recht, so hatte er
das Lob. -- Es that mir wohl, daß er sah, wie ich es zum Rittersmann
gebracht, während er die ewige Weil wie angenagelt auf dem Pfahle stand.
Endlich wendete sich der Lauf, ich ritt abwärts über Stock und Stein
einem Lichtlein zu, das unten in der Schlucht flimmerte. Und als so
alle Bäume und Gegenden an mir vorübergegangen waren und ich vor mir
den dunkeln Klumpen mit der kleinen Tafel des Lichtscheines hatte,
stand mein guter Christof still und sagte: »Du liebes Waldbauernbübel!
Da Du mir fremdem Menschen so unbesonnen gefolgt bist -- wohl könnte es
sein, daß ich schon jahrelang einen Groll hätt' gegen Deinen Vater, und
daß ich Dich jetzt in eine Räuberhöhle führte.«
Horchte ich einen Augenblick so hin.
Weil er zu seinen Worten nichts mehr beisetzte, so sagte ich in
demselben Tone: »Da mein Vater mich der Drachenbinderin ihrem Knechte
so anvertraut hat, und da ich so unbesonnen gefolgt bin, so wird der
Drachenbinderin ihr Knecht keinen Groll haben können und mich nicht in
eine Räuberhöhle führen.«
Der Mann hat nach diesen meinen Worten in seinen Bart gepustert. Bald
darauf hub er mich auf einen Strunk und sagte: »Jetzt sind wir bei der
Drachenbinderin ihrem Hause.« Er machte an dem dunkeln Klumpen eine
Thür auf und ging hinein.
In der kleinen Stube war ein Herd, auf dem ein Häufchen Glut lag, ein
Kienspan, der brannte, und ein Strohlager, auf dem ein Kind schlief.
Daneben stand ein Weib, das schon sehr alt und gebückt war und das
im Gesicht schier so blaß und faltenreich aussah, wie das grobe
Nachtkleid, in das es gehüllt stand.
Dieses Weib stieß, als wir eintraten, einige jauchzende Töne aus, hub
dann heftig zu lachen an und verbarg sich hinter dem Herde.
»Das ist die Drachenbinderin,« sagte mein Begleiter, »sie wird gleich
zu Dir reden, setze Dich dieweilen auf den Schemel da neben dem Bett'
und thu' Deine Schuh' wieder an.«
Ich that es, und er setzte sich daneben auf einen Holzblock.
Als das Weib still geworden war, trippelte es am Herde herum, und bald
brachte es uns in einer Thonschüssel eine graue dampfende Mehlsuppe und
zwei beinerne Löffel dazu. Mein Mann aß würdevoll und beharrlich, mir
wollte es nicht recht munden. Zuletzt stand der Knecht auf und sagte
leise zu mir: »Schlaf' wohl, Du Waldbauernbub'!« und ging davon.
Und als ich in der schwülen Stube allein war mit dem schlummernden
Kinde und dem alten Weibe, da hub es mir schon an, recht unheimlich zu
werden. Doch nun trat die Drachenbinderin heran, legte ihre leichte,
hagere Hand an meine Wange und sagte: »Dank' Dir Gott, unser lieber
Herr, daß Du zu mir gekommen bist! -- Es währet kein halbes Jährlein
noch, seit mir meine Tochter ist gestorben. Das da« -- sie deutete
auf das Kind -- »ist mein junger Zweig, ist ein gar lieber Wurm, wird
mein Erbe sein. Und jetzt hör' ich schon wieder den Tod anklopfen an
meiner Thür; ich bin alt schon an die achtzig Jahr'. Mein leblang
hab' ich gespart -- mein Sargbett will ich mir wohl erbetteln von
guter Leute Herzen. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir das
Drachenbinderhäusel, wie es genannt wird, zurückgelassen. Meine
Krankheiten haben mir das Häusel wieder gekostet -- sind's aber nicht
wert gewesen. Was ich hinterlaß', ist meinem Enkelkind zu eigen. In
sein Herz geht's heut noch nicht hinein, und in die Hand geben kann
ich's keinem Menschen. So will ich's schreiben lassen, daß es bewahrt
ist. Durch den Schulmeister in der Stanz will ich's nicht thun, und der
Doktor kann's ohne Stempelgeld nicht machen. So haben die Leut' vom
Waldbauernbuben erzählt, der wär' so hoch gelehrt, daß er auch ohne
Stempel einen letzten Willen wüßt' zu schreiben. Und so hab' ich Dich
von weiten Wegen bringen lassen. Morgen thu' mir die Lieb, und heute
geh' zur friedsamen Ruh'.«
Sie geleitete mich mit dem brennenden Span in eine Nebenkammer; die
war nur aus Brettern geschlagen. Ein Lager von Heu und eine Decke
aus dem dicken Sonntagskleide des Weibes war da, und in einem Winkel
stand ein kleiner brauner Kasten mit zwei Türmchen, in welchen
Glöcklein schrillten, so oft wir auf den wankenden Fußboden traten. Die
Drachenbinderin steckte den Span in ein Turmfenster, segnete mich mit
einem Daumenkreuze und bald darauf war ich allein in der Kammer.
Es war kalt, ich fröstelte vor dem Winter und vor dem Weibe, das meine
Gastfrau war; aber noch ehe ich mich ins Nest verkroch, machte ich
mit Neugierde die Thür des Kirchleins auf. Eine Maus huschte heraus,
die hatte eben an dem goldpapierenen Altare und der pappenen Hand des
heiligen Josef ihr Nachtmahl gehalten. Es waren Heilige und Englein da
und bunte Fähnlein und Kränzlein -- ein lieblich Spiel. Ich meinte, das
sei gewiß der alten Drachenbinderin ihre Pfarrkirche, weil das Weiblein
doch schon viel zu mühselig, um nach Stanz zum Gottesdienst zu wandern.
Ich betete vor dem Kirchlein mein Abendgebet, worin ich den lieben
Herrgott bat, mich in dieser Nacht recht zu beschützen; dann löschte
ich den Span aus, daß er nicht zu den Turmfenstern hineinbrennen konnte
und legte mich hernach in des lieben Gottes Namen auf das Heu. -- Mir
kam es vor, als wäre ich losgerissen von mir selber und ein gelehrter
Schreiber in einem fernen kalten Hause, während der wahrhaftige
Waldbauernbub gewiß daheim in dem warmen Nestlein schlummere. Als ich
endlich im Einschlafen war, hörte ich drinnen in der Stube wieder das
kurz ausgestoßene Jauchzen und bald darauf das heftige Lachen.
Was ergötzt sie denn so sehr, und wen lacht sie aus? -- Ich fürchtete
mich und sann auf Flucht.
Ein Standbrett wäre doch leicht ausgehoben -- aber der Schnee!
Erst gegen Morgen schlief ich ein und träumte und träumte von einer
roten Maus, die allen Heiligen der Kirche die rechte Hand abgebissen
habe. Und zum Turmfenster sah mein Vater mit den eingeseiften schiefen
Backen heraus, und er hielt einen brennenden Span im Mund; ich
schluchzte und kicherte zugleich und hatte heiße Angst.
Als ich endlich erwachte, meinte ich, ich wäre in einem Käfig mit
silbernen Spangen, so strahlte das weiße Tageslicht durch die
aufrechten Bretterfugen. Und als ich hinausging vor die Thür des
Hauses, da staunte ich, wie eng die Schlucht und wie fremd und hoch und
winterlich die Berge waren.
Im Hause schrie das Kind und jauchzte wieder die Drachenbinderin.
Bei der Frühsuppe war auch mein Gaul wieder da; aber er sagte schier
kein Wort, er sah nur auf sein Essen, und als dieses gar war, stand er
auf, setzte seinen großmächtigen Hut auf und ging gegen Stanz hinaus
zur Kirche.
Als das Weib das Kind beruhigt, die Hühner gefüttert und andere Dinge
des Hauses gethan hatte, schob es den Holzriegel vor die äußere Thür,
ging in die Kammer und hub mit den kleinen Glocken des Kirchleins zu
läuten an.
Dann entzündete sie zwei Kerzen, die am Altare standen, und dann that
sie ein Gebet, wie ich meiner Tage kein ergreifenderes gehört habe.
Sie kniete vor dem Kirchlein, streckte die Hände aus und murmelte:
»Von wegen der Marterwunden Deiner rechten Hand, Du kreuzsterbender
Heiland, thu' meine verstorbenen Eltern erretten, wenn sie noch in der
Pein sind. Schon der Jahre ein halbes Hundert sind sie in der Erden,
und heut noch hör' ich meinen Vater rufen um Hilf' mitten in der Nacht.
-- Von wegen der Marterwunden Deiner linken Hand laß' Dir empfohlen
sein meiner Tochter Seel'. Sie hat kaum mögen die Welt anschauen,
und wie sie dem lieben Gatten das Kindlein in die Hand will legen,
da kommt der bittere Tod und thut sie uns begraben. -- Von wegen
der Marterwunden Deines rechten Fußes will ich Dich bitten wohl im
Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund' und Gutthäter und
daß Du den Waldbauernbuben nicht wolltest vergessen. -- Von wegen der
Marterwunden Deines linken Fußes, Du kreuzsterbender Heiland, sei auch
eingedenk in Lieb' und Gnaden all' meiner Feinde, die mich mit Händen
haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben verblendete
Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen auch wohl vergeben. --
Von wegen der Marterwunden Deines heiligen Herzens sei zu tausend- und
tausendmal angerufen: Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in
Dein göttliches Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem Feld,
ich hab' 'leicht kein langes Verbleiben, Du mußt dem Kind ein Vormund
sein, ich bitte Dich ...!«
So hatte sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so fromm. -- Ich hab'
gemeint zur selben Stund': wenn ich der lieb' Herrgott wäre, ich stieg
herab vom Himmel und thät das Kind nehmen in meine Händ' und thät
sagen: Auf daß Du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem
Herzen warm und will sein Vormund sein! -- Ich wollt' ihm wachsen
lassen weiße Flügel, daß es könnt' fliegen in das schönste Land.
Aber ich bin der lieb' Herrgott nicht gewesen.
Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir zu schreiben an.« --
Aber wie wir wollten zu schreiben anheben, da war keine Tinte, keine
Feder und kein Papier. Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.
Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und murmelte: »Das ist
schon ein Elend!«
Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem Doktor, der in
Ermanglung der Dinge sein Rezept an die Stubenthür geschrieben. -- 's
war hier der Nachahmung wert; fand sich aber keine Kreide im Haus.
Ich wußte mir keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein
Schreiber ohne Feder war.
»Waldbauernbub,« sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast Du's auch mit
Kohlen gelernt?«
Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das war ein Mittel.
»Und das ist in Gottesnamen mein Papierblatt,« versetzte sie und hob
die Decke eines alten Schrankes empor, der hinter dem Ofen stand. In
dem Schranke waren Lodenschnitzel, ein Stück Linnen und ein rostiger
Spaten. Als die Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten
blickte, wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der
braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«
Mir fuhr's ins Herz; ich hielt das für einen Vorwurf, daß ich kein
Schreibzeug bei mir habe.
»Wirst mich rechtschaffen auslachen, Waldbauernbub!« lispelte die Alte,
»aber thu' ja nichts Schlechtes von mir denken; ich kann halt nicht
mehr, ich _kann_ nicht mehr, ich bin schon gar so viel ein mühseliger
Mensch.«
Jetzt verstand ich vielleicht: das arme Weib schämte sich, daß es den
Spaten nicht mehr handhaben konnte und daß dieser also rostig geworden.
Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle -- die Kiefer ist so gut
und leiht mir die Feder, daß ich das Testament, oder was es sein wird,
der alten Drachenbinderin vermag aufzuschreiben.
Als also der graufarbige Schrank offen stand und ich bereit war, auf
die Worte des Weibes zu hören und sie zu verzeichnen, daß sie nach
vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft seien -- da that die Alte neben
mir plötzlich ein helles Aufjauchzen. Eilig wendete sie sich seitab,
jauchzte zwei- und dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus.
Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen Fingern und schielte
nach der Thür.
Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still, that einen tiefen
Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete sich zu mir und sagte: »So
schreib. Hoch werden wir nicht zählen, fang' aber doch an in der oberen
Eck'.«
Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deckbrettes.
Hierauf sprach das Weib folgende Worte: »Eins und eins ist Gott allein.
-- Das, Du Kind meines Kindes, ist Dein Eigen.«
Ich schrieb die Worte auf das Holz.
»Zwei und zwei,« fuhr sie fort, »zwei und zwei ist Mann und Weib. Drei
und drei das Kind dabei. Vier und fünf bis acht und neun, weil die
Sorgen zahllos sein. -- Bet', als wenn Du keine Hand; arbeit', als wenn
Dir kein Gott bekannt. Trage Holz und denk' dabei: Kochen wird mir Gott
den Brei.« -- --
Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin
den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam und sagte zu mir:
»Jetzt hast Du mir eine große Gutthat erwiesen, jetzt ist mir ein
schwermächtiger Stein vom Herzen. Diese Truhe da ist das Vermächtnis
für mein Enkelkind. -- Und jetzt kannst Du sagen, was ich Dir geben
soll für Deinen Dienst.«
Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts.
»So gut schreiben lernen und so weit herreisen und eine ganze Nacht
harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür nehmen wollen, das wär'
sauber!« rief sie, »Waldbauernbub, das kunnt ich nicht angehen lassen.«
Ich blinzelte durch die offene Thür ein wenig in die Kammer hinein,
wo das Kirchlein stand. Das wäre eine prächtige Heiligkeit für mein
Bettlein daheim. -- Da roch sie's gleich. »Mein Hausaltar liegt Dir im
Sinn,« sagte sie, »Gotteswegen, so magst Du ihn haben. Man kann's nicht
versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leut' thäten mir's
doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin. Bei Dir ist's in Ehren,
und Du denkst wohl an die alte Drachenbinderin zur heiligen Stund',
wenn Du betest.«
Das ganze Kirchlein hat sie mir geschenkt. Und das war jetzt die größte
Seligkeit meiner ganzen Kindschaft.
Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen über die Alpe
zu meinem Hause. Aber das Weib sagte: »Du lieber Närrisch, das kunnt
wohl auf alle Mittel und Weis nicht sein. Kommt erst der Knecht heim,
der wird einen Rat schon wissen.«
Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns das Mittagsbrot
gegessen hatte, da wußte er einen Rat. Er band mir das Kirchlein mit
einem Strick auf den Rücken, dann ließ er sich nieder vor dem Holzblock
und sagte: »Jetzt, Bübel, reit' wieder auf!«
Saß ich denn das zweitemal auf seinem Nacken, steckte die Füße in seine
Hosentaschen und umschlang mit den Händen seinen Hals. Die Alte hielt
mir das erwachende Kind noch vor, daß es mir das Händchen hinhalte,
sagte noch Worte des Dankes, schoß hinter den Ofen und jauchzte.
Ich aber ritt davon, und an meinem Rücken klöpfelten die Heiligen
in der Kirche, und in den Türmen schrillten bei jeder Bewegung die
Glöcklein.
Als der Mann mit mir emporgestiegen war bis zu den Höhen des Bürstling
und sich dort wieder die Schneescheiben festband, da fragte ich ihn,
warum denn die Drachenbinderin allfort so jauchze und lache.
»Das ist kein Jauchzen und Lachen, liebes Waldbauernbüblein,«
antwortete mir der Mann, »die Drachenbinderin hat eine böse Krankheit
zu tragen. Sie hat jahrelang so ein Schlucksen gehabt, wie eins es
bei Verkühlungen oder sonst wie bekommen kann; sie hat nicht darauf
geachtet, hat die Sach' übergehen lassen, und so ist nach und nach,
wie der Bader sagt, das Krampfschreien und das Krampflachen daraus
geworden. Jetzt ballt sich ihr Eingeweide zusammen, und wenn sie in der
Erregung ist, so hat sie die starken Anfälle. Sie kann schier keine
Speisen mehr vertragen und sieht den Tod vor Augen.«
Ich entgegnete kein Wort, blickte auf die schneeweißen Höhen, auf den
dämmerigen Wald und sah, wie wir an dem reinen Sonntagsnachmittag
sachte abwärts stiegen gegen mein Heimatshaus. Ich dachte, wie ich die
Kirche, die ich zum Vermächtnis bekommen, nun aufstellen wolle in der
Stube und darin Gottesdienst halten, und daß jetzt Vater und Mutter den
weiten Weg nach dem Pfarrdorfe nicht mehr zu machen brauchten.
Mein guter Gaul schritt geduldig dahin, und allweg klingelten hinter
mir die Metallglöckchen in den Türmen. -- Was läuten sie? ...
Die alte Drachenbinderin ist gestorben.
[Illustration]
[Illustration]
Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte.
Ich erinnere mich noch gar gut an jene Nacht.
Ein dumpfer Knall, als wenn die Thür des Schüttbodens zugeworfen worden
wäre, weckte mich auf. Und dann klopfte jemand am Fenster und rief in
die Stube herein: wer des Klein-Maxel Haus brennen sehen wolle, der
möge aufstehen und schauen gehen.