Sobald jedoch die Leute merkten, es fiele bei dieser wiederholten

Silberbeschau weiter nichts für sie aus, wurde ihnen die Sache

langweilig, und sie sagten: »Geh, laß uns in Ruh', Toni, mit Deinen

alten blinden Schimmeln, wenn Du keinen herschenkst, so wollen wir

sie auch gar nicht sehen.« Derlei undankbare und lieblose Bemerkungen

verdrossen den Knecht Toni allemal so tief, daß er in dem betreffenden

Hause sofort den Dienst kündigte und in einen anderen Hof zog, wo man

die Thalersammlung, die den Inhalt seines Knechtelebens ausmachte,

wieder besser zu würdigen verstand. -- Aber die Bauersleute sind so

viel hochsinnig, sie halten nichts auf's Geld, wenn sie es nicht

kriegen. Und so kam es, daß der Toni gar häufig seinen Dienst

wechselte, trotzdem er sonst ein stiller, zufriedener Mensch und kein

schlechter Arbeiter war.

Nun, so war der Thalerbüchsen-Toni auch in unser Waldhaus gekommen,

und weil er an meinem Vater einen Mann fand, der die Geldstücke nicht

nach deren Gewicht schätzte, sondern an den Bildnissen der Könige und

Kaiser und besonders an der lieben Mutter Gottes seine Freude hatte,

und weil er an uns Kindern -- ich war damals etwa acht Jahre alt --

eine jubelnde Schar von unersättlichen Bewunderern sah, so lebte er

in unserem Hause neu auf. Und jeden Abend nach dem Vesperbrot kam er

denn von seiner Gewandtruhe, die oben im Dachgelasse stand, zu uns in

die Stube, geheimnisvoll die rote Büchse noch unter dem Rocke bergend,

sie dann langsam hervorziehend, stets mit einer Miene, als ob es das

allererstemal geschehe und er etwas unerhört Neues aufzuzeigen hätte.

Und wenn er dann am sicheren Orte des großen Eichentisches saß und

wir in einem festen Wall um ihn herum waren, schraubte er mit einer

bedächtigen Fertigkeit die Büchse auf und faßte einen um den andern

mit zwei Fingern an, wie der Priester die Hostie, und begann mit

seinen Auslegungen. An jedem Stücke war eine besondere Merkwürdigkeit.

Da war eine Maria Theresia, die scheinbar ihre Augen verdrehte, wenn

man ihr die blinkende Münze Fritz des Großen gegenüberhielt. Ein

anderer Thaler zeigte noch Rostflecken vom dreißigjährigen Kriege,

von welchem der Knecht bemerkte, man müsse nicht glauben, daß dieser

Krieg dreißig Jahre lang ohne alle Unterbrechung gedauert habe; in den

meisten Nächten, besonders aber zu den hohen Festtagen, habe man die

Schlacht unterbrochen und Freund und Feind in Gemeinschaft sein Gebet

verrichtet. -- Auf einem andern Thaler war das wahrhaftige Bildnis

unserer lieben Frau und ein Ablaß daran für den, der es küßte. Wir

durften es auch küssen, alle der Reihe nach, auch die Dienstboten, die

der Knecht gut leiden konnte; zu den andern sagte er, sie möchten sich

ihren Ablaß nur anderswo holen, sie saugeten mit ihren ungewaschenen

Mäulern leicht die ganze heilige Weihe aus dem Silber.

Besonders ein halberwachsener Bursche, der Hiasel, war es, welcher

durch manch lose Bemerkung über den Toni und seine Büchse des alten

Knechtes Unwillen in so hohem Grade erweckt hatte, daß er nicht ein

einzigmal zur Thalerschau, geschweige zum Kusse zugelassen wurde.

Der Hiasel war kurze Zeit früher als unterstandsloser, etwas

verkommener Junge des Weges gestrichen, und mein Vater hatte

ihn aufgenommen, mit gutem Hanfzeuge bekleidet, auch ordentlich

ausgefüttert, denn die ersten Wochen war der heimatlose Bursche gar

nicht zu sättigen gewesen. Dafür griff der Hiasel nun auch die

Arbeit flink an, war munter, und das regelmäßige Leben schien ihm gar

nicht übel zu gefallen. Er sah jetzt recht gesund aus, war schlank

gewachsen, und weil er auch die Haare kämmte, so wollte er schier ein

hübsches Bürschlein werden. Ich, das muß ich wohl gestehen, hatte

keine besondere Zuneigung zum Hiasel, nicht allein, weil er mir

immer als Beispiel aufgestellt wurde, wenn ich mich nicht waschen

und strählen lassen wollte, sondern und viel mehr noch, weil der

Hiasel »Peitenstegga« anstatt Peitschenstecken sagte. Er war aus

dem Niederösterreich herübergekommen, und mir war das »Fremdeln«

in der Sprache unheimlich und dieses »Peitenstegga« geradezu eine

Ungeheuerlichkeit. Der Bursche schnitt mir manchen Peitschenstecken und

unterstützte mich bisweilen in meinen kindlichen Spielen; doch niemals

vermochte ich für ihn Neigung zu fassen, da wandte ich mich zehnmal

lieber dem alten Toni und seiner Thalerbüchse zu.

Des Alten schmunzelndes, wichtigthuendes Gesicht anzuschauen, war für

mich eine rechte Unterhaltung. Dieses platte, runzelige Gesicht mit

den großen Wangenknochen, mit den völlig wasserfarbigen Äuglein, die

fortwährend hinter den buschigen Brauen Versteckens spielten, wenn

die Thaler aufmarschierten, dieses Gesicht war ein großer Spaß; und

wie der Mann als Zeichen seiner höchsten Befriedigung die furchige

Stirnhaut auf- und niederriß und selbst die Ohrläppchen bewegte wie ein

Eselein -- das war doch gar zu possierlich. Und nun kam mir auf einmal

der Gedanke: Wenn der Toni schon in seiner Lustigkeit ein so spaßiges

Gesicht macht, wie erst, wenn er zornig und wild ist? -- Mit diesem

Gedanken hebt die Geschichte an.

Eines Tages, als die Leute auf dem Felde waren, stieg ich mit etwas

schlotternden Beinlein die Stiege vom Dachgelaß herab und freute mich

auf die Stunde, wenn der Toni wieder seine Thaler aufzeigen will und

sie nicht findet. Das wird ein Gelächter geben! Aber ich lache still

und sag' den Spaß erst am andern Tag.

Es war die genötige Schnittzeit, da wird bis in die späten Abende

hinein gearbeitet, da ist's nichts mit dem Thalergucken. Ich

vergaß auch bald darauf, ich mußte Garben tragen und dem Vater die

Kornschöberlein aufspreizen helfen. Auch waren die Kirschen reif, eine

Zeit voll Sehnsucht für mich, denn ich wagte noch nicht den Stamm

emporzuklettern, und das Niederziehen der Äste vermittelst Haken war

scharf verboten; wenn ein Ast brach, da verstand mein Vater keinen

Spaß. Das mutwillige Abreißen von Ästen nannte er: den Nachkommen

Kirschen stehlen. Das war freilich ein garstiges Wort, und verzichtete

ich schließlich doch lieber auf die so hellrot niederleuchtenden

Kirschen bis zum Samstagfeierabend, wenn sie mir der Vater regelrecht

herabholte oder es der Hiasel that, der ein arger Kletterer war.

Damals erfuhr ich, was ein böses Wort vermag. Als der Hiasel hoch

oben auf einem schaukelnden Aste saß und ihm bei jeder Schwenkung des

Hauptes die frischen Kirschengabeln förmlich in den Mund hineinhingen,

rief er zu mir nieder in's Gras, es wäre eine Schande, daß ich noch

auf keinen Kirschbaum könne! und warf mir -- der ich die Haube nach

Kirschen aufthat -- ein paar feuchte Kerne hinein. Ich sprang ergrimmt

an den Baumstamm, und in wenigen Augenblicken war ich zu meiner eigenen

Überraschung oben beim Hiasel.

Ich wollte eben der Jubelstimmung über meine plötzlich eingetretene

Mannhaftigkeit in einem hellen Juchschrei Luft machen, als neben im

Hause auf einmal ein unheimlicher Lärm entstand. Der Toni sprang wie

rasend zur Thür heraus, hielt mit beiden Händen seinen grauen Kopf und

schrie: »Mein Geld ist weg! Mein Geld ist weg!«

Ihm folgte mein Vater: der Toni solle sich doch nicht den Kopf

wegreißen, das Geld würde sich ja finden, er ließe das ganze Haus

untersuchen. Ein paar Dienstmägde zeterten: das wäre ihnen auch auf der

Welt noch nicht passiert, daß sie sich aussuchen lassen müßten, wie

Schelminnen, aber sie thäten es von selber, würfen dem Bauer all ihre

Habseligkeiten vor die Füße, Stück für Stück, und solle er schauen, ob

die dumme Thalerbüchse darunter sei.

»Die dumme Thalerbüchse!« stöhnte der alte Knecht, »o Bauer! mein

Bauer! Das Herz möchte mir zerspringen vor lauter Unglück!« und er hub

an laut zu weinen und ging, immer noch den Kopf zwischen den Händen

haltend, um's Haus herum, als müsse die Thalerbüchse irgendwo auf dem

grünen Rasen liegen.

Jetzt hörte ich auch die Stimme meiner Mutter, welche darüber schalt,

daß die Leute an ihren Gewandtruhen die Schlüssel stecken ließen,

daß sie damit leicht ein ganzes Haus in Unehr' bringen könnten; sie

halte aber dafür, der Toni hätte in seiner verrückten Weise das Geld

aufs Kornfeld mitgeschleppt und dort verstreut. Seit Wochen sei kein

Bettler, kein Handwerksbursch' oder sonst ein Fremder in den Hof

gekommen, und daß im Haus kein Dieb lebe, das wisse sie gewiß.

Mir, der ich auf dem Kirschbaumast hockte, war wunderlich zu Mute. Wenn

ich jetzt nur wieder unten wäre! das Ding geht höllisch schief.

Im Hause wurde der Hiasel gerufen.

»Wenn's eins im Haus gethan hat -- niemand anderer als der Hiasel!«

Als der Junge dieses Wort gehört hatte, sprang er vom Baum mit einem

kecken Schwunge über die Äste hinweg auf den Erdboden. Bald war er von

den Leuten umringt. Der Toni hatte seine Fassungskraft wieder erlangt,

er faßte daher den Hiasel am Arm und fragte, wo er das Geld habe!

Der Bursche war im Gesicht röter als die reifste Kirsche und sagte, er

wisse von keinem Gelde.

Das Leugnen würde ihm nichts nutzen. Man wisse bestimmt, daß er die

Thaler genommen habe!

Auf eine solche Anschuldigung ist der Bursche -- überhaupt ungewandt

im Reden, aber gewohnt, herrischen Aussprüchen sich zu fügen -- ganz

stumm geworden. Er stand da wie ein Stück Holz und starrte den Ankläger

schier seelenlos an.

»Wenn Du's willig sagst, wo mein Geld ist,« sprach der Toni in milder,

fast bittender Weise, »so geschieht Dir nichts; ich lege beim Waldbauer

ein Gebitt ein, daß er Dich frei laufen laßt. Wenn Du aber leugnest, so

schlage ich Dich tot!«

Und ich? Als ich merkte, welch schreckbare Wendung mein »Spaß« zu

nehmen begann, und daß die Sache jetzt gar nicht einmal wie ein Spaß

aussah, und als ich eine Geisterstimme hörte: _das, was Du gethan, war

Diebstahl!_ -- da war wohl mein erster Gedanke: Allsogleich sagen, Du

hast das Geld hinter der Gewandtruhe unter den Holzsparren gesteckt.

-- Aber sehr rasch rief eine andere Stimme: Das wäre zu gefährlich!

Siehe, jetzt reißt er schon die Heckenrute ab, die kriegst Du, sobald

Du das Wort sagst! Denn das Gesicht des alten Knechtes war ganz

schreckbar anzusehen, die Wut, die Ratlosigkeit und den Jammer habe

ich in meinem Leben nirgends so scharf ausgedrückt gefunden, als

damals auf dem Angesichte des Toni. Da gab's nichts zu lachen! Wohl

totenblaß mag ich gewesen sein, als ich mich hinter den Kirschbaumstamm

schlich, dann plötzlich Kehrt machte, ins Haus eilte, ins Dachgelaß

hinauf, die unselige Thalerbüchse aus ihrem Versteck holte und in die

sperrangelweit offene Gewandtruhe des alten Knechtes warf.

Als ich hernach wieder zum Kirschbaum zurückgekommen war, lagen von der

Heckenrute nur mehr die weißen Splitter umher auf dem grünen Rasen; die

Leute verzogen sich grollend und scheltend, und den Waldweg entlang

wankte der Bursche mit zerrauftem Haar.

Der Knecht wimmerte im Hause umher, der Vater trat zu mir und sagte,

ich hätte nun gesehen, wohin Unehrlichkeit führe; den Hiasel habe er

verjagt, und ich solle nun wieder auf den Kirschbaum steigen.

Jetzt sag's! Jetzt sag's! rief es ungestüm in mir. Aber ich habe es

nicht gesagt. Mir war, als _könnte_ ich es nicht mehr sagen, als sei

schon zu viel geschehen. Ich war ja für's ganze Haus das fromme,

gutmütige Büblein, das schier den ganzen Katechismus auswendig wußte

und das heilige Evangelium lesen konnte so schön und kräftig, wie der

Pfarrer auf dem Predigtstuhl, ich sollte nun als Dieb und Schuftlein

dastehen! Hatte ich nicht die haarsträubende Entrüstung der Leute

gesehen, die sich in allen Formen über den armen Hiasel entleert? Über

mich mußte es noch ärger kommen, denn ich war ein doppelter Bösewicht.

Für einen solchen ist es doppelt unklug, sich zu verraten -- und ich

habe _nichts_ gesagt.

Hingegen bin ich jetzt fortgegangen, den Waldweg entlang, um den

Hiasel zu suchen. Ich bin, wie der Steig führt, in den Schmithofgraben

hinabgegangen und jenseits wieder emporgestiegen zu den Hochwaldungen

des Teufelssteingebirges. Und auf der Höhe, dort wo der weite grüne

Anger liegt, mitten im Wald, und wo das hohe, rotangestrichene

Christuskreuz steht, dort habe ich ihn gefunden. Er lag unter dem

Kreuze und schlief, und auf seinem Antlitz lagen Spuren von Thränen.

Über den schwarzen hohen Baumwipfeln lag die Abendröte, kein Lüftchen

und kein Laut war auf dem dämmernden Anger -- ich saß neben dem

schlafenden Burschen und weinte. -- Kinder weinen oft, aber es wird

wohl selten sein, daß eins so bitter, bitterlich weint, als ich's

damals gethan habe, da ich Wache hielt vor dem schlummernden Jungen,

dem so grob Unrecht geschehen war.

Wecken wollte ich ihn nicht. Er war ja so müde gehetzt. Daß er

unschuldig ist, das weiß er, und wird ihm's sein lieber Schutzengel

auch im Traum sagen. Er hat nicht Vater und Mutter, er hat nichts Gutes

auf der Welt, und wenn ihm jetzt schon fremde Sünden zugeworfen werden,

weil ihn kein Mensch in Schutz nimmt, wie erst, wenn er groß ist und

es die schlechten Leute inne werden: das ist einer zum Tragen und

Büßen ...! Er soll schlafen.

Ähnliches mag ich gedacht oder gefühlt haben, und ein unendliches

Mitleid kam über mich, eine Reue und eine Liebe, und ich wußte mir vor

Weinen nicht zu helfen. Als er sich einmal ein klein wenig bewegte,

da ging's mir heiß durchs Herz, und mir verging fast der Mut, es ihm

zu sagen, daß ich das Schelmenstück gethan hätte, wofür er mißhandelt

worden. Konnte ihn das nicht gegen mich empören, wütend machen? Konnte

er mich nicht auf der Stelle totschlagen in diesem finsteren Wald

und mir dabei zuschreien: die Strafe dafür hätte er schon im voraus

empfangen?

Aber -- und das allein ist's, was aus jenem bösen Tage heute noch milde

auf mich herüberschaut -- ich blieb neben dem Schlummernden kauern und

war entschlossen, nicht eher von ihm zu gehen, als bis ich ihm alles

gestanden und abgebeten hätte. Dann wollte ich ihn mitnehmen hinein in

mein Vaterhaus, daß er alles dort habe, was ich bisher gehabt, und das

so lang, so lang, als die Heckenruten wachsen neben dem Kirschbaum.

Bevor jedoch der Hiasel aus seiner schweren Betäubung erwachte, kam was

anderes. Den Waldweg heran knarrte ein Leiterwagen, bespannt mit zwei

Ochsen, die ein Mann leitete. Der Stegleitner von Fischbach war's, er

fuhr von seinem Walde heim -- ich kannte ihn von einem Ochsentausche

her, den er etliche Wochen früher mit meinem Vater unternommen. Trotz

der tiefen Dämmerung erkannte ich auch die Ochsen als jene, welche er

von uns fortgeführt hatte. Das heimelte mich an. Als der Stegleitner

hier unter dem Kreuze einen schlafenden und einen schluchzenden Jungen

fand, war er gar erschrocken und fragte, was das zu bedeuten habe.

Und vor den Stegleitner bin ich hierauf hingekniet, als ob er der

Bestohlene oder der Mißhandelte gewesen wäre, und habe ihm wohl mit

gefalteten Händen alles erzählt.

Der Stegleitner war ein ruhiger, ernster Mann; als ich fertig war,

fragte er nur, ob ich fertig wäre, und da ich schwieg, hat er mir

folgendes gesagt: »Mit dem Hiasel hast Du und hat Dein Vater nichts

mehr zu schaffen, der gehört jetzt mein, ich nehme ihn mit mir.

Abbitten wirst Du ihm's, wenn Du größer geworden bist, denn das -- mußt

Du wissen -- verjährt nicht. Für jetzt werde ich ihm sagen, was zu

sagen ist, daß sein Schutzengel seine Unschuld an's Licht getragen hat.

Mehr braucht er nicht zu wissen. Und Du, Waldbauernbub, gehst jetzt

heim, und was Du zu thun hast, das weißt Du.«

»Das Geld ist schon zurückgegeben,« bemerkte ich gefaßter.

»Das Geld ist Mist,« sagte der Stegleitner, »die Ehre giebst zurück. --

Mein Kind!« fuhr er fort und richtete mich mit seiner Hand auf, »schau,

dort oben heben jetzt die Sternlein an zu leuchten. Sie schauen nieder

auf Dich, wenn Du bei der Thür eintrittst in Dein Vaterhaus, sie sehen,

was Du thun wirst und was lassen -- und sie brennen fort, bis zum

jüngsten Gericht!«

Die Worte waren ruhig, fast leise gesprochen, und doch war mir, als

bebte vor ihnen der Erdboden unter meinen Füßen.

Der Stegleitner blieb mit seinem Gefährte noch stehen bei dem roten

Kreuz; ich that einen kurzen Blick auf den Schläfer, und war mir, als

sähe ich das Bild eines Heiligen. Dann ging ich heimwärts; ging und

lief und ahnte Gespenster, die mir folgten.

Als ich gegen unser Haus kam, hörte ich schon von weitem die Stimme

meiner Mutter, die meinen Namen rief.

»Was das für ein Tag ist!« klagte sie, »Geld und Kinder werden

gestohlen, da müssen doch rein Zigeuner im Land sein!«

Aber Geld und Kind hatten sich nun glücklich wieder gefunden, und in

der Stube kniete der Vater am großen Tische, knieten die anderen Leute

an den Wandbänken herum, und sie beteten laut und gemeinstimmig den

üblichen Samstagsrosenkranz. Mir war wohl und weh. Ich kniete zum

alten Knecht Anton -- recht nahe an seine Seite hin -- und begann

laut mitzubeten. Sie wiederholten immer wieder das Vaterunser und das

Ave Maria, und ich stimmte in den surrenden Ton mit ein und sagte

fortwährend: »Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe Dir

das Geld gestohlen! Lieber Knecht, vergieb mir meine Schulden, ich habe

Dir das Geld gestohlen!«

Weil der Toni entweder stark schläfrig war, oder weil er während des

Rosenkranzes in Gedanken an die wiedergefundene Thalerbüchse schwelgte,

so währte es ziemlich lang, bis ihm mein wunderlicher Text auffiel.

Endlich huben sich seine Stirnhaut und sein Ohrläppchen an zu bewegen,

er wendete sachte sein entsetztes Gesicht und schrie in die Stube

hinein, man solle still sein und den kleinen Buben allein weiterbeten

lassen.

Und als von solcher Unterbrechung überrascht alles still war, duckte

ich mich weinend in den Wandwinkel und wimmerte laut: »Ich habe das

Geld genommen!«

Der Rosenkranz war für heute aus. Die Begebenheiten spitzten sich nun

rasch und scharf einem herben Ende zu, welches Ende jedoch durch den

Umstand, daß der Hiasel geborgen und von seiner Ehrenrettung bereits

durch den Stegleitner Kenntnis haben mußte, bedeutend gemildert worden

ist.

Von diesem verhängnisvollen Tage an ist der Thalerbüchsen-Toni nicht

mehr lange bei uns geblieben. Aber zum Abschiede nahm er mich an seine

Gewandtruhe. Dort öffnete er gravitätisch die Büchse und schenkte mir

daraus ein funkelndes Thalerlein als -- Finderlohn.

Nach Jahren, als der Toni mühselig und krank geworden war, wollte er

mit seinem Silberschatze eine »wunderthätige Kapelle« stiften, was ihm

aber der Pfarrer entschieden mißriet. Hingegen ward ihm nahe gelegt,

ob er nicht einem braven Bauernburschen, dem dieser Silberlinge wegen

einmal Unrecht geschehen, ein kleines Angedenken hinterlassen wolle?

Aber der Hiasel war nicht im Lande. Er war lange im Stegleitnerhofe

gewesen, und man hatte schon davon gemunkelt, daß er dort die hübsche

Haustochter heiraten werde -- da wurde die Gegend plötzlich geräumt.

Alle jungen, kräftigen Männer mußten fort. Es war die Zeit, in welcher

nach dem Sprichwort die Weibsleute um jeden Stuhl rauften, auf dem

einmal ein Mannsbild gesessen. -- Wie die Meereshochflut, die den

Damm zerreißt, so brach der Feind ins Vaterland herein. O, laßt mich

schweigen von den Ereignissen jener Tage, sie waren furchtbar groß.

Der Sturm war bald vorüber; viele Männer kehrten heim, viele blieben

auf ewig aus. Der Hiasel kam mit einem durchschossenen Fuß zurück. Bei

Königgrätz war's gewesen.

»Armer Bursch,« so begrüßte der alte Stegleitner den Heimkehrenden,

»jetzt bist ein zweitesmal unschuldigerweis geschlagen worden.«

»Ich trag's,« antwortete der Hiasel, »mir ist's nur _ihretwegen_ hart!«

»Was ihretwegen!« sagte der Bauer, »ihre Ahndl, meine Mutter selig, hat

auch einen hinkenden Mann gehabt. Dirndel, geh her! Schau, der Krumme

kann Dir nicht so leicht davonlaufen. Der lieb' Herrgott geb' seinen

Segen dazu!«

Jetzt ist die Geschichte aus. Heute ist der Hiasel angesehener

Stegleitner und sein Weib vergilt ihm -- so viel mir bekannt ist --

hundertfach manch erlittene Unbill.

Der alte Thalerbüchsen-Toni ist erst vor wenigen Jahren gestorben. Der

größte Teil seiner Münzen ging auf das Begräbnis, etliche Stücke nahm

er mit in seinen Sarg, darunter das mit dem wahrhaftigen Bildnisse der

Mutter Gottes. Da ist's wohl kein Wunder, daß der Alte im Tode ein so

wohlgemutes, fast schmunzelndes Gesicht machte und im Grabe schmunzelnd

zu Asche zerfallen wird -- bei den Thalern.

[Illustration]

Verlag von L. Staackmann in Leipzig.

Jugendschriften

von

Peter Rosegger.

=Aus dem Walde.= Ausgewählte Schriften für die reifere Jugend

mit 36 Abbildungen in illustriertem Umschlag gebunden M. 4.--.

=Ernst Und heiter= und so weiter. Für die reifere Jugend

ausgewählt, in illustriertem Umschlag kartoniert M. 4.--.

=Deutsches Geschichtenbuch.= Für die reifere Jugend ausgewählt

mit 12 Vollbildern, in illustriertem Umschlag gebunden M.

4.--.

=Waldferien.= Ländliche Geschichten für die Jugend ausgewählt.

Mit 20 Abbildungen. In illustriertem Umschlag gebunden M.

4.--.

=Waldjugend.= Geschichten für junge Leute von 15--70 Jahren.

Mit zahlreichen Textillustrationen und 10 Vollbildern von

Alfred Mailick. In Prachtband gebunden M. 6.--.

Ausführliches Verzeichnis über Roseggers Schriften sowie ein neuer

illustrierter Verlagskatalog steht jedem Interessenten auf Verlangen

gratis und franko zur Verfügung.

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 8: hierauf → sich hierauf

Als er {sich hierauf} einmal umsah

S. 11: kreuzenden → sich kreuzenden

das Gewebe der {sich kreuzenden} Eisstücke

S. 76: kriegen → kriechen

mußte ich unter den Tisch {kriechen}

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 7 / 7 段