Jedes von uns pflegte und hütete sein ihm zugeteiltes Gespons in Treue;

die Milch aber thaten wir zusammen in einen Topf, die Mutter kochte

sie, der Vater schenkte uns dazu die Brotschnitten -- und Gott der Herr

hat uns den Löffel Suppe besegnet.

Und wenn wir so mit den breiten Holzlöffeln, die unser Oheim geschnitzt

hatte, und die ihrer Ausdehnung wegen für's Erste kaum in den Mund

hinein, für's Zweite kaum aus demselben herauszubringen waren,

unser Nachtmahl ausgeschaufelt hatten, so nahmen wir jedes unseren

Roßhaarkotzen und legten uns, eins wie's andere, in den Futterbarren

der Ziegen. Das waren eine Zeitlang unsere Betten, und die lieben Tiere

befächelten uns mit ihren weichen Bärten die Wangen und beleckten uns

die Näschen.

Aber, wie wir Kindlein auch in der Krippe lagen, so kam das Einschlafen

auch nicht just immer nach dem ersten Lecken. Ich hatte von unserer

Ahne eine Menge wundersamer Geschichten und Märchen im Kopfe. Die

erzählte ich nun in solchen Abendstunden, und meine Geschwister waren

darüber glückselig, und die Ziegen hörten auch nicht ungern zu; nur daß

diese dann und wann, wenn ihnen das Ding gar zu unglaublich vorkam,

so ein wenig vor sich hinmeckerten oder mit den Hörnern ungeduldig

an den Barren pufften. Einmal, als ich von der Habergais erzählte,

die, wenn sie um Mitternacht auf dem Felde schreit, den Haber (Hafer)

schwarz macht, und die nichts frißt als die grauen Bärte alter

Kohlenbrenner, da begann mein Heitzerl dermaßen zu meckern, daß die

anderen drei auch mit einstimmten, bis meine Geschwister schließlich in

ein fürchterliches Gelächter ausbrachen und ich wie ein überwiesener

Aufschneider erbärmlich schweigen mußte.

Von derselben Zeit an erzählte ich meinen Schlafgenossen lange keine

Geschichten, und ich nahm mir vor, mit dem Heitzerl mein Lebtag kein

Wort mehr zu reden.

Da kam der Sonnwendtag. An diesem Tage kochte uns die Mutter den

üblichen Eierkuchen, mein liebstes Essen auf der Welt. In diesem Jahre

aber hatte uns der Geier die beste Leghenne geholt, so wollte sich das

Eierkörblein nicht mehr füllen, und als am Sonnwendtag der Kuchen kam,

war er ein gar kleinwinzig Laibchen. Wehmütig lugte ich hin auf den

Holzteller.

Mein fünfjährig Schwesterchen guckte mich an, und wie wenn es meine

Sehnsucht wahrgenommen hätte, rief es plötzlich: »Du, Peterl, Du! wenn

Du uns ein ganzes Jahr in jeder Nacht eine Geschichte erzählen magst,

so schenk' ich Dir meinen Teil von dem Kuchen!«

Dieser hochherzigen Entäußerung der Kleinen stimmten seltsamerweise

auch die anderen bei, und sie patschten in die Händchen, und -- ich

ging die Bedingung ein. So stand ich denn plötzlich am Ziele meiner

Wünsche.

Ich nahm meinen Kuchen unter die Jacke hinein und ging damit in die

Milchkammer, wo mich niemand sehen und stören konnte. Dort verriegelte

ich die Thür, setzte mich auf einen umgestülpten Zuber und ließ meine

zehn Finger und das wohlgeordnete Heer meiner Zähne über den armen

Kuchen los.

Aber nun kamen die Sorgen; daß meine Geschwister strenge auf ihrer

Forderung bestehen würden, daran konnte kein Zweifel obwalten. Ich

ging auf meinen Hirtenzügen jeden Pecher, Kohlenbrenner, Halter und

jedes wohlerfahrne Weiblein, wie ich's im Wald und auf der Heide

traf, um eine Geschichte an. Es waren ergiebige Quellen, und ich war

jeden Abend in der Lage, meiner Schuldigkeit nachzukommen. Mitunter

allerdings war's ein Elend, bis ich was Neues auftrieb, und nach einer

Zeit geschah es nicht selten, daß das Schwesterlein mich unterbrechend

von seinem Barren herüber rief: »Du! die wissen wir, die hast uns schon

erzählt!«

Ich sah wohl, daß ich auf neue Wege sinnen mußte, und war daher bemüht,

das Lesen besser zu lernen, um aus manchen Geschichtenbüchern, wie

sie in den Waldhütten nutzlos auf den rußigen Wandstellen herumlagen,

Schätze zu ziehen. Nun hatte ich neue Quellen: die Geschichte von der

Pfalzgräfin (das Jakoberle sagte immer Schmalzgräfin) Genovefa; die

vier Heimonskinder; die schöne Melusina; Wendelin von Höllenstein --

ganz wunderbare Dinge zu Dutzenden. Da sagte mein Bruder wohl oft aus

seiner Krippe heraus: »Mein Kuchen reut mich gar nicht! das ist wohl so

viel unmöglich schön. Gelt, Zeitzerl?«

Nun wurden die Abende zu kurz, und ich mußte eine solche Geschichte

in Fortsetzungen geben, womit aber klein Schwesterchen schier nicht

einverstanden sein wollte, denn es behauptete, in jeder Nacht eine

_ganze_ Geschichte! so sei es ausgemacht.

So verging das Jahr. Ich erwarb mir nach und nach eine gewisse

Fertigkeit im Erzählen und that es sogar hochdeutsch, wie es in den

Büchern stand! Oft geschah es auch, daß sich während des Erzählens

meine Zuhörer tief in die Kotzen vergruben und vor Schauer über die

Räuber- und Geistergeschichten zu stöhnen anhuben; aber aufhören durfte

ich doch nicht.

Es war schon wieder der Sonnwendtag nahe und mit ihm die Lösung meines

Vertrages. Doch -- ein eigen Geschick! -- noch vor dem letzten Abend

ging mir gänzlich der Faden aus. Alle meine Erinnerungen, alle Bücher,

deren ich habhaft werden konnte, alle Männlein und Weiblein, denen ich

begegnete, waren erschöpft -- Alles ausgepumpt -- Alles hoffnungslose

Dürre. Bat ich meine Geschwister: »Morgen ist der letzte Abend --

schenkt ihn mir!« War ein Geschrei: »Nein, nein, nichts schenken! Du

hast Deinen Sonnwendkuchen kriegt!« Gar die Ziegen meckerten mit.

Am nächsten Tage ging ich herum, wie ein verlorenes Schaf. Da kam

mir plötzlich der Gedanke: Betrüge sie! _dichte_ was zusammen! Aber

allsogleich schrie das Gewissen drein: Was du erzählst, das muß

wahrhaftig sein! du hast den Kuchen wahrhaftig bekommen!

Doch geschah im Laufe dieses Tages ein Ereignis, von dem ich hoffte,

daß es im Drange der Aufregung mich meiner Pflicht entbinden würde.

Mein Bruder Jakoberle verlor sein Zeitzerl. Er ging in Kreuz und Krumm

über die Heide, er ging in den Wald und suchte weinend und rufend die

Ziege. Aber endlich spät am Abend brachte er sie heim. Ruhig aßen

wir unsere Suppe, gingen in unsere Krippen, und von mir wurde die

Geschichte verlangt.

Es war still. Die Zuhörer harrten in Erwartung. Die Ziegen scharrten im

Wiederkäuen mit den Zähnen.

Nun denn, so sollen sie die Geschichte haben.

Ich sann -- -- ich begann:

»Es war einmal ein großer, großer Wald gewesen. Und in dem Wald

war es allweg finster gewesen. Keine Vöglein haben gesungen: nur

der Totenvogel hat geschrien. Wenn aber doch die andern Vögel

auch gesungen, da haben auf den Bäumen alle Äste und alle Blätter

vieltausend Thränen geweint. Mitten in diesem Wald ist eine Heide,

wie der Totenacker so still, und wer über dieselbe hingeht und nicht

umkehrt, der kommt nicht mehr zurück. Über diese Heide sind einmal zwei

blutige Knie gegangen.«

»Jesses Ma--!« rief mein älteres Schwesterlein aus, und alle Drei

krochen unter die Kotzen.

»Ja, zwei blutige Knie,« fuhr ich fort, »und die sind über die Heide

dahin geschwebt gegen den finsteren Wald, wie eine verlorne Seele.

Aber auf einmal sind die zwei blutigen Knie --«

»Ich schenk' Dir mein blaues Hosenband, wenn Du still bist!« wimmerte

mein Bruder angstvoll und verbarg sich noch tiefer in die Decke.

»-- sind die zwei blutigen Knie stillgestanden,« fuhr ich fort, »und

auf dem Boden ist ein Stein gelegen, so weiß, wie ein Leichentuch. Dann

sind zwei funkelnde Lichtlein gewesen zwischen den Bäumen, und darauf

sind vier andere blutige Knie dahergeschwebt.« --

»Mein neues Paar Schuh' schenk' ich Dir, wenn Du aufhörst!« hauchte

das Jakoberle in seinem Trog und zog aus lauter Furcht das Zeitzerl am

Barte zu sich.

»Und so sind alle sechs zusammengegangen durch den finsteren Wald und

heraus auf die Heide und über das Haferfeld herab zu unserem Hause --

und herein in den Stall --«

Jetzt kreischten alle Drei auf, und sie wimmerten und wußten ihrer

Angst kein Ende, und klein Schwesterlein versprach mir mit Zagen seinen

Teil von dem auch heuer wieder zu erwartenden, morgigen Sonnwendkuchen,

wenn ich aufhöre. Ich aber fuhr fort:

»Jetzt -- na, jetzt hab' ich zum Anfang zu sagen vergessen, daß die

zwei ersten blutigen Knie unserem Jakoberle und die vier letzteren

seinem Zeitzerl gehört haben -- wie sie heut' im Wald herumgegangen

sind.«

Brach auf einmal das Gelächter los. »Jeder Mensch hat zwei blutige

Knie!« rief Schwesterlein, und die Ziegen meckerten, daß es ein Jubel

war.

Ich hatte meine Rolle ausgespielt. Dreihundert vierundsechzig Nächte

lang hatte ich geglänzt als weiser, wahrhaftiger Geschichtenmann; die

dreihundert fünfundsechzigste hatte mich entlarvt als argen Schwätzer.

Das Versprechen in betreff des zweiten Sonnwendkuchens wurde rückgängig

gemacht; Schwesterlein erklärte, die Zusage sei nichts als Notwehr

gewesen.

Und die Gläubigkeit meines Publikums hatte ich mir verdorben ganz und

gar, und wenn es in Zukunft an irgend einem Erzählten seinen Zweifel

ausdrücken wollte, so rief es einstimmig: »Aha, das ist wieder ein

blutiges Knie!«

[Illustration]

[Illustration]

Als ich Bettelbub gewesen.

Die schmale Straße, die durch den Wald ging, hatte weißen Sand und

dunkles Moos, war zur sonnigen Zeit nicht staubig und in Regentagen

nicht lehmig. Sie zog nicht in der Schlucht, sie zog auf der sanften

Bergeshöhe hin, wo das kurze, grüne Heidekraut und in dünner Anzahl die

alten, verknöcherten Fichtenbäumchen standen. Stellenweise ging der Weg

über eitel grünen Rasen, und kein Wagengeleise war gedrückt; behendige

Ameisenvölker trieben auf dieser Straße ihren Handel und Wandel.

Und doch erstreckte sich der Weg aus Weitem her und war von Menschen

getreten. Hie und da stand etwas wie ein Wegzeiger, eine hölzerne,

wettergraue Hand wies geradeaus oder seitab und sagte nicht, wohin. An

anderen Stellen wieder, wo ein alter, flechtenbewachsener Baumstamm

hart am Wege ragte, prangte daran ein rotangestrichenes Holzkästchen

mit einem Liebfrauenbildnis oder mit einem »Martertaferl,« erzählend

von einem Unglücksfalle, der sich an der Stelle zugetragen, bittend um

ein christlich Gebetlein. Oder es starrte aus dem Sand- und braunen

Moosboden ein Kruzifix auf.

Ich habe in der weiten Welt keinen Weg mehr gefunden, der mir so

grauenhaft heilig erschienen wäre, als diese Straße, die durch unseren

Wald strich und von der wir nicht wußten, woher sie kam und wohin sie

ging. Denn doch! Erfahrene Leute sagten es ja, sie kam aus dem fernen

Ungarlande und führte nach Mariazell. 's ist ein ewiges Wandern von

Sonnenaufgang her. Auch die wilden Türken vor drei- oder mehr hundert

Jahren sollen diesen stillen Weg herangewütet haben; auch kleine

Zigeunerbanden trippelten zuweilen auf demselben daher, und dann einmal

ein Handwerksbursche oder ein Bettelmann oder ein Schwärzer kam des

Weges und verneigte sich vor den Bildnissen und küßte sich vom Kruzifix

etliche hundert Tage Ablaß herab.

Im Ganzen jedoch war der Weg unsagbar einsam, und die wenigen Häuser

standen fernab im Thale oder auf entlegenen Hügeln.

Doch war es alle Jahre einmal, zur Zeit der Bittage, in jener

Maienwoche, in welcher unsere Religion das Fest der Himmelfahrt des

Herrn feiert, daß auf diesem Waldwege eine förmliche Völkerwanderung

ausbrach. Fremdartige Menschen in fremden Kleidern mit seltsamer

Geberde und Sprache wallten scharenweise heran. Sie hatten braune

Gesichter, knochige Glieder und struppige Haare. Sie hatten scharfe,

glühende Augen, weiße Zähne, lange, tiefgebogene oder kühn aufgeworfene

Nasen und fremdartige Züge um die Mundwinkel. Die Männer trugen

weiße, flatternde, unten befranste Linnenhosen, die so weit waren,

daß sie aussahen wie Kittel, und dunkelblaue Übermäntel mit breit

zurückgeschlagenen Krägen und kleine Filzhütchen mit schmalen,

aufgeringelten Krempen. Auch hatten sie blaue Westen an, besetzt

mit einer Reihe von großen Silberknöpfen. Andere trugen wieder so

enge weiße Beinkleider, als wären sie über und über an die Glieder

gewachsen, und anstatt mit Stiefeln hatten sie die Waden und den Fuß

in Kreuz und Krumm mit Binden umgeben. Auch hatten dieselben Männer

schwere Übermäntel aus weißem Filze an ihren Achseln hängen, und diese

Mäntel, sowie auch die Beinkleider waren ausgeziert mit roten oder

blauen Rändern, und allerlei Geschnüre schnörkelte sich um die Wämmser.

Die Weiber trugen blauschwarze oder weiße Kittelchen, die kaum ein

bißchen über's Knie hinabgingen und bei jedem Schritt keck hin- und

herschlugen. Bei anderen wieder waren die Kittel so eng und die

schwarzen faltenlosen Schürzen so breit, daß bei jedem Schritte die

Rundungen der Gestalt hervortraten. Ferner trugen sie hohe und schwere

Stiefel, daß unter denselben der Sand knarrte, oder sie gingen gar

barfuß und hatten Staubkrusten an den Zehen. Weiters staken die Weiber

in kurzen schwarzen Spenserchen, oder sie hatten gar nur ein weites

Hemd über Arm und Busen flattern. Die Köpfe hatten sie turbanartig

mit einem Tuche umschlungen, unter dem die schwarzen Lockensträhne

hervorquollen.

So wogten sie lärmend und heulend heran, und jede Gestalt hatte ein

weißes Bündel auf den Rücken gebunden und trug in der Hand einen

weißen, glattgeschälten Stock. Diese Stöcke waren meist frisch in

unseren Wäldern geschnitten, es waren Lärchenstäbe; auch an den Hüten

trugen die Männer frischgeschnittene Lärchenzweige und Lärchenkränze;

dieser herrliche Baum mit seinem weichen Genadel, wie er mit dem

vielgestaltigen Hochrelief der Rinde seines Schaftes in der Form einer

hellgrünen Pyramide unsere Alpenwälder schmückt, ist in jenen fernen,

flachen Gegenden, aus denen die Scharen kamen, nimmer zu finden.

Die fremden Gestalten, welche in kleineren Rotten und großen Haufen

einen ganzen Nachmittag lang heranströmten, kamen aus dem Ungarlande

und waren Magyaren und Slovaken. Es waren die Volksmassen, die

alljährlich einmal aus ihren Heimatsgemeinden davonwandern, um

den weiten Weg von sechs bis acht Tagen bis zu dem weltberühmten

Wallfahrtsorte Mariazell zu wallen. Ungarische Herren und slavische

Fürsten hatten einst viel zum Ruhme und zur Verherrlichung der

Gnadenstätte zu Zell gethan, und so wogt heute noch der Strom jener

Völker dem berufenen Alpenthale zu und macht einen Hauptteil der

gesamten Wallfahrer aus, die alljährlich in Zell erscheinen.

Es waren also fromme Wallfahrerscharen, die betend und singend unseren

stillen Wald durchzogen. Jedes Häuflein trug eine lange rote Stange

mit sich, auf welcher ein Kreuz mit bunten Bändern oder ein wallendes

Fähnlein war. Vor jedem Kruzifix oder anderen Bildnissen, wie sie am

Wege standen, verneigten sie tief diese Stange; und wenn sie zu jener

Höhung herangestiegen waren, auf welcher dem Wanderer das erstemal die

zackige Hochkette des Schwaben und der gewaltige Felskoloß der hohen

Veitsch sichtbar wird, standen sie still und senkten dreimal fast bis

zur Erde ihren Fahnenstab. Begrüßten die Menschen aus dem Flachland die

wilderhabene Alpennatur? Nein. In der Felsenkrone jener hohen Berge lag

ihr heiliges Ziel, und das begrüßten sie mit Herz und Geberden.

An diesem Punkte waren sie nur noch eine Tagreise entfernt von

Zell; manche empfanden in solchem Gedanken zum Wandern neue Kraft,

anderen sank der Mut im Anblicke der blauenden Alpenwände, die

zu übersteigen waren. Bisweilen schleppten die Fremdlinge einen

Genossen mit sich, der unterwegs erkrankt war. Einmal trugen sie auf

frischer Lärchbaumtrage die Leiche eines auf der Straße verstorbenen

Wandergenossen, um sie im nächsten Friedhofe zu bestatten.

So hallten am ersten Tage der Bittwoche die grellstimmigen Gebete

der Ungarn und die melancholischen Lieder der Slaven durch unsere

Gegend. Die Leute traten aus den Häusern und horchten den seltsamen

Stimmen; wir Kinder aber pflegten eine andere Sitte. Wir zogen unsere

zerfahrensten Kleidchen an, und mit fliegenden Lumpen hüpften wir der

Straße zu. Dort knieten wir nieder auf den Sand, aber so, daß wir auf

unsere eigenen Fersen zu hocken kamen, und wenn eine der Kreuzscharen

nahte, so rissen wir die Hauben vom Kopf, stellten dieselben als Gefäß

vor uns hin und schlugen zuerst mit zagender, bald mit kecker Stimme

zahlreiche Vaterunser los.

Die Früchte blieben nicht aus. Männer schossen Kreuzer in unsere

Hauben, Weiber warfen uns Brot und Kuchen zu, welche, wie die Spuren

ihrer Zähne daran bewiesen, sie ihrem eigenen Munde entzogen hatten.

Andere hielten gar an und öffneten ihre Bündel und kramten drin herum

und reichten uns Backwerk, und manch' alt' Mütterlein, das unsertweg

auf ein paar Minuten zurückgeblieben war, konnte die Schar wohl oft

stundenlang nicht mehr erreichen.

Manchmal stellten die Fremden Worte an uns, die wir nur mit glotzenden

Augen zu beantworten wußten. Je seltsamer ihr Wesen und ihre Sprache

war, desto feiner und liebreicher zeigte sich die Gabe; vielleicht

dachten die Geber an ihre Angehörigen in ferner Heimat, denen die

Liebe galt, die uns fremden Kindern erwiesen wurde. Je brauner die

Gesichter, desto weißer war das Brot -- wir hatten die Erfahrung bald

gemacht.

Bisweilen wurden wir auch in deutscher Sprache angeredet: wie wir

hießen, wem wir zugehörten, wie viel unser Vater Ochsen hätte und ob

wir auch Kornfelder besäßen. Des Grabenbergers Natzelein war unter uns,

das gab stets die Antwort und log fürchterlich dabei: Wir gehörten

armen Holzhauerleuten an, der Vater wäre vom Baum gefallen, und die

Mutter läge krank schon seit Jahr und Tag; Ochsen hätten wir nicht,

aber zwei Ziegen hätten wir gehabt, und die hätte der Wolf gefressen.

Mit einem Kornacker wär's schon gar nichts, aber Pilze äßen wir, und

die wären heuer noch nicht gewachsen. -- Ich bohrte vor heimlicher Wut

über derlei unwahre Darstellungen die Zehen hinter mir in die Erde

hinein. Ja, das Natzelein verfing sich derart in das Lügen, daß es

schließlich selbst unsere ehrenhaften Taufnamen falsch angab.

Die guten Ungarn schlugen hell die Hände zusammen über so arme Würmer,

dann blickten sie in die Waldgegend hinaus und meinten, es wäre leicht

zu glauben, es wäre eine elende Gegend; gar der Schnee lag noch hie

und da in den Gruben, zu einer Zeit, da auf den weiten Ebenen draußen

längst das Korn in Ähren stand. Sie griffen dann tief in den Sack.

Das Natzelein war mir seiner Aufschneidereien wegen eigentlich recht

verleidet, aber ich getraute mich vor den Fremden kein Wort zu sagen;

und wenn sie mich zuweilen doch dahin brachten, daß ich den Mund

aufmachte, so ward das Wort so ängstlich und leise herausgemurmelt,

daß sie mich nicht verstanden. Die anderen, besonders das Natzelein,

kriegten daher immer mehr in ihre Hauben als ich; nur dann und wann

ein mildherziges Weiblein legte mir, dem »Hascherl«, was bei.

Einmal -- ich und des Grabenbergers Natzelein waren allein -- gerade

vor dem Herannahen einer größeren Schar, nahm ich eine Stellung ein,

die vorteilhafter war, als der Platz, auf welchem das Natzelein hockte.

Das Natzelein war darüber erbost, und als die Gaben wirklich in

größerer Menge mir zuflogen, rief er aus: »Der da ist eh reich, sein

Vater hat vier Ochsen und einen großen Grund! Vater unser, der Du bist,

u. s. w.«

Auf der Stelle wendete sich das Glück, und alles Brot und Geld wäre in

den Hut des Natzelein geflogen, da erhob ein Mann, der mitten unter den

Wallfahrern stand, das Wort: »Schaut einmal den neidischen Schlingel

an! Ihr seid beide nicht so arm, als daß Ihr ohne unser Brot verhungern

müßtet, und auch nicht so reich, als daß wir Euch die kleinen Gaben

versagen wollten. Ihr seid Waldbauern-Kinder, aber ich gebe meinen

Sechser diesmal dem da, dessen Vater vier Ochsen hat!«

Mein Lebtag vergeß' ich's nimmer, wie jetzt die Batzen in mein Häublein

klangen -- hell zu Dutzenden, und ich konnte nachgerade nicht schnell

genug die »Vergeltsgott« sagen, daß auf jeden eins kam. Und da dieser

wundersame Hagel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, gar nicht wollte

aufhören, konnte ich die Lust in meinem Herzen nimmer verhalten, in ein

helles Wiehern und Lachen brach ich aus; das Natzelein aber schleuderte

seine fast leer gebliebene Haube mitten in die Straße und schoß wütend

in den Wald hinein.

Mit Gelächter zog die Kreuzschar ab. Und ich hub an, meine Schätze zu

zählen; in der Kappe und um dieselbe, im Sand und auf dem Moos und

im Heidekraut lagen die Kreuzer und Groschen und Sechser zerstreut.

Und als ich sie alle versammelt hatte, wollte ich wohl verzichten auf

alle weiteren Wallfahrertruppen, die heute noch kommen konnten, wollte

schnurstracks heim zu meinen Eltern laufen, um ihnen das unermeßliche

Glück zu verkünden. Da bin ich plötzlich angepackt von rückwärts, zu

Boden geworfen, und auf meiner Brust reitet das Natzelein. Mit seinen

strammen Händen preßt er meine Arme tief in das Heidekraut hinein, und

so grinst er mir in's Gesicht.

_Stärker_ bin ich nicht, wie er, dachte ich bei mir, wenn ich auch

_gescheiter_ nicht bin, so ist's um mich gefehlt.

»Du!« murmelte das Bürschlein zwischen den Zähnen hervor, »gieb mir die

Hälfte vom Geld!«

»Nein,« sage ich trocken.

»So nehm' ich mir's selber.«

»Dann spring' ich auf.«

»Aber ich laß' Dich nicht los!«

»Dann kannst Du das Geld nicht nehmen.«

»Ich setz' Dir meine Knie auf die Gurgel!«

»Ich laß' mich umbringen.«

Zum Glück hallte jetzt der Gesang einer neuen Kreuzschar. Wir beide

sprangen auf, stürzten zur Straße hin und lallten unser Gebet.

Das von den vielen Abenteuern an der Straße nur als einzig Stücklein.

Und wenn das Tagwerk vorbei, so versammelten wir Kinder uns auf der

Au, wo die Schafe noch grasten, und tauschten unsere Gaben um, wie sie

jedem eben entsprachen. Geld war stets der gesuchteste Artikel; nur die

Kinder armer Kleinhäusler und Köhlersleute gaben feine Leckerbissen

und Kreuzerchen für ein schwarzes Stück Brot, wenn es nur groß war.

Am fünften Tage kehrten die Scharen stets auf demselben Wege wieder

zurück. Und jeder von den Wallfahrern hatte an seiner Brust einen oder

mehrere Rosenkränze hängen oder Amulette, Frauenbildchen und funkelnde

Kreuzlein und Herzen. Die Mädchen trugen rote und grüne Krönlein von

Wachs auf ihrem Haupte. Die Bündel auf den Rücken hatten sich sehr

bedeutend verkleinert, und die Brote, die wir bekamen, waren hart, und

Geldstücke sprangen spärlich hervor aus den Taschen.

Doch lohnte es sich des Hockens immer noch, und die Erwartung der Gabe

war mindestens so anziehend, als die Gabe selbst.

Einmal, ich war schon an die zehn Jahre alt geworden, kniete ich

ganz allein am Stamme eines Kruzifixes, und recht zungenfertig im

Vaterunserhersagen, wie ich endlich geworden war, kehrte ich alle

Vorteile des Absammlers heraus und hoffte reichlichen Gewinn. Da kam

eine Kreuzschar; ein paar Brötchen wurden mir zugeworfen, und sie

war vorüber. Nur ein schon betagter, gutmütig aussehender Mann war

zurückgeblieben, schritt ganz nahe an mich heran, neigte ein wenig sein

Haupt zu mir nieder und sagte: »Bettelbub'!« Dann ging er den anderen

nach.

Mir war das halbe Vaterunser im Mund stecken geblieben. Ich glotzte

eine Weile um mich, dann stand ich langsam auf und schlich von dannen.

Das war mein letztes Hocken gewesen an unserer Waldstraße.

-- Bettelbub'! -- Das Wort hat mich aufgeweckt. Ein junger, gesunder

Bursche, der stolz ist, daß sein Vater Haus und Hof besitzt, ein

sonst gar etwas hoffärtiger Bursche, der mit seinem neuen grünen Hut

Sonntags schon etlichemale gleich den Knechten in's Wirtshaus gegangen

ist, der es demnächst mit dem Tabakrauchen probieren wird und der nicht

allzuselten in's Fensterglas guckt, wie es mit dem Bart steht -- ein

solcher Bursche betteln!

Auch das Natzelein thut's nimmer. Das Natzelein ist ein reicher

Bauer geworden, und er giebt, wenn man ihm glauben darf, jeden Tag

erklecklich Almosen an wahrhaft dürftige Bettelleute.

Und die Magyaren und die Slovaken kommen noch heute jenen einsamen

Waldweg gezogen, immer an Kinder, die am Wege kauern, Gaben spendend,

in ihrem Beten und Flehen _selbst_ Bettelleute vor der Gnadenmutter zu

Zell.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich zur Drachenbinderin ritt.

Wenn mein Vater am Sonnabend beim Rasieren saß, da mußte ich unter den

Tisch kriechen, weil es über dem Tisch gefährlich war.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 4 / 7 段