hat Deinen Vater fortweg gern gehabt. Den Gamsbart magst zum Andenken
selber behalten. Bet' einmal ein Vaterunser dafür.«
Ich sagte meinen Dank, ich that noch einen unsteten Blick gegen die
Bahre hin; der Sepp lag lang gestreckt und hielt seine Hände über der
Brust gefaltet. -- Dann ging ich hinaus und abwärts durch den Wald. --
Wie war's licht und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft -- voll
Leben im Walde!
Und in der Hütte, auf dem Bahrbett lag ein toter Mensch.
Ich kann die Nacht und den Morgen -- das Sterben mitten in dem
unendlichen Lebensquell des Waldes nimmermehr vergessen. Auch besitze
ich heute noch den Gemsbart zum Andenken an den Meisen-Sepp.
Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der Welt, oder wenn mich
die Zweifel überkommen an der Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn
mich gar die Angst will quälen vor meinem vielleicht noch fernen,
vielleicht schon nahen Hingang -- so stecke ich den Gemsbart des Sepp
auf den Hut.
[Illustration]
[Illustration]
Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte.
In der Kirche des Alpendorfes Ratten steht links am Hochaltare
eine fast lebensgroße Reiterstatue. Der Reiter auf dem Pferde ist
ein stolzer Kriegsmann mit Helm und Busch und einem kohlschwarzen
Schnurrbärtchen. Er hat das breite funkelnde Schwert gezogen und
schneidet mit demselben seinen Mantel entzwei. Zu Füßen des sich
bäumenden Rosses kauert eine Bettlergestalt in Lumpen.
Als ich noch so ein nichtiger Knirps war, wie er einem ordentlichen
Menschen kaum zum Hosensack emporgeht, führte mich meine Mutter gern
in diese Kirche. In der Nähe der Kirche steht eine Marienkapelle, die
sehr gnadenvoll ist und in welcher meine Mutter gern betete. Als oft
kein Mensch sonst mehr in der Kapelle war und vom Turme schon die
Mittagsglocke in den heißen Sommersonntag hinausklang, kniete die
Mutter immer noch in einem der Stühle und klagte Marien ihr Anliegen.
Die »liebe Frauen« saß auf dem Altare, legte die Hand in den Schoß und
bewegte weder den Kopf, noch die Augen, noch die Hände, und da konnte
meine Mutter nachgerade sagen, was sie wollte.
Ich hielt mich lieber in der großen Kirche auf und sah den schönen
Reiter an.
Und einmal, als wir auf dem Wege nach Hause waren und mich die Mutter
an der Hand führte, und ich immer drei Schritte machen mußte, so
oft sie einen that, warf ich meinen kleinen Kopf auf zu ihrem guten
Angesichte und fragte: »Zuweg steht denn der Reiter allfort auf der
Wand oben, und zuweg reitet er nicht zum Fenster hinaus auf die Gasse?«
Da antwortete die Mutter: »Weil Du so kindische Fragen thust und weil
es nur ein Bildnis ist, das Bildnis des heiligen Martin, der, ein
Soldat, ein sehr gutthätiger frommer Mann gewesen und jetzt im Himmel
ist.«
»Und ist das Roß auch im Himmel?« fragte ich.
»Sobald wir zu einem rechten Platz kommen, wo wir rasten können, so
will ich Dir vom heiligen Martin was erzählen,« sagte die Mutter und
leitete mich weiter, und ich hüpfte neben ihr her. Da wartete ich schon
sehr schwer auf das Rasten, und in einemfort rief ich: »Mutter, da ist
ein rechter Platz!«
Erst als wir in den schattigen Wald hineinkamen, wo ein platter,
moosiger Stein lag, fand sie's gut genug, da setzten wir uns nieder.
Die Mutter band das Kopftuch fester und war still, als habe sie
vergessen, was sie versprochen. Ich starrte ihr fort und fort auf den
Mund, dann guckte ich wieder zwischen den Bäumen hin, und mir war ein
paarmal, als hätte ich durch das Gehölz den schönen Reitersmann reiten
gesehen.
»Ja, 'leicht wohl, mein Bübel,« begann meine Mutter plötzlich, »allzeit
soll man den Armen Hilfe reichen um Gotteswillen. Aber so, wie der
Martin gewesen, traben heutzutag nicht viel Herrenleut' herum auf hohem
Roß. -- Daß im Spätherbst der eiskalte Wind über unsere Schafheide
streicht, das weißt wohl, hast Dir ja selber d'rauf im vorig' Jahr
schier die Tatzelein erfroren. Siehst Du, völlig eine solche Heide
ist's auch gewesen, über die der Reitersmann Martinus einmal geritten
an einem späten Herbstabend. Steinhart ist der Boden gefroren, und
das klingt ordentlich, so oft das Roß seinen Huf in die Erden setzt.
Die Schneeflöcklein tänzeln umher, kein einziges vergeht. Schon
will die Nacht anbrechen, und das Roß trabt über die Heide, und der
Reitersmann zieht seinen weiten Mantel zusammen, so eng es halt hat
gehen mögen. Bübel, und wie er so hinfährt, da sieht er auf einmal
ein Bettelmännlein kauern an einem Stein; das hat nur ein zerrissenes
Jöpplein an und zittert vor Kälte und hebt sein betrübtes Auge auf zum
hohen Roß. Hu, und wie das der Reiter sieht, hält er an sein Tier und
ruft zum Bettler nieder: Ja, Du lieber armer Mann, was soll ich Dir
reichen? Gold und Silber hab' ich nicht, und mein Schwert kannst Du
nimmer brauchen. Wie soll ich Dir helfen? -- Da senkt der Bettelmann
sein weißes Haupt nieder gegen die halbentblößte Brust und thut einen
Seufzer. Der Reiter aber zieht sein Schwert, zieht seinen Mantel von
den Schultern und schneidet ihn mitten auseinander. Den einen Teil des
Kleidungsstückes läßt er hinabfallen zu dem armen zitternden Greise:
Hab' vorlieb damit, mein notleidender Bruder! -- Den andern Teil des
Mantels schlingt er, so gut es geht, um seinen eigenen Leib und reitet
davon.«
So hatte meine Mutter erzählt und dabei mit ihrem eiskalten
Herbstabende den schönen Hochsommertag so frostig gemacht, daß ich mich
fast schauernd an ihr lindes Busentuch schmiegte.
»'s ist aber noch nicht ganz aus, mein Kind,« fuhr die Mutter fort,
»wenn Du es nun gleichwohl weißt, was der Reiter mit dem Bettler in
der Kirche bedeutet, so weißt Du's noch nicht, was weiter geschehen
ist. Wie der Reitersmann nachher in der Nacht daheim auf seinem
harten Polster ruhsam schläft, kommt derselbige Bettler von der Heide
zu seinem Bett, zeigt ihm lächelnd den Mantelteil, zeigt ihm die
Nägelwunden an den Händen und zeigt ihm sein Angesicht, das nicht
mehr alt und kummervoll ist, das strahlet wie die Sonnen. Derselbe
Bettelmann auf der Heid' ist der lieb' Herrgott selber gewesen. -- So,
Bübel, und jetzt werden wir wieder anrucken.«
Da erhoben wir uns und stiegen den Bergwald hinan.
Bis wir heim kamen, waren uns zwei Bettelleute begegnet; ich guckte
jedem sehr genau in das Gesicht; ich hab' gemeint, es dürft' doch der
liebe Herrgott dahinter stecken.
Gegen Abend desselben Tages, als ich mein Sonntagskleidchen des
sparsamen Vaters wegen schon hatte ablegen müssen und nun wieder in
dem vielfarbigen Werktagshöslein herumlief und hüpfte und nur noch das
völlig neue graue Jöppel trug, das ich nicht ablegen wollen und mir
noch für den Tagesrest erbeten hatte, und als die Mutter auch schon
lange wieder bei ihrer häuslichen Arbeit war, eilte ich gegen die
Schafheide hinauf. Ich mußte die Schäflein, worunter auch ein weißes
Lämmchen als mein Eigentum war, heim in den Stall führen.
Wie ich aber so hinhüpfe und Steinchen schleudere und damit die
goldenen Abendwolken treffen will, sehe ich plötzlich, daß dort am Fels
ein alter weißköpfiger, sehr arm gekleideter Mann kauert. Da stehe ich
erschrocken still, getraue mir keinen Schritt mehr zu thun und denke
bei mir: Jetzt, das ist aber doch ganz gewiß der lieb' Herrgott.
Ich habe gezittert vor Furcht und Freude, ich habe mir gar nicht zu
helfen gewußt.
Wenn es doch der lieb' Herrgott ist, ja, da muß eins ihm wohl was
geben. Wenn ich jetzt heimlauf', daß die Mutter komme und gucke und mir
sage, wie ich d'ran bin, so geht er mir zuletzt gar dieweilen davon,
und es wär' doch eine Schand' und ein Spott. Ich denk', sein wird er's
gewiß, just so hat derselb' ja auch ausgeschaut, den der Reitersmann
gesehen.
Ich schlich einige Schritte nach rückwärts und begann an meinem grauen
Jöppel zu zerren. Es ging nicht leicht, es war so fest über dem
grobleinenen Hemde oben, und ich wollte das Schnaufen verhalten, ich
meinte, der Bettelmann sollte mich früher nicht bemerken.
Einen gelbangestrichenen Taschenfeitel hatte ich, nagelneu und just
scharf geschliffen. Diesen zog ich aus der Tasche, das Röcklein nahm
ich unter's Knie und begann es nun mitten auseinander zu trennen.
War bald fertig, schlich zum Bettelmann, der halb zu schlummern schien,
und legte ihm seinen Teil von meinem Rock zu Häupten. -- Hab' vorlieb
damit, mein notleidender Bruder! Das habe ich ihm still in Gedanken
gesagt. Dann nahm ich meinen Teil vom Rocke unter den Arm, lugte noch
eine Weile dem lieben Gott zu und jagte dann die Schäflein von der
Heide.
In der Nacht wird er wohl kommen, dachte ich, und da werden ihn Vater
und Mutter sehen, und wir können ihm, wenn er bei uns bleiben will,
gleich das hintere Stübel und das Hausaltarl herrichten.
Ich lag im Schiebbettlein neben Vater und Mutter, und ich konnte nicht
schlafen. Die Nacht verging, und der, den ich gemeint hatte, kam nicht.
Am frühen Morgen aber, als der Haushahn die Knechte und Mägde aus ihren
Nestern hervorgekräht hatte, und als draußen im Hofe schon der laute
Werktag anhub, kam ein alter Mann (sie hießen ihn den Schwamm-Veitel)
zu meinem Vater, brachte ihm den verschenkten Teil von meinem Rock
und erzählte, ich hätte denselben abends zuvor in meinem Mutwillen
zerschnitten und ihm das eine Stück an den Kopf geworfen, wie er so ein
wenig vom Schwammsuchen ausgeruht habe auf der Schafheide.
Darauf kam der Vater, eine Hand hinter dem Rücken, ganz leicht an mein
Bett geschlichen: »Geh', thu' mir's sagen, Bub', wo hast denn Du Dein
neues Sonntagsjöppel?«
Das leise Schleichen mit der Hand hinter dem Rücken war mir sogleich
verdächtig vorgekommen, und jetzt ging mir schon das Gesicht
auseinander, und weinend rief ich: »Ja, Vater, ich hab' gemeint, dem
lieben Herrgott hätt' ich es 'geben.«
»Jesses, Bub', Du bist aber so ein Trottel, so ein Halbnarr!« schrie
mein Vater, »für die Welt bist Du viel zu dalkert, zum Sterben bist Du
gar zu dumm. Dir muß man mit einem rechten Besen die Seel' aus der Haut
schlagen!«
Wie nun die Hand mit der gewundenen Birkenrute zum Vorschein kam, erhob
ich ein Zetergeschrei.
Eilte sogleich die Mutter herbei. Sie that sonst selten Einsprache,
wenn der Vater mit mir Gericht hielt, heute aber faßte sie ihm die Hand
und sagte: »'s Röckel flick' ich 'leicht wieder zusammen, Alter. Geh'
jetzt mit, ich muß Dir was sagen.«
Sie gingen beide hinaus in die Küche; ich denke, dort haben sie über
die Martinigeschichte gesprochen. Sie kamen nach einer Weile wieder in
die Stube.
Der Vater sagte mit fast dumpfer Stimme: »Sei nur still, es geschieht
Dir nichts.«
Und die Mutter flüsterte mir zu: »Ist schon recht, wenn Du das Röckl
dem lieben Herrgott hast wollen geben, aber besser ist's noch, wir
geben es dem armen Thalmichelbuben. In jedem Armen steckt der liebe
Gott. Schau, der heilige Martinus hat's auch schon gewußt. So, und
jetzt, mein Bübel, hupf' auf und schlüpf' ins Höslein; der Vater ist
noch nicht allzuweit mit der birkenen Liesel.«
[Illustration]
[Illustration]
Wie das Zicklein starb.
Ein andermal drohte die birkene Liesel wieder.
Mein Vater hatte ein schneeweißes Zicklein, mein Vetter Jok hatte einen
schneeweißen Kopf. Das Zicklein kaute gern an Halmen oder Erlzweigen;
mein Vetter gern an einem kurzen Pfeifchen. Das Zicklein hatten wir,
ich und meine noch jüngeren Geschwister, unsäglich lieb; den Vetter Jok
auch. So kamen wir auf den Gedanken: wir sollten das Zicklein und den
Vetter zusammenthun.
Da war's im Heumonat, daß ich eines sonnenfreudigen Tages all' meine
Geschwister hinauslockte auf den Krautacker und daselbst die Frage an
sie that: »Wer von Euch hat einen Hut, der kein Loch hat?«
Sie untersuchten ihre Hüte und Hauben, aber durch alle schien die Sonne
und machte im Schatten auf dem Erdboden einen oder ein paar lichte
Punkte. Nur Jakoberle's Hut war ohne Arg; den nahm ich also in die Hand
und sagte: »Der Vetter heißt Jok, und morgen ist der Jokopitag, und
jetzt, was geben wir ihm zum Bindband (Angebinde)? Das weiße Zicklein.«
»Das weiße Zicklein gehört dem Vater!« rief das kleine Schwesterchen
Plonele, empört über ein so eigenmächtiges Vorhaben.
»Desweg ist es ja, daß ich Euch den Hut hinhalte,« sagte ich.
»Du, Jakoberle, hast gestern dem Knierutscher-Sepp Dein Kinigl
(Kaninchen) verkauft; Du, Plonele, hast von deinem Göden drei Groschen
zum Taufpfennig gekriegt; Dir, Mirzerle, hat vor zwei Tagen der Vater
ein Haltergeld geschenkt. Schaut, ich leg' meine ersparten fünf Kreuzer
hinein, und wir müssen zusammenthun, daß wir dem Vater das Zicklein
abkaufen mögen; und das schenken wir morgen dem Vetter. Nu, jetzt halt'
ich schon her!«
Sie guckten eine Weile so drein, dann huben sie in ihren Taschen zu
suchen an. Da sagte das Plonele: »Mein Geld hat die Mutter!« und
das Mirzerle rief erschrocken: »Das meine weiß ich nicht!« und das
Jakoberle starrte auf den Boden und murmelte: »Mein Sack hat ein Loch.«
Auf diese Weise war mein Unternehmen gescheitert.
Nichtsdestoweniger haben wir das schneeweiße Zicklein geherzt. Es stieg
mit den Vorderfüßchen an unsere Knie empor und guckte uns mit seinen
großen, völlig eckigen Augen schelmisch an, als wollte es uns recht
spotten, daß wir allmitsammen nicht so viel an Vermögen hatten, um
es kaufen zu können. Es kicherte und blökte uns ordentlich aus, und
dabei sahen wir die schneeweißen Zähnchen. Es war kaum drei Monate
alt und hatte schon einen Bart; und ich und das Jakoberle waren über
sieben Jahre hinaus und mußten uns aus grauen Baumflechten einen Bart
ankleben, wenn wir einen haben wollten. Und selbst den _fraß_ uns das
Zicklein vom Gesichte herab.
Trotzdem hatten wir jedes das Vierfüßchen viel lieber, als uns
untereinander. Und ich sann auf weitere Mittel, mit dem Tiere den
Vetter zu beglücken.
Als aber mittags darauf der Vater vom Felde heimfuhr, umschwärmten wir
ihn alle und zupften an seinen Kleidern.
»Vater,« sagte ich, »ist es wahr, daß die Morgenstunde Gold im Munde
hat?«
Das war ja sein eigen Sprichwort, und so antwortete er rasch: »Freilich
ist das wahr.«
»Vater!« riefen wir nun alle vier zugleich, »wie früh müssen wir all'
Tag aufstehen, daß Ihr uns das weiße Zicklein gebt?«
Auf diese geschäftliche Wendung schien der Vater nicht gefaßt gewesen
zu sein. Da er aber von unserem Vorhaben, dem Vetter Jok das Zicklein
zuzueignen, hörte, da bedingte er ein halb Stündlein früher aufzustehen
jeden Tag und trat uns das liebe Tierchen ab.
Das Zicklein gehörte uns. Wir beschlossen einstimmig, schon am nächsten
Morgen noch vor des Vetters Aufstehzeit -- und das war viel gesagt --
aus dem Neste zu kriechen, das Zicklein mit einem roten Halsband zu
versehen und es an's Bett des alten Jok zu führen, ehe dieser noch
seinen langen, grauen Pelz, den er Winter und Sommer trug, auf den Leib
brachte.
So unser heilig Vorhaben.
Aber am anderen Tage, als uns die Mutter weckte und wir die Lider
aufschlugen, schien uns die Sonne mit solcher Gewalt in die Augen, daß
wir dieselben sogleich wieder schließen mußten, bis die Mutter mit
ihrem Kopftuch das Fenster verhüllte.
Nun gab es keine Ausflucht mehr. Aber der Vetter war längst schon
davon mitsamt dem Pelz. Er hatte die Schafe und die Ziegen auf die
Thalweide getrieben, wo er sie stets hütete und den ganzen Tag
schmunzelnd an seinem Pfeifchen kaute. Und die Tierchen schnappten so
emsig an den betauten Gräsern und Sträuchern, und hüpften und scherzten
so lustig auf der sonnigen Weide.
Es war auch das Zicklein dabei. Und hat's dem Jok denn niemand gesagt,
daß heute sein Namenstag ist? --
Zu jener Zeit, von der ich rede, sind die feuerspeienden Streichhölzer
noch nicht erfunden gewesen; dazumal war das liebe Feuer ein rares
Ding. Man konnte es nicht so bequem mit im Sack tragen, wie heute,
ohne sich das Beinkleid zu verbrennen. Es mußte mit harten Schlägen
aus Steinen herausgetrieben werden; es mußte, kaum geboren, mit Zunder
gefüttert werden und bedurfte langer Zeit, bis es sich in demselben so
weit kräftigte, daß es ein gröberes Köder anbiß und flügge wurde. Das
Feuer mußte zum Dienste des Menschen jedesmal förmlich erzogen werden.
Es war ein mühsam und heikel Stück Arbeit; beim Feuermachen konnte
meine sonst so milde Mutter unwirsch werden.
Die Glut, des Abends noch so sorgsam in der Herdgrube verwahrt, war
des Morgens zumeist erloschen. Was sich die Mutter auch mühte, den
Funken in der Asche wieder anzublasen -- all vergebens, das Feuer war
gestorben über Nacht. Nun ging die Schlägerei mit Stein und Stahl an;
und wir Kinder waren oft schon recht hungrig, ehvor die Mutter das
Feuer zuweg brachte, welches uns die Morgensuppe kochen sollte.
So auch am Morgen von des Vetters Namenstag. Wir hatten draußen in
der Küche wohl eine Weile das Pfauchen und Feuerschlagen gehört, dann
aber rief die Mutter plötzlich aus: »'s ist gar umsonst! 's ist, wie
wenn der bös' Feind in die Herdgruben hätt' gespuckt. Und der Stein
hat keinen Funken Feuer mehr in sich, und der Schwamm ist feucht, und
die Leut' warten auf die Suppen!« Dann kam sie in die Stube und sagte:
»Geh, Peterle, ruck, und lauf geschwind zu der Knierutscherin hinüber:
Ich thät sie gar schön von Herzen bitten, sie wollt' mir ein Haferl
Glut schicken von ihrem Herd. Und trag' ihr dafür da den Brotlaib mit.
Geh, Peterle, ruck, daß wir nachher eine Suppen kriegen!«
Ich hatte mein weißes Linnenhöselein gleich an, und wie ich war --
barfuß, barhaupt, nahm ich den runden, recht gewichtigen Brotlaib unter
den Arm und lief gegen das Knierutscherhaus.
»Du Sonnenschein,« sagte ich unterwegs, »schäm' dich, du kannst nicht
einmal ein Süpplein wärmen. Jetzt muß ich zu der Knierutscherin
um Feuer gehen. Aber wart' nur, wird bald lustig sein auf unserem
Herd; die Flammen werden aufhüpfen über das Holz, die Mauer wird rot
leuchten, die Töpfe werden brodeln, der Rauch wird unter den Feuerhut
hinaussprudeln und den Rauchfang hinauf und wird dich verdecken. Recht
hat er, wenn er dich verdeckt, dann essen wir die Suppen und den Sterz
im Schatten, und den Eierkuchen auch, der heut' für den Vetter Jok
gebacken wird, und du sollst von allem nichts sehen.«
Als ich nach solchem Gespräche mit der Sonne über die Lehne ging, da
stach mich ein wenig der Vorwitz. Mein Brotlaib war so kugelrund und
fest, als wäre er aus Lärchenholz gedrechselt worden. Man läßt bei
mir daheim das Brot gern altgebacken werden, es langt auf diese Weise
doppelt aus, gleichwohl es zur Essenszeit zuweilen mit Eisenschlegeln
zertrümmert werden muß.
Aber weil denn mein Laib gar so kugelrund war, wie nicht leicht etwas
Runderes mehr zu finden ist, so ließ ich ihn los über die Lehne, lief
ihm behende vor und fing ihn wieder auf.
War ein herzlich lustiges Spiel das, und ich hätte mögen all' meine
Geschwister herbeirufen, daß sie es sehen und mitmachen könnten. -- Wie
ich nun aber so in meiner Freude die Lehne auf- und abhüpfe, spielt mir
mein Brotlaib jählings den Streich und huscht mir wie der Wind zwischen
den Beinen durch und davon. Er eilt und hüpft hinab, viel schneller wie
ein Reh vor dem Jagdhunde -- er fährt über den Hang, setzt hoch über
den Rain in die Thalweide hinab, wo er meinen Augen entschwindet.
Bin dagestanden wie ein Klotz, und hab' gemeint, ich müßt umfallen vor
Schreck und auch hinabkugeln gegen das Thal. Ich ging eine Weile hin
und her, auf und ab, und da ich den Laib nirgends sah, schlich ich
kopfhängerig davon und ins Haus der Knierutscherin.
Da brannte freilich ein schönes großes Feuer auf dem Herde.
»Was willst denn, Peterle?« fragte die Knierutscherin freundlich.
»Bei uns,« stotterte ich, »ist das Feuer ausgangen, wir mögen uns
nichts kochen, und so läßt meine Mutter schön bitten um ein Haferl
Glut, und sie thät es schon fleißig wieder zurückstellen.«
»Ihr Närrlein, Ihr, wer wird denn so ein paar Kohlen zurückstellen!«
rief die Knierutscherin und schürte mit der Feuerzange Glut in einen
alten Topf; »da seh', ich laß Deiner Mutter sagen, sie soll nur schön
anheizen und Dir einen recht guten Sterz kochen. Aber schau, Peterle,
daß Dir der Wind nicht hineinbläst, sonst trägt er die Funken auf das
Dach hinauf. So, jetzt geh' nur in Gottesnamen!«
So gütig war sie mit mir, und ich hatte ihr den Brotlaib verscherzt.
Deß drückt mich das Gewissen heute noch hart.
Als ich endlich mit dem Feuertopfe zurück gegen unser Haus kam, war ich
höchlich überrascht, denn da sah ich aus dem Rauchfange bereits einen
blauen Dunst hervorsteigen.
»Dich soll man um den Tod schicken und nicht um Feuer!« rief die
Mutter, als ich eintrat; dabei wirtete sie um das lustige Herdfeuer
herum und sah mich gar nicht an. Meine kaum mehr knisternden Kohlen
waren so armselig gegen dieses Feuer; ich stellte den Topf betrübt
in einen Winkel des Herdes und schlich davon. Ich war viel zu lange
ausgewesen; da war zum Glück der Vetter Jok von der Thalweide
heimgekommen, und der hatte ein Brennglas, das er in der Sonne über
einen Zunder hielt, bis derselbe glimmte. Und jetzt war mir die
verlästerte Sonne doch noch zuvorgekommen mit dem Suppenfeuer. Ich war
sehr beschämt und vermag es heute noch nicht, der Wohlthäterin offen in
das Angesicht zu blicken.
Ich schlich auf den Hausanger. Dort sah ich den Vetter kauern in seinem
langen, grauen, rotverblümten Pelz und mit seinem weißen Haupt. Und als
ich näher kam, da sah ich, warum er hier so kauerte. Das schneeweiße
Zicklein lag vor ihm und streckte seinen Kopf und seine Füße von sich,
und der Vetter Jok zog ihm die Haut ab.
Sogleich hub ich laut zu weinen an. Der Vetter erhob sich, nahm mich
bei der Hand und sagte:
»Da liegt es und schaut Dich an!«
Und das Zicklein starrte mir mit seinen verglasten Augen wirklich
schnurgerade in das Gesicht. Und doch war es tot.
»Peterle!« lispelte der Vetter ernsthaft, »die Mutter hat der
Knierutscherin einen Brotlaib geschickt.«
»Ja,« schluchzte ich, »und der ist mir davongegangen, hinab über die
Lehnten.«
»Weil Du's eingestehst, Bübel,« sagte der Vetter Jok, »so will ich die
Sach' schon machen, daß Dir nichts geschieht. Ich hab' zu der Mutter
gesagt, ein Stein oder so was wär' herabgefahren und hätt' das Zicklein
erschlagen. Hab' mir's im Geheim gleich gedacht, das Peterle steckt
dahinter. Dein Brotlaib ist schier in den Lüften dahergekommen nieder
über den hohen Rain, an mir vorbei, dem Zicklein zu, hat es just am
Kopf getroffen -- ist das Dingelchen hingetorkelt und gleich maustot
gewesen. -- Aber -- fürcht' Dich nicht, es bleibt beim Stein. Mit der
Knierutscherin werd' ich's auch abmachen, und jetzt sei still, Bübel,
und zerr' mir das Gesicht nicht so garstig auseinander. Auf die Nacht
essen wir das Tierlein, und die Mutter kocht uns eine Krennsuppe dazu.«
-- So ist das Zicklein gestorben. Meine Geschwister erzählten mir, ein
böser, böser Stein habe es erschlagen.
Die Mutter hatte mir zu Liebe meine Kohlen zum Herdfeuer geschüttet,
und bei diesem Feuer wurde das Zicklein gebraten.
Dem Vetter Jok war es vermeint gewesen; nun sollte er davon den Braten
haben. Aber er rief uns Alle zu Tisch und legte uns die besten Bissen
vor. Mir hat der meine nicht gemundet.
Am anderen Morgen bewaffnete sich das Jakoberle mit einem Knittel, ging
damit dem Vetter nach auf die Thalweide und wollte den Stein sehen, der
das Zicklein erschlug.
»Kind,« sagte der Vetter Jok und kaute angelegentlich am Pfeifchen,
»der ist weiter gekugelt, über den rinnt das Wasser, der liegt in der
Schlucht.«
Der gute, alte Mann! Mir auf dem Herzen lag der Stein, »der das
Zicklein erschlagen«. --
[Illustration]
[Illustration]
Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht.
Das Zicklein war dahin.
Aber mein Vater hatte noch vier große Ziegen im Stalle stehen, so wie
er vier Kinder hatte, welche zu den ersteren stets in enger Beziehung
standen. Jede der Ziegen hatte ihren kleinen Futterbarren, aus dem
sie Heu oder Klee fraß, während wir sie molken. Keine einzige gab die
Milch am leeren Barren. Die Ziegen hießen Zitzerl, Zutzerl, Zeitzerl
und Heitzerl und waren, eben auch einer schönen Schenkung zu Folge, das
Eigentum von uns Kindern. Das Zitzerl und das Zutzerl gehörten meinen
zwei Schwesterchen; das Zeitzerl meinem achtjährigen Bruder Jakoberle,
das Heitzerl war mein!