Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer Hausthür uns

das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente kennen gelernt. Ich

hatte einen alten Harfenisten nach Beendigung seines Ständchens sogar

einmal angesprochen, ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß ich

mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort noch einmal zu

hören; worauf der Künstler antwortete, für einen Sechser bleibe er an

unserer Thür stehen und spiele, so lange ich wolle. Damals ist mir der

ganze Wert unserer legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun

hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten, brummigen

Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag. Als ich denn vor dem

spielenden Musiker, die Hände in den Hosentaschen, dastand, die Zehen

in den Sand bohrte, gleichsam, als wollte ich mich einwurzeln, sprang

plötzlich der Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ

einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.

Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel ab. Für einen

solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet, meinte er, rückte die

Harfe auf den Buckel und ging davon. Seit jenem Tage datiert mein Haß

gegen die Schuster, die ihren Kopfwehtag haben.

Die Harfe ging mir nicht aus dem Kopfe. In unserem Rübenkeller stand

ein altes, säuerlndes Fäßchen, das mein Vater beim Stockerwirt allemal

für die drei Faschingstage mit Apfelmost füllen ließ. Nun war es längst

leer, und diese Leere kam mir zu statten. Ich stülpte das Fäßchen

auf, zog über den Boden Zwirnsfäden wie Saiten, so daß diese je nach

ihrer Länge einen verschiedenen Ton gaben, wenn ich sie mit dem Finger

berührte. Da hatte ich ein Saiteninstrument mit dem respektabelsten

Resonanzboden. Doch erinnere ich mich nicht mehr, inwiefern ich damit

meinen musikalischen Hang ausgebildet habe -- ich weiß nur, daß zum

nächsten Fasching, als ich unseren tanzlustigen Mägden auf meiner Harfe

was aufspielen wollte, wieder frischer Most in dem Fäßchen war.

In denselben Jahren hatte ich mit einem jungen Studenten Bekanntschaft

gemacht, mit dem Söhnlein eines Nachbars, welches in Graz auf Geistlich

studierte, auf die Ferien stets nach Hause kam und Reichtümer

mitbrachte. Ich erwarb mir seine Gunst, indem ich ihn öfters auf unsern

Schwarzkirschbaum lud, wo es zu schnabulieren gab. Der Student riß zwar

ein um das andere Ästlein ab, um zur süßen Frucht zu gelangen, aber

mein Vater, der sonst solcherlei Verstümmelungen scharf ahndete, war

der Meinung, einem angehenden Priester dürfe man nichts verwehren, er

würde dereinst den Kirschbaum schon in sein Meßopfer einschließen, daß

er gedeihe und immerwährend fruchtbar sei. Der Student war für solche

Rücksichten erkenntlich und stellte mir all' seine Bücher, Landkarten,

Schreib- und Zeichenrequisiten zur Verfügung. Den Schulfleiß des

Studenten in Ehren! Dennoch aber glaube ich, daß seine »deutschen

Lesebücher für die Gymnasialklassen«, seine »Welter's Weltgeschichte«,

sein »Handbuch des katholischen Kultus«, sein »Leitfaden der Erdkunde«

u. s. w. während der Vakanzen schier mehr strapaziert wurden, als

während des Schuljahres. Als sich der angehende Theologe mit denselben

auf sein Hirtenamt vorbereiten sollte, übte ich mit ihnen das meine

bereits aus. Doch ließ ich meine Kühe und Ochsen Rinder sein, lag im

grünen Grase und las. -- O ihr armen Bücherwürmer in den staubigen

Bibliotheken, ihr habt gar keine Ahnung davon, was im Waldschatten

ein Buch ist! -- _Viele_ Bücher würden leicht auch den im Walde

Lagernden beunruhigen, verwirren und entmarken; aber _ein_ Buch, ein

seelenvolles Buch genießt man dort ganz aus und gedeiht dabei. Ich

denke hier an das Lesebuch für die Gymnasialklassen, reich an Gedichten

und Aufsätzen von deutschen Klassikern. Ich konnte es nicht einmal ganz

verstehen, aber es wirkte tiefer auf mich, als alle spätere Lektüre

zusammen.

Als die Kirschen alle waren und die Blätter des Baumes gelb wurden,

packte der Student seine Bücher zusammen und ging wieder in die

»Studie«.

Einmal ließ er mir ein Kästchen mit Wasserfarben zurück.

Jetzt schnitt ich mir ein Löckchen Haar vom Haupte, band es an ein

Stäblein, und mit solchem Pinsel begann ich zu malen. Eine große Anzahl

der Heiligenbildchen, die heute noch in verschiedenen Gebetbüchern

der Gegend zu finden, ist mit meinem Haar gemalt worden. Die Leute

haben sich hell verwundert, wenn sie mir zugeschaut und gesehen, wie

man mir nichts dir nichts die Muttergottesen macht. Einmal kam der

alte Schneider-Jackel, Küster von Krieglach, in unser Haus, um den

Pfarrzehent abzuholen; der sah mich malen. »Na,« sagte er fortwährend,

»aber _da_ gehört was dazu! Jetzt malt so ein kleiner Schlingel da

himmlische Leut'! Und daß es eine Form hat! Ein hellrotes G'wandl, ein

schön's! Ein Gesicht -- wie er aber das Gesichtel macht! Die ganze

Fleischfarb' -- und 's Göscherl! Und die Augen, die blauen, wie sie

auslugen! -- Spitzbub, Du! Freilich, den Heiligenglanz auch, na, der

darf nicht fehlen. Wär' nit ganz, wenn der fehlen thät'! -- Schon eine

Menge so Bildln hast da! -- Bist aber ein Kreuzköpfel -- Du mußt schon

ein Maler werden! Alles von Dir selber hast' gelernt? Ist viel! Ist

viel das! Schau, das thät's nit, die Bildln muß ich alle mitnehmen, 's

thät's nit anders, die müssen ihre heilige Weih' kriegen. Dank Dir

Gott, Schwarzkünstler, Du kleiner!«

Vor meinen Augen that er die Bildchen -- es waren deren allerlei und

eine große Anzahl -- zusammen, schob sie in seinen Sack und ging davon.

Mir blieb der Verstand stehen. Aber mir schwoll der Kamm, als ich bald

darauf hörte, der Küster hätte bei seiner Wallfahrt mit der Krieglacher

Kreuzschar nach Mariazell meine Heiligenbilder am Gnadenaltare weihen

lassen und sie hernach an die Wallfahrer verteilt.

Unter Anderen ist später auch der alte Riegelberger in den Besitz

eines solchen Heiligtums gekommen. Er soll es allemal, so oft er sein

Gebetbuch aufschlug, brünstig geküßt haben; als er es aber erfuhr, von

wem das Bildchen herrühre, ist er schnurgerade in unser Haus gegangen

und hat mich zur Rede gestellt, warum ich mit heiligen Dingen Frevel

treibe? Ob ich's vielleicht leugnen wolle? Geweihte Sachen hätte ich

gemalt!

»Ja,« sagte ich, »wenn Ihr das Kalb auf den Kopf stellt, wird es

freilich den Schweif in die Höhe recken.«

»Willst mich fean (höhnen), Bub?«

»Die Bilder sind zuerst gemalt und _nachher_ geweiht worden.«

Es hielt schwer, ihm die Sache begreiflich zu machen, und er rief immer

wieder aus, zerfetzen möchte er das schlechte Zeug, wenn's ihm um die

heilige Weih' nicht leid thäte.

Ein andermal hatte ich mit demselben Manne eine viel gefährlichere

Begegnung. Es waren zur selben Zeit noch die kleinen Papierzehner im

Land. Ein solches Notlein habe ich wundershalber einmal nachgemacht.

Dem Knecht Marcus kam es zu Augen, der schmunzelte das Streifchen an

und ersuchte mich, daß ich es ihm ein wenig leihe. Einen Tag später

begegnete ich auf dem Feldwege dem Riegelberger. Er grinste mich schon

von weitem an und lächelte mir dann freundlich zu: »Büberl, Du wirst

aufgehenkt.«

»Ihr meint, weil ich so allerhand Bildeln gemalt hab'?«

»Bildeln, so viel Du willst. Aber die falschen Banknoten! Ja, lieber

Freund! Einen hab' ich von Dir in der Brieftasche und geh' gerade, mir

jetzt dafür Tabak kaufen.«

Ich denke, daß ich über diese Mitteilung sehr blaß geworden bin, denn

der Riegelberger sagte nun: »Auf _ein_ Pfeiferl hab' ich noch in der

Blader. Was giebst mir zu Lohn, wenn ich mir das Pfeiferl jetzt mit

Deinem neuen Zehner anzünde?«

In demselben Augenblick ist mir ein Gedanke durch den Kopf geflogen,

den ich einfing, weil er mir nicht schlecht vorkam.

»Ihr meint, Riegelberger, weil ich erschrocken bin?« sagte ich;

»erschrocken bin ich nur, weil Ihr den schrecklichen Frevel begehen

wollt.«

»Möcht' wissen, wie so ich --?«

»Das Papierzehnerl, das Ihr von mir in der Brieftasche gehabt, ist

unter meine Heiligenbilder gekommen. Ist in Zell geweiht worden!«

»Geh, geh, das Geld nimmt keine Weih' an,« versetzte der Riegelberger.

»Das Geld freilich nicht, das weiß ich, aber mein Zehner ist keins, ist

nur zum Fürwitz eins und will keins sein. Und Ihr wollt Euch für die

geweihte Sach' Tabak kaufen? Ist schon recht, probiert es nur! werdet

schon sehen, wie Euch ein solcher Tabak in die Nase beißen wird!«

Jetzt wurde der Mann zornig.

»Du Bub!« rief er, »wenn Du alleweil nur Leut' foppen willst!«

Er zog die Brieftasche hervor, das Papierstreifchen heraus und zerriß

es vor meinen Augen: »So, da hast Deine Fetzen! und jetzt geh und

arbeit' was, bist schon groß genug dazu. Ich, wenn ich Dein Vater wär',

wollt Dir Deine Fabeleien und Schmierereien schon vertreiben! Arbeiten,

daß die Schwarten krachen, ist gescheiter!«

S'ist doch der beste Rat gewesen, den er mir hätte geben können. Er ist

auch gar bald befolgt worden. Aber in den Feierabendstunden habe ich

meine kindischen Spiele und künstlerischen Beschäftigungen getrieben,

weit über die Kindesjahre hinaus.

Und wenn ich meine heutigen Thaten betrachte -- s'ist Alles nur Versuch

und Spiel. Es war ein kleines Kind, es ist ein großes Kind -- ich bin

damit zufrieden.

[Illustration]

[Illustration]

Wie der Meisensepp gestorben ist.

In meinem Vaterhause fand sich die »Lebensbeschreibung Jesu Christi,

seiner Mutter Mariä und vieler Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz

von Pater Cochem.

Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau, die Kapitelanfänge

hatten wunderlich große Buchstaben in schwarzen und roten Farben.

Der hölzerne Einbanddeckel war an manchen Stellen schon wurmstichig,

und eine der ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines

Großvaters Tode war im Hause Niemand gewesen, der darin hätte lesen

können; was Wunder, wenn die Tierlein Besitz nahmen von Cochems »Leben

Christi« und aus dem »geistlichen Schatz« ihre leibliche Nahrung zogen.

Da kam ich, der kleine ABC-Schütz, verjagte die Würmer aus dem Buche

und fraß mich dafür selber hinein. Täglich las ich unseren Hausleuten

vor aus dem »Leben Christi«. Den jungen Knechten und Mägden gefiel der

neue Brauch just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht

jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger

waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist,« sagten sie, »als wie

wenn der Pfarrer predigen thät; so bedeut ausführen und so eine laute

Stimm'!«

Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und wurde ein gesuchter

Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft jemand krank lag oder zum

Sterben oder wenn er gar schon gestorben war, so daß man an seiner

Leiche zur Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater

ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das gewichtige

»Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging. Es war ein hartes Tragen,

und ich war dazumal ein kleinwinziger Knirps.

Einmal spät abends, als ich schon in meiner kühlen und frischduftenden

Futterkammer schlief, in welcher ich zur Sommerszeit bisweilen das

Nachtlager hatte, wurde ich durch ein Zupfen an der Decke von unserm

Knecht geweckt. -- »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst

aufstehen. Der Meisen-Sepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten,

Du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt' sterben. Sollst

aufstehen, Peter.« --

So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm ich das Buch und

ging mit dem Mädchen von unserem Hause aufwärts über die Heide und

durch die Waldungen. Das Häuschen des Meisen-Sepp stand gar einsam

mitten im Wald.

Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren Reuter und Waldhüter

gewesen; in letzterer Zeit hatte er sich nur mehr mit Sägeschärfen für

Holzhauerleute beschäftigt. Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.

Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen Nacht so

durch die Ödnis schritten, sagten wir Keines ein Wort. Schweigend

gingen wir neben einander hin. Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß

her, Peter, ich will Dir das Buch tragen.«

»Das kannst nicht,« antwortete ich, »Du bist ja noch kleiner wie ich

selber.«

Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen: »Dort ist schon das

Licht.«

Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster des Meisenhauses

kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren, begegnete uns der Pfarrer,

der dem Kranken die heiligen Sakramente gereicht hatte.

»Der Vater -- wird er wieder gesund?« fragte das Mädchen kleinlaut.

»Ist noch nicht so alt,« sagte der Priester; »wie Gott will, Kinder,

wie Gott will.«

Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.

Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen die

Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche. Am Herd in einem

Eisenhaken stak ein brennender Kienspan, von dem die Stubendecke in

einen Rauchschleier gehüllt war. Neben dem Herde auf Stroh lagen zwei

kleine Knaben und schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her,

wo wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei unsere

Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre jünger als ich. An der

Ofenmauer saß das Weib des Sepp, hatte ein Kind an der Brust und sah

mit großen Augen in die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und

hinter dem Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der

Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das grauende

Haar und der Bart um's Kinn waren kurz geschnitten, so daß mir der

ganze Kopf kleiner vorkam, als sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg

gesehen hatte. Die Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben

zog ein lebhaftes Atmen.

Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte eine

Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt habe, und lud ein,

daß ich mich an den Tisch setzen und die Eierspeise essen möge, die der

Herr Pfarrer übrig gelassen hatte, und die noch auf dem Tische stand.

Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche Herr noch hatte

warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben Gabel, die er hatte in den

Mund geführt!

»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem Kranken

deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der Decke gezupft.«

Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, wenn ein

Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da kratzt er sich sein

Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das hat mein Vater auch gethan, als

er im Nervenfieber ist gelegen. Ist doch wieder gesund worden.«

»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr Pfarrer hat

dasselbe gesagt. -- Bin doch froh, die Beicht hat der Seppel recht

fleißig verrichten mögen, und ich hab' jetzt wieder rechtschaffen

Trost, daß er mir noch einmal gesund wird. -- Nur,« setzte sie ganz

leise bei, »das Spanlicht leckt alleweil so hin und her.«

Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so deutet das der

Glaube des Volkes: es werde in demselben Hause bald ein Lebenslicht

auslöschen. Ich selbst glaubte an dieses Zeichen, doch um die Häuslerin

zu beruhigen, sagte ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die

Fensterfugen; ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde Kind auf

das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt, war schon zur Ruh

gegangen. Wir verstopften hierauf die Fensterfugen mit Werg.

Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir da über die heutige

Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht zu helfen. Wenn er munter wird,

so liest uns was vor. Gelt, Du bist so gut?«

Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten Lesestück.

Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, was armen, duldenden

Menschen zum Troste sein könnte. Pater Cochem meint, Gott wäre

unendlich gerecht und die Leute wären unsäglich schlecht, und neun

Zehntel der Menschen liefen schnurgerade der Hölle zu.

Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; aber dann darf

man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur grämen, und des weiteren

blieben sie leichtlich so schlecht wie früher. Wenn sie sich bessern

hätten wollen, so hätten sie's längst schon gethan.

Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde Natter durch

das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten gegenüber, die mich nur

anhörten der »lauten Predigerstimm'« wegen, donnerte ich die Greuel

und Menschenverdammung recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an

Krankenbetten aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe

oft sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke

milderte, die schaudererregende Darstellung der vier letzten

Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden Paters eine

freundlichere Färbung geben konnte.

So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem Buche lesend, dem

Meisen-Sepp aus einem anderen Buche her Worte sagen wollte von der

Armut, von der Geduld, von der Liebe zu den Menschen und wie darin die

wahre Nachfolge Jesu bestehe, die uns -- wenn die Stunde schlüge --

durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.

Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah sein Weib und seine

ruhenden Kinder an; dann erblickte er mich und sagte mit lauter, ganz

deutlicher Stimme: »Bist doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber

zum Vorlesen werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so gut

und weck' die Kinder auf.«

Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu ihrem Herzen, sagte aber

dann in ruhigem Tone: »Bist wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht

gut geschlafen.«

Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.

»Thu' Dich nicht gar so grämen, Weib,« sprach er, »auf der Welt ist's

schon nicht anders. Weck' mir schön die Kinder auf, aber friedsam, daß

sie nicht erschrecken.«

Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit bebender Hand am

Schaub, und die Kleinen fuhren halb bewußtlos empor.

»Ich bitt' Dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder nicht so herum,«

verwies der Kranke mit schwächerer Stimme, »und die kleine Martha laß

schlafen, die versteht noch nichts.«

Ich blieb abseits am Tische sitzen, und mir war heiß in der Brust. Die

Angehörigen versammelten sich um den Kranken und schluchzten.

»Seid Ihr nur ruhig,« sagte der Sepp zu seinen Kindern, »die Mutter

wird Euch schon morgen länger schlafen lassen. Josefa, thu' Dir das

Hemd über die Brust zusammen, sonst wird Dir kalt. Und jetzt -- seid

allweg schön brav und folgt der Mutter, und wenn Ihr groß seid, so

steht ihr bei und verlaßt sie nicht. -- Ich hab' gearbeitet meiner

Tag mit Fleiß und Müh'; gleichwohl kann ich Euch weiter nichts

hinterlassen, als dieses Haus und den kleinen Garten, und den Rainacker

und den Schachen dazu. Wollt' Euch's teilen, so thut es brüderlich,

aber besser ist's, Ihr haltet die Wirtschaft zusammen und thut hausen

und thut bauen. Weiters mach' ich kein Testament, ich hab' Euch alle

gleich lieb. Thut nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann

und wann ein Vaterunser nach. -- Und Euch, die zwei Buben, bitt' ich

von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an; das nimmt kein gutes

End'. Gebt mir die Hand darauf. So. -- Wenn halt Einer von Euch das

Sägefeilen wollt' lernen; ich hab' mir damit viel Kreuzer dermacht

(erworben); Werkzeug dazu ist da. Und sonst wißt Ihr schon, wenn Ihr

am Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein; 's ist

wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den Erdäpfeln heißt's:

Baut mich an im April, komm' ich, wann ich will; baut mich an im Mai,

komm' ich glei (gleich). -- Thut Euch so Sprüchlein nur merken. -- So,

und jetzt geht wieder schlafen, Kinder, daß Euch doch nicht kalt wird,

und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf Eure Gesundheit. Gesundheit

ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«

Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.

»Frei zu viel reden thut er mir,« flüsterte das Weib gegen mich

gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende Redseligkeit

ist eben auch kein gutes Zeichen.

Nun lag er, wie zusammengebrochen, auf dem Bette. Das Weib zündete die

Sterbekerze an.

»Das nicht, Anna, das nicht,« murmelte er, »ein wenig später. Aber

einen Schluck Wasser giebst mir, gelt?«

Nach dem Trinken sagte er: »So, das frisch' Wasser ist halt doch wohl

gut. Gebt mir recht auf den Brunnen Obacht. Ja, und daß ich nicht

vergeß', die schwarzen Hosen und das blau' Jöppel weißt, und draußen

hinter der Thür, wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg'

über den Schleifstock und die Hanselbank; für drei Tag' wird's wohl

halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der hilft mich schon

hinauslegen. Schau aber fein gut, daß die Katz' nicht dazu kommt; die

Katzen gehen los und schmecken's gleich, wenn wo eine Leich' ist. Was

unten bei der Pfarrkirche mit mir geschehen soll, das weißt schon

selber. Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk' den Armen.

Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgegangen ist. Vielleicht

ist er so gut und liest morgen beim Leichwachen was vor. Es wird ein

schöner Tag sein morgen, aber geh' nicht zu weit fort von heim, es

möcht' ein Unglück geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht

brennt. -- Nachher, Anna, such' da im Bettstroh nach; wirst einen alten

Strumpf finden, sind etlich' Zwanziger drin.«

»Seppel, streng' Dich nicht so an im Reden,« schluchzte das Weib.

»Wohl, wohl, Anna -- aber aussagen muß ich's doch. Jetzt werden wir

wohl nicht mehr lang' beisammen sein. Wir haben uns zwanzig Jahre

gehabt, Anna. Du bist mein Alles gewesen; kein Mensch kann Dir's

vergelten, was Du mir gewesen bist. Das vergeß' ich Dir nicht im

Tod und nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten

Stund' noch was mit Dir reden kann, und daß ich gleichwohl so viel bei

Verstand bin.«

»-- Stirb doch nicht gar hart, Seppel,« hauchte das Weib und beugte

sich über sein Antlitz.

»Nein,« antwortete er ruhig, »bei mir ist's so, wie bei meinem Vater:

leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur auch Du so, und leg' Dir's

nicht schwer. Wenn wir nun auch wieder jedes allein ankommen, zusammen

gehören wir gleichwohl noch, und ich heb' Dir schon ein Platzel auf im

Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit', Anna, gleim an meiner Seit'. Nur

das thu' um Gotteswillen, die Kinder zieh' gut auf.«

Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als hörte ich irgendwo in

der Stube ein leises Schnurren und Spinnen. --

Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd' geschwind die Kerzen an!«

Das Weib rannte in der Stube herum und suchte nach Feuerzeug; und es

brannte ja doch der Span. -- »Jetzt hebt er an zu sterben!« wimmerte

sie. Als aber die rote Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die

Hand gab, als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte und

als sie das Weihwassergefäß vom Gesimse nahm, da wurde sie scheinbar

ganz ruhig und betete laut: »Jesus, Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen

Gottes, steht ihm bei in der höchsten Not, laßt seine Seele nicht

verloren sein! Jesus, ich bete zu Deinem allerheiligsten Leiden!

Maria, ich rufe Deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger

Schutzengel, wenn seine Seel' vom Leib muß scheiden, führ' sie ein zu

den himmlischen Freuden!«

Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht; nicht eine

einzige Thräne stand in ihrem Auge, sie war ganz die ergebene Beterin,

die Fürbitterin.

Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des Gatten, beobachtete

sein schwaches Atemholen und hauchte: »So behüt' Dich Gott, Seppel,

thu' mir meine Eltern und unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft)

grüßen in der Ewigkeit. Behüt' Dich Gott, mein lieber Mann! Die

heiligen Engel geben Dir das Geleit', und der Herr Jesus mit seiner

Gnad' wartet schon Deiner bei der himmlischen Thür.«

Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen Lippen

gaben keine Antwort. Seine Augen sahen starr zur Stubendecke empor.

Und aus den gefalteten Händen aufragend brannte die Wachskerze; sie

flackerte nicht, still und geruhsam und hell, wie eine schneeweiße

Blütenknospe stand die Flamme empor -- sein Atemzug bewegte sie nicht

mehr.

»-- Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief das Weib aus,

schrill und herzdurchdringend, dann sank sie nieder auf einen Schemel

und begann bitterlich zu weinen.

Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das Kleinste

lächelte ...

Die Stunde lag auf uns, wie ein schwerer Stein.

Endlich richtete sich die Häuslerin -- die Witwe -- auf, trocknete ihre

Thränen und legte zwei Finger auf die Augen des Toten.

Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.

Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam ein Holzarbeiter. Der

besprengte den Toten mit Weihwasser und murmelte: »So rücken sie ein,

einer nach dem andern.«

Dann thaten sie dem Meisen-Sepp festtägige Kleider an, trugen ihn

hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf das Brett.

-- Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die Leichenwachen der

nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin das Lesen zugesagt hatte.

Als ich fortgehen wollte, kam sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein

weit ausgeborsteter Gemsbart stak.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 2 / 7 段