Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Als ich noch der

Waldbauernbub war.

Von =Peter Rosegger=.

Für die Jugend ausgewählt

aus den Schriften Roseggers

vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.

Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.

[Illustration]

Leipzig,

Verlag von L. Staackmann.

1905.

Außerdem erschien noch:

Als ich noch der Waldbauernbub war

II. Teil u. III. Teil.

Von

Peter Rosegger.

Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.

Elegant kartoniert 70 Pf. Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.

Inhalt des II. Teiles:

In der Christnacht. -- Was bei den Sternen war. -- Auf der

Wacht. -- Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem

Maischel heimkam. -- Als ich das Ofenhückerl war. -- Als

ich um Hasenöl geschickt wurde. -- Als ich mir die Welt

am Himmel baute. -- Von meiner Mutter.

Inhalt des III. Teiles:

Als ich Christtagsfreude holen ging. -- Das Schläfchen auf

dem Semmering. -- Als ich nach Emaus zog. -- Am Tage,

da die Ahne fort war. -- Der Fronleichnamsaltar. -- Weg

nach Maria Zell. -- Als ich der Müller war. -- Als ich

den Himmlischen Altäre gebaut. -- Als ich im Walde beim

Käthele war. -- Als die hellen Nächte waren. -- Aus der

Eisenhämmerzeit. -- Als ich zum Pfluge kam.

_Alle Rechte vorbehalten._

Vorwort.

Ihr lieben jungen Leser alle!

Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr sicher in recht

stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein scharen werdet, ein

wenig auf diese Bekanntschaft vorbereiten darf. Verständige Knaben und

sinnige Mädchen wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht

davonlaufen, nicht wahr?!

Mein Erstes sei, Euch -- soweit Ihr's schon verstehen könnt --

auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht dies Büchlein zustande

gekommen ist; wollen Eure Eltern sich auch ein wenig heransetzen und

mit zuhören, so ist mir's um so lieber.

Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß im

Einverständnis mit den übrigen deutschen Prüfungsausschüssen und mit

vielen andern Männern und Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut

meinen, Umschau unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke

geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren Schönheit

auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben gar kostbare Stücke

der Art gefunden, ja, manch Eines sieht aus, als sei es eigens für

Kindeshand und Kindesherz erschaffen. Da halten wir es nun nicht nur

für eine unserer schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst

bequem zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu eine

unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, Euch wenigstens

ahnen zu lassen, um welch große Sache es sich dabei handelt. -- Ein

Bild muß mir helfen:

Siehst Du dort den kühnen Reiter?! -- -- Ob er seine edle Kunst wohl

einst auf hölzernem Kinderpferdchen erlernt hat?! -- -- Du lachst mir

hell ins Gesicht! -- Auf ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein

Vater gesetzt! nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! -- behüte!

es that's doch sein Vater! -- Aber lebendig war's! und der Knirps hat

gejauchzt in hellem Vergnügen! -- -- Aber schon der _Knabe_ merkte

bald, daß das Reiten eine gar ernsthafte Lust sei, die mit ernster,

fleißiger Übung erkauft sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute

dem _Manne_, der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog,

mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser Herz höher

schlagen fühlten. Was meinst Du? _der_ würde sich doch wohl um keinen

Preis auf einen elenden Droschkengaul setzen?!! --

Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß Du mich verstehst!

-- Wohlerfahrene Männer führen Klage, daß große Kreise unseres Volkes

die Lust an seinen Dichtern verlernt haben, daß unabsehbar Viele an

elendem Zeug, das sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß

sie an dem wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht

erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß unsere Jugend,

zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so helläugig anblickt, dereinst

nicht solchem Irrtum verfalle. Wir meinen, daß auch die rechte Freude

am Kunstwerk eine »ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will,

und darum möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein

frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir wollen Euch

dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten Jugendschriften entrücken

und Euch vor echte Kunstwerke stellen und Euch aufgeben: Genießet sie

mit ernsthafter Freude! -- Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch

Euch einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch Ihr Euch

vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt habt das Schöne zu

schätzen! --

Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's »Pole

Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher Absicht folgt als

diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. Der Dichter und

sein Verleger -- das ist jener Mann, der eines Schriftstellers Werk

als Buch herrichten läßt und dieses in die Welt hinaus sendet -- sind

in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf unsere

Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen die Auswahl

freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt nach unsrer und zu Eurer

Herzenslust. Wir waren dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den

vielen Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen

könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr gehören, in denen der

Dichter aus seiner eignen Kindheit, aus seiner geliebten Waldheimat

erzählt.

Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, das Ihr in

der Hand haltet, zustande gekommen ist, und ich könnte nun von Euch

Abschied nehmen, müßte ich nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die

ich Euch gestellt, in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht

gemerkt! -- _Genieße diese kleinen Kunstwerke mit ernsthafter Freude!_

so heißt Deine Aufgabe. -- O, hab keine Angst: das Reiten zu erlernen

ist viel, viel schwerer! -- Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:

Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich schon manches

Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt wohl, in einer Angst und Hast

hin zum Ende! und dann womöglich gleich noch ein zweites! und ein

drittes! -- Nein, nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig,

als ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, so bitte

Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, daß Eins von

ihnen Dir die eine oder andere vorlese; dann wirst Du merken, wie Du

selbst Dir die übrigen vorlesen mußt.

Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn Du mit der letzten

Geschichte zuende bist, wieder die erste aufschlägst und gewahr wirst,

wie Dir jede nun noch viel besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat

Dich Deine Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich jetzt

hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und in das Empfinden

des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird Dir gar sein, als wärest Du

selbst der kleine Peter Rosegger. _Das_, mein braver Junge! mein liebes

Mädchen! das ist der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! --

Wenn Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben -- in diesem Augenblick

_Deine_ Welt! -- immer klarer und greifbarer sich vor Dir ausbreiten

siehst: das Haus, den Wald, die Berge, die Thalweide ...; wenn Du jetzt

die Menschen in dieser Welt -- in diesem Augenblick _Deine_ Lieben,

_Deine_ Bekannten! -- leibhaftig um Dich wandeln siehst: den Vater,

die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, den Meisensepp, die

Drachenbinderin und ihren Knecht ...; wenn Dir jetzt _Dein_ Herz zuckt,

als hörtest Du _Deinen_ Vater aufschluchzen um _Dich_, als lägest _Du

selbst_ in bittrer Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz,

dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe erfüllt,

und Du hast davon keine Mühe, sondern nur edle Freude gehabt! Dann

wirst Du den _kleinen_ Peter ins Herz geschlossen haben, wie ich den

_großen_, und ihm aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt

Dir und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:

»Grüß Gott!«

_Hamburg_, im Oktober 1899.

Im Auftrage des Hamburger

Prüfungsausschusses für Jugendschriften.

=W. Lottig.=

Inhalt.

Seite

1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß 1

2. Ums Vaterwort 14

3. Allerlei Spielzeug 22

4. Wie der Meisensepp gestorben ist 32

5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte 43

6. Wie das Zicklein starb 50

7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht 59

8. Als ich Bettelbub gewesen 66

9. Als ich zur Drachenbinderin ritt 76

10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte 91

11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß 98

12. Als ich -- 107

Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien«

Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche«

entnommen.

[Illustration]

Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.

An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald, der sich über Höhen

weithin gegen Mitternacht erstreckte und dort mit den Hochwaldungen des

Heugrabens und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit

ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das Gerippe

einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach vor mehreren hundert

Jahren, als der Türke im Lande war, der Halbmond geprangt haben und

unter welcher viel Christenblut geflossen sein soll.

Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den Feldern und

Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte so hoch über den Wald

und streckte seine langen, kahlen, wildverworrenen Äste so wüst

gespensterhaft aus, daß es ein unheimlicher Anblick war. Nur an einem

einzigen Aste wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und

über diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der Wipfel

gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein Blitzstrahl geknickt

haben -- die ältesten Leute der Gegend erinnerten sich nicht, ihn auf

dem Baume gesehen zu haben.

Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die Rinder oder die

Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an; sie stand in der Sonne

rötlich beleuchtet über dem frischgrünen Waldessaume und war so klar

und rein in die Bläue des Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie

an bewölkten Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel

da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten und sich die

Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still, fast ohne alle

Regung und Bewegung.

Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich, es zu suchen,

an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich gar angstvoll dahin

und gedachte an den Halbmond, an das Christenblut und an andere

entsetzliche Geschichten, die man von diesem Baume erzählte. Ich

wunderte mich aber auch über die Riesigkeit des Stammes, der auf der

einen Seite kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen

aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der unterste Teil

des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer nicht hätten zu umspannen

vermocht. Die ungeheuren Wurzeln, welche zum Teil kahl dalagen, waren

ebenso ineinander verschlungen und verknöchert wie das Geäste oben.

Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die graue Tanne. Von

einem starrsinnigen oder übermütigen Menschen sagte man in der Gegend:

»Der thut, wie wenn er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und

heute, da der Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist,

sagt man immer noch das Sprüchlein.

In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und er voran,

der Reihe nach am wogenden Getreide standen und die »Wellen«

(Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte Plätze die Garben

zusammentragen, wo sie dann zu je zehn in »Deckeln« zum Trocknen

aufgeschöbert wurden. Mir war das nach dem steten Viehhüten ein

angenehmes Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag'

nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!« Ich war

sehr behend und lief mit den Garben aus allen Kräften; aber da sagte

wieder mein Vater: »Bub', Du laufst ja wie närrisch! Du trittst Halme

in den Boden und Du beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«

Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging und als sich

die Leute immer weiter und weiter in das Feld hineingeschnitten

hatten, so daß ich mit meinen Garben weit zurückblieb, begann ich

unruhig zu werden. Besonders kam es mir vor, als fingen sich die Äste

der Türkentanne dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel

hineinstand, zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht so, und

wollte nicht hinsehen -- konnte es aber doch nicht ganz lassen.

Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu groß wurde,

wischten die Leute mit taunassem Grase ihre Sicheln ab und kamen zu

mir herüber und halfen mir unter lustigem Sang und Scherz die Garben

zusammentragen. Als wir damit fertig waren, gingen die Knechte und

Mägde davon, um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen

zu thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde.

Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese halmaufwärts

aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten mußte, bis er aus einer

letzten Garbe den Deckel bog und ihn auf den Schober stülpte.

Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste Arbeit; ich

betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel, die hinschießenden

Sternschnuppen und die Johanniswürmchen, die wie Funken um uns

herumtanzten, daß ich meinte, die Garben müßten zu brennen anfangen.

Dann horchte ich wieder auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den

milden Tau, der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und

gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach über all das

mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen, gemütlichen Weise Auskunft

gab und über alles seine Meinung sagte, wozu er jedoch oft bemerkte,

daß ich mich darauf nicht verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.

So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit gegen mich war,

so heiter, liebevoll und gemütlich war er in solchen Abendstunden.

Vor allem half er mir immer meine kleine Jacke anziehen und wand mir

seine Schürze, die er in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß

mir nicht kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock

zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«. Ich hatte

es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen Tagewerk erschöpft

war, wie er sich dann für Augenblicke auf eine Garbe niederließ und

die Stirne trocknete. Er war durch eine langwierige Krankheit ein arg

mitgenommener Mann; er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er

dachte nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und an

den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen Bauernhof, den er

uns retten wollte.

Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie er zu meines

Großvaters Zeiten gar reich und angesehen gewesen, und wie er wieder

reich und angesehen werden könne, wenn wir Kinder, einst erwachsen,

eifrig und fleißig in der Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.

In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in die Nacht hinein

währte, sprach mein Vater mit mir auch gern von dem lieben Gott.

Er war vollständig ungeschult und kannte keine Buchstaben; so mußte

denn ich ihm stets erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott

schon gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten dem

Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn Jesus, wie er in

der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die Hirten besuchten und mit

Lämmern, Böcken und anderen Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde

und Wunder wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans

Kreuz schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt, von

den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des Heidentums. Dann

sprach ich auch aus, was ich vernommen von dem jüngsten Tage, von dem

Weltgerichte und von den ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle

armen, kummervollen Menschen in seinem Himmel bereitet hat.

Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der Vater verstand,

und er war dadurch oft sehr ergriffen.

Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte wunderbare Dinge

aus den Zeiten der Ureltern, wie diese gelebt, was sie erfahren und was

sich in diesen Gegenden einst für Sachen zugetragen, die sich in den

heutigen Tagen nicht mehr ereignen.

»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein Vater einmal, »warum

die Sterne am Himmel stehen?«

»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete ich.

»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter, »weil wir das schon

so gewöhnt sind.«

»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte ich einmal, »in

welcher kein Stern mehr am Himmel steht; in jeder Nacht fallen so viele

herab.«

»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater, »das sind keine

rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum Leuchten erschaffen hat; --

das sind Menschensterne. Stirbt auf der Erde ein Mensch, so lischt am

Himmel ein Stern aus. Wir nennen das Sternschnuppen; -- siehst Du, dort

hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«

Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber fragte ich:

»Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die graue Tanne, Vater?«

Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen aufgestülpt

hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die Türkentanne nennt.

Die graue Tanne heißen sie ihn, weil sein Geäste und sein Moos grau

ist, und weil auf diesem Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare

bekommen hat. -- Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und ich

will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig ist.«

»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein Vater, »seitdem

Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet hat. Er war sehr reich

und schön, und er hätte die Tochter des angesehensten Bauers zum Weib

bekommen. Er nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab,

das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei Tagen ist

der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das ist der Jahrestag,

an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung in die Waldhütten ging. Es

mag wohl auch im Kornschneiden gewesen sein; er machte frühzeitig

Feierabend, weil durch den Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten

hinauf ein weiter Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine

Wohnung. Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die

Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile schärfte und

nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte -- weil es zur selben

Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab -- der Waldhütter nun ließ

seine Arbeit aus der Hand fallen und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber

Josef, das kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib

haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater sagte:

Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten Weg, und wenn mich das

Lenerl mag und es ist ihr und Euer redlicher Willen, daß wir zusammen

in den heiligen Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und

wir gehen morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl

mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch ist. -- Und das

Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb, und es sagte, es wolle seine

Hausfrau werden. Dann verzehrten sie zusammen ein kleines Mahl, und

endlich, als es schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum

Heimweg.

Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten lag, auf der aber

jetzt schon die großen Bäume stehen, und er ging über das Geschläge und

abwärts durch den Wald, und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete

nicht darauf, daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht

auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen Sommertag

nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde er aufmerksam, er hörte

von den gegenüberliegenden Waldungen ein heulendes Gebelle. Er dachte

an Wölfe, die nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen;

er faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren Schritt.

Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das Kreischen eines

Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen Stämme, zwischen welche

der Fußsteig führte und durch welche von Zeit zu Zeit das Leuchten

kam. Plötzlich vernahm er wieder das Heulen, aber nun viel näher als

das erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte; er hörte

keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche Heulen, das

ihm auf dem Fuße folgte. Als er sich hierauf einmal umsah, bemerkte

er hinter sich durch das Geäst funkelnde Lichter. Schon hört er das

Schnaufen und Lechzen der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er

bei sich: 's mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer! --

da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes Entkommen mehr möglich

-- rasch faßt er den Gedanken und durch einen kühnen Sprung schwingt er

sich auf den untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen

Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren ihn auf dem

Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die Pfoten an die rauhe Rinde

des Stammes. Dein Urgroßvater klettert weiter hinauf und setzt sich auf

einen dicken Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren

an der Rinde; -- es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel. Zur Sommerszeit

war es doch selten geschehen, daß Wölfe einen Menschen anfielen; sie

mußten gereizt oder von irgend einer andern Beute verjagt worden sein.

Dein Urgroßvater saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden

davonziehen und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne und

schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere Nacht; gegen

Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne, gegen Abend hin aber war

es grau, und durch dieses Grau schossen dann und wann Blitzscheine.

Sonst war es still, und es regte sich im Walde kein Ästchen.

Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze Nacht in dieser Lage

würde zubringen müssen; er besann sich aber doch, ob er nicht Lärm

machen und um Hilfe rufen sollte. Er that es, aber die Bestien ließen

sich nicht verscheuchen; kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit

entfernt.

Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen Wipfelstrunk, wo

heute die wenigen Reiserbüschel wachsen, noch eine dichte, vollständige

Krone aus grünenden Nadeln. Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich

denn schon einmal hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch

weiter hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben in

einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die Äste lehnen.

Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten wird

stärker, und an der Abendseite ist dann und wann ein fernes Donnern zu

vernehmen. -- Wenn ich einen tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und

einen wilden Lärm machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich

müßt' den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater -- thut's

aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe trotz alledem

Menschen zerrissen haben.

Das Donnern kommt näher, alle Sterne sind verloschen -- 's ist finster

wie in einem Ofen: nur unten am Fuße des Baumes funkeln die Augensterne

der Raubtiere. Wenn es blitzt, steht wieder der ganze Wald da. Nun

beginnt es gar zu sieden und zu kochen im Gewölke wie in tausend

brauenden Kesseln. Kommt ein fürchterliches Gewitter, denkt sich

Dein Urgroßvater und verbirgt sich unter die Krone, so gut er kann.

Der Hut ist ihm hinabgefallen, und er hört es, wie die Bestien den

Filz zerfetzen. Jetzt zuckt ein Strahl über den Himmel, es ist einen

Augenblick hell, wie zur Mittagsstunde -- dann bricht in den Wolken ein

Schnalzen und Krachen und Knallen los, und weithin hallt es im Gewölke.

Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde -- nur um

einen gegenüberliegenden Wipfel flattert ein Nachtvogel. Aber bald

erhebt sich der Sturm, es rauscht in den Bäumen, es tost durch die

Äste, eiskalt ist der Wind. Dein Urgroßvater klammert sich fest an das

Geäste. Jetzt flammt wieder ein Blitz, schwefelgrün erleuchtet ist der

Wald; alle Wipfel neigen sich, biegen sich tief; die nächststehenden

Bäume schlagen, es ist, als fielen sie heran. Aber die Tanne steht

starr und ragt hoch über den ganzen Wald. Unten rennen die Raubtiere

wild durcheinander und heulen. Plötzlich saust ein Körper durch die

Äste wie ein Steinwurf. Da leuchtet es wieder -- ein schneeweißer

Knollen hüpft auf dem Boden und kollert dahin. Dann finstere Nacht.

Es braust, siedet, tost, krachend stürzen Wipfel. Ein Ungeheuer mit

weitschlagenden Flügeln, im Augenblicke des Blitzes gespenstige

Schatten werfend, naht in der Luft, stürzt der Tanne zu und birgt sich

gerade über Deinem Urgroßvater in die Krone. Ein Habicht war's, Junge,

ein Habicht, der auf der Tanne sein Nest gehabt.«

Mein Vater hatte bei dieser Erzählung keine Garbe angerührt; ich hatte

den ruhigen, schlichten Mann bisher auch nie mit solcher Lebhaftigkeit

sprechen gehört.

»Wie 's weiter gewesen?« fuhr er fort. »Ja, nun brach es erst los; das

war Donnerschlag auf Donnerschlag, und beim Leuchten war zu sehen, wie

weißen Wurfspießen gleich Eiskörner auf den Wald niedersausten, an die

Stämme prallten, auf den Boden flogen und wieder hoch emporsprangen. So

oft ein Hagelknollen an den Stamm der Tanne schlug, gab es im ganzen

Baume einen hohlen Schall. Und über dem Heugraben gingen Blitze

nieder, und auf den jenseitigen Wald gingen Blitze nieder; plötzlich

war eine blendende Glut, ein heißer Luftdruck, ein Schmettern, und es

loderte eine Fichte.

Und die Türkentanne stand da, und Dein Urgroßvater saß unter der Krone

im Geäste.

Die brennende Fichte warf weithin ihren Schein, und nun war zu sehen,

wie ein rötlicher Schleier lag über dem Walde, wie nach und nach das

Gewebe der sich kreuzenden Eisstücke dünner und dünner wurde, wie viele

Wipfel keine Äste, dafür aber weiße Streifen hatten, wie endlich der

Sturm in einen mäßigen Wind überging und ein dichter Regen rieselte.

Die Donner wurden seltener und dumpfer und zogen sich gegen Mittag und

Morgen hin; aber die Blitze leuchteten noch ununterbrochen.

Am Fuße des Baumes war kein Heulen und kein Augenfunkeln mehr. Die

Raubtiere waren durch das wilde Wetter verscheucht worden. Stieg denn

Dein Urgroßvater nieder von Ast zu Ast bis zum Boden. Und er ging

heraus durch den Wald über die Felder gegen das Haus.

Es war schon nach Mitternacht.

Als der Bräutigam zum Hause kommt und kein Licht in der Stube sieht,

wundert er sich, daß in einer solchen Nacht die Leute so ruhig schlafen

können. Haben aber nicht geschlafen, waren zusammengewesen in der Stube

um ein Kerzenlicht.

Sie hatten nur die Fenster mit Brettern verlehnt, weil der Hagel alle

Scheiben eingeschlagen hatte.

Bist in der Waldhütten blieben, Sepp? sagte Deine Ururgroßmutter. Dein

Urgroßvater aber antwortete: Nein, Mutter, in der Waldhütten nicht.

Es war an dem darauffolgenden Morgen ein frischer Harzduft gewesen im

Walde -- die Bäume haben geblutet aus unzähligen Wunden. Und es war ein

beschwerliches Gehen gewesen über die Eiskörner, und es war eine sehr

kalte Luft.

Und als am Frauentag die Leute über die Verheerung und Zerstörung hin

zur Kirche gingen, fanden sie im Walde unter dem herabgeschlagenen

Reisig und Moos manchen toten Vogel und manch anderes Tier; unter einem

geknickten Wipfel lag ein toter Wolf.

Dein Urgroßvater ist bei diesem Gange sehr ernst gewesen; da sagt auf

einmal das Lenerl von der Waldhütten zu ihm: O, Du himmlisch' Mirakel!

Sepp, Dir wachst ja schon ein graues Haar!

Später hat er alles erzählt, und nun nannten die Leute den Baum, auf

dem er dieselbige Nacht hat zubringen müssen, die graue Tanne!« --

Das ist die Geschichte, wie sie mir mein Vater eines Abends beim

Kornschöbern erzählt hat und wie ich sie später aus meiner Erinnerung

niedergeschrieben. Als wir dann nach Hause gingen zur Abendsuppe und

zur Nachtruhe, blickte ich noch mehreremale hin auf den Baum, der hoch

über dem Wald in den dunklen Abendhimmel hineinstand.

Von dieser Zeit ab fürchtete ich mich nicht mehr, wenn ich an der

grauen Tanne vorüberging. Und sie stand noch jahrelang da, zur Winters-

und Sommerszeit in gleicher Gestalt -- ein wild verworrenes Gerippe von

Ästen, mit den wenigen dunkelgrünen Nadelballen auf der Krone und dem

scharfkantigen Strunk über derselben.

* * * * *

Ich war schon erwachsen, da war es in einer Herbstnacht, daß mich mein

Vater aufweckte und sagte: »Wenn Du die graue Tanne willst brennen

sehen, so geh' vor das Haus!«

Und als ich vor dem Hause stand, da sah ich über dem Walde eine hohe

Flamme lodern, und aus derselben qualmte finsterer Rauch in den

Sternenhimmel auf. Wir hörten das Dröhnen der Flammen, und wir sahen

das Niederstürzen einzelner Äste; dann gingen wir wieder zu Bette. Am

Morgen stand über dem Wald ein schwarzer Strunk mit nur wenigen Armen

-- und hoch am Himmel kreiste ein Geier.

Wir wußten nicht, wie sich in der stillen heiteren Nacht der Baum

entzündete, und wir wissen es noch heute nicht. In der Gegend ist

Vieles über dieses Ereignis gesprochen worden, und man hat demselben

Wunderliches und Bedeutsames zu Grunde gelegt. Noch einige Jahre

starrte der schwarze Strunk gegen den Himmel, dann brach er nach und

nach zusammen, und nun stand nichts mehr empor über dem Wald.

Auf dem Stocke und auf den letzten Resten des Baumes, die langsam in

die Erde sinken und vermodern, wächst das Moos.

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[Illustration]

Ums Vaterwort.

Ich habe im Grunde keine schlechte Erziehung genossen, sondern vielmehr

gar keine. War ich ein braves, frommes, folgsames, anstelliges Kind, so

lobten mich meine Eltern; war ich das Gegenteil, so zankten sie mich

derb aus. Das Lob that mir fast allezeit wohl, und ich hatte dabei das

Gefühl, als ob ich in die Länge ginge, weil manche Kinder wie Pflanzen

sind, die nur bei Sonnenschein schlank wachsen.

Nun war mein Vater aber der Ansicht, daß ich nicht allein in die Länge,

sondern auch in die Breite wachsen müsse, und dafür sei der Ernst und

die Strenge gut.

Meine Mutter hatte nichts als Liebe.

Mein Vater mochte derselben Artung sein, allein er verstand es nicht,

seiner Wärme und Liebe Ausdruck zu geben; bei all seiner Milde hatte

der mit Arbeit und Sorgen beladene Mann ein stilles, ernstes Wesen;

seinen reichen Humor ließ er vor mir erst später spielen, als er

vermuten konnte, daß ich genug Mensch geworden sei, um denselben

aufzunehmen. In den Jahren, da ich das erste Dutzend Hosen zerriß, gab

er sich nicht just viel mit mir ab, außer wenn ich etwas Unbraves

angestellt hatte; in diesem Falle ließ er seine Strenge walten. Seine

Strenge und meine Strafe bestand gewöhnlich darin, daß er vor mich

hintrat und mir mit schallenden, zornigen Worten meinen Fehler vorhielt

und die Strafe andeutete, die ich verdient hätte.

Ich hatte mich beim Ausbruche der Erregung allemal vor den Vater

hingestellt, war mit niederhängenden Armen wie versteinert vor

ihm stehen geblieben und hatte ihm während des heftigen Verweises

unverwandt in sein zorniges Angesicht geschaut. Ich bereute in meinem

Innern den Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld,

aber ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich bei

solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges Zittern in

mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht auf mich

niederging. Es kamen mir die Thränen in die Augen, sie rieselten mir

über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater

an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs, je

länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.

Wenn hierauf Wochen vorbeigingen, ohne daß ich etwas heraufbeschwor,

und mein Vater immer gütig und still an mir vorüberschritt, begann

in mir allmählich wieder der Drang zu erwachen und zu reifen, etwas

anzustellen, was den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu

ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah gewiß nicht aus

Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde, dessen ich mir damals nicht

bewußt war.

Da war es einmal am heiligen Christabend. Der Vater hatte den Sommer

zuvor in Mariazell ein schwarzes Kruzifixlein gekauft, an welchem

ein aus Blei gegossener Christus und die aus demselben Material

gebildeten Marterwerkzeuge hingen. Dieses Heiligtum war in Verwahrung

geblieben bis auf den Christabend, an welchem es mein Vater aus seinem

Gewandkasten hervornahm und auf das Hausaltärchen stellte. Ich nahm

die Stunde wahr, da meine Eltern und die übrigen Leute noch draußen in

den Wirtschaftsgebäuden und in der Küche zu schaffen hatten, um das

hohe Fest vorzubereiten, ich nahm das Kruzifixlein mit Gefahr meiner

geraden Glieder von der Wand, hockte mich damit in den Ofenwinkel und

begann es zu zerlegen. Es war mir eine ganz seltsame Lust, als ich

mit meinem Taschenfeitel zuerst die Leiter, dann die Zange und den

Hammer, hernach den Hahn des Petrus und zuletzt den lieben Christus vom

Kreuze löste. Die Teile kamen mir nun getrennt viel interessanter vor

als früher im Ganzen; doch jetzt, da ich fertig war, die Dinge wieder

zusammensetzen wollte, aber nicht konnte, fühlte ich in der Brust eine

Hitze aufsteigen, auch meinte ich, es würde mir der Hals zugebunden. --

Wenn's nur beim Ausschelten bleibt diesmal ...? -- Zwar sagte ich mir:

Das schwarze Kreuz ist jetzt schöner als früher; in der Hohenwanger

Kapelle steht auch ein schwarzes Kreuz, wo nichts d'ran ist, und

gehen doch die Leute hin, zu beten. Und wer braucht zu Weihnachten

einen gekreuzigten Herrgott? Da muß er in der Krippe liegen, sagt der

Pfarrer. Und das will ich machen.

Ich bog dem bleiernen Christus die Beine krumm und die Arme über

die Brust und legte ihn in das Nähkörbchen der Mutter und stellte

so mein Kripplein auf den Hausaltar, während ich das Kreuz in dem

Stroh des Elternbettes verbarg, nicht bedenkend, daß das Körbchen die

Kreuzabnahme verraten müsse.

Das Geschick erfüllte sich bald. Die Mutter bemerkte es zuerst, wie

närrisch doch heute der Nähkorb zu den Heiligenbildern hinaufkäme?

»Wem ist denn das Kruzifixlein da oben im Weg gewesen?« fragte

gleichzeitig mein Vater.

Ich stand etwas abseits, und mir war zu Mute wie einem Durstigen, der

jetzt starken Myrrhenwein zu trinken kriegen sollte. Indeß mahnte mich

eine absonderliche Beklemmung, jetzt womöglich noch weiter in den

Hintergrund zu treten.

Mein Vater ging auf mich zu und fragte fast bescheidentlich, ob ich

nicht wisse, wo das Kreuz hingekommen sei? Da stellte ich mich schon

kerzengerade vor ihn hin und schaute ihm ins Gesicht. Er wiederholte

seine Frage, ich wies mit der Hand gegen das Bettstroh, es kamen die

Thränen, aber ich glaube, daß ich keinen Mundwinkel verzogen habe.

Der Vater suchte das Verborgene hervor und war nicht zornig, nur

überrascht, als er die Mißhandlung des Heiligtums sah. Mein Verlangen

nach dem Myrrhenwein steigerte sich. Der Vater stellte das kahle

Kruzifixlein auf den Tisch. »Nun sehe ich wohl,« sagte er mit aller

Gelassenheit und langte seinen Hut vom Nagel, »nun sehe ich wohl,

er muß endlich rechtschaffen gestraft werden. Wenn einmal der

Christi-Herrgott nicht sicher geht ...! Bleib' mir in der Stuben,

Bub'!« fuhr er mich finster an und ging dann zur Thüre hinaus.

»Spring' ihm nach und schau' zum Bitten!« rief mir die Mutter zu, »er

geht Birkenruten abschneiden.«

Ich war wie an den Boden geschmiedet. Gräßlich klar sah ich, was nun

über mich kommen würde, aber ich war außer Stande, auch nur einen

Schritt zur Abwehr zu machen. Die Mutter ging ihrer Arbeit nach, in der

abendlich dunkelnden Stube stand ich allein und vor mir auf dem Tisch

das verstümmelte Kruzifix. Heftig erschrak ich vor jedem Geräusch. Im

alten Uhrkasten, der dort an der Wand bis zum Fußboden niederging,

rasselte das Gewicht der Schwarzwälder-Uhr, welche die fünfte Stunde

schlug. Endlich hörte ich draußen auch das Schnee-Abklopfen von den

Schuhen, es waren des Vaters Tritte. Als er mit dem Birkenzweig in die

Stube trat, war ich verschwunden.

Er ging in die Küche und fragte mit wild herausgestoßener Stimme, wo

der Bub sei? Es begann im Hause ein Suchen, in der Stube wurden das

Bett und die Winkel und das Gesiedel durchstöbert, in der Nebenkammer,

im Oberboden hörte ich sie herumgehen, ich hörte die Befehle, man möge

in den Ställen die Futterkrippen und in den Scheunen Heu und Stroh

durchforschen, man möge auch in den Schachen hinausgehen und den Buben

nur stracks vor den Vater bringen -- diesen Christabend solle er sich

für sein Lebtag merken! Aber sie kehrten unverrichteter Dinge zurück.

Zwei Knechte wurden nun in die Nachbarschaft geschickt, aber meine

Mutter rief, wenn ich etwa zu einem Nachbar über Feld und Wald gegangen

sei, so müsse ich ja erfrieren, es seien mein Jöpplein und mein Hut in

der Stube. Das sei doch ein rechtes Elend mit den Kindern!

Sie gingen davon, das Haus wurde fast leer, und in der finstern Stube

sah man nichts mehr als die grauen Vierecke der Fenster. Ich stak im

Uhrkasten und konnte durch die Fugen desselben hervorgucken. Durch das

Thürchen, welches für das Aufziehen des Uhrwerkes angebracht war, hatte

ich mich hineingezwängt und innerhalb des Verschlages hinabgelassen, so

daß ich nun im Uhrkasten ganz aufrecht stand.

Was ich in diesem Verstecke für Angst ausgestanden habe! Daß es kein

gutes Ende nehmen konnte, sah ich voraus, und daß die von Stunde zu

Stunde wachsende Aufregung das Ende von Stunde zu Stunde gefährlicher

machen mußte, war mir auch klar. Ich verwünschte den Nähkorb, der mich

anfangs verraten hatte, ich verwünschte das Kruzifixlein -- meinen

Leichtsinn zu verwünschen, darauf vergaß ich. Es gingen Stunden hin,

ich blieb in meinem aufrechtstehenden Sarge, und schon saß mir der

Eisenzapfen des Uhrgewichtes auf dem Scheitel, und ich mußte mich

womöglich niederducken, sollte das Stehenbleiben der Uhr nicht Anlaß

zum Aufziehen derselben und somit zu meiner Entdeckung geben. Denn

endlich waren meine Eltern in die Stube gekommen, hatten Licht gemacht

und meinetwegen einen Streit begonnen.

»Ich weiß nirgends mehr zu suchen,« hatte mein Vater gesagt und war

erschöpft auf einen Stuhl gesunken.

»Wenn er sich im Walde vergangen hat oder unter dem Schnee liegt!« rief

die Mutter und erhob ein lautes Weinen.

»Sei still davon!« sagte der Vater, »ich mag's nicht hören.«

»Du magst es nicht hören und hast ihn mit Deiner Herbheit selber

vertrieben.«

»Mit diesem Zweiglein hätte ich ihm kein Bein abgeschlagen,« versetzte

er und ließ die Birkenrute auf den Tisch niederpfeifen.

»Aber jetzt, wenn ich ihn erwisch', schlag ich einen Zaunstecken an ihm

entzwei.«

»Thue es, thue es -- 'leicht thut's ihm nicht mehr weh,« sagte die

Mutter und setzte das Weinen fort. »Meinst, Du hättest Deine Kinder nur

zum Zornauslassen? Da hat der lieb' Herrgott ganz recht, wenn er sie

beizeiten wieder zu sich nimmt! Kinder muß man lieb haben, wenn etwas

aus ihnen werden soll.«

Hierauf er: »Wer sagt denn, daß ich den Buben nicht lieb hab'? Ins Herz

hinein, Gott weiß es! Aber sagen mag ich ihm's nicht; ich mag's nicht,

und ich kann's nicht. Ihm selber thut's nicht so weh als mir, wenn ich

ihn strafen muß, das weiß ich!«

»Ich geh' noch einmal suchen!« sagte die Mutter.

»Ich will auch nicht dableiben!« sagte er.

»Du mußt mir einen warmen Löffel Suppe essen! 's ist Nachtmahlszeit,«

sagte sie.

»Ich mag jetzt nichts essen! Ich weiß mir keinen andern Rat,« sagte der

Vater, kniete zum Tisch hin und begann still zu beten.

Die Mutter ging in die Küche, um zur neuen Suche meine warmen Kleider

zusammenzutragen für den Fall, als man mich irgendwo halberfroren

finde. In der Stube war es wieder still, und mir in meinem Uhrkasten

war's, als müsse mir vor Leid und Pein das Herz brechen. Plötzlich

begann mein Vater aus seinem Gebete krampfhaft aufzuschluchzen. Sein

Haupt fiel nieder auf den Arm, und die ganze Gestalt bebte.

Ich that einen lauten Schrei. Nach wenigen Sekunden war ich von Vater

und Mutter aus dem Gehäuse befreit, lag zu Füßen des Vaters und

umklammerte wimmernd seine Knie.

»Mein Vater, mein Vater!« das waren die einzigen Worte, die ich

stammeln konnte. Er langte mit seinen beiden Armen nieder und hob mich

auf zu seiner Brust, und mein Haar ward feucht von seinen Zähren.

Mir ist in jenem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen.

Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen und zu

beleidigen. Aber ich fand nun auch, _warum_ ich es gethan hatte. Aus

Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen

zu können und seine zu mir sprechende Stimme zu hören. Sollte er

schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leute waren und

wie er es damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte

ich wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; es

durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das

Vaterauge, das Vaterwort.

Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht geklungen, und von

diesem Tage an ist vieles anders geworden. Mein Vater war seiner Liebe

zu mir und meiner Anhänglichkeit an ihn inne geworden und hat mir in

Spiel, Arbeit und Erholung wohl viele Stunden sein liebes Angesicht,

sein treues Wort geschenkt, ohne daß ich noch einmal nötig gehabt

hätte, es mit Bosheit erschleichen zu müssen.

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Allerlei Spielzeug.

Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur höllisch klein war,

auseinandergedehnt, wie mein Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er

sich einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein Sack

draus worden, in welchem all' die unglaublichen Phantastereien einer

ungezogenen Bauernbubenseele vollauf Platz gehabt haben.

Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen konnte, selber

machte, so habe ich mir auch die größten Städte der Welt, die ich nicht

sehen konnte, selber gebaut.

Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte mir das

Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der spanische Brustthee vom

Kaufmann, die Medizinflaschen vom Bader waren stets in gutes, oft sogar

schneeweißes Papier eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit

der Nähschere meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen oder

verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser, Kirchen, Paläste,

Türme, Brücken, bog sie geschickt zur passenden Form und stellte sie

in Reihen und Gruppen auf den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür

waren wohl die alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam

es freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes

das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm anstatt Fenster

und Uhren nichts als lauter Posten der »Abstattung« hatte. Als es

aber ruchbar worden war, daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen

Steuersummen der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution,

indem mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche

Gebäude unter den Tisch hinab wischte.

Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen ins Ebenholz

hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie mir nicht ihre heilige

Monika mit in den Wald leihen möchte.

»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet, »wenn sie nur ganz

wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen. Was übrig blieben ist, das

magst haben.«

So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika mit in das Ebenholz.

Aber als ich in demselben zu lesen begonnen hatte, hub im Sacke die

Nähschere meiner Mutter zu sticheln an: ob ich die Geschichte von

dieser Heiligen denn nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus

nicht etwa schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese grauen

und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung denken könne, als

daraus die schöne Weltstadt Paris zu bauen? -- Ich wollte der alten

Nähschere meiner Mutter nicht widersprechen.

Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte Schlagerhütte, die

einst ein Bauernhäuschen gewesen und zwischen dem jungen Fichtenanwuchs

verlassen und öde hocken geblieben war. Die Fensterchen waren ohne

Gläser, die Thür war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle

wucherten Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und

jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte das alte

Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein Gespräch anheben.

Mir war dieser Bau unheimlich gewesen bis zu jenem Tage, da mich und

unseren Knecht Marcus im Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und

wir uns in die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus

gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben heuer

halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim das Schaltjahr und

meinen, der Name komme von dem Schallen des Donners. Als der Regen

fortwährte, fragte mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«

»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort, »aber wir

sollen lieber den Wettersegen beten.«

»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«

»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.

Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten uns an den

großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen Zweige funkelten und

die helle Sonne zum Fenster hereinschien.

Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich ihr zu, setzte

mich an den großen, wurmstichigen Tisch und schnitzte aus den Blättern

der »heiligen Monika« die große Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser

in langen Gassenreihen auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich

mit blauen Heidelbeeren und roten Preißelbeeren -- erstere waren die

Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte ich Reihen

von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.

Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen Blickes hinschaute

auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten Gassen, die ich gegründet

und wie ein Schutzgeist beschirmte, dachte ich: Nun soll über diese

Stadt aber auch einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts

mit einem Sturmwind? -- Ich blies drein -- hei, purzelten ganze

Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut. Da endlich

aber der Abend kam und meines Bleibens in der Hütte nicht mehr länger

sein konnte, sann ich nach, wie ich die Stadt Paris am großartigsten

zu Grunde gehen lassen könnte. -- Eine Feuersbrunst? -- Neunjährige

Bauernjungen tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie sich

doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit dem Tabakrauchen,

bekannt zu machen trachten müssen.

Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach wenigen Sekunden

standen ganze Viertel in Flammen. Die Bevölkerung war starr vor

Schreck, das Feuer wogte hin, und die Mauern zitterten, und die kahlen

Ruinen ringelten sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu

wollen schien, so blies ich die Flammen gegen denselben hin -- wehe,

da flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den Fußboden,

wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt wurde der Spaß

Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt, das Stroh knisterte schon

vernehmlicher, und ein greller Schein erhellte die Hütte. Ich wollte

eben davonstürzen, als unser Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und

mit einem buschigen Baumwipfel das Feuer totschlug.

Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann, aber das

sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen und Brennen auf den Etzel

hinausspielen wolle, so thäte er es dem Kaiser schreiben, daß er mich

rechtzeitig köpfen lasse.

Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet und keine mehr

zerstört. Ich ging von der Architektur zur Musik und Malerei über.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 1 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 1 / 7 段