Christliche Dämonologie.[95]

Man wird sagen -- wenn Du auch die aprioristischen Einwendungen gegen

die Wunder aus aprioristischen Gründen hinwegzuschaffen suchst, so

bleibt doch die Thatsache bestehen, daß Christus den landläufigen

Aberglauben in Bezug auf die Besessenheit vom Teufel annahm. Dadurch,

daß dabei von Teufeln gesprochen wird, verliert die ganze betreffende

Erzählung ihren Wert. Du mußt also eins von beiden wählen: entweder

war die landläufige Theorie richtig oder nicht. Wenn Du sagst, daß

sie richtig war, so mußt Du zugeben, daß dieselbe Theorie für alle

ähnlichen Stufen der Kultur gilt [aber nicht für die späteren Stufen]

und daß daher die Naturwissenschaft der erfolgreichste Teufelaustreiber

ist, obgleich sie nicht durch den Glauben an die Theorie, sondern

durch die Verwerfung derselben wirkt. Beachte, daß die betreffenden

Krankheiten durch die Überlieferung so klar beschrieben sind, daß sie

unmöglich mißverstanden werden können. Dann mußt Du annehmen, daß sie

_anno domini_ 30 von Teufeln und _a. d._ 1894 von Nervenstörungen

herrührten. Sagst Du aber, die Theorie sei falsch, dann mußt Du

entweder annehmen, daß Christus es nicht besser wußte oder daß er die

Unwahrheit sagte.

Die Antwort lautet, daß beide Annahmen vom Christentum acceptiert

werden können. Des Beweises wegen können wir einmal die Frage bei

Seite lassen, ob Christus die Teufelslehre selbst wirklich annahm,

oder ob ihm dieselbe durch seine Biographen nach seinem Tode

zugeschrieben wurde. Wenn Christus wußte, daß die Thatsachen nicht

Teufeln zuzuschreiben waren, so muß er auch gewußt haben, daß es das

beste war, die landläufige Ansicht anzunehmen anstatt das Volk durch

einen pathologischen Vortrag zu verwirren. Wenn er es nicht wußte, --

ja warum sollte er es denn wissen, hatte er sich doch vorher seiner

Allwissenheit entäußert? Freilich, wenn er die landläufige Ansicht

geleugnet hätte, so würde er einen Beweis naturwissenschaftlicher

Erkenntnis oder naturwissenschaftlicher Anschauung gegeben haben,

die weit über die Kultur seiner Zeit ging, aber dies würde nicht mit

seiner in zahllosen anderen Fällen bewiesenen Methode übereinstimmen,

und diese bestand darin, daß sie seine göttliche Sendung niemals durch

Vorwegnahme naturwissenschaftlicher Kenntnisse kundgab. Die besondere

Frage nach Christus und der Dämonologie ist also nur eine Teilfrage

einer viel größeren Hauptfrage.

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 16 / 21 题