Man wird sagen -- wenn Du auch die aprioristischen Einwendungen gegen
die Wunder aus aprioristischen Gründen hinwegzuschaffen suchst, so
bleibt doch die Thatsache bestehen, daß Christus den landläufigen
Aberglauben in Bezug auf die Besessenheit vom Teufel annahm. Dadurch,
daß dabei von Teufeln gesprochen wird, verliert die ganze betreffende
Erzählung ihren Wert. Du mußt also eins von beiden wählen: entweder
war die landläufige Theorie richtig oder nicht. Wenn Du sagst, daß
sie richtig war, so mußt Du zugeben, daß dieselbe Theorie für alle
ähnlichen Stufen der Kultur gilt [aber nicht für die späteren Stufen]
und daß daher die Naturwissenschaft der erfolgreichste Teufelaustreiber
ist, obgleich sie nicht durch den Glauben an die Theorie, sondern
durch die Verwerfung derselben wirkt. Beachte, daß die betreffenden
Krankheiten durch die Überlieferung so klar beschrieben sind, daß sie
unmöglich mißverstanden werden können. Dann mußt Du annehmen, daß sie
_anno domini_ 30 von Teufeln und _a. d._ 1894 von Nervenstörungen
herrührten. Sagst Du aber, die Theorie sei falsch, dann mußt Du
entweder annehmen, daß Christus es nicht besser wußte oder daß er die
Unwahrheit sagte.
Die Antwort lautet, daß beide Annahmen vom Christentum acceptiert
werden können. Des Beweises wegen können wir einmal die Frage bei
Seite lassen, ob Christus die Teufelslehre selbst wirklich annahm,
oder ob ihm dieselbe durch seine Biographen nach seinem Tode
zugeschrieben wurde. Wenn Christus wußte, daß die Thatsachen nicht
Teufeln zuzuschreiben waren, so muß er auch gewußt haben, daß es das
beste war, die landläufige Ansicht anzunehmen anstatt das Volk durch
einen pathologischen Vortrag zu verwirren. Wenn er es nicht wußte, --
ja warum sollte er es denn wissen, hatte er sich doch vorher seiner
Allwissenheit entäußert? Freilich, wenn er die landläufige Ansicht
geleugnet hätte, so würde er einen Beweis naturwissenschaftlicher
Erkenntnis oder naturwissenschaftlicher Anschauung gegeben haben,
die weit über die Kultur seiner Zeit ging, aber dies würde nicht mit
seiner in zahllosen anderen Fällen bewiesenen Methode übereinstimmen,
und diese bestand darin, daß sie seine göttliche Sendung niemals durch
Vorwegnahme naturwissenschaftlicher Kenntnisse kundgab. Die besondere
Frage nach Christus und der Dämonologie ist also nur eine Teilfrage
einer viel größeren Hauptfrage.