Darwins Bedenken[96]

Auf Darwins Einwand, daß nur ein so kleiner Teil der Menschheit von

Christus je gehört hat, giebt es mehrere Antworten:

1) Nehmen wir an, daß das Christentum wahr ist, so ist es die höchste

und letzte Offenbarung, d. h. der Plan der Offenbarung folgt der

Entwicklungslehre. Gerade daraus ergiebt sich, daß der größte Teil der

Menschheit nie etwas von Christus hören konnte, nämlich alle, welche

vor seiner Ankunft lebten.

2) Aber diese waren nicht ohne Bezeugung geblieben. Sie hatten alle

ihre Religion und ihr sittliches Bewußtsein, jeder nach seiner

eigenen Entwicklungsstufe. Daher hat Gott die Zeiten der Unwissenheit

übersehen, Apostelgeschichte 17, 30.

3) Zudem waren diese Menschen nicht von Christi Wohlthaten

ausgeschlossen; denn es wird gesagt, daß er für alle Menschen starb

-- d. h. wenn er nicht gewesen wäre, würde Gott nicht die Zeiten

der Unwissenheit übersehen haben. Die Wirkung der Erlösung wird als

transcendental dargestellt und als nicht davon abhängend, daß jemand

von dem Erlöser gehört hat.

4) Es ist wunderbar, daß gerade Darwin diesem trügerischen Argument

unterlegen ist; denn es hat ja gerade durch die Entwicklungslehre

seinen Todesstoß erhalten, d. h. wenn es wahr ist, daß die Entwicklung

die Methode natürlicher Kausalität gewesen ist, und wenn es wahr

ist, daß die Methode der natürlichen Kausalität von einer Gottheit

abhängt, dann folgt daraus, daß dies späte Erscheinen Christi auf der

Erde absichtlich gewesen sein muß. Denn es ist sicher, daß er nicht

früher erscheinen konnte, ohne daß dadurch die Entwicklung verletzt

worden wäre. Daher mußte er nach der Theorie des Theismus dann

erscheinen, als es geschah, d. h. in dem Augenblick der Geschichte,

in dem es zuerst möglich war. Auch aus anderen Gesichtspunkten

ergiebt sich, daß die Zeit, in der Christus erschien, die geeignetste

war. Selbst weltliche Geschichtsschreiber stimmen darin überein,

daß die Zeitumstände zusammen paßten und führen den Erfolg seines

sittlichen und religiösen Systems auf diese Thatsache zurück. So

auch die, welche sich mit vergleichender Religionswissenschaft

beschäftigen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Schlußbemerkung des Herausgebers.

Der intellektuelle Standpunkt dem Christentum gegenüber, welcher in

diesen Notizen ausgesprochen ist, kann man bezeichnen als -- 1) reinen

Agnostizismus, auf dem Gebiet der sich in dem Naturwissenschaftlichen

bethätigenden Vernunft, verbunden mit 2) einer klaren Erkenntnis der

geistlichen Notwendigkeit des Glaubens und der Berechtigung und des

Wertes seiner Anschauungen, 3) als eine Empfindung der positiven Kraft

der historischen und geistlichen Zeugnisse für das Christentum.

George Romanes kam in diesen Notizen, wie auch in der mündlichen

Unterhaltung zu der Erkenntnis, daß es vernünftig sei, an das

Christentum zu glauben, bevor er die Kraft oder die Gewohnheit des

Glaubens wieder erlangt hatte. Sein Leben ging bald, nachdem er

diesen Standpunkt erreicht hatte, zu Ende; aber es wird niemanden

überraschen zu hören, daß der Verfasser dieser »Gedanken« noch vor

seinem Tode zu jener vollbewußten Gemeinschaft mit der Kirche Jesu

Christi zurückgekehrt ist, auf die zu verzichten er sich so viele Jahre

hindurch aus Gewissens-Bedenken gezwungen sah. So wurde es in diesem

Falle »dem Manne reines Herzens« nach langer Zeit der Finsternis noch

vor seinem Tode vergönnt, »Gott zu schauen«.

_Fecisti nos ad te Domine, et inquietum est cor nostrum donec

requiescat in te._

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 17 / 21 题