Auf Darwins Einwand, daß nur ein so kleiner Teil der Menschheit von
Christus je gehört hat, giebt es mehrere Antworten:
1) Nehmen wir an, daß das Christentum wahr ist, so ist es die höchste
und letzte Offenbarung, d. h. der Plan der Offenbarung folgt der
Entwicklungslehre. Gerade daraus ergiebt sich, daß der größte Teil der
Menschheit nie etwas von Christus hören konnte, nämlich alle, welche
vor seiner Ankunft lebten.
2) Aber diese waren nicht ohne Bezeugung geblieben. Sie hatten alle
ihre Religion und ihr sittliches Bewußtsein, jeder nach seiner
eigenen Entwicklungsstufe. Daher hat Gott die Zeiten der Unwissenheit
übersehen, Apostelgeschichte 17, 30.
3) Zudem waren diese Menschen nicht von Christi Wohlthaten
ausgeschlossen; denn es wird gesagt, daß er für alle Menschen starb
-- d. h. wenn er nicht gewesen wäre, würde Gott nicht die Zeiten
der Unwissenheit übersehen haben. Die Wirkung der Erlösung wird als
transcendental dargestellt und als nicht davon abhängend, daß jemand
von dem Erlöser gehört hat.
4) Es ist wunderbar, daß gerade Darwin diesem trügerischen Argument
unterlegen ist; denn es hat ja gerade durch die Entwicklungslehre
seinen Todesstoß erhalten, d. h. wenn es wahr ist, daß die Entwicklung
die Methode natürlicher Kausalität gewesen ist, und wenn es wahr
ist, daß die Methode der natürlichen Kausalität von einer Gottheit
abhängt, dann folgt daraus, daß dies späte Erscheinen Christi auf der
Erde absichtlich gewesen sein muß. Denn es ist sicher, daß er nicht
früher erscheinen konnte, ohne daß dadurch die Entwicklung verletzt
worden wäre. Daher mußte er nach der Theorie des Theismus dann
erscheinen, als es geschah, d. h. in dem Augenblick der Geschichte,
in dem es zuerst möglich war. Auch aus anderen Gesichtspunkten
ergiebt sich, daß die Zeit, in der Christus erschien, die geeignetste
war. Selbst weltliche Geschichtsschreiber stimmen darin überein,
daß die Zeitumstände zusammen paßten und führen den Erfolg seines
sittlichen und religiösen Systems auf diese Thatsache zurück. So
auch die, welche sich mit vergleichender Religionswissenschaft
beschäftigen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schlußbemerkung des Herausgebers.
Der intellektuelle Standpunkt dem Christentum gegenüber, welcher in
diesen Notizen ausgesprochen ist, kann man bezeichnen als -- 1) reinen
Agnostizismus, auf dem Gebiet der sich in dem Naturwissenschaftlichen
bethätigenden Vernunft, verbunden mit 2) einer klaren Erkenntnis der
geistlichen Notwendigkeit des Glaubens und der Berechtigung und des
Wertes seiner Anschauungen, 3) als eine Empfindung der positiven Kraft
der historischen und geistlichen Zeugnisse für das Christentum.
George Romanes kam in diesen Notizen, wie auch in der mündlichen
Unterhaltung zu der Erkenntnis, daß es vernünftig sei, an das
Christentum zu glauben, bevor er die Kraft oder die Gewohnheit des
Glaubens wieder erlangt hatte. Sein Leben ging bald, nachdem er
diesen Standpunkt erreicht hatte, zu Ende; aber es wird niemanden
überraschen zu hören, daß der Verfasser dieser »Gedanken« noch vor
seinem Tode zu jener vollbewußten Gemeinschaft mit der Kirche Jesu
Christi zurückgekehrt ist, auf die zu verzichten er sich so viele Jahre
hindurch aus Gewissens-Bedenken gezwungen sah. So wurde es in diesem
Falle »dem Manne reines Herzens« nach langer Zeit der Finsternis noch
vor seinem Tode vergönnt, »Gott zu schauen«.
_Fecisti nos ad te Domine, et inquietum est cor nostrum donec
requiescat in te._