3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu anhaltender
Forschung -- d. h. sie giebt einen moralischen Prüfstein und nicht bloß
einen aus intellektuellen Gründen stammenden Beweis für irgend ein (_ex
hypothesi_) unantastbar beglaubigtes, historisches Ereignis.
Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung sprechen, sind
in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit ernstlich zu
fesseln.
Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende gewesen ist,
so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, sondern
auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer und geistlicher
Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese Weise konnte sie stets den
fortschreitenden Lebensbedingungen der Menschheit angepaßt sein. Diese
Betrachtung zerstört alle die zahlreichen Einwände gegen die Heilige
Schrift in Bezug auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte
oder Gebote; es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig
gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die Gebote mit dem
modernen Fortschritt in Harmonie bringen, den Anforderungen der Welt zu
der in Frage stehenden Zeit ebenso gut angepaßt gewesen sein würden,
wie die uns wirklich vorliegenden Berichte oder Gebote.
* * * * *
Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist es sicher, daß die
von ihm überlieferte Offenbarung schon wenigstens seit dem Aufdämmern
der historischen Zeit vorher bestimmt worden ist; denn die objektiven
Beweise für das Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern
ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus [ein
Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von Anfang an erkennen
kann. Und gerade die Art und Weise, wie dieser Plan selbst offenbart
wird (angenommen, daß es ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise
von Zwecksetzung. Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in
Wundern, Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit.
Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch welche
den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit geliefert würde
und zwar eine Methode, die mit sittlicher und religiöser Erziehung
verbunden ist. Die Thatsache allein, daß sie mit der Profan-Geschichte
so eng verwachsen ist, macht die christliche Religion zu einer
ganz einzigartigen Erscheinung: die Welt ist während dieses ganzen
historischen Zeitraums gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche
die göttliche Offenbarung gemalt worden ist -- und zwar so allmählich,
daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, bis es
möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen.
Christliche Dogmen.
Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder nicht, das
würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum als die höchste Stufe
der religiösen Entwicklung anzusehen ist vom rein weltlichen [oder
naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt aus, nicht viel ausmachen.
Vom religiösen Standpunkt aus oder wenn es sich um das Verhältnis
Gottes zum Menschen handelt, würde es aber natürlich eine viel größere
Schwierigkeit bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben
Gedankengang an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden
Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem nichtamtlichen
zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder naturwissenschaftlichen
Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen können, eine Folge
von mechanischen Ursachen in der natürlichen Zuchtwahl oder von
etwas ähnlichem zu sein. Aber gerade wie bei dem Übergang von dem
nichtgeistlichen zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser
Übergang im letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein,
und so =muß= es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen sein.
Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen Standpunkt
aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war oder nicht; denn
jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, die nächste oder die
in Erscheinung getretene Ursache der beobachteten Resultate.
So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi schließlich
auf die wichtigste von allen Fragen hinaus -- nämlich auf die: ist die
mechanische Kausalität »die äußere und sichtbare Form einer inneren und
geistlichen Gnade« oder nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist
sie die letzte Ursache oder selbst abgeleitet?
Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun Christus wirklich
göttlicher Natur gewesen sein oder nicht -- insoweit der Glaube
an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache der moralischen
und religiösen Entwicklung, die sein Leben auf Erden hervorrief,
gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk von seinen Sünden befreit,
d. h. natürlich, er hat es von seinem eigenen Gefühl der Sünde
als einem auf ihm lastenden Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine
entsprechende Veränderung von objektivem Charakter auf ontologischem
Gebiet hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben
aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab.
Das Vernunftgemäße in den Lehren von der Menschwerdung
und der Dreieinigkeit.
Reine Agnostiker und solche, die in dem Christentum nach Gott suchen,
sollten sich mit der metaphysischen Theologie nicht befassen. Sie ist
ein Gebiet der Forschung, welches _ex hypothesi_ transcendental ist,
und das erst von solchen getrieben werden sollte, die das Christentum
bereits angenommen haben. Die Lehren von der Menschwerdung und von
der Dreieinigkeit schienen mir in den Tagen meines Agnostizismus die
absurdesten von allen zu sein. Aber als reiner Agnostiker sehe ich
jetzt in ihnen durchaus keine vernunftwidrige Schwierigkeit. Was die
Dreieinigkeit betrifft, so hängt die Mehrzahl der Personen notwendig
mit der nahe verwandten Lehre von der Menschwerdung zusammen. Es liegt
daher in beiden Lehren nur =eine= Schwierigkeit; denn da bei der Lehre
von der Menschwerdung eine Zweizahl von Personen vorausgesetzt wird,
so liegt für den reinen Agnostiker in der Lehre von der Mehrzahl der
Personen keine neue Schwierigkeit. Zu einer gewissen Zeit erschien es
mir unmöglich, daß irgend eine Behauptung, wenn man sie wörtlich so
verstände, absurder sein könnte als die [Lehre von der Menschwerdung].
Nun erkenne ich, daß mein damaliger Standpunkt durchaus unverständig
war und daß er allein aus der Blindheit der Vernunft selbst
hervorgegangen war, die ihrerseits wieder aus der Gewohnheit [rein]
naturwissenschaftlichen Denkens entsprang. »Aber sie widerspricht doch
dem gesunden Menschenverstand!« Ganz gewiß, ohne Zweifel; aber das muß
sie auch, wenn sie wahr sein soll. Gesunder Menschenverstand ist nichts
anderes als ein [grobes] Verzeichnis alltäglicher Erfahrung; aber die
Menschwerdung kann doch auf alle Fälle, wenn sie stattfand, was für
ein Bewandtnis es mit ihr auch gehabt haben mag, kein gewöhnliches
Ereignis gewesen sein. »Aber es thut Gott Abbruch, Mensch zu werden!«
Woher weißt Du das? Überdies war Christus kein gewöhnlicher Mensch;
dies beweist sowohl die negative Kritik als auch der historische
Erfolg seines Lebens, und wenn wir zur Beweisführung den christlichen
Standpunkt anerkennen, so ist das ganze Wesen der Menschheit in ihm
zusammengefaßt. Endlich giebt es noch Erwägungen indirekter Art,
welche eine Menschwerdung _a priori_ wahrscheinlich machen.[93]
Aus aprioristischen Gründen =muß= es Mysterien geben, welche für
die Vernunft unfaßbar sind, wie z. B. das Wesen Gottes u. s. w.,
vorausgesetzt, daß überhaupt eine Offenbarung stattfand. Daher ist
der Umstand, daß man im Christentum an solche Mysterien glaubt, kein
stichhaltiger Einwand gegen das Christentum. Warum soll man aber
andererseits _a priori_ über die Lehre von der Dreieinigkeit stolpern,
zumal der Mensch ja selbst ein dreieiniges Wesen ist, mit Körper,
Geist (d. h. Vernunft) und Seele (d. h. moralischen, ästhetischen und
religiösen Fähigkeiten). Die zweifellose Vereinigung dieser nicht
weniger zweifellos verschiedenen Seiten im Wesen des Menschen wird uns
unmittelbar als eine Thatsache der Erfahrung bekannt, aber sie ist für
irgend einen logischen Prozeß oder für irgend einen Vernunftschluß
ebenso unverständlich wie das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes.
Adam, der Sündenfall und der Ursprung der Sünde.
Diese christlichen Dogmen werden ohne Zweifel durch den
naturwissenschaftlichen Nachweis einer Entwicklung hart getroffen,
(aber es sind auch die einzigen Dogmen, von denen man das sagen kann)
und da sie die logische Grundlage des ganzen Systems bilden, so scheint
auf den ersten Blick der Nachweis ihrer Nichtigkeit notwendigerweise
den Untergang des ganzen auf ihnen errichteten Baues nach sich zu
ziehen. Aber es ist doch die Frage, ob sie für einen reinen Agnostiker
überhaupt als nichtig erwiesen sind, mit anderen Worten, ob meine
Grundsätze hier nicht ebenso wie anderwärts den Unglauben in die Flucht
schlagen können.
Was zuerst Adam und Eva betrifft, so ist schon lange vor Darwin
die Geschichte von den Menschen im Paradiese von einsichtsvollen
Theologen als allegorisch erkannt worden. Und sicherlich, wenn man
sie vorurteilsfrei liest, werden die ersten Kapitel der Genesis immer
als eine von einer Geschichte wohlunterschiedenen Dichtung angesehen
werden müssen. Man würde sie nie irrtümlicher Weise für Geschichte
gehalten haben, wenn man an sie nicht mit vorgefaßter Meinung im
Interesse der Inspiration herangetreten wäre. Doch für den reinen
Agnostiker darf es solche vorgefaßten Meinungen nicht geben, so daß
man heute eine Vermutung gegen ihre Inspiration nicht deshalb allein
aufstellen darf, weil sie nicht als Geschichte bewiesen worden ist --
und dies bleibt selbst dann bestehen, wenn wir nicht erkennen können,
wovon sie eine Allegorie sein soll. Denn wenn sie inspiriert ist, so
hat sie sicherlich in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und
kann dies auch noch heutzutage thun, indem sie einen allegorischen,
wenn auch nicht wörtlich zu nehmenden Ausgangspunkt für den göttlichen
Erlösungsplan bildet.
Vergleich der Beweisgründe für die natürliche und für die
geoffenbarte Religion.
Man hat oft gesagt, daß die Entwicklung der organischen Lebensformen
einen ebenso guten Beweis für eine Zwecksetzung liefert wie eine
Schöpfung im einzelnen, weil ja alle Thatsachen der Anpassung, in denen
der Beweis besteht, für beide Fälle dieselben sind. Man übersieht aber
dabei, daß auf diese Weise gerade das, was in Frage steht, für das
Ergebnis vorausgesetzt wird. Die Frage ist: Sind diese Thatsachen der
Anpassung an sich ein ausreichender Beweis dafür, daß ihre Ursache eine
Zwecksetzung war? Aber wenn mit Recht zugegeben werden muß, daß bei
der Annahme einer Entwicklung aus natürlichen Ursachen die Thatsachen
der Anpassung von derselben Art sind wie alle anderen Naturthatsachen,
so kann auf sie nicht mit mehr Berechtigung als auf irgend welchen
anderen Naturthatsachen ein Beweis für eine Zwecksetzung aufgebaut
werden. So sind also die Thatsachen der Anpassung gleich allen
anderen nur dann als Argument für eine Zwecksetzung zulässig, wenn
man annimmt, daß alle natürliche Kausalität geistigen Charakter hat
und diese Annahme setzt einfach die Bejahung der Frage nach der
Zwecksetzung voraus. Unter der Voraussetzung, daß sie aus natürlichen
Ursachen stammen, sind also die Thatsachen der Anpassung nur dann als
ein an sich guter Beweis für eine Zwecksetzung zu gebrauchen, wenn
bereits angenommen worden ist, daß sie, weil aus natürlichen Ursachen
entspringend, eine Zwecksetzung fordern.
Die natürliche Religion gleicht der geoffenbarten Religion im
Folgenden: Nehmen wir beide als göttlich an, so können beide, soweit
die Vernunft uns führen kann, den Nachweis eines Zweckes nur soweit
führen, daß sie für die Frage nach demselben ernstlich Aufmerksamkeit
erregen. Mit anderen Worten: in Bezug auf beide muß der Standpunkt der
reinen Vernunft der reine Agnostizismus sein, (man beachte, daß die
Unzulänglichkeit der Teleologie oder der Zwecksetzung in der Natur
als Beweis für den Theismus von allen intelligenteren Christen aller
Zeiten anerkannt worden ist, doch ist diese Anerkennung seit Darwin
allgemeiner geworden. In dieser Hinsicht möchte ich besonders auf
Pascal[94] und viele andere Schriftsteller hinweisen.) Hierin liegt
eine zweite auffallende Analogie zwischen Natur und Offenbarung,
angenommen, daß beide denselben Urheber haben -- d. h. gerade so wie
die entwicklungsgeschichtliche Methode bei beiden dieselbe ist.
Wenn die Annahme einer Zwecksetzung bei beiden [d. h. Natur und
Offenbarung. -- Der Übersetzer] berechtigt ist, so geht daraus hervor,
daß jene Annahme bei beiden in gleicher Weise nur durch das Organ
unmittelbarer Anschauung erwiesen werden kann, -- d. h. durch jene
andere Seite des menschlichen Fassungsvermögens, durch welche die
Vernunft ergänzt wird. Hier stellen wir wieder die Analogie fest. Und
wenn jemand auf diese seinen Verstand ergänzende Weise die höchste
Wahrheit erfassen kann (nehmen wir dies einmal an) so ist es seine
Pflicht, sein geistliches Augenlicht zu üben, indem er nach Gott
in der Natur wie in der Offenbarung sucht. Und dann wird er (immer
vorausgesetzt, daß es einen Gott giebt und daß er sich von denen,
die mit Fleiß nach ihm suchen, finden läßt) erkennen, daß sich seine
subjektiven Zeugnisse für Gott in der Natur und in der Offenbarung
gegenseitig stärken -- und so gewinnt er für seine Vernunft ein
weiteres Zeugnis. Die Teleologie der Offenbarung ergänzt die Teleologie
der Natur und so gewinnen sie für den geistlich gerichteten Menschen
logisch und gegenseitig immer mehr Gewißheit.
Paley's Schriften bilden eine ausgezeichnete Erläuterung für die
Übereinstimmung des teleologischen Arguments aus Natur und Offenbarung,
obgleich sie eine sehr unvollkommene Erläuterung des letzteren für
sich allein genommen sind; denn da Paley allein das Neue Testament und
auch dieses nur sehr teilweise behandelt -- so ignoriert er alles,
was Christo vorherging, und vieles von dem, was nach den Aposteln
geschah. Übrigens scheint Paley selbst die Ähnlichkeit des Arguments,
wie es in seiner »Natürlichen Theologie« bezw. in seinen »Beweisen
für das Christentum« entwickelt ist, nicht bemerkt zu haben. Aber
niemand hat im übrigen für beide Fälle den Beweis besser geführt als
er. Sein größter Fehler lag darin, daß er nicht bemerkte, daß dieses
teleologische Argument an sich in beiden Fällen nicht ausreicht, um zu
überzeugen, sondern nur um ernstlich Aufmerksamkeit zu erregen. Paley
stellt es überall so dar, als ob solch ein Appell an die Vernunft
allein schon genügte. Er sieht nicht, daß in diesem Fall kein Raum
für den Glauben übrig bliebe. Mit anderen Worten, er erkennt nicht
das geistliche Organ des Menschen und das Objekt, durch welches es
ergänzt wird: die Gnade in Gott. Insofern ist er kein Christ. Und mag
nun Theismus und Christentum wahr oder falsch sein, sicher ist, daß
das teleologische Argument allein nicht zur Überzeugung sondern zum
Agnostizismus führen muß.
Wenn es aprioristisch unwahrscheinlich ist, daß ein Mensch ein Wunder
ohne ein sittliches Objekt vollbracht haben sollte, so kann dies
leicht mit der Unwahrscheinlichkeit verwechselt werden, daß Gott es
mit einem entsprechenden sittlichen Objekt vollbracht hat. Die erstere
[Unwahrscheinlichkeit] ist unermeßlich groß, die letztere ist wie die
Unwahrscheinlichkeit der Theorie des Theismus gleich null.