2) Sie läßt Gott in keiner Zeit der Weltgeschichte unbezeugt.

3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu anhaltender

Forschung -- d. h. sie giebt einen moralischen Prüfstein und nicht bloß

einen aus intellektuellen Gründen stammenden Beweis für irgend ein (_ex

hypothesi_) unantastbar beglaubigtes, historisches Ereignis.

Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung sprechen, sind

in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit ernstlich zu

fesseln.

Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende gewesen ist,

so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, sondern

auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer und geistlicher

Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese Weise konnte sie stets den

fortschreitenden Lebensbedingungen der Menschheit angepaßt sein. Diese

Betrachtung zerstört alle die zahlreichen Einwände gegen die Heilige

Schrift in Bezug auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte

oder Gebote; es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig

gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die Gebote mit dem

modernen Fortschritt in Harmonie bringen, den Anforderungen der Welt zu

der in Frage stehenden Zeit ebenso gut angepaßt gewesen sein würden,

wie die uns wirklich vorliegenden Berichte oder Gebote.

* * * * *

Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist es sicher, daß die

von ihm überlieferte Offenbarung schon wenigstens seit dem Aufdämmern

der historischen Zeit vorher bestimmt worden ist; denn die objektiven

Beweise für das Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern

ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus [ein

Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von Anfang an erkennen

kann. Und gerade die Art und Weise, wie dieser Plan selbst offenbart

wird (angenommen, daß es ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise

von Zwecksetzung. Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in

Wundern, Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit.

Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch welche

den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit geliefert würde

und zwar eine Methode, die mit sittlicher und religiöser Erziehung

verbunden ist. Die Thatsache allein, daß sie mit der Profan-Geschichte

so eng verwachsen ist, macht die christliche Religion zu einer

ganz einzigartigen Erscheinung: die Welt ist während dieses ganzen

historischen Zeitraums gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche

die göttliche Offenbarung gemalt worden ist -- und zwar so allmählich,

daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, bis es

möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen.

Christliche Dogmen.

Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder nicht, das

würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum als die höchste Stufe

der religiösen Entwicklung anzusehen ist vom rein weltlichen [oder

naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt aus, nicht viel ausmachen.

Vom religiösen Standpunkt aus oder wenn es sich um das Verhältnis

Gottes zum Menschen handelt, würde es aber natürlich eine viel größere

Schwierigkeit bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben

Gedankengang an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden

Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem nichtamtlichen

zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder naturwissenschaftlichen

Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen können, eine Folge

von mechanischen Ursachen in der natürlichen Zuchtwahl oder von

etwas ähnlichem zu sein. Aber gerade wie bei dem Übergang von dem

nichtgeistlichen zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser

Übergang im letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein,

und so =muß= es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen sein.

Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen Standpunkt

aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war oder nicht; denn

jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, die nächste oder die

in Erscheinung getretene Ursache der beobachteten Resultate.

So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi schließlich

auf die wichtigste von allen Fragen hinaus -- nämlich auf die: ist die

mechanische Kausalität »die äußere und sichtbare Form einer inneren und

geistlichen Gnade« oder nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist

sie die letzte Ursache oder selbst abgeleitet?

Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun Christus wirklich

göttlicher Natur gewesen sein oder nicht -- insoweit der Glaube

an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache der moralischen

und religiösen Entwicklung, die sein Leben auf Erden hervorrief,

gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk von seinen Sünden befreit,

d. h. natürlich, er hat es von seinem eigenen Gefühl der Sünde

als einem auf ihm lastenden Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine

entsprechende Veränderung von objektivem Charakter auf ontologischem

Gebiet hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben

aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab.

Das Vernunftgemäße in den Lehren von der Menschwerdung

und der Dreieinigkeit.

Reine Agnostiker und solche, die in dem Christentum nach Gott suchen,

sollten sich mit der metaphysischen Theologie nicht befassen. Sie ist

ein Gebiet der Forschung, welches _ex hypothesi_ transcendental ist,

und das erst von solchen getrieben werden sollte, die das Christentum

bereits angenommen haben. Die Lehren von der Menschwerdung und von

der Dreieinigkeit schienen mir in den Tagen meines Agnostizismus die

absurdesten von allen zu sein. Aber als reiner Agnostiker sehe ich

jetzt in ihnen durchaus keine vernunftwidrige Schwierigkeit. Was die

Dreieinigkeit betrifft, so hängt die Mehrzahl der Personen notwendig

mit der nahe verwandten Lehre von der Menschwerdung zusammen. Es liegt

daher in beiden Lehren nur =eine= Schwierigkeit; denn da bei der Lehre

von der Menschwerdung eine Zweizahl von Personen vorausgesetzt wird,

so liegt für den reinen Agnostiker in der Lehre von der Mehrzahl der

Personen keine neue Schwierigkeit. Zu einer gewissen Zeit erschien es

mir unmöglich, daß irgend eine Behauptung, wenn man sie wörtlich so

verstände, absurder sein könnte als die [Lehre von der Menschwerdung].

Nun erkenne ich, daß mein damaliger Standpunkt durchaus unverständig

war und daß er allein aus der Blindheit der Vernunft selbst

hervorgegangen war, die ihrerseits wieder aus der Gewohnheit [rein]

naturwissenschaftlichen Denkens entsprang. »Aber sie widerspricht doch

dem gesunden Menschenverstand!« Ganz gewiß, ohne Zweifel; aber das muß

sie auch, wenn sie wahr sein soll. Gesunder Menschenverstand ist nichts

anderes als ein [grobes] Verzeichnis alltäglicher Erfahrung; aber die

Menschwerdung kann doch auf alle Fälle, wenn sie stattfand, was für

ein Bewandtnis es mit ihr auch gehabt haben mag, kein gewöhnliches

Ereignis gewesen sein. »Aber es thut Gott Abbruch, Mensch zu werden!«

Woher weißt Du das? Überdies war Christus kein gewöhnlicher Mensch;

dies beweist sowohl die negative Kritik als auch der historische

Erfolg seines Lebens, und wenn wir zur Beweisführung den christlichen

Standpunkt anerkennen, so ist das ganze Wesen der Menschheit in ihm

zusammengefaßt. Endlich giebt es noch Erwägungen indirekter Art,

welche eine Menschwerdung _a priori_ wahrscheinlich machen.[93]

Aus aprioristischen Gründen =muß= es Mysterien geben, welche für

die Vernunft unfaßbar sind, wie z. B. das Wesen Gottes u. s. w.,

vorausgesetzt, daß überhaupt eine Offenbarung stattfand. Daher ist

der Umstand, daß man im Christentum an solche Mysterien glaubt, kein

stichhaltiger Einwand gegen das Christentum. Warum soll man aber

andererseits _a priori_ über die Lehre von der Dreieinigkeit stolpern,

zumal der Mensch ja selbst ein dreieiniges Wesen ist, mit Körper,

Geist (d. h. Vernunft) und Seele (d. h. moralischen, ästhetischen und

religiösen Fähigkeiten). Die zweifellose Vereinigung dieser nicht

weniger zweifellos verschiedenen Seiten im Wesen des Menschen wird uns

unmittelbar als eine Thatsache der Erfahrung bekannt, aber sie ist für

irgend einen logischen Prozeß oder für irgend einen Vernunftschluß

ebenso unverständlich wie das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes.

Adam, der Sündenfall und der Ursprung der Sünde.

Diese christlichen Dogmen werden ohne Zweifel durch den

naturwissenschaftlichen Nachweis einer Entwicklung hart getroffen,

(aber es sind auch die einzigen Dogmen, von denen man das sagen kann)

und da sie die logische Grundlage des ganzen Systems bilden, so scheint

auf den ersten Blick der Nachweis ihrer Nichtigkeit notwendigerweise

den Untergang des ganzen auf ihnen errichteten Baues nach sich zu

ziehen. Aber es ist doch die Frage, ob sie für einen reinen Agnostiker

überhaupt als nichtig erwiesen sind, mit anderen Worten, ob meine

Grundsätze hier nicht ebenso wie anderwärts den Unglauben in die Flucht

schlagen können.

Was zuerst Adam und Eva betrifft, so ist schon lange vor Darwin

die Geschichte von den Menschen im Paradiese von einsichtsvollen

Theologen als allegorisch erkannt worden. Und sicherlich, wenn man

sie vorurteilsfrei liest, werden die ersten Kapitel der Genesis immer

als eine von einer Geschichte wohlunterschiedenen Dichtung angesehen

werden müssen. Man würde sie nie irrtümlicher Weise für Geschichte

gehalten haben, wenn man an sie nicht mit vorgefaßter Meinung im

Interesse der Inspiration herangetreten wäre. Doch für den reinen

Agnostiker darf es solche vorgefaßten Meinungen nicht geben, so daß

man heute eine Vermutung gegen ihre Inspiration nicht deshalb allein

aufstellen darf, weil sie nicht als Geschichte bewiesen worden ist --

und dies bleibt selbst dann bestehen, wenn wir nicht erkennen können,

wovon sie eine Allegorie sein soll. Denn wenn sie inspiriert ist, so

hat sie sicherlich in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und

kann dies auch noch heutzutage thun, indem sie einen allegorischen,

wenn auch nicht wörtlich zu nehmenden Ausgangspunkt für den göttlichen

Erlösungsplan bildet.

Vergleich der Beweisgründe für die natürliche und für die

geoffenbarte Religion.

Man hat oft gesagt, daß die Entwicklung der organischen Lebensformen

einen ebenso guten Beweis für eine Zwecksetzung liefert wie eine

Schöpfung im einzelnen, weil ja alle Thatsachen der Anpassung, in denen

der Beweis besteht, für beide Fälle dieselben sind. Man übersieht aber

dabei, daß auf diese Weise gerade das, was in Frage steht, für das

Ergebnis vorausgesetzt wird. Die Frage ist: Sind diese Thatsachen der

Anpassung an sich ein ausreichender Beweis dafür, daß ihre Ursache eine

Zwecksetzung war? Aber wenn mit Recht zugegeben werden muß, daß bei

der Annahme einer Entwicklung aus natürlichen Ursachen die Thatsachen

der Anpassung von derselben Art sind wie alle anderen Naturthatsachen,

so kann auf sie nicht mit mehr Berechtigung als auf irgend welchen

anderen Naturthatsachen ein Beweis für eine Zwecksetzung aufgebaut

werden. So sind also die Thatsachen der Anpassung gleich allen

anderen nur dann als Argument für eine Zwecksetzung zulässig, wenn

man annimmt, daß alle natürliche Kausalität geistigen Charakter hat

und diese Annahme setzt einfach die Bejahung der Frage nach der

Zwecksetzung voraus. Unter der Voraussetzung, daß sie aus natürlichen

Ursachen stammen, sind also die Thatsachen der Anpassung nur dann als

ein an sich guter Beweis für eine Zwecksetzung zu gebrauchen, wenn

bereits angenommen worden ist, daß sie, weil aus natürlichen Ursachen

entspringend, eine Zwecksetzung fordern.

Die natürliche Religion gleicht der geoffenbarten Religion im

Folgenden: Nehmen wir beide als göttlich an, so können beide, soweit

die Vernunft uns führen kann, den Nachweis eines Zweckes nur soweit

führen, daß sie für die Frage nach demselben ernstlich Aufmerksamkeit

erregen. Mit anderen Worten: in Bezug auf beide muß der Standpunkt der

reinen Vernunft der reine Agnostizismus sein, (man beachte, daß die

Unzulänglichkeit der Teleologie oder der Zwecksetzung in der Natur

als Beweis für den Theismus von allen intelligenteren Christen aller

Zeiten anerkannt worden ist, doch ist diese Anerkennung seit Darwin

allgemeiner geworden. In dieser Hinsicht möchte ich besonders auf

Pascal[94] und viele andere Schriftsteller hinweisen.) Hierin liegt

eine zweite auffallende Analogie zwischen Natur und Offenbarung,

angenommen, daß beide denselben Urheber haben -- d. h. gerade so wie

die entwicklungsgeschichtliche Methode bei beiden dieselbe ist.

Wenn die Annahme einer Zwecksetzung bei beiden [d. h. Natur und

Offenbarung. -- Der Übersetzer] berechtigt ist, so geht daraus hervor,

daß jene Annahme bei beiden in gleicher Weise nur durch das Organ

unmittelbarer Anschauung erwiesen werden kann, -- d. h. durch jene

andere Seite des menschlichen Fassungsvermögens, durch welche die

Vernunft ergänzt wird. Hier stellen wir wieder die Analogie fest. Und

wenn jemand auf diese seinen Verstand ergänzende Weise die höchste

Wahrheit erfassen kann (nehmen wir dies einmal an) so ist es seine

Pflicht, sein geistliches Augenlicht zu üben, indem er nach Gott

in der Natur wie in der Offenbarung sucht. Und dann wird er (immer

vorausgesetzt, daß es einen Gott giebt und daß er sich von denen,

die mit Fleiß nach ihm suchen, finden läßt) erkennen, daß sich seine

subjektiven Zeugnisse für Gott in der Natur und in der Offenbarung

gegenseitig stärken -- und so gewinnt er für seine Vernunft ein

weiteres Zeugnis. Die Teleologie der Offenbarung ergänzt die Teleologie

der Natur und so gewinnen sie für den geistlich gerichteten Menschen

logisch und gegenseitig immer mehr Gewißheit.

Paley's Schriften bilden eine ausgezeichnete Erläuterung für die

Übereinstimmung des teleologischen Arguments aus Natur und Offenbarung,

obgleich sie eine sehr unvollkommene Erläuterung des letzteren für

sich allein genommen sind; denn da Paley allein das Neue Testament und

auch dieses nur sehr teilweise behandelt -- so ignoriert er alles,

was Christo vorherging, und vieles von dem, was nach den Aposteln

geschah. Übrigens scheint Paley selbst die Ähnlichkeit des Arguments,

wie es in seiner »Natürlichen Theologie« bezw. in seinen »Beweisen

für das Christentum« entwickelt ist, nicht bemerkt zu haben. Aber

niemand hat im übrigen für beide Fälle den Beweis besser geführt als

er. Sein größter Fehler lag darin, daß er nicht bemerkte, daß dieses

teleologische Argument an sich in beiden Fällen nicht ausreicht, um zu

überzeugen, sondern nur um ernstlich Aufmerksamkeit zu erregen. Paley

stellt es überall so dar, als ob solch ein Appell an die Vernunft

allein schon genügte. Er sieht nicht, daß in diesem Fall kein Raum

für den Glauben übrig bliebe. Mit anderen Worten, er erkennt nicht

das geistliche Organ des Menschen und das Objekt, durch welches es

ergänzt wird: die Gnade in Gott. Insofern ist er kein Christ. Und mag

nun Theismus und Christentum wahr oder falsch sein, sicher ist, daß

das teleologische Argument allein nicht zur Überzeugung sondern zum

Agnostizismus führen muß.

Wenn es aprioristisch unwahrscheinlich ist, daß ein Mensch ein Wunder

ohne ein sittliches Objekt vollbracht haben sollte, so kann dies

leicht mit der Unwahrscheinlichkeit verwechselt werden, daß Gott es

mit einem entsprechenden sittlichen Objekt vollbracht hat. Die erstere

[Unwahrscheinlichkeit] ist unermeßlich groß, die letztere ist wie die

Unwahrscheinlichkeit der Theorie des Theismus gleich null.

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 15 / 21 题