C. G.

Motto für diese Notizen:

»Es ist aber durchaus nichts geringes, obwohl schwer zu glauben, das

durch die astronomischen Studien in jedem Menschen ein geistiges

Organ (Auge) gereinigt und wiederbelebt wird, wenn es in den anderen

Beschäftigungen verkümmert und blind wird, obgleich es doch mehr wert

ist erhalten zu werden als tausend körperliche Augen; denn durch

dieses allein sieht man die Wahrheit. Wer nun Deine Ansicht teilt,

der wird Deinen Worten den größten Beifall schenken; wer aber hiervon

noch nichts empfunden hat, der wird natürlich annehmen, daß Du Unsinn

redest, denn einen anderen Nutzen, welcher der Rede wert wäre, sieht

er nicht ein. Darum überlege es Dir gleich, an wen von beiden Du

Deine Worte richtest, -- ob Du nicht lieber weder mit dem einen noch

mit dem anderen redest, sondern die Untersuchung hauptsächlich um

Deiner selbst willen führst, ohne daß Du es einem anderen mißgönnst,

wenn er davon Vorteil hat.«

=Plato=.

»Wenn wir mit Erfolg tadeln und einem anderen seinen Irrtum zeigen

wollen, so müssen wir wissen, von welcher Seite er die Sache ansieht;

denn auf dieser Seite ist sie gewöhnlich richtig; und indem Du dies

zugiebst, zeige ihm die Seite, auf der sie falsch ist.«

=Pascal=.

Bemerkung des Übersetzers.

Durch die Güte des Herrn Direktor Dr. Kühne in Doberan erfahre ich, daß

die von Romanes zitierte Stelle aus Plato sich »Politeia,« Buch VII,

Cap. 10 im Anfang findet. Plato läßt dort Sokrates von der Astronomie

und ihrem Nutzen für den Menschen reden. Ein Zuhörer meinte dabei,

die Astronomie habe für Ackerbau, Schifffahrt und Kriegskunst Wert,

weil man durch sie die Gesetze der Zeiten kennen lerne. Sokrates lacht

darüber und sagt: »Du bist ein drolliger Kerl; Du fürchtest Dich wohl

vor dem Pöbel und willst nicht etwas empfehlen, was keinen praktischen

Nutzen hat?« -- Dann folgen die obigen als Motto gewählten Worte, die

ich des besseren Verständnisses halber in fast wörtlicher Übersetzung

aus dem griechischen Original gebe. --

§ 1. Einleitung.

Vor vielen Jahren veröffentlichte ich in Trübners »Philosophischen

Abhandlungen« einen kurzen Aufsatz betitelt: »Unbefangene Prüfung des

Theismus« von Physikus. Obgleich das Buch damals einiges Aufsehen

erregte, und seitdem eine Lebensfähigkeit gezeigt hat, welche der

Verfasser nie erwartet hätte, so ist das Geheimnis der Autorschaft

dennoch gewahrt geblieben.[40] Das Geheimnis möchte ich, wenn möglich,

auch ferner bewahren; aber da es, wie ich im Folgenden zeigen werde,

in mancher Hinsicht wünschenswert ist, darzulegen, daß beide Bücher

denselben Verfasser haben, so erscheint die gegenwärtige Schrift unter

demselben Pseudonym wie die vorhergehende.[41]

Der Grund, warum die erste Abhandlung anonym erschien, ist in der

Vorrede zu derselben offen dargelegt worden, nämlich: damit das

Räsonnement des Buches nach seinem eignen Werte beurteilt werden

möchte, unter Vermeidung des Vorurteils, das von Seiten des Lesers so

leicht entsteht, wenn er weiß, ob der Verfasser eine Autorität ist oder

nicht. Dieser Grund besteht nach meiner Meinung noch immer in Bezug auf

jene Schrift, er läßt sich aber auch gleicherweise auf die vorliegende

Fortsetzung »eine unbefangene Prüfung der Religion« anwenden.

Es wird sich zeigen, daß die negativen Schlüsse der früheren Abhandlung

in vielen Beziehungen durch die Resultate reiferen Nachdenkens, wie

sie in der vorliegenden dargeboten werden, stark modifiziert worden

sind. Es erscheint daher wünschenswert, gleich von Anfang an, so weit

ich es zu beurteilen im Stande bin, zu erwähnen, daß die fraglichen

Modifikationen in keiner Weise irgend einem Einfluß von außen her

zuzuschreiben sind. Sie sind vielmehr fast ausschließlich auf die

Ergebnisse meines eignen, eingehenderen Nachdenkens zurückzuführen, wie

ich es in Kürze auf den folgenden Seiten auseinandersetzen werde; dabei

verdanke ich den persönlichen Anregungen von Freunden gar nichts und

der Lektüre von Büchern nur wenig.

Indessen werden hier eigentlich keine neuen Gedanken dargeboten; ja,

ich meine, daß es heutigen Tages unmöglich sein würde, irgend einen

Gedanken in Bezug auf Religion auszusprechen, welcher nicht schon

zu irgend einer Zeit geäußert worden wäre. Doch kann man immer noch

viel thun, um seine Gedanken weiter zu fördern, indem man eine Sache

von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet, und schon mehr oder

weniger vertraute Ideen auswählt oder ordnet, so daß sie zu neuen

Gedankenkombinationen ausgebaut werden können, und dies, glaube ich,

in Bezug auf den Mikrokosmos meines eigenen Geistes in nicht geringem

Maße gethan zu haben. Aber ich bemerke dies nur, um sogleich ein

Bekenntnis hinzuzufügen: daß es mir nämlich, so weit Selbstprüfung den

Menschen führen kann, so vorkommt, als ob die Modifikationen, welche

meine Ansichten seit der Veröffentlichung meiner ersten »unbefangenen

Prüfung« erlitten haben, ebenso sehr rein logischen Denkprozessen als

auch den halb-bewußten (und daher mehr oder weniger undefinierbaren)

Einflüssen der reiferen Lebenserfahrung zuzuschreiben seien; wie

weit dies so ist, [d. h. wie weit die Erfahrung das logische Denken

beeinflußt][42] das ist selten, wenn überhaupt je, klar dargelegt,

obgleich es sich täglich in der nüchterneren Vorsicht offenbart, mit

welcher das nahende Alter den Geist beeinflußt: nicht so sehr durch

das offene Spiel von Vernunftschlüssen als vielmehr durch heimliche

Täuschung des Bewußtseins bereichern die wachsenden Erfahrungen des

Lebens und des Nachdenkens allmählich das Urteil.

Und das, man braucht es kaum zu sagen, bewahrheitet sich besonders auf

solchen Gebieten, welche das zarteste Medium für den Fortschritt des

Denkens vermittels der verhältnismäßig plumpen Mittel syllogistischer

Fortbewegung sind. Denn je höher wir von den festen Grundlagen der

Bestätigung der Thatsachen emporsteigen, desto weniger sollten wir

den Schwingen unserer Spekulation trauen, desto mehr aber werden wir

uns auch jene praktische Weisheit intellektueller Vorsicht oder des

Mißtrauens gegen bloße Verstandesspekulationen erwerben, und das kann

nur durch Erfahrung geschehen.

Am meisten ist dies daher auf solchen Gebieten des Denkens der Fall,

welche unserem sinnlichen Leben am fernsten liegen, nämlich in der

Metaphysik und Religion. Und thatsächlich sehen wir grade auf diesen

Gebieten des Denkens, daß die Unbesonnenheit der Jugend sich am

leichtesten durch die Erfahrung des Alters lenken und leiten läßt.

Indessen trotz dieses Bekenntnisses zweifle ich nicht, daß mich auch

in Bezug auf die reine und bewußte Vernunft weiteres Nachdenken

befähigte, ernste Irrtümer oder wenigstens Versehen gerade in den

Grundlagen meiner »unbefangenen Prüfung des Theismus« zu entdecken. Ich

glaube jedoch noch heute, daß die Schlüsse aus den dort aufgezeichneten

Prämissen in völlig logischer Konsequenz folgen, so daß ich vermutlich,

so weit es sich blos um Vernunftschlüsse handelt, wohl niemals irgend

einen ernsten Irrtum entdecken werde; übrigens ist ein solcher

auch während der vielen Jahre seit der Herausgabe des Buches von

niemandem sonst gefunden worden. Jetzt freilich sind mir zwei geradezu

verhängnisvolle Versehen, die ich mir damals zu Schulden kommen ließ,

ganz klar. Das erste war, daß ich auf dem Gebiet so hoher Abstraktionen

ein ganz ungehöriges Vertrauen auf bloße Vernunftschlüsse, mochten sie

auch aus gesunden Prämissen abgeleitet worden sein, setzte. Der andere

Fehler war der, daß ich nicht sorgfältig genug die Grundlagen meiner

Kritik, d. h. die Gültigkeit jener Prämissen, prüfte. Ich will hier

kurz diese beiden Punkte getrennt betrachten.

In Bezug auf den ersten Punkt gab es wohl niemals einen Menschen, der

in seinen Forderungen an die reine Vernunft anspruchsvoller war als

ich, -- anspruchsvoller dem Geist, doch nicht dem Buchstaben nach,

und das mochte wohl daher kommen, daß ich in steter Berührung mit der

Naturwissenschaft stand.

Dabei aber erwog ich niemals, in wie großem Widerspruch zur Vernunft

eine von mir nicht ausgesprochene Voraussetzung bei meiner früheren

Beweisführung in Bezug auf Gott selbst stand, die Voraussetzung

nämlich, daß Gottes Dasein bloß ein Problem der Naturwissenschaft sei,

welches allein durch menschliche Vernunft, ohne Bezugnahme auf des

Menschen andere und höhere Fähigkeiten gelöst werden könnte.[43]

Der zweite Punkt ist von noch größerer Wichtigkeit, weil er, wenn

überhaupt, so doch selten als solcher erkannt wird.

Zu der Zeit, als ich die »unbefangene Prüfung« schrieb, wurde es

mir klar, daß die ganze Frage des Theismus seitens der Vernunft auf

die Frage nach dem Wesen der natürlichen Kausalität hinausläuft.

Meine Theorie der natürlichen Kausalität gehorchte dem Gesetz der

Sparsamkeit,[44] indem sie Alles in das Sein als solches auflöste,

aber andererseits irrte sie, indem sie nicht in Erwägung zog, ob nicht

etwa höhere Ursachen notwendig sind, um geistliche (»_spiritual_«)

Dinge zu erklären, d. h. ob das Urwesen nicht doch wenigstens ebenso

hoch stehen müßte wie die Vernunft und der Geist des Menschen, d. h.

höher als irgend etwas, was blos physikalisch oder mechanisch ist.

Die Voraussetzung, daß es so sein muß, verletzt nicht das Gesetz der

Sparsamkeit.

Reine Agnostiker sollten das religiöse Bewußtsein der Christen als eine

Erscheinung erforschen, die möglicherweise, wie die Christen es ja auch

selbst glauben, göttlichen Ursprungs ist. Und das kann geschehen, ohne

daß man dabei irgendwie auf die Frage nach der objektiven Gültigkeit

der christlichen Dogmen eingeht. Die christliche Metaphysik könnte in

der That falsch sein, und doch kann der Geist des Christentums seinem

innersten Wesen nach, wahr sein, d. h. er kann das höchste und beste

Geschenk von oben sein, das dem Menschen je gegeben worden ist.

Mein gegenwärtiger Zweck ist also wie Sokrates nicht irgend ein

philosophisches System oder sogar ein positives Wissen mitzuteilen,

sondern einen Zustand des Geistes (_mind_) zu schildern, welchen ich

=reinen Agnostizismus= nennen möchte, um ihn von dem zu unterscheiden

was man gewöhnlich Agnostizismus nennt.

Erklärung der Ausdrücke und des Zwecks

dieser Abhandlung.

[Um Romanes zu verstehen, muß man den folgenden Paragraphen volle

Aufmerksamkeit zuwenden, vor allem auch dem Umstand, den er nicht

besonders erwähnt, daß er das Wort »Vernunft« (»_reason_«) (S. p. 94)

in fast demselben Sinn gebraucht wie Kidd kürzlich in seiner »sozialen

Entwicklung«: nämlich in eingeschränkterem Sinn als gleichbedeutend

mit dem »Prozeß naturwissenschaftlicher Schlußfolgerung.« Seine

Meinung läßt sich daher kurz so aussprechen: Naturwissenschaftliche

Schlußfolgerungen können keine befriedigenden Gründe für den Glauben

an Gott finden. Aber der reine Agnostiker muß bekennen, daß sich Gott

durch andere Mittel als durch naturwissenschaftliche Schlußfolgerungen

offenbart haben kann. Da die Religion für den ganzen Menschen bestimmt

ist, so können vielleicht alle menschlichen Fähigkeiten erforderlich

sein, um Gott zu suchen und zu finden, d. h. Gemütsbewegungen und

Erfahrungen von besonderer Art, die jenseits der Vernunft liegen. Der

»reine Agnostiker« muß bereit sein, Beweise jeder Art entgegen zu

nehmen. -- Der Herausgeber.]

Es ist wünschenswert, daß man sich über den Sinn, in dem ich gewisse

Ausdrücke und Redewendungen durchweg gebrauche, völlig klar werde.

Theismus.

Ich werde oft sagen »nach der Theorie des Theismus«, »vorausgesetzt,

daß der Theismus wahr ist« u. s. w.

Mit solchen Wendungen meine ich immer Folgendes: »Zum Zweck der

Beweisführung vorausgesetzt, daß der menschliche Geist dem wahren

Begriff des höchsten Wesens dann am nächsten kommt, wenn er sich

ein unbegreiflich verschönertes Bild vom Menschen selbst auf seiner

höchsten Stufe macht.«

Christentum.

Ähnlich ist es mit dem Ausdruck: »vorausgesetzt, daß das Christentum

wahr ist«; ich meine damit: »zum Zweck der Beweisführung vorausgesetzt,

daß das christliche System als Ganzes von dem ersten Aufdämmern im

Judentum bis zu seiner Entwicklung in der Jetztzeit die höchste

Offenbarung ist, die eine persönliche Gottheit der Menschheit von

sich selbst gewährt hat«. Ich will damit die Stellung des reinen

Agnostizismus gegenüber besonderen christlichen Dogmen, auch z. B.

gegenüber der Fleischwerdung, kennzeichnen.

Sollte man einwenden, daß ich das Christentum überhaupt nicht

genügend untersuche, wenn ich irgend ein bestimmtes christliches

Dogma unentschieden lasse, so antworte ich: Nein, durchaus nicht! Ich

schreibe keine theologische, sondern eine philosophische Abhandlung

und werde das Christentum nur als eine der vielen Religionen, wenn

auch natürlich als die letzte und höchste, untersuchen. Von dem

Gesichtspunkt aus ist das Christentum der höchste Ausdruck der

Entwicklung auf diesem Gebiete des menschlichen Geistes; aber mich geht

hier selbst das so wichtige kirchliche Dogma von der Fleischwerdung

Gottes in Christo nichts an. Für den Zweck dieser Abhandlung mag dieses

Dogma wahr sein oder nicht. Die wichtigste Frage für uns ist vielmehr

die: Hat Gott durch die Vermittlung unserer religiösen Instinkte

gesprochen? Dies wird notwendiger Weise die Frage einschließen, ob oder

wie weit es in Bezug auf das Christentum einen objektiven Beweis dafür

giebt, daß Gott im alten Testament durch den Mund heiliger Männer, wie

es solche seit dem Bestehen der Welt gab, gesprochen habe.

Diese Frage wird uns aber nur deshalb beschäftigen, weil es eine

Frage des objektiven Beweises dafür ist, ob und wie weit die

religiösen Instinkte jener Männer oder jenes Menschengeschlechts so

hoch über denen anderer Menschen oder Geschlechter standen, daß sie

dadurch befähigt waren, zukünftige Ereignisse religiösen Charakters

zu prophezeien. Und ob in diesen letzten Tagen Gott durch seinen

eingebornen Sohn geredet hat oder nicht, -- das ist kein Gegenstand für

unsre Untersuchung, das ist nur insoweit eine Frage für uns als wir die

höhere Art religiöser Wunder, welche sich unstreitig an die Geburt und

Person Jesu knüpften, untersuchen müssen. Die Frage, ob Jesus Gottes

Sohn war, ist logisch gesprochen nur eine Frage der Ontologie, welche

wir als reine Agnostiker nicht berühren dürfen.

Anderwärts aber müßte ich zeigen, daß es von meinem Standpunkt aus,

gegenüber der grundlegenden Frage, ob Gott überhaupt durch die

religiösen Instinkte der Menschen gesprochen hat, sehr wohl sein mag,

daß Christus nicht Gott war und dabei doch die höchste Offenbarung

von Gott gegeben hat. Wenn der »erste Adam« allegorisch war, warum

nicht auch »der zweite?« Es ist sicherlich eine historische Thatsache,

daß der »zweite Adam« existiert hat, warum nicht auch der erste? Und

was die Äußerungen Christi über seine eigene Person betrifft, so ist

das Alles nicht unvereinbar mit der Annahme, daß er Gabriel und Sein

h. Geist Michael[45] gewesen wäre; oder er kann ein Mensch gewesen

sein, der sich in Bezug auf seine eigene Persönlichkeit getäuscht

hatte, aber doch der Träger der höchsten Inspiration gewesen ist.

Religion.

Unter Religion verstehe ich im Nachfolgenden jeden Glauben an ein

persönliches Wirken im Weltall, welcher stark genug ist, um das Leben

zu beeinflussen. Kein Begriff ist in den letzten Jahren schwankender

und in so verschiedenem Sinn gebraucht worden als dieser. Natürlich

kann jeder einen Begriff in einem Sinn gebrauchen, wie es ihm beliebt;

aber er sollte dann wenigstens genau erklären, welchen Sinn er in ihn

hineinlegt. Die oben gegebene Definition scheint mir am meisten mit dem

hergebrachten Gebrauch übereinzustimmen.

Reiner und falscher »Agnostizismus«.

Der moderne und sehr zutreffende Ausdruck »Agnostizismus« wird in

zwei sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Der erste, der diese

Bezeichnung benutzte, Professor Huxley, verstand darunter den Zustand

vernunftmäßig begründeter Unwissenheit über Alles, was jenseits der

Sphäre der sinnlichen Wahrnehmung liegt, -- das offene Bekenntnis der

Unfähigkeit, einen festen Glauben auf irgend eine andere Basis als

sinnliche Wahrnehmung zu gründen.

In diesem ursprünglichen Sinne -- der nach meiner Meinung auch der

einzige philosophisch berechtigte ist -- verstehe auch ich dieses

Wort. Aber in dem andern und vielleicht auch populäreren Sinn, in

welchem das Wort jetzt angewendet wird, ist es ungefähr dasselbe,

was Herbert Spencer als Lehre vom Unerkennbaren bezeichnet. Die

letztere Bezeichnung ist philosophisch falsch, da sie eine wichtige,

negative Erkenntnis einschließt, nämlich die, daß wir, wenn es einen

Gott gäbe, dies eine sicher von ihm wissen, -- daß er sich =nicht=

den Menschen =offenbaren kann=.[46] Reiner Agnostizismus ist das,

was Huxley Agnostizismus nennt. Von den vielen Gelehrten, die ich

gekannt habe, war Darwin wohl der reinste Agnostiker -- nicht nur

seinem Bekenntnis nach, sondern auch in Geist und Leben. Was er in

seiner Selbstbiographie[47] über das Christentum sagt, zeigt keine

Gedankentiefe in Bezug auf Philosophie und Religion. Sein Geist war

dafür zu einseitig induktiv angelegt. Aber gerade deswegen ist es um so

bemerkenswerter, daß seine Verwerfung des Christentums nicht aus einem

_a priori_ gewonnenen Vorurteil gegen den Glauben, etwa weil derselbe

der Vernunft widerspräche, sondern lediglich aus einem ersichtlichen

moralischen Bedenken a posteriori entsprungen ist. Faraday und andere

hervorragende Gelehrte standen so wie Darwin.[48]

Als ein Beispiel des falschen Agnostizismus sei daran erinnert, wie

Hume seinen _a priori_-Beweis gegen das Wunder führt, dies erinnert uns

an die ähnliche Stellung von Naturforschern dem modernen Spiritismus

gegenüber. Ungeachtet sie die naheliegende Analogie des Mesmerismus als

ein warnendes Beispiel vor Augen haben, so giebt es doch Gelehrte, die

hier ebenso dogmatisch sind wie die strengste Richtung von Theologen.

Ich kann, ohne zu beleidigen, Beispiele anführen, umsomehr, da die

betreffenden Männer es selbst öffentlich behandelten; z. B. wenn N. N.

sich weigerte [zu einem berühmten Spiritisten] zu gehen, und N. N.

einen Versuch im Gedankenlesen zu machen ablehnte.[49] Diese Männer

bekannten alle, daß sie Agnostiker seien und setzten sich doch zu

gleicher Zeit durch ihr Betragen so schroff im Widerspruch zu ihrer

Philosophie.

Ich will damit natürlich nicht sagen, daß nicht selbst bei einem reinen

Agnostiker die Vernunft durch Vorurteile beeinflußt werden könnte: im

praktischen Leben gilt, z. B. vor Gericht, das _prima facie_-Motiv[50]

u. s. w. als Beweis, und wenn von vornherein ein sehr hoher Grad von

Unwahrscheinlichkeit (dafür nämlich, daß Jemand irgend etwas gethan

haben sollte -- der Übersetzer) vorliegt, so ist ein verhältnismäßig

gewichtiges Beweismaterial, das sich auf erfahrungsmäßige Thatsachen

gründet, nötig, um den Beweis überhaupt vollgültig zu machen: so wäre

z. B. ein stärkerer Beweisgrund nötig, um den Erzbischof von Canterbury

des Taschendiebstahls zu überführen als einen Vagabunden. Und so ist

es auch mit der spekulativen Philosophie. Aber in beiden Fällen kennen

wir als unseren einzigen Führer nur die Analogie. Je weiter wir uns

daher von der Erfahrung entfernen, -- d. h. je weiter entfernt das

betreffende Gebiet von der möglichen Erfahrung liegt, desto weniger

Wert haben vorgefaßte Mutmaßungen.[51]

Am weitesten entfernt von jeder möglichen Erfahrung liegt das Gebiet

des letzten Geheimnisses der Dinge, mit welchem es die Religion zu

thun hat, hier schwindet jede Mutmaßung und der einzige vernünftige

Standpunkt ist der reine Agnostizismus. Mit andern Worten: hier

sollten wir, so weit die Vernunft mit in Betracht kommt, alle in

gleicher Weise reine Agnostiker sein, und wenn irgend einer von uns

hierin zur Gewißheit gelangen sollte, so kann dies nur durch eine neu

hinzugekommene Fähigkeit unseres Geistes geschehen.

Die Fragen, mit denen sich nun diese Abhandlung hauptsächlich

beschäftigen soll, sind: ob es solche neue Fähigkeiten giebt, und wenn

dies der Fall ist, ob dann von außen her je auf sie eingewirkt worden

ist; des weiteren, in welcher Weise dies dann geschah; dann ferner,

was solche besondere Fähigkeiten berichten, in wie weit diese Berichte

glaubwürdig sind u. s. w.

Mein eigener Standpunkt nun mag hier zunächst festgestellt werden:

Ich selbst beanspruche für mich nicht irgend eine religiöse intuitive

Gewißheit, bin aber demungeachtet im Stande, die abstrakte Logik der

Sache zu erforschen. Und wenn das auch unfruchtbare Dialektik zu sein

scheint, so wird es doch, hoffe ich, von praktischem Nutzen sein, wenn

es den Berichten unparteiisch Gehör verschafft, von welchen der größte

Teil der Menschheit ohne Frage glaubt, daß sie von solchen zu den

gewöhnlichen neu hinzugekommenen Fähigkeiten herrühren, wie zahlreich

und verschieden auch ihre Religionen sein mögen. Ich habe in meiner

Jugend eine Abhandlung veröffentlicht (»Die unbefangenen Prüfung«

u. s. w.), welche damals viel Interesse erregte und lange vergriffen

gewesen ist. Seitdem habe ich eingesehen, daß ich bezüglich dessen, was

ich als das Hauptargument für meine negativen Schlüsse hinstellt, im

Irrtum war. Ich fühle mich daher jetzt verpflichtet, die nachfolgenden

Resultate meines reiferen Nachdenkens, von demselben Standpunkt der

reinen Vernunft aus zu veröffentlichen. Wenn ich hier auch weiter kein

Licht von Seiten der Anschauung (Intuition) bekommen habe, so doch

von Seiten des Verstandes. Wenn es wirklich eine solche Anschauung

giebt, so nehme ich in Bezug auf ihr Organ dieselbe Stellung ein wie

ein Blinder zur Lehre vom Licht. Aber eben deshalb kann ich nicht der

Parteilichkeit beschuldigt werden.

Folgendes wird wohl allgemein als richtig angenommen: wenn jemand klar

erkannt hat, daß der Agnostizismus der einzig richtige Standpunkt der

Vernunft gegenüber der Religion sei (wie ich es im Folgenden zeigen

will), so habe er mit der Sache abgeschlossen und könne nicht weiter

gehen. Der Hauptzweck dieser Abhandlung ist nun, zu zeigen, daß dies

keineswegs der Fall ist; wer so denkt, der hat seine Untersuchung

über die Gründe und die Rechtfertigung des religiösen Glaubens erst

angefangen; denn die Vernunft ist weder die einzige Eigenschaft,

noch die einzige Fähigkeit, welche der Mensch für gewöhnlich zur

Feststellung der Wahrheit benutzt. Moralische und geistliche

(_spiritual_)[52] Fähigkeiten sind in ihren besonderen Gebieten, auch

im täglichen Leben, von nicht geringerer Bedeutung. Glaube, Vertrauen,

Geschmack u. s. w. sind bei Beurteilung von Charakter, Schönheit

u. s. w., wenn es gilt, die Wahrheit festzustellen, ebenso wichtig wie

die Vernunft. Wir können wohl sagen, daß die Vernunft zur Erforschung

der Wahrheit =nur= da verwendbar ist, wo es sich um Kausalität handelt.

Die geeigneten Organe für die Erkenntnis der Wahrheit, sofern es sich

um irgend etwas anderes als Kausalität handelt, gehören dem sittlichen

und geistlichen Gebiet an.

* * * * *

Herbert Spencer sagt: »Die Naturforscher können in zwei Klassen

geteilt werden; die einen -- und von ihnen ist Faraday ein gutes

Beispiel -- halten ihre Religion und ihre Wissenschaft durchaus von

einander getrennt und lassen sich durch keine Widersprüche zwischen

beiden beirren;[53] die anderen, die sich nur mit den Thatsachen der

Wissenschaft beschäftigen, fragen niemals darnach, welche Verwicklungen

die letzteren etwa (für den Glauben) zur Folge haben könnten. Sei es

ein Trilobit oder ein Doppelstern, -- ihre Gedanken darüber gleichen

denen des Peter Bell über die Schlüsselblume«.[54]

Beide Klassen von Männern nun verfahren folgerichtig und logisch,

da sie beide in Bezug auf ihre Religion den Standpunkt des reinen

Agnostizismus einnehmen, und zwar nicht allein in der Theorie sondern

auch in der Praxis. Was sollen wir aber von der dritten Klasse

sagen, die Spencer unerwähnt läßt, obgleich sie, wie ich glaube, die

größte ist, nämlich die jener Naturforscher, die ausdrücklich keine

Trennungslinie zwischen Religion und Wissenschaft ziehen wollen [und

dann über Religion lediglich nach den Grundsätzen und der Methode der

Naturwissenschaft aburteilen?].

* * * * *

Es giebt zwei entgegengesetzte Geistesrichtungen, die mechanische

(naturwissenschaftliche) und die geistliche (künstlerische, religiöse

u. s. w.) Sie können selbst bei demselben Individuum wechseln. Ein

Agnostiker im gewöhnlichen Sinn zweifelt keinen Augenblick daran, --

selbst wenn er die letztere Geistesrichtung an sich einschneidend

erfährt -- daß nur die erstere des Vertrauens wert ist. Aber ein

reiner Agnostiker in meinem Sinn muß es besser wissen, da er einsehen

wird, daß in Bezug auf größere Zuverlässigkeit zwischen jenen beiden

Geistesrichtungen von einer Wahl gar keine Rede sein kann. In der

That, wenn dann einmal gewählt werden soll, so möchte der Mystiker

wegen seiner unmittelbaren Anschauung (_intuition_) mehr Recht auf

Glaubwürdigkeit haben.

* * * * *

Herbert Spencer hat in der Einleitung zu seiner »Synthetischen

Philosophie« sehr richtig gesagt, daß dort, wo die Menschen in ihrem

Denken so durchaus geteilter Meinung sind, [die Wahrheit auf =beiden=

Seiten liegen muß und daß man den] Ausgleich solcher entgegengesetzter

Ansichten dann finden wird, wenn man jenes Grundelement der Wahrheit

hervorhebt, welches auf beiden Seiten so mannigfach verschiedenen

Deutungen unterliegt. Von dem Gesichtspunkt hängt mehr ab, als

man gewöhnlich annimmt, besonders dann, wenn noch über die ersten

Prinzipien einer Sache gestritten wird. Entgegengesetzte Seiten

desselben Gegenstandes können ganz verschiedene Ansichten darbieten!

Spencer spielt hierbei besonders auf den Konflikt zwischen Religion

und Naturwissenschaft an und in demselben Zusammenhang berühre ich es

hier auch. Denn es scheint mir, nachdem ich Jahre lang über diesen

Gegenstand nachgedacht habe, daß jener Ausgleich noch viel weiter

gefördert werden kann, als es bei ihm geschehen ist. Denn er führt

ihn nur insofern herbei, als er zeigt, daß die Religion nur aus der

Anerkennung eines fundamentalen Geheimnisses entspringt, welches die

Naturwissenschaft auch in allen ihren Grundgedanken anerkennt. Dies

ist indessen dann doch nicht viel mehr als eine platte Redensart. Daß

unsere letzten naturwissenschaftlichen Ideen (d. h. der letzte Grund

der Erfahrung) unerklärbar sind, ist ein Satz, welcher, seit die

Menschen zu denken angefangen haben, selbstverständlich ist. Meine

Absicht ist, diesen Ausgleich im einzelnen noch weiter zu fördern,

aber ohne dabei die Grundlagen der reinen Vernunft zu verlassen.

Ich will Religion und Naturwissenschaft in ihrem gegenwärtigen

hochentwickelten Zustand als solche nehmen und zeigen, daß bei einer

systematischen Prüfung der ersteren durch die Methode der letzteren

der Gegensatz zwischen beiden nicht nur in Bezug auf ihre höchsten und

allgemeinsten Punkte aufgehoben werden kann, sondern sogar auch in

allen Einzelfragen, welche irgendwie von größerer Wichtigkeit sind.

* * * * *

Bei jeder methodischen Untersuchung sollte es das erste sein, die

Fundamentalprinzipien festzustellen auf welchen die Untersuchung

beruht.[55] Thatsächlich ist es aber durchaus nicht immer der

Fall, daß der Forscher von vornherein jene Prinzipien kennt, oder

sie auch nur erkennen kann. In der That werden sie oft erst am

Ende der Untersuchung als Fundamental-Prinzipien erkannt. Diese

Erfahrung habe ich auch in Bezug auf den Gegenstand der vorliegenden

Untersuchung gemacht. Obgleich mein ganzes Gedankenleben sich mit

dem Problem unserer religiösen Instinkte beschäftigte, so wie mit den

verschiedenen Versuchen, welche die Menschheit gemacht hat, um sich

die Vorteile der religiösen Instinkte zu sichern, so wie endlich mit

den wichtigen Fragen nach der objektiven Berichtigung derselben, so

habe ich doch erst im vorgeschrittenen Alter klar erkannt, worin die

Fundamental-Prinzipien einer solchen Untersuchung bestehen müssen. Und

ich bezweifle es, ob irgend jemand diesen Punkt bisher klar erörtert

hat. Diese Prinzipien betreffen das Wesen der Kausalität und des

Glaubens.

* * * * *

Der Zweck dieser meiner Abhandlung ist nun vor allem ein dreifacher:

Ich will erstens den Agnostizismus läutern und zweitens, reiflicher als

es bis jetzt geschehen ist, von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus

aus das Wesen der natürlichen Kausalität, oder richtiger, die Beziehung

erörtern, in welcher das, was wir über diese Kausalität wissen, zum

Theismus steht; und drittens will ich, wieder von demselben Standpunkt

ausgehend, das religiöse Bewußtsein der Menschen als eine Erscheinung

der Erfahrung (d. h. wie wir es von draußen her ansehen) und besonders

in ihrer höchsten Entwicklungsstufe, wie sie sich im Christentum

darstellt, betrachten.

§ 3. Kausalität.

Nur weil wir mit der wichtigen Erscheinung der Kausalität so vertraut

sind, nehmen wir sie als wahr an und glauben, daß wir eine letzte

Erklärung irgend eines Phänomens erreicht haben, wenn es uns gelungen

ist, seine Ursache aufzufinden: während es uns thatsächlich nur gelang,

jenes Phänomen in das Geheimnis aller Geheimnisse zu versenken. Ich

wünsche oft, wir könnten wie die Jungen einiger Säugetiere in die

Welt kommen, mit allen den Kräften des Verstandes, welche wir in

der Folge bei der Entwicklung erlangen, aber ohne jede persönliche

Erfahrung und daher auch ohne die abstumpfende Wirkung der Gewohnheit.

Wäre das möglich, dann würde sicherlich nichts in der Welt unseren

Verstand mehr in Erstaunen setzen als die eine allgemeine Thatsache

der Kausalität. Daß alles, was geschieht, eine Ursache haben muß, daß

die Ursachen unabänderlich ihren Wirkungen proportioniert sein sollen,

so daß die Ursachen, wie kompliziert auch ihre Verkettungen sind, in

derselben Verkettung doch stets die gleichen Wirkungen hervorbringen

und daß dieses streng exakte System der Energie alle Erscheinungen des

Weltalls und der Ewigkeit erklären soll, so daß z. B. die Bewegungen

des Sonnensystems im Raume durch einige Ursachen bewirkt werden, welche

jenseits des menschlichen Gesichtskreises liegen, und daß wir wegen

unserer Abstammung von wirbellosen Vorfahren durch die Vereinigung von

Billionen von Zellen entstanden sind, von denen jede wieder Billionen

eigener Ursachen haben muß, -- daß dies alles sein kann, das würde uns

sicherlich als die wunderbarste Thatsache in diesem wunderbaren Weltall

geradezu ergreifen.

Nur weil wir mit dieser Thatsache so sehr vertraut sind, vergessen

wir das Wunder der Kausalität so ganz, daß wir auf das bestimmteste

annehmen, wir wüßten alles über die letztere. Die philosophische

Untersuchung zeigt uns aber, daß wir, abgesehen davon, daß das

empirische Wissen darüber eine Thatsache ist, -- doch nur das eine

wissen, daß unsere Kenntnis über die Kausalität von unserer eigenen

Aktivität herrührt, wenn wir selbst Ursachen sind. Kein Ergebnis

psychologischer Analyse scheint mir sicherer als dieses.[56]

Wenn nicht unsre eigenen Willensregungen wären, so würden wir nicht

wissen, daß das, was wir jetzt wenn nicht bei einem selbstmörderischen

Skeptizismus nicht bezweifeln können, die allgemeinste Thatsache der

Natur ist: dies scheint mir wenigstens die bei weitem vernünftigste

Theorie der Kausalität zu sein, und sie ist auch die, welche heute von

den meisten Philosophen jeder Schule angenommen wird.

Nun wird folgendes dem Laien immer klar erscheinen: wenn der richtige

Begriff der Kausalität aus unserem eigenen Willen hergeleitet wird,

-- gerade so wie auch unser Begriff der Energie aus unserem Gefühl

der Anstrengung bei Überwindung eines Widerstandes durch unseren

Willen hergeleitet wird, -- dann wird vermutlich der richtigste

Begriff der Kausalität aus jener uns bekannten Daseinsform gewonnen

werden müssen, die allein uns den Begriff der Kausalität überhaupt

geben kann. Der Laie wird daraus immer den Schluß ziehen, daß alle

Energie immer die Natur der Willensenergie hat und daß alle objektive

Kausalität subjektiver Natur ist. Diese Folgerung macht aber nicht

nur der Laie, die tiefsten philosophischen Denker, z. B. Hegel und

Schopenhauer, sind im wesentlichen zu demselben Resultat gekommen, so

daß wir die nächstliegende und natürlichste Erklärung der Kausalität in

der äußeren Natur, wie sie sich im einfachen Verstand der Wilden und

der Kinder bildet, auch beim menschlichen Denken auf seiner höchsten

Höhe wiederfinden.[57] Aber das mag sein wie es will, solche Fragen

abstrakter, philosophischer Spekulation gehen uns hier nichts an. Sie

liegen jenseits unserer Sphäre des reinen Agnostizismus. Ich erwähne

sie nur, um zu zeigen, daß es weder in der Naturwissenschaft noch in

der Philosophie der Menschheit etwas giebt, was gegen die Theorie der

natürlichen Kausalität als Wirkung eines für uns objektiven Willens

spräche. Und es ist dann wohl nicht schwer einzusehen: wenn dies der

Fall und wenn unser Wille konsequent ist, dann müssen seine in der

natürlichen Kausalität offenbarten Wirkungen, wenn wir sie im Ganzen

(also nicht stückweise wie die Wilden) erwägen als nicht durch Willen

erzeugt, d. h. mechanisch erscheinen.

Von allen philosophischen Theorien über die Kausalität widerstreben

die von Hume, Kant und Mill der Vernunft am meisten: wenn sie auch in

mancher Beziehung verschieden sind, so stimmen sie doch darin überein,

daß sie das Prinzip der Kausalität als eine Schöpfung unseres eigenen

Geistes ansehen, oder mit andren Worten, sie läugnen alle drei, daß

dem Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung irgend etwas Objektives zu

Grunde liege, d. h. sie leugnen gerade das, was die Naturwissenschaft

in ihren besonderen Fällen zu entdecken hat. --

Der Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion entstand stets

auf dem gemeinsamen Boden, auf dem sie unterhandelten oder aus einem

Fundamental-Postulat beider Parteien -- ohne das würde in der That ein

Konflikt unmöglich gewesen sein, weil alsdann überhaupt kein Boden für

ein Schlachtfeld vorhanden gewesen wäre.

Jede These muß sich auf eine Voraussetzung gründen, wo daher 2 oder

mehrere gegnerische Thesen auf einer gemeinsamen Voraussetzung ruhen,

muß der Streit alsbald enden, wenn diese letztere als irrig erkannt

wird. Und in dem Maße, wie die vorher gemeinsame Voraussetzung als

zweifelhaft erwiesen wird, in dem Maße wird auch der Streit seinen

realen Boden verlieren. Es ist nun einer der Hauptzwecke dieser

Abhandlung, zu zeigen, daß die gemeinsame Voraussetzung, auf welcher

der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion sich erhoben hat,

in hohem Grade zweifelhaft ist; und nicht das allein, sondern daß ganz

abgesehen von der modernen Naturwissenschaft, alle Schwierigkeiten

von Seiten des Verstandes (oder der Vernunft), welche der religiöse

Glaube in der Vergangenheit je durchgefochten hat oder noch in

Zukunft durchzufechten haben kann, ob im einzelnen oder im ganzen

Menschengeschlecht, ganz ausschließlich auf demselben Boden dieser

höchst zweifelhaften Voraussetzung entstehen.

Diese Voraussetzung oder das Fundamental-Postulat lautet: Wenn es

einen persönlichen Gott giebt, so ist er nicht unmittelbar bei der

natürlichen Kausalität beteiligt. Es wird angenommen, daß er als

allererste Ursache keine andere Beziehung zu sekundären Ursachen haben

kann, als daß er die letzteren beim ersten Anfang als ein großes

Maschinenwerk von natürlicher Kausalität, das unter allgemeinen

Naturgesetzen arbeitet, in Gang gebracht hat. Allerdings, die Theorie

des Deismus, welche mehr oder weniger diese Voraussetzung eines

_Deus ex machina_ vertritt, ist im Laufe dieses Jahrhunderts mehr

und mehr von dem Theismus verdrängt worden, welcher auch in etwas

undefinierbarer Weise die Lehre von der Immanenz [Gottes in der Natur

-- Der Übersetzer] vertritt, sowie von dem Pantheismus, welcher

diese letztere Doktrin ausdrücklich unter gänzlichem Ausschluß ihres

Gegenteils aufrecht hält. Aber der Theismus hat sie bis jetzt noch

nicht hinreichend oder in dem Maße vertreten, wie es die bloße Logik

des Gegenstandes erfordert, während der Pantheismus nur selten die

gegnerische Doktrin von der Persönlichkeit -- oder die mögliche

Vereinigung der Immanenz mit der Persönlichkeit in Betracht gezogen

hat.[58]

Die Absicht dieses Buches ist es nun, eingehender, als es bisher

geschehen ist, die Möglichkeit dieser Vereinigung zu beweisen, denn

ich will zeigen, daß wir, wenn wir alle Vorurteile und Gefühle bei

Seite legen und der reinen Vernunft bis zu ihrem logischen Endziel

folgen, nur zu folgendem Schluß gelangen können: _A._ wenn es einen

persönlichen Gott giebt, so ist kein Grund vorhanden, warum er der

Natur nicht immanent sein sollte, oder warum nicht alle Kausalität

der unmittelbare Ausdruck seines Willens sein sollte. _B._ jeder

anwendbare Beweisgrund führt zu dem Schluß, daß Gott wahrscheinlich

der Natur immanent ist. _C._ wenn das der Fall ist und wenn sein Wille

konsequent ist, so =muß= alle natürliche Kausalität notwendiger Weise

als mechanisch erscheinen. _D._ Es ist daher kein Beweis gegen den

göttlichen Ursprung eines Dinges, eines Ereignisses u. s. w., wenn man

nachweist, daß es natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.

Nachdem ich in Kürze über _A_, _B_, _C_ und _D_ gesprochen, will ich

zeigen, daß _D_ die praktisch wichtigste dieser vier Folgerungen ist.

Denn die Fundamentalvoraussetzung, welche ich vorhin erwähnte, ist

ihr geradezu entgegengesetzt. Ob stillschweigend oder ausgesprochen,

stets wurde bei dem Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion auf

beiden Seiten angenommen, daß diese oder jene Erscheinung, sobald sie

durch natürliche Ursachen erklärt worden ist, Gott nicht mehr direkt

zugeschrieben werden könnte. Der Unterschied zwischen natürlich und

übernatürlich ist auf beiden Seiten immer als unbestreitbar richtig

angesehen worden und diese fundamentale Übereinstimmung machte als

Boden des Schlachtfeldes den Kampf überhaupt erst möglich. Hierin liegt

auch die Veranlassung zu allen früheren und zu allen möglicherweise

noch kommenden Niederlagen der Religion. Die wahre Religion zieht

freilich daraus die Lehre, daß in ihrer Kampfesmethode etwas nicht

ganz richtig ist, und manche von ihren Streitern erwachen jetzt auch

zur Erkenntnis der Thatsache, daß hier ihr Irrtum liegt -- wie sie in

der Vergangenheit auch ihren Irrtum erkannten, wenn sie die Bewegung

der Erde, das Alter der Erde und die Entstehung der Arten durch

Entwicklung leugneten. Aber Niemand, selbst keiner von ihren Obersten

und Generälen, hat seinen Vorteil bis zu den äußersten Konsequenzen

verfolgt. Das will ich nun thun. Der logische Vorteil liegt ganz

klar auf ihrer Seite, und es ist ihr eigener Fehler, wenn sie nicht

den endgültigen Sieg errungen haben, nicht allein gegenüber der

Naturwissenschaft, sondern auch gegenüber dem geistigen Dogmatismus in

jeder Form. Dieser kann auf der ganzen Linie geschlagen werden, denn

die Naturwissenschaft ist nur das systematische Studium der natürlichen

Kausalität, und wenn die Erfahrung jedes menschlichen Wesens zu einem

Dogmatismus rein geistiger Art führt, so geschieht dies deshalb, weil

es auch jenes in Frage stehende Fundamental-Postulat vertritt. Der

Einfluß der Gewohnheit und der Mangel an Einbildungskraft ist hierbei

sehr wichtig. Aber immer sollte man als Antwort die weitere Frage

erörtern: worin besteht das Wesen der natürlichen Kausalität?

Nun möchte ich die Konsequenzen dieser Antwort bis zu ihrem letzten

logischen Schluß verfolgen; denn niemand, selbst der Rechtgläubigste,

hat bis jetzt diese Lehre der Religion in ihrer ganzen Fülle erfaßt.

Man gönnt so zu sagen, soweit es angeht, Gott seine eigene Welt

nicht. So wenn man von dem natürlichen Wachsen des Christentums aus

den früheren Religionen heraus oder von der natürlichen Verbreitung

desselben oder von der natürlichen Bekehrung des Paulus u. s. w.

spricht. Man nimmt noch immer auf beiden Seiten an, daß eine

Erscheinung, um göttlich zu sein, etwas Unerklärliches oder Wunderbares

haben muß.

Naturwissenschaft und Religion haben immer nur auf dem Boden jener

gemeinsamen Voraussetzung und um die Frage gekämpft: ob die Ursache

dieser oder jener Erscheinung »natürlich« oder »übernatürlich« war?

Denn selbst der Streit um den Widerspruch zwischen Naturwissenschaft

und heiliger Schrift dreht sich schließlich um die Annahme, daß die

Inspiration (angenommen, sie ist ächt) in Bezug auf ihre Kausalität

»übernatürlich« ist. Man gebe nur einmal zu, daß sie »natürlich« ist,

und jeder mögliche Grund zum Streit ist beseitigt.

Ich kann es wohl verstehen, weshalb der Unglaube die in Frage stehende,

grundlegende Annahme macht, weil nämlich seine ganze Sache auf ihr

beruhen muß. Aber es ist sicher an der Zeit, daß die Theisten diese

Annahme aufgeben.

Der angebliche Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher

Kausalität zeigt sich ohne Zweifel schon im Aberglauben der

vorgeschichtlichen Zeit und ist in der geschichtlichen Zeit infolge des

unbestimmten Gefühls, daß Gottes Wirken geheimnisvoll sein müsse und

daß das Gebiet der Religion daher im Übersinnlichen liege, fortdauernd

angenommen worden. Nun ist es ja nur zu wahr, daß das Endliche das

Unendliche nicht begreifen kann, daher ist dies in Frage stehende

Gefühl logisch ganz berechtigt. Aber unter dem Einfluß dieses Gefühls

haben die Menschen immer den Trugschluß gezogen, daß eine Erscheinung,

dadurch, daß sie in Ausdrücken der natürlichen Kausalität erklärt

worden ist, vollständig erklärt sei; -- dabei wird vergessen, daß sie

nur insoweit erklärt worden ist, als jene Kausalität in Betracht kommt,

und daß die eigentliche Frage nach der letzten Ursache dadurch nur

aufgeschoben worden ist. Und sicherlich liegt dahinter ein unendliches

Mysterium, welches auch den tiefsten Mystiker befriedigen muß. Selbst

Herbert Spencer giebt zu, daß alle natürliche Kausalität im letzten

Grade unerklärbar ist.

Im Grunde genommen ist der Fortschritt der Naturwissenschaft weit

davon entfernt gewesen, die Religion zu schwächen, er hat sie im

Gegenteil außerordentlich gekräftigt; denn er hat die Gleichförmigkeit

der natürlichen Kausalität bewiesen. Die sogenannte natürliche Sphäre

ist auf Kosten der »übernatürlichen« gewachsen. Das ist allerdings

unfraglich; aber wenn dies auch den auf niedrigeren Kulturstufen

stehenden Menschen immer als eine der Religion feindselige Thatsache

erscheinen muß, so sollten =wir= jetzt doch erkennen, daß es gerade

umgekehrt ist, weil diese Thatsache ja nur jenen in Frage stehenden aus

naivem oder unentwickeltem Verständnis entspringenden Unterschied[59]

aufhebt.

Es ist wirklich sonderbar, wie lange diese Ansicht geherrscht hat, oder

woher es kommt, daß die befähigtsten Männer aller Generationen ruhig

angenommen haben, daß wir alles über eine Naturerscheinung wissen, wenn

wir ihre natürliche Ursache kennen, oder daß wir die Naturerscheinung

damit sozusagen ganz der Sphäre des Mysteriums entrückt hätten, während

wir sie in der That nur in ein noch viel größeres Mysterium als vorher

gesenkt haben. --

Aber die Antwort auf unsre erstaunte Frage, wie diese Ansicht so lange

herrschen konnte, ergiebt sich aus der großen Macht der Gewohnheit,

welche hier die Vernunft geradezu tot zu schlagen scheint und je

mehr sich jemand mit »natürlichen Ursachen« beschäftigt (z. B. mit

Naturforschung), desto größer wird die Sklaverei der Gewohnheit, bis

der betreffende endlich den wirklichen Stand dieser Frage geradezu

nicht mehr zu erkennen im Stande zu sein scheint, indem er jedes

vernünftige Nachdenken darüber als phantastisch betrachtet, so daß der

Ausdruck metaphysisch selbst in seiner etymologischen Bedeutung als

übersinnlich oder jenseits der natürlichen Kausalität liegend aufgefaßt

und dadurch zu einem Ausdruck des Tadels in Bezug auf die Vernunft

wird. Offenbar hat sich solch ein Mann als ganz unfähig erwiesen,

irgend eines der höchsten Probleme, welche die Natur oder der Mensch

darbietet, vernünftig zu behandeln.

Bei einer logischen, berechtigten Theorie des Theismus kann der

Unterschied zwischen »natürlich« und »übernatürlich«, wie er gewöhnlich

gemacht wird, auf keinen Fall aufrecht gehalten werden; denn nach jener

Theorie ist alle Kausalität nur die Wirkung des göttlichen Willens,

und wenn wir dabei irgend einen Unterschied zwischen unmittelbarer und

mittelbarer Wirkung machen wollen, so können wir dies nur im Verhältnis

zum Menschen, d. h. zu unserer Erfahrung gelten lassen. Denn offenbar

würde es mit dem reinen Agnostizismus ganz unvereinbar sein, wollten

wir annehmen, daß wir in Bezug auf das göttliche Wirken selbst einen

solchen Unterschied machen dürfen. Selbst abgesehen von der Theorie

des Theismus muß der reine Agnostizismus anerkennen, daß der richtige

Unterschied nicht der zwischen »natürlich« und »übernatürlich«,

sondern zwischen erklärlich und unerklärlich ist, und jene Ausdrücke

bedeuten das, was solchen Ursachen zuzuschreiben, beziehungsweise nicht

zuzuschreiben ist, die innerhalb des Bereichs menschlicher Beobachtung

liegen. Der Unterschied liegt in Wirklichkeit also nur zwischen den der

Beobachtung zugänglichen und den ihr nicht zugänglichen Kausalprozessen

des Weltalls.

Da die Naturwissenschaft wesentlich im Erklären ihre Aufgaben findet,

so ist ihre Arbeit notwendigerweise auf die Sphäre der natürlichen

Kausalität beschränkt, jenseits dieser Sphäre (d. h. der sinnlichen)

kann sie nichts erklären. Selbst wenn sie im Stande wäre, von jedem

Dinge die natürliche Kausalität zu erklären, so würde sie doch unfähig

sein, den letzten Grund des Seins irgend eines Dinges oder einer

Erscheinung anzugeben.

Es ist nicht meine Absicht hier eine Abhandlung über die Natur der

Kausalität zu schreiben, oder die vielen Theorien zu erörtern, welche

von den Philosophen über diesen Gegenstand aufgestellt worden sind.

Dies versuchen würde in der That nichts weniger bedeuten als eine

Geschichte der Philosophie selbst schreiben. Dennoch ist es für meinen

Zweck notwendig einige Bemerkungen hinsichtlich der hauptsächlichsten

Gedanken über diesen Gegenstand zu machen.[60]

Die beachtenswerte Natur der Thatsachen.

Beachtenswert sind folgende Thatsachen deshalb, weil sie bei jeder

menschlichen Erfahrung zu beobachten sind. Alles, was geschieht, hat

eine Ursache. Dasselbe Ereignis hat stets dieselbe Ursache -- oder:

dasselbe Konsequenz hat dasselbe Antecedens. Einzig und allein die

Vertrautheit mit dieser bedeutsamen Thatsache bewirkt, daß darüber

nicht allgemein Verwunderung entsteht, denn ungeachtet aller Theorien

über sie hat doch noch niemand wirklich bewiesen, =warum= es so ist.

Daß dieselben Ursachen stets dieselbe Wirkung haben, ist ein Satz, der

die Fundamentalthatsache unsres Wissens ausdrückt, aber die Kenntnis

dieser Thatsache ist durchaus Erfahrungssache, wir können keinen Grund

angeben, =warum= es eine Thatsache sein muß. Wenn es keine Thatsache

wäre, so würde es zweifellos keine sogenannte Naturordnung geben und

folglich auch keine Philosophie, keine Naturwissenschaft und vielleicht

(wenn die Unregelmäßigkeiten häufig genug vorkämen) überhaupt keine

Möglichkeit menschlicher Erfahrung. Aber obgleich dies sehr leicht zu

zeigen ist, so beweist es doch keineswegs, weshalb dieselben Ursachen

immer dieselben Wirkungen haben.

Daß unsere Kenntnis der in Frage stehenden Thatsache nur

erfahrungsmäßig ist, ist so offenbar, daß sogar einige unserer größten

Denker, wie Mill und Hume, nicht die intellektuelle Nötigung bemerkt

haben, daß man über die erfahrungsmäßige Kenntnis der Thatsache

hinausgehen muß, um eine Erklärung von ihr selbst zu erlangen. Daher

bieten sie der Welt eine ganz nichtssagende, oder bloß tautologische

Theorie der Kausalität, nämlich jene von der Gleichmäßigkeit der

Wirkungen im Bereich der menschlichen Erfahrung.[61]

Wenn man von meiner Theorie der Kausalität sagen sollte, daß sie das

Übernatürliche und Geistige natürlich oder materiell auffasse, wie es

wohl die meisten Orthodoxen denken werden, so lautet meine Antwort

darauf: tieferes Nachdenken wird zeigen, daß man sie wenigstens eben

so gut von dem entgegengesetzten Gesichtspunkt aus auffassen kann --

nämlich, daß sie sich das Natürliche übernatürlich vorstellt oder das

Materielle vergeistigt; und ein reiner Agnostiker sollte am wenigsten

gegen eine von diesen beiden Anschauungsweisen etwas einwenden. Wenn

die reine Vernunft bei der Sache überhaupt etwas zu sagen hat, so

sollte sie der Auffassung zuneigen, daß meine Doktrin das Materielle

vergeistigt, weil es durchaus gewiß ist, daß wir nichts vom Wesen der

natürlichen Kausalität wissen können -- eben so wenig wie von ihrem

Dasein -- es sei denn, daß wir von unseren eigenen Willensäußerungen

ausgehen.

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 12 / 21 题