III.

Notizen zu einem Werke: »Eine unbefangene

Prüfung der Religion« von Metaphysikus.

Einleitung des Herausgebers.

Zu den Notizen, die alles enthalten, was George Romanes für sein

Werk: »Eine unbefangene Prüfung der Religion« schreiben konnte, ist

nur noch wenig als Einleitung hinzuzufügen; dies wenige aber muß die

Gedankenkluft zwischen den vorstehenden Abhandlungen und den Notizen

überbrücken, welche die Geistesrichtung, die Romanes zuletzt vertrat,

näher beleuchten.

Am schärfsten kommt der antitheistische Zug jener Abhandlungen wohl

darin zum Ausdruck, daß in ihnen auf den von der Natur gelieferten oder

doch angenommener Maßen gelieferten Beweis gegen den Glauben an Gottes

Güte ganz besonders Nachdruck gelegt wird.

Über dieses Geheimnis, das wohl zu verwirren im Stande ist, hat George

Romanes offenbar noch mehr sagen wollen, er wurde aber durch den Tod

daran verhindert.[37] Wir können indes berichten, daß er im Jahre 1889

in einer in der »Aristoteles-Gesellschaft« verlesenen Schrift »über den

Beweis der Zwecksetzung in der Natur« dem Argument, daß die Art und

Weise der natürlichen Entwicklung im Licht ihrer Ergebnisse beurteilt

werden muß, mehr Bedeutung als früher einräumt. Diese Schrift war ein

Teil eines Tischgesprächs. S. Alexander hatte früher in einer Schrift

gegen die Hypothese der Zwecksetzung in der Natur gesprochen, weil die

herrliche Ordnung in der Natur nur durch Verwüstung und Massen-Opfer

erreicht würde. Dieses Argument wurde unter Hinweis auf augenscheinlich

»schlechte Anpassungen«, zwecklose Zerstörungen u. s. w. entwickelt,

welche die Naturprozesse kennzeichnen. Darauf antwortet Romanes, daß

dies notwendigerweise zu dem als natürliche Zuchtwahl anzusehenden

Prozeß gehört. Die Frage ist nur: ist dieser Prozeß an sich mit der

Hypothese der Zwecksetzung unvereinbar? Er antwortet verneinend.

»Die herrliche Ordnung in der Natur wird nur durch Verwüstung

und Massen-Opfer erreicht.« Zugegeben! aber wenn »Verwüstung und

Massen-Opfer« als Ursache zu einer »herrlichen Ordnung in der

Natur« als Wirkung führen, wie kann man dann sagen, daß »Verwüstung

und Massen-Opfer« ein Mißgriff gewesen sind? Oder wie kann man

es als Thatsache hinstellen, daß wirklich Verwüstung und Opfer

stattgefunden haben? Offenbar kann man das nur dann sagen, wenn wir

unser Augenmerk allein auf die Mittel (nämlich die Massenvernichtung

der den Lebensbedingungen weniger angepaßten Wesen) nicht aber

auf das richten, was schon innerhalb der Grenzen der menschlichen

Beobachtung unzweifelhaft als der Endzweck erscheint (nämlich als

das Kausalergebnis eine sich immer mehr vervollkommnende Welt von

Lebensformen). Ein Kandidat, der im Staatsexamen durchfällt, weil er

zufällig einer der weniger passenden ist, ist ohne Zweifel, bezüglich

seiner eigenen Karriere ein Beispiel des Mißerfolges, aber man darf

daraus nicht folgern, daß die Prüfung dabei ihren Endzweck verfehlte,

den nämlich, die besten Männer für den Staatsdienst zu gewinnen.

Und die Thatsache, daß dies allgemeine Ergebnis aller individuellen

Mißerfolge in der Natur das sichert, was Alexander »die herrliche

Ordnung der Natur« nennt, zeigt entschieden, daß der _modus operandi_

an sich kein Fehler bezüglich dessen war, was wir, wenn es überhaupt

eine Zwecksetzung in der Natur giebt, als das höhere Ziel dieser

Zwecksetzung betrachten müssen. Daher können Fälle von individuellen

oder anderen relativen Mißerfolgen nicht als Beweis gegen die Hypothese

einer derartigen Zwecksetzung benutzt werden. Die Thatsache, daß das

allgemeine System der natürlichen Kausalität möglicher Weise zu einer

»herrlichen Ordnung der Natur« führt, braucht an sich noch nicht

der Hypothese von der Zwecksetzung in der Natur entgegen zu stehen,

selbst wenn diese Kausalität fortwährend die Ausscheidung der weniger

passenden Formen bewirken sollte.[38]

Nach meinem besten Wissen und Gewissen ist also dieses Argument des

Mißerfolges, des Probierens ins Blaue hinein, des blinden Zutappens,

oder in welchen andren Ausdrücken es sonst noch dargestellt wird, nur

gegen die Theorie anwendbar, auf welche Alexander anspielt, wenn er von

einem »Zimmermanns-Gott« spricht, d. h. wenn es in der Natur überhaupt

eine Zwecksetzung giebt, so muß sie überall spezifiziert sein, so daß

ihr Nachweis sich eben so gut in dem kleinsten Bruchstück der Natur

-- wie z. B. an einem einzelnen Organismus oder an einer Klasse von

Organismen --, wie auch bei der Betrachtung des ganzen Kosmos führen

läßt. Die Beweisführung zu Gunsten einer Zwecksetzung in diesem Sinne,

ist, wie ich durchaus zugebe, durch den Nachweis der natürlichen

Zuchtwahl gänzlich zu Schanden gemacht. Aber dies hat die sich nun

erhebende, viel wichtigere Frage in ein um so helleres Licht gesetzt,

nämlich die: liegt in der Methode der Kausalität auf die Natur als

Ganzes angewandt irgend etwas, was der Theorie einer Zwecksetzung in

der Natur als Ganzes entgegensteht?

Es ist wahr, daß dieses Argument sich nicht direkt gegen den Charakter

Gottes wendet, -- dessen Plan die Natur darstellt; aber indirekt

doch.[39] Solch' ein Argument z. B. wie es sich Seite 66 befindet:

Wenn wir ein Kaninchen sehen, ..... scheint nur dann Beweiskraft zu

haben, wenn wir uns »Gott als Zimmermann« vorstellen. Wahrscheinlich

fühlte Romanes auch die Schwierigkeit, welche aus dem Gedanken an die

Grausamkeit der Natur entspringt, weniger, jemehr er die Menschheit als

den wichtigsten Teil der Natur erkannte und je mehr er die Bedeutung

des Leidens für das menschliche Leben erfuhr (S. 124 u. 135) und auch

einen größeren Eindruck von der positiven Gewißheit des Christentums

als einer Religion des Leidens und zugleich der Offenbarung des Gottes

der Liebe (S. 144 ff.) erlangte. Der christliche Glaube giebt seinen

Anhängern nicht nur ein Argument gegen den Pessimismus aus allgemeinen

Ergebnissen, sondern auch eine solche Einsicht in den Charakter und das

Thun Gottes, daß ihn dies befähigt, hoffnungsvoll die überwältigenden

Bedenken zu ertragen, die aus dem Anblick des individuellen Leidens

entspringen.

In den letzten Jahren seines Lebens las er mit großer Aufmerksamkeit

einige Bücher über den Beweis des Christentums, von Pascals »_Pensées_«

an bis auf unsere Zeit und studierte eifrig die Beweisgründe für einen

Weltenplan, wie er sich in der biblischen Offenbarung als Ganzes zeigt.

Dieses Studium offenbart sich in kurzen Bemerkungen und Hinweisen,

welche Romanes in Notizbüchern hinterlassen hat. Die Resultate dieses

Studiums werden aus den folgenden Notizen ersichtlich sein, welche, wie

ich meine Leser erinnern muß, trotz ihres kleinen Umfangs der einzige

Grund für die Veröffentlichung dieses ganzen Buches bilden.

Beim Lesen dieser Notizen wird gewiß jeder von tiefem Bedauern

ergriffen werden, daß es dem Verfasser nicht vergönnt war sein Werk

zu vollenden. Jeder Leser der folgenden Seiten muß dessen eingedenk

sein, daß er nur unvollständige Notizen, kein vollendetes Werk vor

sich hat. Dies ist auch besonders bei einigen Stellen, die skizzenhaft

und in ihrer Behandlung unbefriedigend erscheinen mögen, sowie endlich

auch in Bezug auf Wiederholungen und Spuren der Unzulänglichkeit zu

berücksichtigen. Aber ich kann mir auch nicht denken, daß irgend

jemand diese Notizen bis zu Ende lesen könnte, ohne mit mir darin

übereinzustimmen, daß die Welt, wenn ich sie nicht veröffentlicht

hätte, das Zeugnis eines begabten und durchaus aufrichtigen Geistes,

der Gott suchte und fand, verloren haben würde.

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 11 / 21 题