Nachdem ich alles über den freien Willen gelesen habe, was überhaupt
des Lesens wert ist, will es mir scheinen, daß sich die Hauptergebnisse
und ihre logischen Schlußfolgerungen in folgende kurze Sätze
zusammenfassen lassen:
1) Ehe ein Schriftsteller sich überhaupt mit diesem Gegenstand
beschäftigt, sollte er sich des Hauptunterschieds zwischen der bloß
rechtlichen und der moralischen Verantwortlichkeit voll bewußt werden,
sonst verfehlt er den Kernpunkt der Frage. Niemand fragt nach der
offenkundigen Thatsache der =rechtlichen= Verantwortlichkeit; die Frage
betrifft allein die =moralische=, und doch rührt die große Masse der
Litteratur über den freien Willen und die Naturnotwendigkeit daher, daß
die Streitenden auf beiden Seiten diesen Fundamental-Unterschied nicht
erkennen, und das passiert selbst so bedeutenden Männern wie Spencer,
Huxley und Clifford.
2) Die Hauptfrage ist: ob der Wille eine Ursache hat oder nicht. Denn
wie auch immer diese Hauptfrage durch die aus ihr entspringenden Fragen
verdunkelt werden mag, diese Folgefragen stehen und fallen mit ihr.
3) Folglich: wenn die Anhänger der Willensfreiheit zugeben, daß
Kausalität und Wille zusammengehören, so geben sie damit, so sehr sie
sich auch drehen und wenden, doch ihre Stellung auf der ganzen Linie
auf, wenn sie nicht auf die weiter zurückliegende Frage nach dem Wesen
der natürlichen Kausalität eingehen wollen. Es kann nun bewiesen
werden, daß diese weiter zurückliegende Frage wissenschaftlich nicht zu
beantworten ist. Daher können beide Parteien die natürliche Kausalität
als unbekannte Größe mit _X_ bezeichnen.
4) Daher sollten beide Parteien einsehen, daß sich die ganze
Streitfrage in die folgende zuspitzt: -- Wird der Wille durch jenes _X_
bestimmt oder nicht? Das mag, ich gebe es zu, als eine für eine Debatte
unfruchtbare Frage erscheinen, -- aber sie bleibt doch als einzige,
thatsächliche Streitfrage übrig, also noch einmal: bestimmt sich der
Wille selbst oder wird er bestimmt, nämlich von außen?
5) Wenn er von außen her bestimmt wird, bleibt dann noch irgend ein
Spielraum für die Freiheit in dem Sinne, wie es nötig ist, um die
Lehre von der moralischen Verantwortlichkeit zu retten? Ich denke, die
Antwort müßte ein entschiedenes Nein! sein.
6) Aber wohl beachtet, es ist nicht ein und dasselbe, ob wir fragen:
wird der Wille nur von außen bestimmt? oder wird der Wille nur
von natürlicher Kausalität (_X_) bestimmt? Denn die unbekannte
Größe _X_ kann sehr gut noch ein _X_1_ in sich schließen, wenn wir
unter _X_1_ alle die unbekannten Nebeneigenschaften der einzelnen
Persönlichkeit[63] verstehen.
7) Daher gewinnen die Deterministen keinen Vorteil über ihre Gegner,
wenn sie den wohl möglichen (heute aber noch unmöglichen) Nachweis
dafür führen, daß alle Willensakte von der natürlichen Kausalität
bedingt werden, es sei denn, daß sie die Natur der letzteren aufdecken
und zeigen können, daß sie ihre Schlußfolgerungen unterstützt. Soviel
wir wissen können, mag der Wille sehr wohl in dem verlangten Sinn frei
sein, selbst wenn alle seine Handlungen durch jenes _X_ bedingt werden.
8) In Sonderheit könnte, soviel wir wissen können, alles durch das
_X_1_ bedingt sein, d. h. alle Kausalität könnte die Natur des Willens
haben (wie es in der That viele Systeme der Philosophie behaupten) und
daraus würde folgen, daß jeder menschliche Wille die Natur einer ersten
Ursache hat. Zur Unterstützung dieser Möglichkeit mag bemerkt werden,
daß die meisten Philosophen in Bezug auf das _X_ zu der Theorie einer
_causa causarum_ gelangt sind.
9) Nun liegt ein Einwand nahe, nämlich: bei einer Mehrzahl von ersten
Ursachen, von denen jede Quelle und Ursprung eines neuen und nie
versiegenden Stromes von Kausalität wäre, müßte der Kosmos früher oder
später durch die haufenweise Kreuzung der Ströme, ein Chaos werden, die
Antwort darauf ist in der Theorie des Monismus zu finden.[64]
10) Indessen bleibt noch die letzte Schwierigkeit, welche ich in meiner
Abhandlung »die Welt als ein Ejekt«[65] geschildert habe, aber sie
verliert sich wieder in dem Mysterium der Persönlichkeit, welche nur
als eine unerklärbare und anscheinend letzte Thatsache bekannt ist.
11) So muß also die allgemeine Schlußfolgerung in der ganzen Frage
sein: -- reiner Agnostizismus. --
§ 4. Der Glaube.
Der »Glaube« unterscheidet sich in seiner religiösen Bedeutung nicht
allein von »Meinung« (das heißt von einem Glauben, der sich nur auf
Vernunft gründet) dadurch, daß zu dieser noch ein geistliches Element
hinzukommt, er unterscheidet sich auch von dem Glauben, der auf
Affekten beruht, dadurch, daß er einer aktiven Mitwirkung des Willens
bedarf. So sind also alle Seiten des menschlichen Geistes im Begriff
des Glaubens enthalten: Verstand, Gemüt und Wille. Wir »glauben« an die
Entwicklungslehre nur aus Gründen des Verstandes; wir »glauben« an die
Liebe unserer Eltern, Kinder u. s. w. fast (oder gar ausschließlich)
aus, ich nenne es, geistlichen[66] Gründen, d. h. aus Gründen der
inneren Erfahrung, denn dazu haben wir keine Ausübung weder der
Vernunft noch des Willens nötig. Aber Niemand kann an Gott oder gar
Christus glauben ohne eine ernste Anstrengung des Willens. Dies halte
ich für eine Thatsache, mag es nun einen Gott oder Christus geben oder
nicht.
Man beachte es wohl, der »Wille« ist vom »Wunsch« zu unterscheiden.
Es ist ganz gleichgültig, was die Psychologen darüber sagen. Ob
sich der »Wunsch« vom »Willen« seinem Wesen oder nur dem Grade nach
unterscheidet; ob der Wille sozusagen ein aktiver Wunsch und der
Wunsch bloß ein beginnender Wille ist, das sind Fragen, um die wir uns
nicht zu kümmern brauchen, denn es giebt sicherlich Agnostiker, welche
viel lieber Theisten sein würden, und Theisten, welche alles, was sie
besitzen, hingeben würden, um Christen sein zu können, wenn es möglich
wäre, daß sie sich diese Beförderung etwa durch Kauf, d. h. durch einen
einzelnen Willensakt, aneignen könnten. Dennoch ist ihr Wunsch nicht
stark genug, um den Willen ununterbrochen in Aktivität zu halten, so
daß er fortgesetzt die Opfer bringt, welche das Christentum fordert.
Vielleicht ist das schwerste dieser Opfer für einen denkenden Menschen
das, seinen eigenen Verstand daranzugeben, wenigstens ist dies bei mir
so der Fall. Ich war lange gewohnt meinen Verstand als den einzigen
Richter der Wahrheit anzusehen; und während der Verstand selbst es mir
bezeugt, daß es gar nicht unvernünftig sei, wenn Herz und Wille im
Verein mit der Vernunft Gott suchen müssen, (denn die Religion ist für
den =ganzen= Menschen) -- -- so bin ich doch zu eifersüchtig auf meinen
Verstand, um meinen Willen in =der= Richtung zu gebrauchen, in welcher
es mein Herz am sehnlichsten wünscht. Denn sicherlich ist das heißeste
Verlangen meines Herzens, daß es in seinem höchsten Streben nicht
betrogen wird. Und dennoch konnte ich mich selbst nicht überwinden,
einen Versuch zu machen und zum Glauben fortzuschreiten. Von =einem=
Standpunkt aus betrachtet, scheint es z. B. ganz vernünftig zu sein,
daß das Christentum die praktische Ausführung seiner Glaubenslehren als
eine notwendige Bedingung fordert, damit ihre Wahrheit zur Überzeugung
wird, d. h. damit man sie glaubt. Aber von einem anderen und mir
geläufigeren Standpunkt aus scheint es mir fast eine Beleidigung der
Vernunft zu sein, solch ein thörichtes Experiment überhaupt zu machen,
geradeso wie es einem Naturforscher absurd und kindisch erscheint,
daß man erwartet, er solle die »abergläubischen« Thorheiten des
modernen Spiritismus untersuchen. Selbst den einfachsten Willensakt
in Bezug auf Religion -- nämlich das Gebet -- habe ich wenigstens
ein Vierteljahrhundert lang nicht ausgeübt, lediglich aus dem Grunde,
weil es mir so unmöglich schien sozusagen hypothetisch zu beten, so
daß ich mich, so sehr mich auch immer darnach verlangt hat, beten zu
können, doch nicht zu dem Willensakt aufraffen konnte, einen Versuch
damit zu machen. Um mich in Bezug auf das, was mein besseres Urteil
so sehr oft als unvernünftig erkannt hat, selbst zu rechtfertigen,
habe ich immer verschiedene Entschuldigungen gehabt. Hauptsächlich
war es diese: Selbst wenn man das Christentum als Wahrheit annimmt
und selbst angenommen, daß ich meine Vernunft soweit meinem Verlangen
opfern könnte, daß ich die vorausgesetzten Bedingungen erfüllt hätte,
um »Gnade« oder unmittelbare Erleuchtung von Gott zu erlangen, --
würde sich nicht selbst dann meine Vernunft empören und an mir rächen?
Denn sicherlich würde selbst dann mein gewohnheitsmäßiger Skeptizismus
mir sagen: »Dies ist Alles sehr erhaben und tröstlich; aber welche
Gewißheit hast du, daß die ganze Sache nicht doch eine Selbsttäuschung
ist? Der Wunsch war wahrscheinlich der Vater des Gedankens, und du
würdest deinen Willensakt besser verwendet haben, dich für irgend eine
niedrige Sache und wäre es nur ein Haschisch-Rausch, zu begeistern?« --
Ein Christ würde natürlich darauf antworten, daß die innere Erleuchtung
einen solchen Zweifel nicht zulassen kann, ebensowenig wie der Anblick
der Sonne an dieser zweifeln läßt, -- daß Gott uns doch gut genug
kennt, um das zu verhüten u. s. w., und auch daß es unvernünftig
sei, ein Experiment deshalb nicht zu versuchen, weil sein Ergebnis
sich vielleicht als zu gut erweisen möchte, um glaubwürdig zu sein.
Ich will nicht bestreiten, daß der Christ durch eine solche Antwort
gerechtfertigt sein würde, aber ich führe die Sache auch nur als eine
Probe der Schwierigkeiten an, die sich entgegenstellen, wenn man alle
Bedingungen erfüllen will, um zum christlichen Glauben zu gelangen,
selbst wenn man ihn für richtig hält. Andere haben ohne Zweifel andere
Schwierigkeiten, aber die meinige lag wohl hauptsächlich in meiner
ungebührlichen Rücksichtnahme auf die Vernunft unter Vernachlässigung
von Herz und Willen, ungebührlich dann, wenn das Christentum wirklich
Wahrheit ist und wenn die Bedingungen für den Glauben an dasselbe eine
göttliche Verordnung sind.
Dieser Einfluß des Willens auf den Glauben, selbst in weltlichen
Dingen, ist um so stärker ausgeprägt, je weniger diese Dinge sich
vordemonstrieren lassen (wie schon bemerkt); aber das ist am meisten
dort der Fall, wo unsere persönlichen Interessen berührt werden,
mögen es materielle oder intellektuelle sein, wie z. B. der Ruf
konsequent zu sein u. s. w. Man bedenke nur, wie sehr z. B. politische
Glaubensbekenntnisse den religiösen in den eben erörterten Beziehungen
gleichen. Wenn die Unterschiede dabei nicht der Art sind, daß die
Wahrheit auf der =einen= Seite klar beweisbar ist, so daß der, welcher
ein Anhänger der gegnerischen Seite ist, dabei bewußter Weise seine
Redlichkeit dem Eigennutz geopfert haben muß, so finden wir doch
immer, daß die Parteibrille die Dinge so färbt, daß man die Vernunft
dem Willen preisgiebt, sowie der Gewohnheit, dem Interesse und all
den andern Verhältnissen, welche in gleicher Weise auf den religiösen
Glauben einwirken. In jedem Falle scheint es nur wenig darauf
anzukommen, auf welcher Höhe von allgemeiner oder besonderer Bildung
sowie geistiger Beanlagung man steht, um die zu beurteilende Frage zu
beantworten. Vom Premierminister bis zum Bauern finden wir dieselbe
Meinungsverschiedenheit in politischen Dingen wie in religiösen. Und
in jedem Fall ist die Erklärung die gleiche. Der Glaube ist so wenig
von der Vernunft allein abhängig, daß es in solchen Gedankenkreisen --
d. h. wo persönliche Interessen berührt werden und die Wahrheit ihrer
Natur nach nicht demonstrierbar ist, wirklich so scheint, als ob die
Vernunft aufhört ein Richter in Bezug auf den Beweis oder der Führer
zur Wahrheit zu sein, so daß sie nur der Advokat einer Meinung ist,
die bereits auf einem anderen Grunde auferbaut wurde. Dieser andere
Grund besteht, wie wir gesehen haben, vornehmlich in den Zufälligkeiten
der Gewohnheit oder der Mode, und der Wunsch ist dann der Vater des
Gedankens u. s. w.
Dies mag nun alles in Bezug auf Politik und in allen weltlichen
Dingen bedauerlich sein; aber wer will sagen, daß es in Bezug auf
den religiösen Glauben nicht so sein =muß=, wie es ist! Denn, wenn
wir nicht die Frage nach einem zukünftigen Leben mit einer nackten
Verneinung abthun wollen, so müssen wir doch wenigstens die Möglichkeit
erwägen, ob wir hier nicht in einem Zustand der Prüfung leben, und das
nicht allein bezüglich eines unbefangenen Gebrauchs unserer Vernunft,
sondern wahrscheinlich noch viel mehr bezüglich des Gebrauchs jener
anderen Seiten der menschlichen Natur, durch welche unser Glaube in
dieser wichtigsten von allen Fragen bestimmt wird.
Es ist bemerkenswert, daß es selbst in der Politik die sittlichen
und geistlichen Elemente des Charakters sind, welche endlich zum
Erfolg führen, selbst mehr als intellektuelle Fähigkeiten, natürlich
vorausgesetzt, daß die letztere nicht unter dem etwas hohen Niveau
unserer parlamentarischen Versammlungen steht.[67]
In Bezug auf die Rolle, die der Wille bei der Entscheidung für den
Glauben spielt, kann man nachweisen, wie unbewußt groß dieselbe sogar
in Dingen von weltlichem Interesse ist. Die Vernunft ist in der That
sehr weit davon entfernt, der einzige Führer beim Urteil zu sein, wie
man gewöhnlich annimmt. Das geht thatsächlich so weit, daß das Urteil,
ausgenommen in Dingen, bei welchen der Beweis auf der Hand liegt,
(wobei es natürlich keinen Raum mehr für irgend etwas anderes giebt) --
zumeist durch Gewohnheit, Vorurteil, Mißfallen u. s. w. soweit gefangen
genommen ist, daß es den nüchternsten Philosophen überraschen würde,
könnte er sich alle die geistigen Prozesse klar machen, durch welche
der komplizierte Akt der Zustimmung beziehungsweise Abneigung zufällig
bestimmt wird.[68] Um zu zeigen, wie wenig die Vernunft allein bei der
Entscheidung für den religiösen Glauben zu thun hat, wollen wir einmal
als Beispiel die Mathematiker betrachten. Ich denke, sie sind das beste
Beispiel, welches wir nehmen können, weil die mathematische von allen
intellektuellen Forschungen die exakteste ist, da sie vielmehr als alle
anderen die Kräfte der Vernunft in Anspruch nimmt, und weil deshalb
auch die Männer, welche in dieser Forschung die höchste Stufe erreicht
haben, sicherlich als die geeignetsten Vertreter der Menschheit in
Bezug auf die Kraft der reinen Vernunft betrachtet werden können. Aber
siehe, jedesmal wenn sie ihre in jener Beziehung außerordentlichen
Kräfte auf die Probleme der Religion gerichtet haben, -- wie wohl
erwogen sind dann bezeichnender Weise ihre entgegengesetzten Schlüsse
[keiner von beiden scheint zu irren -- der Übersetzer], so daß wir
daraus nur schließen können, wie außerordentlich wenig die Vernunft bei
den geistigen Vorgängen gilt, welche =hier= das Urteil bestimmen.
Wenn wir in dieser Hinsicht die größten Mathematiker in der
Weltgeschichte untersuchen, so finden wir, daß z. B. Keppler und Newton
Christen waren, daß aber andererseits La Place ungläubig war.[69] Oder
wenn ich unsere Zeit in Betracht ziehe und meine Aufmerksamkeit z. B.
auf den Hauptsitz der mathematischen Studiums in England richte, so ist
folgendes zu sagen: -- als ich in Cambridge war, erstrahlte in dieser
Fakultät von dort aus ein solch helles Licht wie wohl nie zuvor. Und
das Merkwürdige für unseren gegenwärtigen Zweck ist dabei, daß die
Träger der berühmtesten Namen auf Seiten der Orthodoxie standen: Sir
W. Thomson, Sir George Stokes, die Professoren Tait, Adams, Clerk --
Maxwell und Cayley -- gar nicht zu nennen die weniger bedeutenderen:
Routh, Todhunter, Ferrers u. s. w. waren alle überzeugte Christen.
Clifford allein war damals gerade von dem Extrem der Orthodoxie zu
dem des Unglaubens übergesprungen -- ein vereinzeltes Beispiel,
welches ich als besonders interessant für unsern Zweck ansehe, da es
den überwiegenden Einfluß eines unnatürlich aufgeregten Charakters
gerade auf einen so außerordentlich intelligenten Mann zeigt, denn
die Vernunftmäßigkeit des ganzen Baues des christlichen Glaubens kann
ihre Pole doch nicht innerhalb so weniger Monate gewechselt haben.
Nun würde es ohne Zweifel leicht sein, wo anders als in Cambridge
Mathematiker erster Größe zu finden, welche in unserer Generation
entschiedene Gegner des Christentums sind oder gewesen sind, wenn auch
sicherlich nicht eine so große Reihe von Sternen erster Größe. Aber
sei dies wie es will, das Beispiel in Cambridge aus meiner eignen Zeit
scheint mir an sich genugsam zu beweisen, daß der christliche Glaube
durch die höchsten Kräfte der Vernunft weder begünstigt noch geschädigt
werden kann, sondern daß er von anderen noch viel mächtigeren Faktoren
abhängt.
Glaube und Aberglaube.
Mag das Christentum wahr sein oder nicht, -- zwischen diesen beiden
Begriffen bleibt doch immer ein großer Unterschied. Denn während der
Hauptbestandteil des christlichen Glaubens ein sittliches Element
ist, ist ein solches bei dem Aberglauben nicht vorhanden. Die einzige
Ähnlichkeit zwischen beiden ist thatsächlich die, daß beide einen
Geisteszustand bezeichnen, den man eben »Glaube« nennt. Daher kommt
es, daß beide Begriffe von Gegnern des Christentums und selbst
von Nicht-Christen so oft verwechselt werden. Der viel wichtigere
Unterschied wird nicht hervorgehoben, nämlich der, daß der Glaube in
dem einen Fall ein rein intellektueller, im andern Fall hauptsächlich
ein sittlicher ist. Wenn er nur intellektuell aufzufassen ist, so kann
der Glaube nichts anderes als bloße Leichtgläubigkeit bei gänzlichem
Mangel an Beweiskraft sein; aber wo ein sittlicher Grund zum Glauben
vorhanden ist, da liegt der Fall natürlich ganz anders; denn selbst
wenn es einem Fernerstehenden bloße Leichtgläubigkeit zu sein scheint,
so mag dies dann daher kommen, daß jener die aus sittlichen Thatsachen
hinzukommenden Beweise nicht in Betracht zieht. --
Glaube und Aberglaube werden oft verwechselt, ja sogar identifiziert.
Ohne Frage sind sie auch in einem gewissen Punkt identisch, sie
zeigen nämlich, wie gesagt, beide einen geistigen Zustand, den man
eben »Glaube« nennt. Dies können alle Menschen erkennen, aber nicht
jeder kann weiter sehen und die Unterschiede erklären. Diese sind
aber folgende: Wenn wir annehmen, daß das Christentum wahr ist, -- so
ist eben der Glaube der innere (_spiritual_) Beweis; wenn wir aber
annehmen, daß das Christentum falsch sei: so bleibt doch noch ein
moralischer Bestandteil im Glauben, welcher _ex hypothesi_ (d. h.
in Folge der Voraussetzung) im Aberglauben nicht vorhanden ist. Mit
andern Worten: Glaube oder Aberglaube ruhen beide auf einer geistigen
Grundlage (was auch bloße Leichtgläubigkeit sein kann); aber der
Glaube ruht zugleich auf einem sittlichen Grunde, selbst dann, wenn
er nicht in gleicher Weise auf einem geistigen Grunde steht. Sogar in
menschlichen Verhältnissen giebt es einen großen Unterschied zwischen
dem Glauben an eine wissenschaftliche Theorie und dem Glauben an einen
persönlichen Charakter. Der Unterschied liegt eben darin, daß der
letztere ein sittliches Element enthält.
Das »Heilen durch Glauben« hat daher keine Ähnlichkeit mit dem »Dein
Glaube hat dir geholfen« des Neuen Testaments, wir müßten denn die
persönlichen Unterschiede unberücksichtigt lassen, welche zwischen
einem modernen Besprecher und Jesus Christus, die doch beide Gegenstand
des Glaubens sind, bestehen. Glaube gründet sich nicht ausschließlich
auf einen objektiven Beweis, der an die Vernunft appelliert (Meinung),
sondern hauptsächlich auf einen subjektiven Beweis, der an eine ganz
andere Fähigkeit appelliert (Vertrauen). Ob die Christen nun bei
dem, was sie glauben, recht oder unrecht haben mögen, -- ich bin
so fest, wie nur sonst von irgend etwas überzeugt, daß die von mir
soeben gegebene Begriffsbestimmung, welche sie alle für sich selbst
stillschweigend machen, logisch unanfechtbar ist; denn niemand kann
leugnen, daß es möglicher Weise ein Etwas giebt, was man ein Organ
geistlicher (_spiritual_) Beurteilung[70] nennen könnte. Wollte man
dies leugnen, so würde man thatsächlich die Stellung des reinen
Agnostizismus _in toto_ für falsch erklären; und dies bleibt selbst
dann so, wenn es keine objektiven oder streng wissenschaftlichen
Beweise für ein solches Organ gäbe, wie wir sie ja aber im Leben der
Heiligen, und in geringerem Maße in der Universalität des religiösen
Gefühls haben. Giebt es nun ein solches Organ, so folgt aus den
vorhergehenden Paragraphen, daß die Hauptbeweise für das Christentum
subjektiv nicht allein sein werden, sondern sein müssen: ich meine,
sie =müssen= es sein, da gemäß der Voraussetzung des Christen das
Christentum seinem Inhalt nach eine sittliche Prüfung enthält, und da
der »Glaube« sowohl eine Probe auf die Wahrheit ist als auch einen Lohn
in sich schließt.
Manche praktischen Erwägungen entstehen daraus, z. B. die Pflicht der
Eltern, die Kinder ebensowohl in dem zu erziehen, was sie glauben als
in dem, was sie wissen. Das würde ganz ungerechtfertigt sein, wenn
Glaube dasselbe wie Meinung wäre. Aber es ist durchaus gerechtfertigt,
wenn ein Mensch nicht allein weiß, daß er etwas glaubt (Meinung),
sondern auch glaubt, daß er etwas weiß (Glaube).[71] Wenn sich nun der
Christ darin von dem natürlichen Menschen unterscheidet, daß jener ein
inneres (_spiritual_) Organ der Erkenntnis besitzt, -- vorausgesetzt
daß er ehrlich glaubt, es sei so, so würde es unsittlich von ihm sein,
wenn er nicht in Übereinstimmung mit dem handelte, was er für seine
Erkenntnis hält. Diese Verpflichtung bei der Erziehung erkennt man auch
in jedem anderen Fall an. Solch ein Mann ist moralisch im Recht, wenn
er auch geistig irrt. --
Huxley sagt in seinen »Laien-Predigten«, daß der Glaube von der
Wissenschaft als »Kardinalsünde« erwiesen worden sei. Nun, dies ist
allerdings wahr in Bezug auf Leichtgläubigkeit, Aberglauben u. s. w.,
und die Wissenschaft hat unendlich viel Gutes gethan, indem sie unsere
Begriffe von Methode, Beweis &c. klarlegte. Aber dies liegt alles im
Gebiet des Intellekts. Der Glaube wird von solchen Thatsachen oder
Betrachtungen nicht berührt. Und welch eine schreckliche Hölle würde
die Wissenschaft aus der Welt gemacht haben, wenn sie den »Geist des
Glaubens« auch in menschlichen Verhältnissen vernichtet hätte. Huxley
verfällt also in den so allgemeinen Irrtum, daß er »Glaube« und Meinung
verwechselt.
Wenn man das Christentum für wahr hält, so ist es durchaus vernünftig,
wenn der Glaube im oben schon erklärten Sinn als eine Probe der
göttlichen Gnade erklärt wird. Wenn es überhaupt eine Scheidung der
Menschen durch Christus giebt, dann muß sich der Hauptgesichtspunkt,
nach dem diese geschieht, auf jene moralische Eigenschaft beziehen.
Niemand kann eine Offenbarung annehmen, die sich bloß an den Intellekt
des Menschen richtet, weil die Annahme derselben alsdann nur eine Sache
der Klugheit wäre, indem man einer durch höhere Intellekte gemachten
Demonstration beipflichtet.
Wenn das Christentum also berechtigter Weise diese Welt als eine
Schule sittlicher Prüfung darstellt, dann können wir in der That kein
besseres und dazu passenderes System finden als diese Welt und keinen
besseren Schulmeister als das Christentum. Dies wird nicht allein durch
ein allgemeines Räsonnement erwiesen, sondern auch durch das, was das
Christentum in der Welt geleistet hat, durch seine Anwendbarkeit auf
individuelle Bedürfnisse u. s. w. Man beachte nur die außerordentliche
Verschiedenheit der menschlichen Charaktere in Bezug auf Sittlichkeit
und geistliches (_spiritual_) Leben, und doch leben alle in derselben
Welt. Aus äußerlich demselben Stoff und in derselben Umgebung entstehen
so wunderbar verschiedene Produkte, je nachdem Stoff und Umgebung
verwendet werden. Selbst menschliche Leiden in ihrer schlimmsten
Gestalt können willkommen geheißen werden, wenn der Glaube an ein
solches Ziel sie rechtfertigt. Leiden drücken nicht und Thränen haben
nichts bitteres, sondern man soll sich ihrer vielmehr freuen.[72]
Es ist ferner eine Thatsache, daß es nur durch diese Theorie
der =Prüfung= möglich ist, für die Welt einen Sinn, d. h. einen
vernünftigen Zweck für das menschliche Dasein zu erkennen. Setzt man
die Wahrheit des Christentums voraus, so wird jedermann nach den
Ergebnissen seiner eignen Lebensführung gerichtet, und diese entwickelt
sich aus seinem eignen moralischen Charakter. (Dies könnte nicht so
sein, wenn der =Entscheid= Sache intellektueller Begabung wäre.) Damit
ist jedoch nicht gesagt, daß die Ausübung des Willens in der Richtung
der Religion nicht einer Hilfe bedarf, um zum Glauben zu kommen und daß
dazu der eine mehr, der andere weniger Hilfe nötig hat. Ja, es kann
sogar sein, daß manche absichtlich von jeder Hilfe ausgeschlossen sind,
damit ihre Verantwortlichkeit nicht vermehrt werde, oder daß sie nur
wenig Hilfe erfahren, so daß die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer
Vernunft entspringen, für sie eine moralische Prüfung bilden. Doch, wie
dem auch sein mag, uns steht darin sicherlich kein Richteramt zu.
* * * * *
Es ist auch eine Thatsache, daß uns allen der Intellekt des Menschen
höher zu stehen scheint als seine Sinnlichkeit, wir mögen über ihren
Ursprung eine Ansicht haben, welche wir wollen. Ebenso stellen wir alle
in gleicher Weise die sittliche Seite des Menschen höher als seinen
Intellekt, mögen wir sonst auch von beiden denken, was wir wollen.
Es ist ferner eine Thatsache, daß wir die geistliche (_spiritual_)
Seite höher stellen als die sittliche, welche Theorie von der Religion
wir auch haben mögen. Die sittlichen und noch mehr die geistlichen
Eigenschaften eines Menschen sind es, welche seinen Charakter bilden.
Und es ist wunderbar, wie der Charakter auf allen Lebenswegen
schließlich doch die Hauptsache ist.
Alle diese Begriffe sind klar und allgemein anerkannt, nämlich:
{ Sinnlichkeit,
Der Mensch hat { Intellekt,
{ Sittlichkeit,
{ =Geist= (=Seele=) (»_spirituality_«).
Sittlichkeit und Geist sind als zwei ganz verschiedene Dinge anzusehen.
Ein Mensch kann in seinem Verhalten im höchsten Grade sittlich sein,
ohne irgendwie seiner Natur nach geistlich gerichtet zu sein, und auch,
wenn freilich in geringerem Maße, umgekehrt. Und =objektiv= erkennen
wir denselben Unterschied zwischen Moral und Religion. Unter Geist
verstehe ich die religiöse Denkart (»Temperament«), mag damit irgend
ein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma verbunden sein oder nicht.
Es besteht wohl kein Zweifel, daß intellektuelle Genüsse befriedigender
und nachhaltiger sind als sinnliche (»_sensual_«) -- oder selbst nur
für die Sinne erkennbare (»_sensuous_«). Und für die, welche sie
erfahren haben, ist es ebenso sicher, daß geistliche Genüsse über
intellektuellen, künstlerischen u. s. w. stehen. Es ist dies eine
objektive Thatsache, die vollauf von jedem bestätigt wird, der die
Erfahrung gemacht hat, und sie scheint anzuzeigen, daß die geistliche
Seite des Menschen das Höchste in ihm, der Kulminationspunkt seines
Wesens, ist.
* * * * *
Es ist vielleicht wahr, was Renan in seiner nachgelassenen Schrift
sagt, daß es immer Materialisten und Spiritualisten geben wird,
insofern man immer wird beobachten können, daß es kein Denken ohne
Gehirn giebt, während andererseits des Menschen Instinkte immer nach
einem höheren Glauben streben werden. Aber so muß es ja gerade sein,
wenn die Religion Wahrheit ist, und wenn wir hier in einer Welt der
Prüfung leben. Ist es nicht wahrscheinlich, daß der materialistische
Standpunkt (der selbst von der Philosophie nicht mehr geachtet wird),
nur einfach aus Gewohnheit und Mangel an Einbildungskraft entspringt?
Woher käme sonst jener unausrottbare Instinkt?
* * * * *
Es ist viel leichter nicht zu glauben als zu glauben. Für die
Vernunft liegt dies auf der Hand, aber auch für den Geist ist es so,
denn nicht zu glauben entspricht dem Einfluß der Umgebung und der
allgemeinen Gewohnheit der Menschen, während der Glaube eine geistliche
(_spiritual_) Übung der Einbildungskraft fordert. Aus diesen beiden
Gründen haben sehr wenig Ungläubige für ihren Unglauben irgend eine
Entschuldigung, weder eine aus der Vernunft entspringende noch eine
geistliche.
Der Unglaube stammt gewöhnlich aus Gleichgültigkeit, oft aus Vorurteil,
und ist niemals etwas, worauf man stolz sein könnte.
* * * * *
»Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten auferwecken
kann?« Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar keine Antwort geben.
Aber er wird natürlich sagen: »Die Frage ist vielmehr, warum sollte
es Euch glaubhaft sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen
giebt, daß er Tote erwecken soll?« Und ich denke, der weise Christ wird
antworten: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten teils aus Gründen
der Vernunft, teils aus innerer Anschauung (Intuition), doch vor allem
aus beiden zusammen, mein ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze
Lehrsystem an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit
einen Hauptteil bildet.« Dazu können wir wohl noch hinzufügen, daß die
christliche Lehre von der Auferstehung unseres Leibes nicht deshalb
aufgestellt worden ist, um den modernen materialistischen Einwürfen
gegen die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit zu begegnen;
daher ist es auch sicherlich sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener
Zeit zusammen mit der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der
Nichtigkeit des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man nicht,
daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben bleiben würde?
Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet wird, um den Menschen von
Gott zu unterscheiden, -- daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem
auch sei, die Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen
Einwurf gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und hat so
erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser Absatz beginnt.
Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, selbst
der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung (Intuition), nicht
durch den Verstand erkannt werden. Keiner kann dies leugnen. Nun also,
wenn es einen Gott giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich
zu den ersten aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen.
Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß dann Gott,
wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein muß und (wenn
überhaupt erkennbar), durch Anschauung und nicht durch Vernunft. --
Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu zeigen, daß
die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist über diese Sache
abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei dem man das Unbekannte aus
dem Bekannten ableitet. --
Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, daß Gott,
gerade wenn er existiert, durch die Vernunft erkannt werden könnte.
Er muß, wenn er überhaupt erkennbar ist, durch Anschauung erkannt
werden.[73]
* * * * *
Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive Offenbarung
geben könnte, -- d. h. wie die Christen glauben, daß es geschehen ist,
-- so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis von ihm bringen,
ausgenommen für diejenigen, welche die Offenbarung eben für echt
halten; und ich bezweifle die logische Möglichkeit, daß irgend welche
Form objektiver Offenbarung zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein,
wenn einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so würde er
es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben vom Himmel könnten
es nicht. Aber selbst wenn es logisch möglich wäre, so brauchen wir
diese abstrakte Möglichkeit gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir
sehen, daß keine solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist.
Daher ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der reine
Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, wird man sagen, es
besteht doch ein so großer Unterschied zwischen unserer intuitiven
Kenntnis aller anderen obersten Grundsätze und der angeblichen
Kenntnis des allerobersten Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere
eingestandener Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier
liegt in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein,
wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung befinden.
Daß wir uns aber in einem solchen befinden, ist wie gesagt, nicht
allein eine religiöse Hypothese, sondern auch die allein vernünftige
Auslegung sowie auch die sittliche Rechtfertigung unseres Daseins als
vernünftige und sittlich-handelnde Wesen.[74]
* * * * *
Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen Agnostiker
anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung göttlichen Ursprungs
wäre, die so gegebene Erleuchtung nur für den betreffenden Menschen als
Beweis von Wert sein könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht,
wenn auch nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch
von einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung ersehnt,
schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie nicht als ein
Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein Phänomen erforschen. Und
angenommen, daß sie göttlichen Ursprungs ist, wie es die, welche sie
erfuhren, glauben, und was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann
er noch mehr Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische
Täuschung sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte
erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit Lichterscheinungen
sehen würde, welche etwa von Magneten ausgehen, dann würde kein Zweifel
an ihrem objektiven Vorhandensein bestehen.
* * * * *
Das Zeugnis des Sokrates von seiner Wahrnehmung einer inneren Stimme,
welche ganz den Charakter einer Hallucination des Gehörs hat, hat den
Philosophen Anlaß zu vielen Spekulationen gegeben.
Viele Erklärungen wurden versucht, aber wenn wir uns der kritischen
Natur des Sokrates erinnern, =der buchstäblichen Natur seiner
Lehrmethode= und der hohen Bedeutung, welche nach Plato's Meinung
dieser Sache zukommt, dann scheint die Wahrscheinlichkeit dahin zu
neigen, daß der »Dämon« in dem eigenen Bewußtsein des Sokrates
thatsächlich eine Gehörempfindung gewesen ist. Mag das nun sein, wie
es will, meiner Meinung nach ist es keine Frage, daß wir uns diese
Ansicht von der Sache wenigstens so weit aneignen dürfen, daß wir
Sokrates auf gleiche Stufe mit Luther, Pascal u. s. w. stellen können,
ganz zu schweigen von der ganzen Reihe von israelitischen und anderen
Propheten, welche übereinstimmend von einer göttlichen Stimme sprechen.
--
Dann aber entsteht die weitere Frage, ob wir alle diese Männer
jenen Irrsinnigen gleichstellen sollen, bei denen die Phänomene
der Gehör-Hallucinationen etwas alltägliches sind. Diese Annahme
entspricht zweifellos dem Wesen unseres Zeitalters, einmal weil sie
dem Sparsamkeitsgesetz gehorcht, und dann, weil es _a priori_ die
Möglichkeit einer Offenbarung zurückweist. --
Wenn wir aber diese Sache von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus
betrachten, so sind wir nicht berechtigt, eine solche grobe und schnell
fertige Deutung zu geben.
Angenommen, daß nicht allein Sokrates und alle großen
Religions-Reformatoren und Gründer religiöser Systeme vor und nach ihm
in gleicher Weise von einer Geisteskrankheit befallen gewesen wären,
sondern daß ähnliche Phänomene auch =bei allen wissenschaftlichen
Entdeckern=: Galilei, Newton, Darwin &c. vorgekommen wären; --
angenommen, alle diese Männer hätten erklärt, daß ihre Hauptgedanken
ihnen durch subjektive Empfindungen gleichsam wie durch eine
gesprochene Sprache mitgeteilt worden wären, so daß aller Fortschritt
in dem wissenschaftlichen Denken der Welt dem des religiösen
Denkens gleich wäre, und daher von den Förderern derselben direkten
Inspirationen dieser Art zugeschrieben worden wäre; -- alles dies
angenommen, würde man dann leugnen können, daß das Zeugnis, welches
derartig zu Gunsten der Thatsache einer subjektiven Offenbarung gegeben
wäre, ein überwältigendes sei? Oder könnte man dann noch länger daran
festhalten, daß die Thatsache einer subjektiv mitgeteilten Offenbarung
nur für den Empfänger selbst Beweiskraft besitzen sollte? Man wird
hierauf ohne Zweifel antworten: Nein, aber im angenommenen Falle
entspringt der Beweis nicht nur der Thatsache ihrer subjektiven
Anschauung, sondern aus der Thatsache ihrer objektiven Beglaubigung
durch die wissenschaftlichen Resultate. Nun gut! aber dieses ist gerade
das Zeugnis, an welches die hebräischen Propheten appellieren -- das
Zeugnis der wahren und falschen Propheten, das in der Erfüllung oder
Nichterfüllung ihrer Weissagungen besteht und in den Worten ausgedrückt
ist: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.«. Zu sagen, daß das
religiöse Bewußtsein der übrigen Menschen für uns kein Beweis _a
priori_ sein kann, ist ebenso thöricht, als wenn man sagt, daß das
Zeugnis für das Wunderbare für andere keinen Wert hat. Der reine
Agnostiker muß immer sorgfältig die Straße aprioristischer Urteile
vermeiden. Aber andererseits muß er desto eifriger den Charakter
des Beweises _a posteriori_ aufrichtig nach Umfang und nach Inhalt
beachten. Der Beweis ist nun in dem gegenwärtigen Fall ein doppelter,
positiv und negativ. Es wird gut sein, den negativen zuerst zu
betrachten.
Der negative Beweis wird durch die Natur des Menschen ohne Gott
geliefert. Der Zustand eines solchen Menschen ist ein durchaus elender,
wie Pascal es so schön gezeigt hat: den ganzen ersten Teil seiner
Betrachtungen hat er diesem Gegenstand gewidmet. Ich brauche den Weg
nicht zu betreten, den er bereits so gut durchforscht hat. --
Einige Menschen sind sich der Ursache dieses Elends nicht bewußt,
indessen ändert dies nichts an der Thatsache, =daß= sie elend sind.
Denn meistenteils verheimlichen sie die Thatsache so gut wie möglich
sich selbst, indem sie sich in Gesellschaft oder im Sport und in
Nichtigkeiten jeder Art, oder wenn sie intellektuell veranlagt sind,
mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, Arbeit &c. zerstreuen. Dies
ist indessen so, als wenn man die Hungernden mit Hülsen sättigen
wollte. Ich kenne aus Erfahrung die intellektuelle Zerstreuungen der
wissenschaftlichen Forschung, der philosophischen Spekulation und des
künstlerischen Genusses, aber ich bin mir auch ebenso des einen bewußt:
wenn man auch alles zusammen nimmt und alles dem Geschmack in Beziehung
auf Ansehen, Mittel und gesellschaftliche Stellung möglichst angenehm
macht u. s. w., -- das alles ist doch nur ein feines Zuckerwerk für
einen verhungernden Menschen. Er mag sich für kurze Zeit -- besonders
wenn er ein kräftiger Mensch ist -- selbst mit dem Glauben betrügen,
daß er sich ernährt, indem er seinen natürlichen Hunger verleugnet;
bald jedoch erkennt er, daß er für eine ganz andere Nahrung gemacht
wurde, selbst wenn sie weniger schmackhaft sein sollte.
Einige Menschen erkennen dies niemals klar und deutlich, doch immer
zeigen sie es den andern deutlich genug. Bedenke z. B. »die größte
Schwäche edler Seelen«: ich denke, die höchste und am wenigsten
sinnliche von allen weltlichen Freuden besteht in der wohlverdienten
Anerkennung der Welt darüber, daß wir aus uns selbst heraus zur hohen
Vollendung gelangten. Und doch ist es wahr: »Gott hat verordnet, daß
der Ruhm das höchste Sehnen nicht befriedigen kann.« Ich habe nicht
wenige von den berühmten Männern unserer Generation kennen gelernt, und
habe diesen Ausspruch stets als durchaus wahr befunden. Gleich allen
andern »sittlichen« Befriedigungen wird auch dies bald durch Gewohnheit
alltäglich, und, sobald =eine= Auszeichnung erlangt ist, sehnt man sich
nach einer andern. Da giebt es kein Ende, bei dem man rasten könnte,
während doch Krankheit und Tod stets im Hintergrund lauern. Gewohnheit
kann den Menschen selbst über sein Elend blind machen; so weit, daß er
es sich nicht klar macht, was ihm fehlt; aber es fehlt ihm doch immer
etwas.
Ich halte es also für unwidersprechlich richtig, daß diese ganze
negative Seite unseres Gegenstandes eine Leere in der Seele des
Menschen zeigt, welche nur der Glaube an Gott ausfüllen kann.
Nun zur positiven Seite! Man betrachte die Glückseligkeit der Religion
und besonders der höchsten, nämlich der christlichen Religion.
Abgesehen davon, daß der Glaube den Menschen außerordentlich kräftig
beeinflußt, hält er auch am meisten aus, wächst und wird nie durch
Gewohnheit altbacken. Kurz, er unterscheidet sich, wie auch alle, die
ihn haben, einstimmig bezeugen, von jedem andern Glück nicht allein
dem Grade, sondern auch dem Wesen nach. Die ihn besitzen, können es
gewöhnlich durch das beweisen, was sie ohne ihn waren. Er hat keine
Beziehung zu einem aus der Vernunft stammenden Zustand. Er ist ein Ding
für sich und unübertrefflich.
So viel ist er für den Einzelnen. Aber der positive Beweis hört hiermit
nicht auf. Man betrachte ferner die Wirkungen des christlichen Glaubens
auf die menschliche Gesellschaft -- durch christliche Persönlichkeiten
auf die Familie, und durch die christliche Kirche auf die ganze Welt.
Alles dies zeigt uns, daß das Christentum allen höheren menschlichen
Bedürfnissen angepaßt ist. Alle Menschen müssen diese Bedürfnisse
mehr oder weniger fühlen, je nach dem Maße, als ihre höhere Natur in
sittlicher oder geistlicher (_spiritual_) Beziehung entwickelt ist.
Das Christentum aber ist die einzige Religion, welche im Stande ist,
diese Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar -- nach denen zu urteilen,
die allein fähig sind, es zu bezeugen, -- im vollsten Maße. Alle diese
Menschen, aus jeder Sekte, jeder Nation u. s. w., berichten darüber
übereinstimmend aus ihrer eignen Erfahrung, so daß dieser Punkt über
allem Zweifel erhaben ist. Die einzige Frage ist nur, ob sie nicht etwa
alle betrogen sind.
_Peu de chose.
La vie est vaine: La vie est brève:
Un peu d'amour, Un peu d'espoir,
Un peu de haine .... Un peu de rêve ....
Et puis -- bon jour! Et puis -- bon soir!_[75]
Diese Verse enthalten eine kurze und wahre Beurteilung dieses Lebens
ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges. Befriedigt es? -- Doch der
Christenglaube giebt ein ganz anderes Bild:
_The night has a thousand eyes,
And the day but one;
Yet the light of the whole world dies
With the setting sun.
The mind has a thousand eyes,
And the heart but one;
But the light of a whole life dies
When love is done._[76]
Ja, das ist die Liebe! Wie erhaben ist aber dann das Christentum, die
Religion der Liebe. Sie läßt die Menschen an den Urquell der höchsten
Liebe und an die Unendlichkeit von Gottes Liebe zu den Menschen
glauben.
§ 5. Der Glaube an das Christentum.
Das Christentum wird in dieser Abhandlung einer ernsten Untersuchung
unterworfen, weil diese »Prüfung der Religion« [d. h. des Wertes des
religiösen Bewußtseins] sich mit den Argumenten für den Theismus
beschäftigt, wie sie der Mensch und nicht die Natur allein, abgesehen
vom Menschen, liefert. Das Christentum aber ist unfraglich die höchste
Offenbarung des religiösen Bewußtseins. --
Als ich meine frühere Abhandlung [»die unbefangene Prüfung«]
schrieb, habe ich die ungeheuere Bedeutung, welche die menschliche
Natur gegenüber der physikalischen für jede den Theismus betretende
Untersuchung hat, nicht genügend gewürdigt. Aber seitdem habe ich
eingehend Anthropologie (sowie Religionswissenschaft), Psychologie
und Metaphysik studiert und das Ergebnis war, daß ich es =nun=
klar erkannte, daß der Mensch für die Untersuchung der Theorie des
Theismus das wichtigste Wesen der ganzen Natur ist. Dies hätte
ich schon aus Gründen _a priori_ vorher erkennen sollen, und das
wäre auch ohne Zweifel geschehen, wäre ich nicht zu sehr in rein
naturwissenschaftliche Untersuchungen vertieft gewesen.
Damals hielt ich es obendrein für erwiesen, daß das Christentum seine
Rolle ausgespielt hätte, und glaubte überhaupt nicht, daß es irgend
eine vernunftmäßige Bedeutung für die Frage des Theismus habe. Und
wenn dies auch ohne Zweifel nicht zu entschädigen war, so glaube
ich doch auch, daß sich die rationelle Stellung des Christentums
seitdem wesentlich befestigt hat. Denn damals schien es so, als ob
das Christentum als rationelles System den doppelten Angriff: von
außen durch Darwin und von innen durch die Schule der negativen Kritik
-- unterliegen würde. Nicht allein das Buch der organischen Natur,
sondern auch seine eigenen heiligen Dokumente schienen sich gegen es
zu erklären. Doch jetzt ist dies alles wesentlich anders geworden. Wir
haben es erlebt, daß es dem Darwinismus in dieser Hinsicht ebenso wie
seiner Zeit dem Kopernikanischen Weltsystem u. s. w. ergangen ist,[77]
und der Ausgang jenes großen Kampfes um den Text[78] ist, wie jeder
Unparteiische anerkennen muß, ein glänzender Sieg des Christentums.
Ehe es die neue [biblische] Wissenschaft gab, hatten nachdenkende
Menschen thatsächlich keine vernunftgemäße Grundlage weder für
das Alter von irgend einer der neutestamentlichen Schriften noch
infolgedessen für die historische Wahrheit der in denselben erzählten
Begebenheiten. Evangelien, Apostelgeschichte und Episteln waren
gleicherweise in diese Ungewißheit gehüllt. Daraus erklärt sich
die Lebensfähigkeit des Skeptizismus im 18. Jahrhundert. Nun aber
ist diese ganze Art Skeptizismus veraltet und für immer unmöglich
gemacht: für eine genügende Zahl von Schriften, die Paulus zu dem
praktischen Zweck schrieb, den Glauben der Apostel darzulegen, ist die
Echtheit bestätigt, und mit Sicherheit ist nachgewiesen, daß die drei
synoptischen Evangelien im ersten Jahrhundert veröffentlicht wurden.
Daraus ist ein ungeheuerer Vorteil für den objektiven Beweis des
Christentums erwachsen. Es ist außerordentlich wichtig, daß der kundige
Forscher exakt sein muß, und daß die Laien, wie in jeder anderen
Wissenschaft so auch hier, nur =das= auf Autorität hin als glaubwürdig
annehmen müssen, worauf sich beide Seiten geeinigt haben. Aber wie bei
jeder anderen Wissenschaft sind die Kundigen in Gefahr, die Wichtigkeit
der sicheren Hauptergebnisse, über die man sich schon geeinigt hat,
gegenüber den weniger wichtigen Punkten, über die man noch streitet, zu
vergessen. Uns genügt es, daß die Episteln an die Römer, Galater und
Korinther als echt anerkannt worden sind, sowie auch die Synoptiker,
insofern sie sich auf die Hauptlehren Christi selbst beziehen. --
* * * * *
Man darf die außerordentliche Unbefangenheit der Biographen Christi
nicht vergessen.[79] Man denke z. B. an Worte wie: »Aber einige
zweifelten«, und beim Bericht des Pfingstfestes: »sie sind voll süßen
Weins«.[80] Solche Bemerkungen sind wunderbar naturgetreu, aber nicht
weniger wunderbar widersprechen sie der »Accretion«-Theorie.[81]
Wenn wir ganz ehrliche reine Agnostiker werden, so verändert sich das
ganze Bild durch unseren veränderten Standpunkt. Alsdann können wir die
Aufzeichnungen unparteiisch oder nach ihrem wahren Wert lesen, ohne
schon von vorneherein die Überzeugung zu haben, daß sie falsch sein
müssen. Es ist dann nur die eine Frage offen, ob sie historisch wahr
sind oder nicht.
Objektive Beweise für das Christentum lassen sich so viele anführen,
daß, wenn die im Mittelpunkt stehenden Lehrsätze von Wundern frei
bezeugt wären, niemand an ihnen zweifeln würde. Aber wir sind keine
kompetenten Richter, die _a priori_ über das Wesen einer Offenbarung
urteilen könnten. Wenn unser Agnostizismus rein ist, so haben wir kein
Recht, die Sache aus »_prima facie_«-Gründen zu beurteilen.
* * * * *
Einer der wichtigsten Punkte des objektiven Beweises zu Gunsten des
Christentums wird von den Apologeten nicht genug betont. Ich kann
mich in der That nicht entsinnen, ihn jemals erwähnt gesehen zu
haben. Es ist dieser, daß in dem Bericht über das Leben Christi alle
solchen Lehren fehlen, welche die spätere, wachsende, menschliche
Erkenntnis -- sei es in der Naturwissenschaft, Ethik oder Politik
oder sonstwo -- hätte entwerten können. Dieses negative Argument ist
thatsächlich beinahe ebenso wichtig als das positive aus den Lehren
Christi entnommene, denn wenn wir bedenken, wie viele Reden von ihm
aufgezeichnet oder ihm wenigstens zugeschrieben sind, -- so ist es
doch höchst merkwürdig, daß buchstäblich nicht einzusehen ist, daß
irgend eines seiner Worte je vergehen sollte. »Es wird heute selbst
dem Ungläubigen nicht leicht sein«, sagt John Stuart Mill, »eine
bessere Übertragung der abstrakten Regeln der Tugend ins Praktische
zu finden, als wenn er sich bestrebt, so zu leben, daß Christus sein
Leben billigen würde.«[82] Man vergleiche Jesus Christus in dieser
Beziehung mit anderen Denkern des Altertums: Plato war, obgleich
der Zeit nach 400 Jahre älter als Christus, diesem in Bezug auf
philosophisches Denken weit voraus, -- nicht allein, weil damals Athen
die außerordentliche Erscheinung einer seitdem nicht wieder erreichten
Blüte zeigte, sondern auch weil er als Nachfolger des Sokrates an sich
schon der größte Repräsentant menschlicher Vernunft in der Richtung des
Spiritualismus war, allein selbst Plato ist in jener Hinsicht durchaus
nicht mit Christus zu vergleichen. Man lese nur die Dialoge, und man
wird sehen, wie groß der Kontrast derselben mit den Evangelien in
Bezug auf Irrtümer jeder Art ist -- ja, sie grenzen hinsichtlich ihrer
Vernunftgemäßheit sogar an Absurdität und enthalten Aussprüche, die das
sittliche Gefühl beleidigen. Und doch ist dies eingestandenermaßen die
höchste Höhe menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus,
soweit sie nicht von göttlicher Offenbarung unterstützt wird.
Zweierlei könnte man erwidern: erstens, daß die Juden (Rabbiner) zu
Christi Zeit die meisten seiner Sittensprüche schon ausgesprochen
hätten. Aber, selbst wenn dies wahr wäre, dann sind doch die Worte
offenbar dem alten Testament entnommen oder von ihm abgeleitet, und
sind so _ex hypothesi_ ursprünglich einer Offenbarung zuzuschreiben.
Andererseits ist diese Behauptung doch auch wohl nicht ganz richtig,
weil Christus seine Sittensprüche, wie »_Ecce Homo_« sagt, auch
wenn sie von den Rabbinern und von dem alten Testament schon vorher
ausgesprochen waren, doch selbst ausgewählt hat. --
* * * * *
Es ist allgemeine, vielleicht sogar ausnahmslose Regel, daß sich
die Verächter des Christentums überhaupt aus keiner Religion etwas
machen. »Drei Schritt vom Leib.« Das war stets der Gedanke solcher
Leute; während andererseits die Menschen, deren religiöses Gefühl
unversehrt geblieben ist, die aber das Christentum aus intellektuellen
Gründen verworfen haben, Christus doch noch fast vergöttern. Dies sind
bemerkenswerte Thatsachen.
Wenn wir die Größe eines Mannes nach dem Einfluß beurteilen, welchen
er auf die Menschheit ausgeübt hat, so kann es selbst vom weltlichen
Standpunkt aus keine Frage sein, daß Christus der bei weitem größte
Mann ist, der jemals gelebt hat.
Aus allen Seiten, nur nicht von thörichter Unwissenheit und
niedriger Gemeinheit, wird es anerkannt, daß die von dem Christentum
im Menschenleben hervorgerufene Umwälzung mit keiner anderen
historischen Bewegung zu messen und zu vergleichen ist, oder daß
sie von irgend einer anderen erreicht wird. Am nächsten steht ihr
die durch die jüdische Religion hervorgerufene, aber jene ist nur
eine Weiterentwicklung von dieser, so daß man beide als aus einem
Stück betrachten kann. So angesehen, ist dieses ganze Religionssystem
so unermeßlich hoch über allen anderen erhaben, daß zugestanden
werden muß: wenn die Juden nicht gewesen wären, so würde das
Menschengeschlecht keine unserer ernsten Aufmerksamkeit würdige
Religion gehabt haben. Diese ganze Seite der menschlichen Natur
würde sich niemals in dem zivilisierten Leben entfaltet haben. Und
obgleich es zahllose Menschen giebt, die sich ihrer eignen Entwicklung
in dieser Hinsicht nicht bewußt sind, so sind doch selbst diese
in außerordentlichem Maße von der auch sie umgebenden religiösen
Atmosphäre beeinflußt.
Aber das Christentum ist nicht allein allen anderen =Religionen=
unermeßlich weit überlegen, sondern auch allen anderen
=Gedankensystemen=, die je in Bezug auf Alles, was sittlich und
geistlich (_spiritual_) ist, aufgestellt worden sind. Mag das
Christentum wahr sein oder nicht, sicher ist, daß weder die Philosophie
noch die Naturwissenschaft, noch die Poesie je etwas gezeitigt haben,
was an Gedankentiefe, Reinheit des Lebens oder Schönheit irgendwie mit
der Lehre des Christentums zu vergleichen wäre. Dies wird, denke ich,
in Bezug auf Reinheit des Lebens von allen Seiten anerkannt werden. In
Bezug auf Gedankentiefe und Schönheit kann es vielleicht bestritten
werden. Aber man bedenke -- was hat die ganze Naturwissenschaft oder
die ganze Philosophie für das Denken der Menschheit gethan, verglichen
mit dem einen Satz: »Gott ist die Liebe?« Ob wahr oder nicht, man denke
nur einmal aus, was der Glaube an dieses Wort Tausenden von Millionen
unsres Geschlechts gewesen ist. Da aber liegt sein Einfluß auf das
Denken des Menschen und dann weiter auf den Lebenswandel. Wenn man
diesen unvergleichlichen Einfluß auf das =Leben= zugiebt, so heißt das
indirekt auch den Einfluß auf das =Denken= zu geben. Was andererseits
die Schönheit anbelangt, so zeigt der Mensch, der nicht erkennt, wie
unvergleichlich erhaben jene Lehre in dieser Hinsicht ist, damit seine
eigene Unfähigkeit, das zu würdigen, was das das Edelste am Menschen
ist. Mag die ganze Geschichte vom Kreuz wahr sein oder nicht, sie ist
von ihrem Anfang im Sehnen der Propheten bis zu ihrem Höhepunkt im
Evangelium das Herrlichste, was uns in der Litteratur je dargeboten
wurde. Und sicherlich nimmt ihm der Umstand, daß alles in ihr durchlebt
worden ist, nichts von ihrem poetischen Wert. Auch verliert sie an
ihrer Erhabenheit dadurch nichts, daß jeder einzelne Christ unserer
Zeit sie sich noch als eine lebenskräftige Religion aneignen kann. Nur
einem Menschen, der jeder geistigen Empfindung gänzlich bar ist, kann
das Christentum nicht als die großartigste, je auf unserer Erde erfaßte
Darstellung des Schönen, des Erhabenen und alles dessen erscheinen, was
sich an unsere geistliche Natur wendet.
Doch diese Seite seiner Anpassungsfähigkeit bezieht sich nur auf
Menschen von höchster Bildung. Das bewunderungswürdigste am Christentum
ist, daß es sich Menschen von jeder Art und Lebensstellung anpaßt. Bist
du geistig hoch begabt? In seinen historischen und philosophischen
Problemen findest Du eine Welt von Stoff, dem Du Dich Dein ganzes Leben
lang mit demselben Interesse widmen kannst, wie es den Naturforschern
in ihrem Gebiet geschenkt ist. Oder bist Du nur ein Landmann in Deiner
Dorfkirche und kennst nur wenig außer der Bibel? Dennoch bist Du
......[83]
Wiedergeburt.
Wie bemerkenswert ist die Lehre von der Wiedergeburt, wie sie im neuen
Testament[84] dargestellt ist, schon an und für sich, und wie schön
paßt sie zu dem nicht zu demonstrierenden Charakter einer sich nur an
die Vernunft wendenden Offenbarung, zu der Hypothese einer sittlichen
Prüfung u. s. w. Nun ist diese Lehre eine der charakteristischesten
Merkmale des Christentums. Sie bedeutet, wie Christus wiederholt und
bestimmt sagte und wie seine Apostel nach ihm ausführten, folgendes:
während diejenigen, die den heiligen Geist empfiengen, -- die durch
den Glauben an den Sohn zum Vater kamen, die vom heiligen Geist
wiedergeboren wurden (und viele andere gleichbedeutende Ausdrücke)
-- der christlichen Wahrheit so zu sagen durch direktes Schauen oder
durch Eingebung durchaus gewiß werden, werden die fleischlich Gesinnten
andererseits durch keinen noch so starken direkten Beweis beeinflußt,
selbst wenn einer von den Toten auferweckt würde, wie es Christus
kurz darauf wirklich zur Erfüllung dieser Vorhersagung that. So kann
der Skeptizismus von den Christen geradezu als eine Bestätigung des
Christentums betrachtet werden.
Jedenfalls wollen wir uns unser unabhängiges Urteil bewahren; die
vorliegende Frage gehört aber ganz besonders zu denen, bei welchen
reine Agnostiker sich der Anmaßung enthalten und die Thatsache
unparteiisch als unfragliche Erscheinung der Erfahrung betrachten
müssen.
Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus gesagt
hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten Mal. Sie ist seitdem
sicherlich auch weiterhin eingetreten, und sie ist von den Historikern
jenem besonderen »Pfingsten« genannten Zeitpunkt zugeschrieben worden,
wobei eine gewaltige Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl
von Menschen zum Glauben an Christum gelangten. --
Nehmen =wir= diese Erzählung nun auch an oder nicht, so ist es doch
ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an die Person und das Amt
ihres Meisters erfüllt wurden, und das genügt, um seine Lehre von der
Wiedergeburt zu rechtfertigen. --
Bekehrungen.
Augustinus bezeugt, -- und andere Kirchenväter thun ähnliches, --
daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, andauernde
und außerordentliche Wandlung vorgegangen sei, die man Bekehrung[85]
nennt. --
Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose Millionen
zivilisierter Männer und Frauen aus allen Nationen und auf allen
Stufen der Bildung bestätigt worden. Es kommt nicht darauf an, ob
diese Bekehrung plötzlich oder allmählich geschieht, obgleich sie als
psychologische Erscheinung bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und
ohne Symptome geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem
Wachstum in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer (cf.
Bunyan u. s. w.).
In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung des Glaubens
oder der Meinung; der springende Punkt ist dabei vielmehr eine mehr
oder weniger tiefe Wandlung des Charakters.
Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt man, daß
diese Umwandlung keine so einfache sein kann. Wenn sie auch sogenannten
natürlichen Ursachen zugeschrieben werden mag, so ist dies doch kein
Beweis gegen ihren sogenannten übernatürlichen Ursprung, wenn wir
nicht die ganze Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein
bejahen. Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität der
Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser psychologischen
Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten, ferner darin, daß
sie sich seitdem wiederholten und darin, daß sie überall in der Welt in
derselben Weise auftreten u. s. w.
Christentum und Leiden.
Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum her ganz und gar
eine Religion der Aufopferung und der Trübsal. Es ist eine Religion
des Blutes und der Thränen und dennoch der tiefsten Glückseligkeit
für seine Anhänger gewesen. Dieser scheinbare Gegensatz entspringt
aus der Tiefe des Christentums und aus der Vereinigung dieser
scheinbar entgegengesetzten Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar
entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je länger
je mehr eine Religion -- oder besser =die= Religion -- der Liebe
gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, deren Charakter durch
die in dieser Religion gewonnene Erfahrung vertieft worden ist, diesen
Widerspruch geistig lösen. --
Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und sogar ihre
Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische Götter zu versöhnen.
Die jüdische und christliche Auffassung des Opfers ist ohne Zweifel
ein Überbleibsel dieser Auffassung der Gottheit, was durch natürliche
Kausalität bewirkt ist. Doch ist dies kein Beweis dagegen, daß die
höhere Auffassung der Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube
darstellt,] denn angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist,
dann würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen
entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen
Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern werden,[86]
übereinstimmen.
Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln im Judentum,
die Religion der Trübsal _par excellence_, weil es zu den wahrsten und
tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur hinabreicht und daher sowohl
für jene Trübsal wie für jene Freude Verständnis hat, welche sicherlich
nur im zivilisierten Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale
und Freuden eines vollentwickelten geistlichen Lebens -- so wie sie
sich bei den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im
allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, es sind
jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten Bewußtsein der
Sünde gegen einen Gott der Liebe entstehen, zum Unterschied von dem
Gedanken einer notwendigen Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden
und Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln
in dem Ausruf: »Du hast nicht Lust zum Opfer ...... Die Opfer, die Gott
gefallen, sind ein geängsteter Geist.«[87]
* * * * *
Ich stimme mit Pascal[88] darin überein, daß man thatsächlich nichts
gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch kein Christ ist. Unitarismus
ist nur die Sache des Verstandes -- eine bloße abstrakte Theorie des
Geistes und hat nichts mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen
der Menschheit zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige
Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt,
und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes System
möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion werden.
Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß
er sich offenbart, als daß er dies nicht thun sollte.
* * * * *
Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel mehr zugethan
als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche Erklärung dafür
findet sich in den Gründen, welche ich in meiner Abhandlung »Die
geistigen Unterschiede zwischen Mann und Weib« angegeben habe. Aber
wenn man das Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich
eine tiefer eindringende Erklärung religiöser Art -- wie in allen
Fällen, wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle
zweifle ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte,
daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als
die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen
auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich nicht allein
auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die meisten anderen
psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Ehrgeiz,
Selbstsucht, Verlangen nach Macht u. s. w. Kurz, das ganze Ideal
christlicher Ethik entspricht mehr dem weiblichen als dem männlichen
Charakter.[89] Nun widerspricht nichts dem christlichen Glauben so
sehr wie ein unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich
der Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder
nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr auf den
Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. Das Weib ist
folglich aus allen diesen Gründen geeigneter, den christlichen Glauben
aufzunehmen und sich zu erhalten.
* * * * *
Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen Glauben diesen
großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen Skeptizismus
aprioristischer Art zum Schweigen, und das um so mehr, je reiner
er ist. Jeder folgenden Generation muß es daher in Zukunft durch
logisches Denken immer klarer werden, daß alle aprioristischen Einwürfe
gegen das Christentum, die sich auf die Vernunft allein gründen, _ipso
facto_ nichtig sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum
sind nun aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß
des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein spekulative
Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. verringert. Die
Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,[90] daß wir keine kompetenten
Richter sind, stellt sich also mehr und mehr heraus.
Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten
Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn ebenso wie der reine
Agnostizismus zugeben muß, daß die Vernunft inkompetent ist, um _a
priori_ für oder wider die christlichen Wunder, die Menschwerdung
mit inbegriffen, abzuurteilen; so muß er auch weiterhin zugeben, daß
die Vernunft, wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen
sagen kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang
stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, muß der
reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige Ausgang
beweisen kann, ob das Christentum wahr ist oder nicht. »Ist es von
Gott, so können wir es nicht ausrotten, auf daß wir nicht erfunden
werden, als die wider Gott kämpfen.« Aber der Einzelne kann nicht
auf diese empirische Entscheidung warten, was soll er also thun?
Die unbeeinflußte und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus
sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter liegen: »Denke
nicht, sondern versuche es!« d. h. in unserem Fall, versuche das
einzige Experiment, das hier helfen kann: das Experiment des Glaubens.
Folge der Lehre und wenn das Christentum wahr ist, so wird der
Wahrheitsbeweis nicht ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend
eine Anwendung der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch
geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug hat, um diesen
Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in der rechten Verfassung sein,
um über den Erfolg zu entscheiden. So betrachtet würde das Experiment
des Glaubens nicht als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern
im Gegenteil, da genug _prima facie_ Gründe vorliegen, um ernste
Aufmerksamkeit zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von der
Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein.
Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel mehr aus
einem Handeln als einem Denken entspringt, wie das Neue Testament es
vorhersagt: Joh. 7, 17: »So jemand will des Willen thun, der wird inne
werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.«
Und wahrlich, selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden,
daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die geistliche
als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur wenden muß.
Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder des _prima
facie_-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der Kritik des Neuen
Testaments sicherlich mehr für als gegen das Christentum gearbeitet.
Denn nachdem sich die bedeutensten Gelehrten ein halbes Jahrhundert um
die Texte gestritten haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien
als innerhalb des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4
Paulinische Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden.
Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu vernichten,
welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner Apostel »als
Erfindungen der Priester« u. s. w. bezweifelte. Das war die schlimmste
Kritik, die je geübt wurde. Die historischen Thatsachen können nicht
länger bezweifelt werden, ausgenommen die Wunder; die letzteren aber
werden von der negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen
ausgeschieden. Dieser nun noch verbleibende -- und _ex hypothesi_
notwendige Zweifel -- hat eine von der anderen ganz verschiedene
Bedeutung.
Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt es
andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln nachgewiesen
ist.
Dies sind Thatsachen von höchster Wichtigkeit. Die Kritik des Alten
Testaments ist bis jetzt noch zu unreif, um von uns beachtet zu werden.
Der Plan in der Offenbarung.
Die Ansichten, welche ich über diesen Gegenstand als junger Mann hegte,
[nämlich die landläufigen, orthodoxen Ansichten] habe ich angesichts
der Entwicklungstheorie verlassen, d. h. der Theorie der natürlichen
Kausalität, welche eine glaubwürdige, naturwissenschaftliche Erklärung
[auch auf dem Gebiet der religiösen Erscheinungen des Judaismus] oder,
was dasselbe ist, bis zu einem gewissen Punkt eine Erklärung in den
Grenzen bestimmbarer Ursachen, lieferte, jener Punkt kann indessen in
diesem besonderen Falle nicht einmal innerhalb ziemlich weiter Grenzen
bestimmt werden, so daß die Geschichte Israels immer etwas Mysteriöses
behalten wird und zwar viel mehr als irgend eine andere Geschichte.
Erst 25 Jahre später erkannte ich deutlich die letzten Konsequenzen
meiner jetzigen Ansichten über die natürliche Kausalität. Sie zeigen,
daß es jedenfalls für einen Theisten (d. h. für jeden, der die Theorie
des Theismus aus unabhängigen Gründen angenommen hat) hinsichtlich
des überzeugenden Wertes des göttlichen Offenbarungsglaubens, wie er
im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, nicht viel ausmacht,
ob man zugiebt, daß das Ganze einer sogenannten natürlichen Ursache
entsprungen ist. Ich sage »nicht viel«, denn daß es doch immerhin
etwas ausmachen muß, leugne ich nicht. Nehmen wir einen ganz analogen
Fall: man sagt oft, daß die Theorie der Entwicklung aus natürlichen
Ursachen keinen logischen Unterschied bezüglich des Nachweises eines
Planes oder einer Zwecksetzung, wie sie sich in der organischen Natur
offenbaren, ausmacht, -- da es nur eine Frage des _modus operandi_ sei,
ob alle Teile der organischen Maschinerie plötzlich oder nach und nach
erschaffen seien; der Nachweis einer Zwecksetzung bliebe doch bestehen.
Nun habe ich aber anderwärts[91] gezeigt, daß dies falsch ist. Es mag
zwar für jemanden, der schon Theist ist, nicht viel ausmachen, denn
für ihn ist es bloß eine Frage des _modus_; aber für den Nachweis des
Theismus überhaupt macht es sicherlich viel aus.
So ist es auch bei der Darlegung eines Planes, wenn durch ihn der
Nachweis einer Offenbarung geliefert werden soll. Wenn man bis heute
keine Offenbarung behauptet hätte, und wenn Christus jetzt plötzlich
zum ersten Mal in aller der Macht und Herrlichkeit erscheinen würde,
welche die Christen von seiner Wiederkunft erwarten, so würde
der Nachweis seiner Offenbarung ein überzeugender sein. Für die
Beweisführung würde also eine plötzliche Offenbarung viel überzeugender
sein, als eine sich allmählich entwickelnde. Aber sie würde gänzlich
ohne alle Analogie innerhalb der Kausalität in der Natur[92] sein.
Überdies könnte selbst eine allmähliche Offenbarung unter Umständen
einen überzeugenden Wert haben; -- so wenn z. B. Prophezeiungen von
historischen Ereignissen, von wissenschaftlichen Entdeckungen u. s. w.
so deutlich gemacht würden, daß sie nicht mißzuverstehen sind. Aber wie
schon gezeigt, eine überzeugende Offenbarung ist nicht gegeben worden,
und sie mag auch wohl aus triftigen Gründen unterblieben sein. Wenn es
nun aber solche Gründe giebt (z. B. unser Prüfungsstand hienieden),
so können wir leicht einsehen, daß die allmähliche Entfaltung eines
Offenbarungsplans von dem frühesten Aufdämmern der Weltgeschichte bis
zum Ende der Welt (»ich rede töricht«) bei weitem einer plötzlichen
Kundgebung vorzuziehen ist, die spät genug in der Weltgeschichte
eingetreten wäre, um für alle kommenden Zeiten historisch beglaubigt zu
sein, denn: