II.

Nehmen wir einmal an, daß der Mensch, welcher die Uhr auf der Heide

fand, seinen Weg fortsetzt, bis er zur Meeresküste kommt, und daß er

ebenso wenig von physikalischer Geographie wie von der Uhrmacherei

versteht. Bald fängt er an eine Menge von Anpassungen der Mittel

an den Zweck zu beobachten, die zwar weniger subtil und fein sind

als die, welche ihn bei seiner Untersuchung über das Innere der Uhr

beschäftigten, die auf der anderen Seite aber viel eindrucksvoller

sind, weil sie in einem viel größeren Maßstab auftreten. Erstens

bemerkt er, daß in dem Land ein schönes Becken ausgegraben worden

ist, um eine Bucht herzustellen; daß =die= Seiten dieses Beckens,

welche wegen der Nähe des Meeres am meisten der Einwirkung der

großen, rollenden Wogen ausgesetzt sind, von Felsenklippen gebildet

werden, augenscheinlich in der Absicht, das weitere Eindringen des

Meeres und die dadurch entstehende Zerstörung der ganzen Bucht zu

verhindern; er bemerkt ferner, daß =die= Seiten des Beckens, welche

wegen ihrer immer größeren Entfernung landeinwärts auch immer weniger

der Einwirkung der großen Wogen ausgesetzt sind, aus immer kleiner

werdenden Felsen gebildet werden, welche in Geröll und endlich in

feinsten Sand übergehen; daß die Steine, da die Gezeiten mit ebenso

großer Regelmäßigkeit wie die Bewegungen der Uhr kommen und gehen,

sorgfältig vom Sand gesondert und in schiefe Schichten gelegt sind, und

dies immer aufs schönste =den= Stellen um den Rand des Beckens herum

entsprechend, welche am meisten der Gefahr ausgesetzt sind, durch die

Thätigkeit der Wellen zerstört zu werden. Er würde ferner bei genauerer

Prüfung merken, daß dieser Prozeß der auslesenden Anordnung sich bis

in die kleinsten Einzelheiten verfolgen läßt. Hier würde er z. B.

bemerken, daß einige (engl.) Meilen weit eine besondere Art von Seegras

kunstreich in einem langen Bogen am Strande angeordnet ist, dort würde

er eine prächtige Ablagerung von Muscheln sehen, wieder anderswo ein

hübsches, kleines Häuschen von Purpursand, dessen kleine Körner aus

dem umgebenden gelben Sand sorgfältig ausgesucht worden sind. Wiederum

würde er bemerken, daß alle Flüßchen, die zur Bucht herunterfließen,

in zu diesem Zweck bewundernswert gegrabenen Kanälen laufen, und

von der Neugier getrieben, den Zweck dieser verschiedenen Flüsse zu

ergründen, würde er finden, daß alle diese Gewässer dazu dienen, das

Wasser zu ersetzen, welches die See durch Verdunsten verliert, und --

auch ein bewundernswertes Beispiel von Anpassung -- frisches Wasser

für die Tiere und Pflanzen zu liefern, die am besten in frischem

Wasser gedeihen; und daß diese Gewässer dabei doch durch ihre vereinte

Thätigkeit hinreichend mineralische Bestandteile hinzuführen, um dem

Meer im Ganzen genau den Salzgehalt zu geben, welcher zur Erhaltung

des pelagischen Lebens erforderlich ist. Wenn er endlich in dieser

Richtung seine Forschungen fortsetzen würde, so würde er finden, daß

tausende von verschiedenen Aufenthaltsorten sinnreich den Bedürfnissen

von hunderttausenden der verschiedensten Lebensformen angepaßt sind,

von denen keine leben bleiben könnte, wenn diese Aufenthaltsorte

verändert würden. Nun, ich meine, dieser unser gedachter Forscher würde

gar thöricht sein, wenn er aus dem Ergebnis aller seiner Studien nicht

den Schluß zöge, daß der Nachweis eines Zweckes, wie ihn die Seebucht

liefert, wenigstens ebenso zwingend sei wie der, den er vorher beim

Studium der Uhr gefunden hatte.

Aber es besteht zwischen beiden Fällen =ein= großer Unterschied.

Während der Mann durch nachträgliche Erkundigung die Thatsache

bestätigen kann, daß die Uhr ihr Dasein einem intelligenten Erfinder

verdankt, könnte er in Bezug auf die Seebucht eine solche Bestätigung

nicht erhalten. In dem einen Fall ist eine intelligente Erfindung als

Ursache unabhängig demonstrierbar, während in dem andern Fall nur auf

sie geschlossen werden kann. Welchen Wert hat nun dieser Schluß?

Wenn unser gedachter Teleologe nach Beendigung dieser seiner Studien

in irgend eine große Bibliothek geführt worden wäre und dort ein oder

zwei Jahre verbracht hätte um sich mit den wichtigsten Resultaten der

modernen Naturwissenschaft bekannt zu machen, dann, denke ich, würde er

zuletzt weiser und -- trauriger geworden sein.

Wenigstens würde er, indem er mehr lernt, sicherlich merken, daß er

weniger versteht, -- daß die veraltete Einfachheit seiner früheren

Erklärungen trotz gereifterer Anschauungen einer größeren Verwirrung

Platz machen muß. Er würde nun zunächst finden, daß jede der

Anpassungen von Mitteln an den Zweck, welche seine Bewunderung an der

Meeresküste erregten, von natürlichen, sehr leicht verständlichen

Ursachen herrühren. Die Klippen standen an der Öffnung der Bucht, weil

das Meer in früheren Zeiten die Küstenlinie so lange angegriffen hatte,

bis es auf diese Klippen traf, die sich seinem weiteren Vordringen

entgegenstellten; die Bucht war eine Senkung des Landes, welche bei dem

Zuströmen der See gerade vorhanden war und in welche die letztere daher

flutete; die Reihenfolge von Felsen, Geröll und Sand entstand durch die

Thätigkeit der Wogen selbst, die Sonderung des Seegrases, der Muscheln,

der Kiesel und der verschiedenen Sandarten kam von ihrem verschiedenen

spez. Gewicht her; die Süßwasserströme flossen in Kanälen, die sie sich

selbst gebildet hatten, und die zahlreichen Lebensformen waren ihren

verschiedenen Wohnungen einfach deshalb angepaßt, weil die für sie

ungeeigneten Wesen darin nicht leben konnten. In allen diesen Fällen

würde daher unser Teleologe im Lichte höherer Erkenntnis notgedrungen

wenigstens =den= Schluß gezogen haben, daß die Anpassungen, die er so

sehr bewundert hatte, als er sie für Wirkungen eines die Erscheinungen

voraussehenden Planes hielt, nun nicht mehr diesen Nachweis eines

intelligenten Planes liefern können, da es sich herausstellt, daß

keine von ihnen vorher von einer unabhängigen oder äußeren Ursache

vorbereitet wurde.

Er würde daher zu dem Schluß gelangen, daß die teleologische Deutung

der Thatsachen nur dadurch gerettet werden könnte, daß man eine viel

weitergehende Betrachtung des Gegenstandes vornähme, als sie bei

den besonderen Fällen augenscheinlicher Zwecksetzung, welche zuerst

so zwingend erschienen, gefordert wurde. Das soll sagen, er würde

fühlen, daß er die Voraussetzung irgend eines speziellen Planes in der

Konstruktion jener besonderen Bucht verlassen und auf die Theorie eines

viel allgemeineren Planes in der Konstruktion eines großen Natursystems

als eines Ganzen zurückgehen muß. Kurz, er würde sein Argument von den

besonderen und einzelnen Anpassungen, die ihm zuerst so einleuchtend

schienen, aufgeben und zu den allgemeinen Naturgesetzen zurückkehren,

die durch ihre vereinte Thätigkeit dem Kosmos, als unterschieden vom

Chaos, den Ursprung gaben.

Nun habe ich mich bemüht, ein imaginäres Argument aus dem Gebiet

der unorganischen Natur in allen seinen wichtigsten Einzelheiten zu

gewinnen, weil dasselbe ein vollständiges Analogon zu dem liefert,

das man der organischen Natur entnimmt. Ohne Frage, die Beispiele

eines offenkundigen Planes oder der offenbar absichtlichen Anpassung

der Mittel an die Zwecke, welche wir in der organischen Natur finden,

sind unverhältnismäßig zahlreicher und einleuchtender als die, welche

uns in der unorganischen Natur begegnen. Aber wenn wir einmal guten

Grund zu dem Schluß haben, daß die ersteren gleich den letzteren

nicht der unmittelbaren, speziellen und vorausblickenden Thätigkeit

einer nachsinnenden Intelligenz (wie in der Uhrmacherei oder bei der

Schöpfung) -- sondern der Thätigkeit sekundärer oder natürlicher

Ursachen den Ursprung verdanken, welche unter dem Einfluß dessen

wirken, was wir allgemeine Naturgesetze nennen, dann kommt es mir so

vor, als ob die Anpassungen der Mittel an die Zwecke, wie zahlreich

und wie wundervoll sie auch in der organischen Natur sein mögen, doch

keinen anderen oder zwingenderen Beweis für einen Zweck liefern als

irgend eine Thatsache der unorganischen Natur.

Der Klarheit halber wollen wir einen besonderen Fall nehmen. Paley

sagt: »ich weiß keine bessere Methode, um in einen so wichtigen

Gegenstand einzuführen, als wenn ich ein einzelnes Ding mit einem

anderen einzelnen Ding vergleiche, z. B. das Auge mit einem Fernglas.«

Er fährt dann fort, indem er die Analogieen zwischen diesen beiden

Apparaten feststellt, und fragt zuletzt: wie ist es bei so naher

Verwandtschaft und unter dem Eindruck gleicher Beweiskraft möglich, in

Bezug auf das Auge die Zwecksetzung auszuschließen und doch in Bezug

auf das Teleskop es als die einfachste und klarste von allen Annahmen

anzunehmen, daß hier ein Plan gewaltet hat?

Nun wohl, die Antwort lautet, daß diese Analogie nur auf Grund der

Hypothese der =Schöpfung im Einzelnen= aufrecht zu halten ist, auf

Grund der Hypothese einer =Entwicklung durch natürliche Ursachen= ist

die Beweiskraft in beiden Fällen nicht dieselbe, denn nach dieser

Hypothese fängt das Auge nicht als ein fertiges Gebilde an, das zum

Zweck des Sehens gemacht ist, sondern blos als eine Differenzierung der

Nervenenden in der Haut, die zunächst wahrscheinlich dazu diente, den

Wechsel der Temperatur besser zu unterscheiden. Nachdem nun an diesen

Stellen ein Pigment abgelagert worden war, wodurch jener Zweck (ich

benutze der Kürze wegen teleologische Ausdrücke) besser erreicht wurde,

begannen die Nervenenden Licht und Dunkel zu unterscheiden. Um diesen

weiteren Zweck besser zu erreichen, erschien die einfachste Form einer

Linse in Gestalt kleiner, lichtbrechender Körper. Dahinter entwickelten

sich leicht empfindliche Stellen, welche die erste Andeutung einer

Netzhaut als einfache Schicht sind. Und so geht es fort, Schritt für

Schritt, bis wir das Auge eines Adlers haben.

Ein Teleologe wird hier natürlich antworten: »Die Thatsache eines so

allmählichen Aufbaues ist kein Beweis gegen die Zwecksetzung: ob nun

die Struktur plötzlich erschien oder das Ergebnis einer langsamen

Ausarbeitung war, die Merkmale einer Zwecksetzung sieht man in beiden

Fällen in der vorliegenden Struktur.« Alles dies ist sehr richtig, aber

ich behaupte auch nicht, daß die Thatsache der allmählichen Entwicklung

an sich selbst das Argument einer Zwecksetzung beeinflußt. Ich behaupte

nur, daß es dies bloß deshalb thut, weil es die Möglichkeit zeigt

(was durch die Hypothese einer plötzlichen Schöpfung im Einzelnen

ausgeschlossen ist), daß die Struktur unmittelbar durch die Thätigkeit

natürlicher Ursachen entstanden ist. So wollen wir um des Arguments

willen einmal annehmen, daß die natürliche Zuchtwahl als eine für

alle diese Wirkungen hinreichende Ursache in befriedigender Weise

festgestellt worden ist. Also, die Thatsachen der Vererbung, der

Variation, des Kampfes ums Dasein und des Überlebens des Passendsten

einmal zugegeben, was folgt daraus? Nun, daß jeder Schritt in der

längeren, allmählichen Entwicklung des Auges durch die Ausscheidung

aller weniger angepaßten Formen jeder Generation hervorgebracht wurde,

d. h. durch die Zuchtwahl derjenigen Formen, welche besser geeignet

sind, die Art durch Vererbung zu vervollkommnen. Will der Teleologe

dann behaupten, daß dieser Zuchtwahl-Prozeß selbst ein Zeichen von

Zwecksetzung im Einzelnen ist, nun, dann scheint es mir so, als ob

er logischer Weise zu der Behauptung gezwungen wäre, die Reihen von

Seegras, die Muscheln, die Steine und die kleinen Haufen von Purpursand

an der Meeresküste seien auch alle in gleicher Weise ein Zeichen für

Zwecksetzung. Die allgemeinen Gesetze, welche [in der unorganischen

Natur. -- Der Übersetzer] auf dem spezifischen Gewicht beruhen, sind

im Haushalt der Natur wenigstens ebenso wichtig wie die allgemeinen

Gesetze, die sich auf spezifische Differenzierung [in der organischen

Natur. -- Der Übersetzer] beziehen: in allen ähnlichen Beispielen

finden wir, daß das Resultat der Wirksamkeit der bekannten natürlichen

Ursachen eine Auswahl (_selection_) ist. Wenn entgegnet werden sollte,

daß die Auswahl in dem einen Fall offenbar absichtslos, in dem andern

offenbar absichtlich stattfand, so antworte ich: dies ist doch nur

eine bloße Vermutung. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn

ich behaupte, daß jede geologische Formation auf der Erdoberfläche

entweder ganz oder teilweise ihr Dasein dem auswählenden Einfluß des

spezifischen Gewichts verdankt, und wer kann sagen, daß der Aufbau

der Erdrinde im allgemeinen Plan der Schöpfung (wenn es einen solchen

giebt) ein weniger wichtiger Gegenstand ist als die Entwicklung eines

Auges? Oder könnte, da wir als das Resultat der Zuchtwahl beim Auge

eine offenbar absichtliche Anpassung der Mittel an den Zweck erkennen,

nicht auch in dem Resultat der Auswahl bei Seegras, Steinen, Sand und

Schlamm eine Absicht erkannt werden? Könnte die mutmaßliche Vernunft

nicht im Gegenteil eine größere Freude an dem letzteren als an dem

ersteren Prozeß gehabt haben?

Der Verständlichkeit wegen habe ich angenommen, daß die natürlichen

Ursachen, mit denen wir schon bekannt sind, hinreichen, um die

beobachteten Erscheinungen der organischen Natur zu erklären. Aber es

ist natürlich ganz gleichgiltig, ob die Richtigkeit dieser Annahme

zugestanden wird oder nicht, wenn wir nur zugeben, daß die beobachteten

Erscheinungen alle aus natürlichen Ursachen bekannter oder unbekannter

Art stammen; d. h. in dem Maße, in welchem wir die Hypothese des

direkten oder unmittelbaren Eingreifens der Gottheit in die organische

Natur (ein Wunder) ausschließen, in demselben Maße bringen wir den aus

der organischen Natur gefolgerten Beweis der Zwecksetzung auf dieselbe

logische Stufe, auf der ein aus der unorganischen Natur gefolgerter

Beweis der Zwecksetzung steht. Daraus folgt für mich, daß Mill einen

auffallenden Mangel an Scharfsinn gezeigt hat. Nachdem er nämlich

in Bezug auf die natürliche Zuchtwahl bemerkt hat: »vorhergehende

Überlegung eines Schöpfers ist durchaus nicht das einzige Band, durch

welches die Entstehung des wunderbaren Mechanismus des Auges mit der

Thatsache des Sehens verknüpft werden kann,« fährt er fort: »wenn

man nun diese bemerkenswerte Spekulation (d. h. über die natürliche

Zuchtwahl) dem Schicksal überläßt, das ihr der Fortschritt der

Wissenschaft aufgespart haben mag, dann fallen beim gegenwärtigen Stand

unserer Kenntnisse die Anpassungen in der Natur schwer ins Gewicht

zu Gunsten einer Schöpfung durch eine Intelligenz.« Ich sage, diese

Stelle scheint mir einen eigentümlichen Mangel an Scharfsinn zu zeigen,

und zwar deshalb, weil sie von der Voraussetzung auszugehen scheint,

daß es sich hier um eine Wahl zwischen der Hypothese der speziellen

Zwecksetzung und der Hypothese der natürlichen Zuchtwahl handelt. So

ist es aber nicht. Es handelt sich thatsächlich um die Wahl zwischen

der Hypothese der speziellen Zwecksetzung und den natürlichen Ursachen.

Das Überleben des Passendsten ist eine der =angenommenen= Ursachen,

welche zufolge einer großen Menge von Beweisgründen wahrscheinlich eine

=wirkliche= Ursache ist. Aber selbst wenn es als Ursache zurückgewiesen

worden wäre, so würde die wahre Beweiskraft der Teleologie dadurch

nicht berührt werden, wenn wir nicht etwa zu dem Schluß gezwungen

wären, daß es keine anderen Ursachen sekundärer und natürlicher Art bei

der Entstehung der beobachteten Anpassungen geben kann.

Ich glaube nun hinreichend klar gezeigt zu haben, warum wir nach

meinem Dafürhalten, wenn sich die Herrschaft der Naturgesetze oder

die Wirkung natürlicher Ursachen in der organischen Natur ebenso wie

in der unorganischen offenbart, für eine Zwecksetzung in dem einen

Gebiet keinen besseren Beweis als in dem anderen finden können. Die

Thatsache, daß wir in dem einen Gebiet zahlreichere und anscheinend

vollständigere Beispiele von Zwecksetzung antreffen als in dem anderen,

ist vermutlich nur unserer Unkenntnis der natürlichen Kausalität in

dem verwickelteren Gebiet zuzuschreiben. Beim Studium der biologischen

Erscheinungen sind wir bezüglich unseres Verständnisses gegenwärtig

alle in derselben Lage wie unser gedachter Teleologe beim Studium der

Meeresbucht: wir kennen eben nicht die natürlichen Ursachen, welche

die beobachteten Wirkungen hervorgebracht haben. Aber wenn wir schon

jetzt einen wenigstens teilweise passenden Schlüssel in der Theorie

der natürlichen Zuchtwahl gefunden haben und daher nun dem umfassenden

aus den einfacheren Gebieten der Natur geschöpften Analogon zufolge

schließen, daß die natürlichen Ursachen auch überall bei der Erzeugung

organischer Gebilde eine Rolle spielen, dann folgt daraus auch, daß

jeder Beweis für eine Zwecksetzung, welchen diese Gebilde darbieten,

genau denselben logischen Wert hat wie der Beweis für die Zwecksetzung,

den wir aus der unorganischen Natur gefolgert haben. Wenn man noch

hervorheben sollte, daß die Anpassungen, denen man in der organischen

Natur begegnet, ihrer Zahl und Einheitlichkeit wegen viel mehr für eine

Zwecksetzung sprechen als irgend etwas in der unorganischen Natur, so

muß ich erklären, daß damit die Grundlage des Arguments vertauscht und

der einzige in Frage stehende Punkt aufgegeben wird. Niemand leugnet

diese offenbar feststehende Thatsache: aber die Frage ist ja, ob eine

gewisse Menge von Anpassungen in dem einen Gebiet der Natur einen

anderen und besseren Beweis für die Zwecksetzung liefern können als die

Anpassungen in anderen Gebieten, wenn doch zugestandener Maßen alle

Gebiete in gleicher Weise der Ausfluß natürlicher Kausalität sind. Und

diese Frage verneine ich, weil wir kein Mittel haben, um die Ausdehnung

zu bestimmen, in welcher der Prozeß der natürlichen Zuchtwahl oder

irgend eine andere natürliche Ursache im Stande ist, Anpassungen der

beobachtenden Art hervorzubringen.

So hat man, um ein anderes Beispiel scheinbarer Zwecksetzung aus der

unorganischen Natur zu nehmen, behauptet, daß die Zusammensetzung

der Atmosphäre offenbar den Zweck hat, das pflanzliche und tierische

Leben zu unterhalten. Aber bevor man diesen Schluß aus den Thatsachen

ziehen kann, muß man zeigen, daß das Leben unter keinen anderen

stofflichen Bedingungen existieren könnte als die sind, welche die

Zusammensetzung der Luft aus ihren Elementen darbietet. Das zu zeigen,

ist aber offenbar unmöglich. Im Gegenteil, das Leben kann thatsächlich

auf anderen Himmelskörpern unter gänzlich anderen Bedingungen der

Atmosphäre bestehen; und die Thatsache, daß auf diesem unseren Planeten

alles Leben von den in unserer Atmosphäre vorkommenden Gasen abhängig

geworden ist, kann einfach aus der Thatsache entspringen, daß nur

das Auftreten derjenigen Lebensformen möglicherweise erwartet werden

konnte, welche sich (durch natürliche Zuchtwahl oder andere natürliche

Ursachen) diesen besonderen Gasen anpassen konnten, -- gerade so wie

im kleineren Verhältnis nur jene Lebensformen, welche ihren besonderen

Standorten in der Meeresbucht angepaßt waren, möglicherweise in den

vorliegenden Verhältnissen erwartet werden konnten. Wenn man nun

derartig zeigen kann, daß eine Reihe von so zahlreichen und feinen

Anpassungen, wie die, von denen die Beziehungen jeder bekannten

Lebensform zu den die Atmosphäre zusammensetzenden Gasen abhängen,

nicht notwendiger Weise die Thätigkeit irgend einer ordnenden

Intelligenz fordern, -- wie ist dann der Schluß möglich, daß irgend

eine weniger allgemeine Anpassungsreihe dies fordern sollte? -- so

lange doch wenigstens nicht, als jeder Fall von Anpassung, mag er nun

im letzten Grunde auf eine Zwecksetzung zurückzuführen sein oder nicht,

zunächst aus natürlichen Ursachen entspringt.

Angesichts dieser Betrachtungen denke ich, ist es daher ganz klar,

daß das Argument der Teleologie, wenn überhaupt, dann nur dadurch

gerettet werden kann, daß man von der engen Grundlage der =einzelnen=

Anpassungen auf das breite Gebiet der Natur als ein Ganzes übergeht.

Und hier, ich bekenne es, gewinnt das Argument für mich ein Gewicht,

welches, wenn lange und aufmerksam erwogen, als außerordentlich

bezeichnet zu werden verdient. Denn wenn auch diese und jene besondere

Anpassung in der Natur als zunächst aus natürlichen Ursachen

entspringend betrachtet werden kann und wenn wir auch auf Grund einer

größtmöglichen Analogie zu dem Schluß geführt werden, daß auch alle

anderen derartigen besonderen Fälle in gleicher Weise auf natürliche

Ursachen zurückzuführen sind, so erhebt sich die mehr auf den

»=letzten=« Grund zielende Frage: Wie kommt es, daß alle natürlichen

Ursachen durch ihre gemeinsame Wirksamkeit eine allgemeine Ordnung

in der Natur hervorbringen? Es ist gegen alle Analogie, wenn man

annehmen will, daß ein derartiges Resultat durch solche Mittel, wie

sie der reine Zufall oder »das zufällige Zusammentreffen von Atomen«

bieten, erreicht werden könnte. Wir werden durch die wichtigsten

Fundamentalsätze unserer Vernunft zu dem Schluß geführt, daß es irgend

eine Ursache für dieses Zusammenwirken der Ursachen geben muß. Ich

weiß, daß dies seit den Tagen des Lucretius geleugnet worden ist, aber

das geschah nur aus Gründen des Gefühls.

Es ist nicht möglich, für diese Leugnung einen Vernunftgrund anzugeben,

der nicht selbst wieder dem Gesetz der Kausalität zuwider liefe. Ich

bin mir daher dessen völlig bewußt, daß die einzige Frage, welche hier

von einem rein vernunftgemäßen Standpunkt aus zu beantworten ist, diese

ist: »Welcher Art muß die _causa causarum_ (die Ursache aller Ursachen)

sein?«

Über diesen Punkt sind überhaupt nur zwei Hypothesen aufgestellt

worden, ich halte es aber auch für unmöglich, noch irgend eine dritte

zu erdenken. Von diesen beiden Hypothesen ist die älteste und die

natürlich am nächsten liegende die einer =geistigen= Zwecksetzung. Die

andere Hypothese verdanken wir den weitreichenden Gedanken Herbert

Spencers. Im siebenten Kapitel seiner »_first principles_« führt er

aus, daß alle Kausalität unmittelbar aus dem Dasein als solchem folgt,

oder, wie er es ausdrückt, daß »die Gleichförmigkeit des Gesetzes

unabweislich aus der Erhaltung der Kraft folgt«: denn »wenn in zwei

beliebigen Fällen völlige Übereinstimmung besteht, nicht nur zwischen

jenen völlig klaren Antecedentien (vorhergehenden Vorgängen), welche

wir als die Ursachen erkennen, sondern auch zwischen jenen begleitenden

Antecedentien, welche wir die Bedingungen nennen, dann können wir nicht

annehmen, daß die Wirkungen verschieden sein werden, es müßte denn

sein, daß entweder irgend eine neue Kraft ins Dasein getreten wäre

oder daß irgend eine alte Kraft aufgehört hätte zu wirken. Wenn die

zusammenwirkenden Kräfte in dem einen Fall denen im andern gleich sind

in Bezug auf Verteilung und Stärke, dann ist es unmöglich zu begreifen,

weshalb die Wirkung bei ihrer vereinten Thätigkeit in dem einen Fall

anders sein sollte als in dem anderen, man müßte dann denken, daß eine

oder mehrere von den Kräften sich der Quantität nach verstärkt oder

abgeschwächt haben, dann aber wäre die Kraft als nicht beharrend zu

denken.«

Diese Erklärung der Ursächlichkeit als unmittelbarer Ausfluß des

Daseins ist nun für uns einmal als Theorie der Kausalität und dann

wegen ihrer Beziehung zum Theismus von Interesse. Als Theorie der

Kausalität hat sie nicht den Beifall der Mathematiker, Naturforscher

und Philosophen gefunden, die führenden Männer aller dieser

Wissenschaften haben ihr ausdrücklich widersprochen, während meines

Wissens kein Vertreter derselben zu ihren Gunsten gesprochen hat.[29]

Aber dieser Umstand geht mich eben nichts an; denn selbst zugegeben,

daß die Theorie voll und ganz eine Erklärung der Ursächlichkeit bietet,

so würde sie doch nicht genügen, um die harmonische Beziehung der

Ursachen zu einander oder die Thatsache zu erklären, mit der allein wir

uns jetzt beschäftigen. Dies wird von dem anonymen Autor »Physikus«

nicht beachtet, der in seiner »Unbefangenen Prüfung des Theismus«

großes Gewicht auf Spencers Theorie der Kausalität legt, insofern sie

den Theismus stürze oder wenigstens die Notwendigkeit der theistischen

Hypothese abschwäche, weil sie eine volle Erklärung der Naturordnung

auf rein natürlichem Boden liefere. Aber er unterläßt die Bemerkung,

daß Spencers Theorie, selbst wenn man zugiebt, daß sie alle Thatsachen

der Ursächlichkeit voll und ganz erklärt, doch in keiner Weise den

Kosmos erklärt, in welchem diese Thatsachen auftreten. Es mag wahr

sein, daß die Ursächlichkeit von der Erhaltung der Kraft abhängt; es

folgt aber daraus nicht, daß alle Kraftäußerungen aus diesem Grunde

so auftreten müssen, wie sie gerade auftreten. Denn wenn wir irgend

eine Reihe von natürlichen Ursachen rückwärts verfolgen, so finden wir

bald, daß sie sich nach allen Seiten in ein Netzwerk von natürlichen

Beziehungen ausbreiten, die buchstäblich sowohl im Raum (Bedingungen)

als auch in der Zeit (vorhergehende Ursachen) unbegrenzt sind. Wenn

wir nun auch annehmen, daß die Erhaltung der Kraft eine hinreichende

Erklärung für das Zustandekommen der besonderen Folgewirkung ist,

soweit es sich um die Äußerung von Kraft handelt, so sind wir doch

noch so weit wie je davon entfernt, erklären zu können, weshalb diese

Kraft gerade für den besonderen Kanal, in dem sie fließt, bestimmt

ist. Es mag durchaus wahr sein, daß die Resultierende (d. h. die aus

vorhergehenden Ursachen, den Komponenten, sich ergebende Wirkung oder

Kraft. -- Der Übersetzer) nach Größe und Richtung durch die Komponenten

bestimmt wird, aber wie steht es mit Größe und Richtung der Komponenten

selbst? Wenn gesagt wird, daß sie ihrerseits durch das Zustandekommen

der vorhergehenden Systeme [von Ursachen] bestimmt werden, wie steht

es dann mit diesen Systemen? Und so geht es weiter, bis wir uns in

dem schon erwähnten, unbegrenzten Netzwerk verlieren. Nur wenn wir

den Ursprung aller Reihen aller dieser Systeme wüßten, dann könnten

wir in der Lage sein zu sagen, daß eine entsprechende Intelligenz

durch Berechnung den Zustand eines jeden Teils des Universums in einem

gegebenen Zeitpunkt vorher bestimmen konnte. Da aber die Reihen

sowohl nach Zahl wie nach Ausdehnung unbegrenzt sind, so kann man von

einer solchen Kenntnis natürlich überhaupt gar nicht reden. Überdies,

selbst wenn dies als möglich gedacht werden könnte, so könnte es nur

auf Kosten der Annahme eines Ursprungs der natürlichen Ursächlichkeit

in der Zeit geschehen; und dies läuft auf die Annahme eines Zustands

der Dinge hinaus, der vor einer solchen Ursächlichkeit lag und aus dem

letzteren entsprang. Dies heißt aber eine übernatürliche Quelle der

natürlichen Kausalität annehmen; und ob nun diese Annahme mit Bezug

auf ein natürliches Ereignis gemacht wird, welches unter unmittelbarer

Beobachtung stattfand (und dies wäre ein Wunder), oder mit Bezug auf

ein natürliches Ereignis in der Vergangenheit oder endlich mit Bezug

auf den Ursprung aller natürlichen Ereignisse, -- so ist sie doch

in gleicher Weise unvereinbar mit jeder Theorie, welche eine rein

natürliche Erklärung des Universums als Ganzes zu geben versucht. Kurz,

es ist die alte Geschichte von einem Strom, der sich nicht über seine

Quelle erheben kann. Die natürliche Ursächlichkeit kann nicht dazu

verwendet werden sich selbst zu erklären, und die bloße Erhaltung der

Kraft kann, selbst wenn sie zugestandenermaßen zur Erklärung besonderer

Fälle einer natürlichen Folgenreihe genügte, kein zureichender Grund

für die allgegenwärtige und ewige Leitung der Kraft bei dem Aufbau und

der Erhaltung der Weltordnung sein.

So werden wir also zu der Anerkennung getrieben, daß uns die Theorie

des Theismus die einzige wirkliche Erklärung der Weltordnung

bietet. Das soll besagen: durch kein logisches Kunststück können

wir uns dem Schluß entziehen, daß diese Weltordnung, so weit unser

Verständnis reicht, irgend einem sie ergänzenden Prinzip den Ursprung

verdanken muß, und daß das letztere, so weit wir sehen können,

höchst wahrscheinlich geistiger Natur sein muß. Zum wenigsten aber

muß zugegeben werden, daß wir die Weltordnung unter keinem =anderen=

Gesichtspunkt =begreifen= können, und daß, wenn irgend eine besondere

Anpassung in der organischen Natur nach unserem Dafürhalten auf eine

solche Thätigkeit hinweist, die Gesamtsumme aller Anpassungen in dem

Universum dies in noch unvergleichlich höherem Maße thun muß. Ich

werde indessen hierbei nicht verweilen, da dies schon von einigen

modernen Schriftstellern und mit besonderer Überzeugungskraft von Baden

Powell erörtert worden ist. Ich will nur bemerken, daß wir bei der

Darstellung dieses Arguments zu Gunsten des Theismus meines Erachtens

nicht von »Naturgesetzen« zu sprechen brauchen. Wir brauchen uns nur

auf die [großartige] allgemeine Thatsache zu berufen, daß die Natur ein

geordnetes System ist und daß die in ihr beobachtete Ordnung durchaus

universal, von ewiger Dauer und unendlich exakt ist; denn nur dann,

wenn dies der Fall ist, ist es begreifbar, daß eine Erfahrung für uns

möglich ist oder daß wir eine Erkenntnis erlangen können.

Nachdem ich nun möglichst nachdrücklich festgestellt habe, daß nach

meiner Meinung eine andere Erklärung der allgemeinen Naturordnung

weder begriffen noch aufgestellt werden kann als die, welche auf

eine Intelligenz als höchste leitende Ursache zurückgeht, werde

ich zu zwei anderen Fragen übergehen, die unmittelbar aus dieser

Erklärung entspringen. Die erste von diesen Fragen bezieht sich auf

den mutmaßlichen Charakter jener höchsten Intelligenz, insofern durch

unsere Naturbeobachtung irgend welche Anhaltspunkte für denselben

zu gewinnen sind; die andere Frage ist die nach der streng formalen

Überzeugungskraft irgend welcher Schlüsse mit Bezug auf die Existenz

oder den Charakter solch einer Intelligenz.[30] Ich werde diese beiden

Fragen getrennt betrachten.

Wenn wir zu dem Schluß gelangt sind, daß die einzige Hypothese, welche

eine Erklärung der allgemeinen Naturordnung zuläßt, die ist, daß sie

aus einer Ursache geistiger Art entspringt, -- so stehen wir vor der

Thatsache, daß diese Ursache himmelweitverschieden von allem sein muß,

was wir von dem Geist in uns selbst erkennen. Und alsbald entdecken

wir, daß diese Verschiedenheit nicht bloß dem Grade nach, mag dies

noch so weit gehen, sondern auch der Art nach aufgefaßt werden muß.

Mit anderen Worten: wenn wir auch schließen können, daß die nächste

Analogie für den _causa causarum_, die uns die Erfahrung bietet, der

menschliche Geist ist, so müssen wir doch sagen, daß diese Analogie

in allen grundlegenden Punkten so fern liegt, daß sich die Frage

erhebt, ob wir der Wahrheit wirklich sehr viel näher kommen, wenn

wir sie aufrecht halten. So ist z. B., wie Spencer festgestellt hat,

unsere einzige Vorstellung von dem, was wir als Geist in uns selbst

erkennen, die Vorstellung von einer Reihe von Bewußtseinszuständen.

Aber er fährt fort: »nimm eine Reihe von Bewußtseinszuständen als

Ursache und das sich entwickelnde Universum als Wirkung, und dann

bemühe dich einmal das letztere als aus dem ersteren entspringend zu

erkennen. In etwas unklarer Weise kann ich mir wohl vorstellen, daß

eine Reihe von Bewußtseinszuständen für irgend eine der Bewegungen,

die ich vor sich gehen sehe, das Antecedens (Vorhergehende) ist; denn

meine eigenen Bewußtseinszustände sind oft indirekt die Antecedenten

solcher Bewegungen. Aber wie steht es, wenn ich versuche an eine

solche Reihe als Antecedens =aller= Wirkungen im ganzen Universum zu

denken ....? Wenn wegen der Unbegrenztheit der überall stattfindenden

natürlichen Veränderungen »ein Geist als vorhanden begriffen werden

muß«, »unter der Gestalt einfacher Kräfte«, dann folgt doch daraus, daß

der Geist, um derartig begriffen zu werden, aller Eigenschaften, durch

welche er (beim Menschen. -- Der Übs.) gekennzeichnet wird, entkleidet

werden muß; ein Begriff aber, der so aller seiner kennzeichnenden

Eigenschaften entkleidet wird, verschwindet in sich: -- das Wort

»Geist« steht dann also da als eine unbekannte Größe«.

Und mehr noch, »wie soll man es sich denken, daß der schöpferische

Geist Zustände durch Naturkörper hervorbringt, die ihm gegenüber

objektiv sind, daß er zwischen diesen Zuständen unterscheidet, daß

er sie als ähnlich oder unähnlich klassifiziert und daß er =ein=

objektives Resultat dem anderen vorzieht?«[31].

Ohne diese Gedanken weiter auszuführen, was sich unschwer in Bezug

auf jede wesentliche Seite menschlicher Psychologie machen ließe,

können wir es als unfraglich ansehen, daß der göttliche Geist, wenn

er wirklich vorhanden ist, so wesentlich vom menschlichen Geist

verschieden sein muß, daß es unlogisch ist, die beiden mit demselben

Namen zu bezeichnen: die Eigenschaften der Ewigkeit und Allgegenwart

genügen an sich ja schon, um einen solchen Geist in eine besondere

Kategorie zu stellen, die gänzlich verschieden von allem ist, was

das Analogon unsers eignen Geistes uns, wenn auch nur dunkel, je

begreiflich machen könnte. Und ganz dasselbe behaupten ja auch die

Theologen. »Gottes Gedanken«, sagen sie, »sind höher als unsere

Gedanken, und ein Gott, der für unsere Intelligenz faßbar wäre, würde

überhaupt kein Gott sein«. Das mag ja ganz richtig sein, allein wir

müssen uns dann doch sagen, daß wir in demselben Maße, wie uns das

Verständnis des göttlichen Geistes verschlossen ist, auch unfähig

sind nach den vom menschlichen Geist gebotenen Analogieen irgend

welche Schlüsse auf seine Natur zu ziehen. Die Theorie hört auf

anthropomorphistisch, ja sogar anthropopsychisch zu sein, sie hat

mit dem Begriff des Geistes nur noch in sofern etwas zu thun, als er

am besten eine vorläufige, faßbare Rechenschaft von der Naturordnung

giebt, indem sie (in dem weltschöpferischen Geist -- D. Ü.) einige

Fähigkeiten des menschlichen Geistes als vorhanden aber unendlich

vergrößert annimmt, zugleich aber auch alle wesentlichen Bedingungen

vernichtet, unter denen allein diese Fähigkeiten, soweit wir wissen,

existieren können. Es ist klar, daß eine Aussage von einem solchen

Geist logisch unmöglich ist. Wenn er existiert, dann ist seine Existenz

unbegreiflich, und es ist ausgeschlossen, daß wir ihm irgend welche

Eigenschaften zuschreiben dürfen.

So viel von der allgemeinen Grundlage (der Annahme eines dem

Menschengeist ähnlichen Schöpfergeistes -- D. Ü.). Wenn wir nun

zu Einzelheiten übergehen, so wollen wir mit den Vertretern der

natürlichen Theologie annehmen, daß solch ein Geist existiert, daß er

dem menschlichen Geist in soweit ähnelt, als er eine selbstbewußte,

persönliche Intelligenz ist und daß sich die Fürsorge eines solchen

Geistes über alle seine Werke erstreckt. Selbst auf Grund dieser

Annahme begegnen wir einer Menge von bedeutsamen und allgemeinen

Thatsachen, welche anzeigen, daß dieser Geist doch noch als seinem

»Ebenbild« im Geist des Menschen augenscheinlich sehr unähnlich

betrachtet werden muß. Ich will mich hier nicht auf die Thatsache

berufen, daß es in der Natur ein unnützes und zweckloses Handeln

giebt, weil man dem meines Erachtens sehr wohl ein anderes aus der

Anschauung der Natur als Ganzes entnommenes Argument entgegenhalten

kann -- daß nämlich die Natur als Ganzes ein geordneter Kosmos ist

und daß daher das, was uns im Einzelnen als unnütz und zwecklos

erscheint, in Bezug auf das große System der Dinge als ein Ganzes nicht

zwecklos sein mag. Zweifelhaft aber ist es mir, ob man dann weiterhin

dieses letztere Argument demgegenüber anführen darf, daß in der Natur

offenbar das fehlt, was man beim Menschen »Moralität« nennt. Denn in

dem menschlichen Geist ist das Gefühl für Recht und Unrecht -- mit

allen jenen Affekten, die es begleiten und bilden: Liebe, Sympathie,

Gerechtigkeit u. s. w. -- ein so wichtiger Faktor, daß wir uns, wie

groß auch die intellektuelle Seite des menschlichen Geistes gedacht

werden mag, doch kaum dabei die moralische Seite so augenscheinlich

verdunkelt denken könnten, daß sie in der Schöpfung eines solchen

Werkes aufgehen sollte, wie wir es in der irdischen Natur finden.

Es ist unnütz unsere Augen vor dem Zustand der Dinge, der uns hier

begegnet, zu schließen. Die meisten Beispiele spezieller Zwecksetzung,

auf welche sich die Vertreter der natürlichen Theologie beziehen, um

die intelligente Natur der »ersten« Ursache zu beweisen, haben als

Ziel oder Gegenstand die Strafe eines schmerzreichen Todes oder die

Flucht vor grausamen Feinden, aber gerade in dieser Hinsicht ist das

Argument zu Gunsten der intelligenten Natur der »ersten« Ursache ein

Argument gegen ihre Moralität. Wenn wir wiederum die engere Grundlage

verlassen, auf welcher das teleologische Argument früher ruhte, und

es auf die breitere Grundlage der Natur als ein Ganzes stellen, so

ist es kaum weniger unvereinbar mit der Moralität jener Ursache; denn

wir sehen, daß die Thatsachen, auf die ich angespielt habe, nicht nur

zufälliger Natur sind und sozusagen von entgegengesetzten Thatsachen

allgemeinerer Art ausgewogen werden, sondern daß sie augenscheinlich

das wichtigste Kennzeichen des Systems der organischen Natur als ein

Ganzes darstellen; wenn man dies aber für fraglich hält, dann würden

wir nicht mehr zu dem Schluß berechtigt sein, daß es überhaupt ein

solches System giebt.

Daß die Natur an Zähnen und Klauen rot vor Blutgier ist, das ist also

ohne Frage eine Thatsache von weitgehender und allgemeiner Bedeutung,

die von jeder Theorie der Teleologie berücksichtigt werden muß.

Diese Seite unserer Frage kann wohl kaum in stärkeren Ausdrücken

wiedergegeben werden, als es von »Physikus«[32] geschehen ist, den ich

daher hier zitieren werde:

»Nehmen wir einmal an, die Gottheit sei, wie Professor Flint behauptet,

allmächtig, dann ist doch sicherlich der Schluß im höchsten Grade

berechtigt, daß ein derartiges allgemeines Leiden, mag es auch immer

bezwecken, was es will, einen unberechenbar größeren Mangel an

Barmherzigkeit im göttlichen Charakter zeigt als in irgend einem,

auch dem schlechtesten, menschlichen Charakter. Laßt uns doch einen

Augenblick einhalten und bedenken, was das Leiden in der Natur

bedeutet. Vor einigen hundertmillionen Jahren sind Millionen und aber

Millionen von Tieren zum Gefühl erwacht. Seit jener Zeit bis zur

Gegenwart muß es Millionen und aber Millionen von Generationen von

Millionen und aber Millionen von Individuen gegeben haben. Und während

dieser ganzen Zeit von unberechenbarer Dauer hat dieses unfaßbar große

Heer fühlender Wesen in einem Zustand des unaufhörlichen Kampfes,

der Furcht, der Raubgier und der Schmerzen gelebt. Wenn wir das

Ergebnis dieser Thatsachen betrachten, so finden wir, daß mehr als

die Hälfte der Arten, welche den endlosen Kampf überlebt haben, in

ihren Lebensgewohnheiten Parasiten geworden sind, also niedrigere und

empfindungslose Lebensformen, welche sich von höheren und empfindenden

Formen nähren: da sehen wir Zähne und Krallen, die zum Mord gewetzt,

Hacken und Saugnäpfe, die zur Qual gebildet sind, -- überall eine

Herrschaft des Schreckens, des Hungers, der Krankheit, mit strömendem

Blut und zuckenden Gliedern, mit keuchendem Atem und unschuldigen

Augen, die sich trübe in den Todesschauern grausamer Qual schließen.

Will man etwa entgegnen, daß es zur Entschädigung auch Freuden giebt?

Ich will das nicht gegen einander abwägen, die Freuden fasse ich

einfach als ebenso natürlich notwendig auf wie die Schmerzen, einerlei

ob die Entwicklung einer Zwecksetzung entspringt oder nicht ...... Will

man mir aber vielleicht einwerfen, daß ich nicht berechtigt bin über

die Zwecke des Allmächtigen zu urteilen? Ich antworte: wenn es Zwecke

giebt, dann =bin= ich auch meines Erachtens berechtigt über sie zu

urteilen; und wenn ich über Zwecke urteilen darf, falls sie wohlthätig

zu sein scheinen, dann bin ich folgerichtig gezwungen auch über die

zu urteilen, welche unbarmherzig zu sein scheinen. Es ist auch nicht

möglich, die letzteren durch den Hinweis auf die Ordnung und Schönheit

als Endziel zu mildern, wenn man weiß, daß die von dem »allmächtigen

Zwecksetzer« angewandten Mittel so [schreckliche] gewesen sind. Alles,

was wir berechtigter Weise in dieser Sache behaupten könnten, würde

sein, daß er unseren Beobachtungen zufolge für die Vervollkommnung

der Tiere sorgt, selbst unter Hintansetzung ihrer Lebensfreuden, ja

selbst unter gänzlicher Mißachtung ihrer Leiden. Aber dies behaupten

würde doch nur heißen die Wohlthätigkeit als eine Eigenschaft Gottes

leugnen«.[33]

Dieses Räsonnement ist ebenso unanfechtbar wie klar. Wenn wir, wie

der Verfasser weiter sagt, ein Kaninchen in den eisernen Klauen einer

Falle zittern sehen und die teuflische Natur des Wesens verabscheuen,

welches sehr gut weiß, was Schmerz bedeutet, und doch mit vollem

Bewußtsein seine ganze Erfindungsgabe anwendet, um ein so scheußlich

grausames Ding zu ersinnen, -- was sollen wir dann von einem Wesen

denken, welches mit noch höheren geistigen Fähigkeiten und mit einer

unbeschränkten Fähigkeit die Mittel zur Sicherung seiner Ziele zu

wählen begabt ist und welches doch unsagbar viele Tausende von nicht

weniger teuflischen Mechanismen ersonnen hat? Kurz, so weit uns die

Natur belehren kann und soweit die »Beobachtung reicht«, scheint es,

als ob das Natursystem, wenn es überhaupt eins giebt, die Schöpfung

eines Geistes darstellt, der sich von dem höher entwickelten

menschlichen Geist dadurch unterscheidet, daß er unermeßlich

intelligenter ist ohne auch nur annähernd so moralisch zu sein. Und

dasselbe wird durch die rohe und gar keinen Unterschied machende Art

angezeigt, in welcher die Gerechtigkeit abgemessen wird -- wenn man

überhaupt sagen kann, daß dies geschieht. Wenn wir die Bestimmtheit und

Strenge, mit welcher jedes Vergehen gegen die »Naturgesetze« von der

Natur bestraft wird (gleichgültig, ob es auch nur aus Unwissenheit

entspringt), mit der außerordentlichen Unbestimmtheit und Laxheit

vergleichen, mit welcher sie einem Vergehen gegen die »moralischen

Gesetze« begegnet, -- dann müssen wir doch fühlen, daß =dieses= System

der Gesetzgebung (wenn wir es überhaupt so nennen dürfen) gänzlich von

einem verschieden ist, welches eine irgendwie anthropopsychisch zu

nennende Intelligenz erdacht haben würde.

Die einzige Antwort, welche die Vertreter der natürlichen Theologie

auf diese schwierigen Fragen noch geben könnten, bezieht sich auf

die Beschaffenheit des menschlichen Geistes. Es wird behauptet: die

Thatsache, daß dieser Geist seinem Wesen nach eine verhältnismäßig so

hohe Moralität besitze, möchte doch wohl ein Beweis dafür sein, daß die

Quelle, die ihm den Ursprung gab, in gleicher Weise einen moralischen

Charakter habe. Dieses Argument erscheint mir jedoch fragwürdig,

denn, soviel wir wissen können, kann der moralische Sinn dem Menschen

gegeben worden sein oder sich in ihm entwickelt haben, einfach wegen

seiner Nützlichkeit für die Spezies -- ganz in derselben Weise wie

die Zähne des Haifisches und das Gift der Schlange. Wenn dem so ist,

dann würde das Auftreten des moralischen Sinnes beim Menschen nur ein

weiterer Beweis dafür sein, daß die intellektuelle Natur Gottes von

seiner moralischen wohl zu unterscheiden ist; und es scheint kein

Grund vorhanden zu sein, weshalb wir die Sache von einem anderen

Gesichtspunkt aus betrachten sollten. Die Thatsache, daß =uns= der

moralische Sinn als ein so großes und heiliges Ding erscheint, ist

zweifellos (von jedem Gesichtspunkt aus) die Folge seiner Bedeutung für

die Wohlfahrt unserer Spezies. An sich oder wie er anderen möglichen

Wesen erscheint, die gleich uns intelligent sind, aber unter anderen

Lebensbedingungen existieren, kann man dem moralischen Charakter des

Menschen nicht mehr Bedeutung zugestehen als den sozialen Instinkten

der Bienen. Ganz besonders berechtigt ist diese Erwägung für den

Fall, daß es, gemäß der theologischen Theorie der Dinge, einen Geist

außerhalb des Gebiets jener sozialen Verhältnisse giebt, aus denen

sich nach der wissenschaftlichen Entwicklungslehre der moralische Sinn

in uns selbst entwickelt hat.[34]

Thatsächlich nehmen die Vertreter der natürlichen Theologie in

dieser Frage einmal an, daß die erste Ursache wenn intelligent auch

moralisch sein müsse, ferner aber sehen sie nicht die außerordentlich

große logische Schwäche des Arguments, durch welches sie ihre

Annahme aufrecht erhalten wollen. Es möchte doch sicherlich eine

ganz ebenso anthropomorphistische Vorstellung sein, wenn man Gott

Moralität zuschreiben wollte, als wenn man ihm jene Empfänglichkeit

für sinnlichen Genuß zuschreiben wollte, mit der die Griechen ihre

Gottheiten ausstatteten. Die Gottheit mag doch wohl am Ende über dem

einen wie über dem anderen hoch erhaben stehen -- oder wir müssen

vielleicht richtiger sagen, sie steht dem einen so fremd gegenüber wie

dem anderen. Ohne daß sie übermoralisch und noch weniger unmoralisch

ist, mag sie wohl ohne Moral sein: unsere Begriffe von Moralität

möchten wohl auf Gott angewendet keinen Sinn haben.

Wenn wir nun aber auf der einen Seite dies sagen müssen, so müssen wir

andererseits, denke ich, konsequenter Weise zugeben, daß das Argument

vom Bau des menschlichen Geistes viel gewichtiger wird, wenn man von

dem moralischen Gefühl zu den religiösen Instinkten übergeht. Denn

einerseits sind diese Instinkte nicht von so offenkundigem Nutzen für

die Spezies wie diejenigen der Moralität; und andererseits scheinen

sie, obwohl sie ohne Frage außerordentlich allgemein, ausdauernd und

kräftig sind, nicht irgend einem »Ziel« oder »Zweck« in dem System

der Dinge zu dienen, wenn wir nicht die Theorie derjenigen über sie

annehmen, in denen sie am stärksten entwickelt sind. Hier haben wir

meines Erachtens ein Argument von berechtigter Kraft, obwohl Mill, wie

es scheint, diese Meinung nicht teilte. Ich glaube, daß dieses Argument

deshalb eine berechtigte Kraft besitzt, weil die religiösen Instinkte

des Menschengeschlechts, wenn sie nicht auf eine Realität als ihr

Objekt hinweisen, verglichen mit allen anderen Instinkten ohne jedes

Analogon sein würden.

Sonst treffen wir im Tierreich nirgends einen Instinkt an, der nicht

auf ein Ziel hinweist, und insofern ist die Thatsache, daß der Mensch,

wie man gesagt hat, ein »religiöses Tier« ist, -- d. h. daß er eine

Art eigentümlicher Gefühle aufweist, die auf besondere Ziele gerichtet

sind und die mit dem wahren Instinkt sehr nahe verwandt, wenn nicht

identisch sind, -- meiner Meinung nach ein berechtigtes Argument

für die Realität irgend eines Objekts, auf das die religiöse Seite

der Natur dieses Wesens gerichtet ist. Ich glaube auch nicht, daß

dieses Argument von Thatsachen wie den folgenden entkräftet wird:

daß nämlich die verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts weit

auseinandergehende, intellektuelle Vorstellungen von dem Charakter

dieses Objekts besitzen; daß die Stärke der religiösen Instinkte bei

verschiedenen Individuen, selbst derselben Rasse, höchst verschieden

ist; daß diese Instinkte durch die Erziehung außerordentlich

modifiziert werden können; daß sie sich wahrscheinlich bei keinem

Individuum entwickeln würden, wenn demselben nicht wenigstens so viel

Erziehung zu teil wird als zur Entwicklung der nötigen intellektuellen

Vorstellungen, auf die sie sich gründen, erforderlich ist; oder daß wir

ihren Ursprung mit Spencer nicht unwahrscheinlich auf eine primitive

Art der Traumdeutung zurückführen können. Denn selbst im Hinblick auf

alle diese Erwägungen bleibt doch die Thatsache bestehen, daß diese

Instinkte =existieren=, und daß daher angenommen werden darf, daß sie

gleich allen anderen Instinkten eine bestimmte Bedeutung haben, auch

dann, wenn man annehmen kann, daß sie gleich allen anderen Instinkten

eine natürliche Ursache haben, was sowohl hinsichtlich des Individuums

wie auch hinsichtlich der Rasse fordert, daß für die natürlichen

Bedingungen ihres Auftretens gesorgt sein muß, gerade so wie bei

der natürlichen Entwicklung aller anderen Instinkte. Kurz, wenn man

allgemein dafür hält, daß die tierischen Instinkte gleich organischen

Gebilden und unorganischen Systemen einen Zweck verfolgen müssen,

dann würde die religiöse Natur des Menschen als eine Anomalie in dem

allgemeinen System der Dinge dastehen, wenn sie allein zwecklos wäre.

Dies nun erscheint mir ein kräftiger Beweis dafür zu sein, daß, wenn

die allgemeine Naturordnung einem Geist den Ursprung verdankt, der

Charakter dieses Geistes derartig ist, wie ihn sich die am höchsten

entwickelte Form der Religion vorstellt. Dieser Schluß ist nun ohne

Zweifel ganz entgegengesetzt dem, zu welchem wir durch Betrachtung der

biologischen Erscheinungen gelangten; und dies ist ein Widerspruch, der

nur durch die Annahme gelöst werden kann, daß entweder die Natur Gott

verheimlicht, während der Mensch ihn offenbart, oder daß die Natur Gott

offenbart, während der Mensch ihn falsch darstellt.

Noch eine andere Thatsache von weittragender und allgemeiner Bedeutung

weist uns die Natur auf, welche meiner Meinung nach, falls die

Naturordnung für den Ausdruck eines intelligenten Zweckes gehalten

wird, als Beweis für die ethische Natur jenes Zweckes sehr wichtig ist.

Es ist eine Thatsache, welche meines Wissens noch von keinem anderen

Schriftsteller beachtet worden ist; da es aber eine der allgemeinsten

Thatsachen innerhalb der empfindenden Schöpfung ist, welche auch nicht

eine einzige Ausnahme gestattet, so kann ich ihre Bedeutung als

Argument gar nicht nachdrücklich genug hervorheben. Diese Thatsache

ist, wie ich sie bei einer früheren Gelegenheit festgestellt habe,

folgende: »Unter all' den Millionen von Mechanismen und Instinkten

im Tierreich giebt es kein einziges Beispiel eines Mechanismus oder

Instinkts, der bei einer Spezies zum ausschließlichen Vorteil einer

anderen Spezies aufträte, obwohl es einige wenige Fälle giebt, in denen

ein Mechanismus oder Instinkt, der für seinen Besitzer von Vorteil

ist, auch von anderen Spezies sich nutzbar gemacht worden ist. Nun ist

es der Theorie einer wohlthätigen Zwecksetzung unmöglich zu erklären,

warum es, wenn alle Mechanismen derselben Spezies unabänderlich zu

Gunsten jener Spezies in Korrelation stehen, niemals eine solche

Korrelation zwischen den Mechanismen verschiedener Spezies giebt, oder

warum dies auch für die Instinkte gilt. Denn welch' ein großartiges

Schauspiel göttlicher Barmherzigkeit würde die organische Natur geboten

haben, wenn alle, oder auch nur einige Spezies in solche Beziehung zu

einander gesetzt worden wären, daß sie sich in ihren gegenseitigen

Bedürfnissen aushelfen könnten. Die organischen Spezies könnten dann

einer unzähliger Schar von Stimmen verglichen werden, die alle in einen

harmonischen Lobpsalm einstimmen. Aber wie es nun einmal ist, sehen wir

keine Spur einer solchen Koordination; jede Spezies steht für sich und

für sich allein -- eine Folge des stets und überall grimmig wütenden

Kampfes ums Dasein«.[35]

Die soeben festgestellte weittragende und allgemeine Thatsache ist

nach meiner Meinung das wichtigste Argument zu Gunsten der Darwinschen

Theorie von der natürlichen Zuchtwahl, und aus ihr können wir den

wahrscheinlichen Grund erkennen, warum sie [die Thatsache] so ist,

wie sie ist, so weit es sich um die Frage nach ihrer natürlichen

Ursache handelt. Aber wenn es sich um die Frage handelt: was sollen

wir, vorausgesetzt, die natürliche Kausalität entspränge im letzten

Grunde einem Geist, von dem Charakter des Geistes sagen, welcher sich

dieser Methode der Kausalität bedient? -- Dann kommen wir wieder zu der

Antwort, daß dieser Geist, so weit wir es nach einer gewissenhaften

Prüfung dieser Thatsachen beurteilen können, nicht derartig ist, daß

wir ihn wie beim Menschen moralisch nennen würden. Natürlich mag hinter

den Naturerscheinungen eine moralische Rechtfertigung stecken, so daß

wir nach diesen Erscheinungen zu urteilen nur sagen können, daß er

[nämlich der Geist], weil er eine Methode der natürlichen Kausalität

wählte, welche zu diesen Resultaten führte, bei uns, wie oben erwähnt,

den Anschein erweckt hat, als sorge er für die Vervollkommnung der

Tiere unter Ausschluß ihrer Freuden, ja sogar unter gänzlicher

Mißachtung ihrer Leiden.

Endlich ist noch eine Wahrheit von Bedeutung, die in Erörterungen

dieser Art nur zu oft unberücksichtigt bleibt, -- da nämlich alle

unsere Räsonnements einen sich nach unserem Wissen richtenden

Charakter haben, so sind unsere Schlußfolgerungen proportional unserer

Unwissenheit unsicher; und da unsere Unwissenheit hinsichtlich der von

uns erörterten Fragen unermeßlich groß ist, so sind alle Schlüsse, die

wir haben ziehen können, wie Bischof Butler sagen würde, »unendlich

prekär.« Oder, wie ich diese formale Seite der Frage früher bei einer

Diskussion mit Professor Asa Gray über das teleologische Argument

ausdrückte: -- »Ich denke, man wird doch wohl zugeben, daß die Stärke

eines Schlusses von der Zahl, der Bedeutung und der Bestimmtheit

der dabei mitspielenden bekannten Dinge und Verhältnisse abhängt,

verglichen mit der Zahl, Bedeutung und Bestimmtheit der dabei

mitspielenden unbekannten, aber hergeleiteten Dinge und Verhältnisse.

Wenn dem so ist, so sollten wir logischer Weise vorsichtig sein,

wenn wir von dem Natürlichen auf das Übernatürliche schließen: denn

wenn wir auch das ganze Gebiet der Erfahrung, aus dem wir einen

Schluß ziehen, vor uns haben, so sind wir doch nicht im stande die

Wahrscheinlichkeit des Schlusses abzumessen, -- da die unbekannten

Verhältnisse hier eingestandener Maßen nach Zahl, Bedeutung und

Grad der Bestimmtheit unbekannt sind: der ganze Kreis menschlicher

Erkenntnis ist unzureichend, um eine Parallaxe zu gewinnen, durch

welche man die erforderlichen Messungen anstellen und das Verhältnis

zwischen den bekannten und den unbekannten Begriffen bestimmen kann.

Anders ausgedrückt können wir sagen: -- wie sich unsere Kenntnis eines

Teils zu unserer Kenntnis eines Ganzen verhält, so verhält sich unser

Schluß aus jenem Teil zur Realität jenes Ganzen. Wer kann daher, selbst

auf dem Boden der Hypothese des Theismus, sagen, daß unsere Schlüsse

oder die »Idee des Zweckes« irgend einen Sinn haben würden, wenn sie

auf den »All-Erhalter« angewendet werden, dessen Gedanken nicht unsere

Gedanken sind.«[36] Und natürlich lassen sich, _mutatis mutandis_

dieselben Bemerkungen auf alle Schlüsse anwenden, die eine negative

Tendenz haben.

=Ein= Ergebnis der ganzen Erörterung erscheint mir also zu sein,

daß der Einfluß der Naturwissenschaft auf die natürliche Religion

stets ein zerstörender gewesen ist. Schritt für Schritt hat sie den

scheinbaren Nachweis einer direkten oder speziellen Zwecksetzung in

der Natur zurückgedrängt, bis nunmehr dieser Nachweis nur allein

noch auf der einen gewaltigen und allgemeinen Thatsache beruht, daß

die Natur als Ganzes ein Kosmos ist. Es ist offenbar unmöglich, daß

sich der zerstörende Einfluß der Naturwissenschaft noch weiter als

bis hierhin erstrecken wird, da die Naturwissenschaft selbst nur auf

dieser Thatsache als Grundlage bestehen kann. Aber wenn wir zugeben,

daß diese gewaltige und allgemeine Thatsache, -- welche für unsern

Intellekt überwältigend sein müßte, wenn sie uns ihrer Alltäglichkeit

wegen nicht so vertraut wäre, -- die Thätigkeit eines Geistes in

der Natur offenbart, so merken wir sofort, daß es unmöglich ist

den etwaigen Charakter eines solchen Geistes zu bestimmen, selbst

wenn wir annehmen, daß er existiert. Wir können nicht begreifen,

daß er irgend eine der Fähigkeiten besitzen sollte, welche ganz

besonders das kennzeichnen, was wir in uns selbst als Geist erkennen;

und daher ist das Wort »Geist«, auf jene vermeintliche Thätigkeit

angewandt, ein _x_, eine unbekannte Größe. Und dann, wenn wir auch

diese Schwierigkeit nicht berücksichtigen und annehmen, daß es auf

die eine oder andere für uns unbegreifliche Weise einen Geist giebt,

der über dem menschlichen Geist so hoch erhaben ist, wie dieser über

der mechanischen Bewegung, so treffen wir doch noch auf einige gar

gewaltige und allgemeine Thatsachen in der Natur, welche entschieden

darauf hinzudeuten scheinen, daß diesem Geist, wenn er existiert, die

moralischen Empfindungen des Menschen teilweise oder gänzlich fehlen;

während andererseits das religiöse Verlangen des Menschen selbst den

entgegengesetzten Schluß rechtfertigen möchte. Und endlich haben wir

im Hinblick auf den ganzen Gang dieser Untersuchung gesehen, daß man

auch nicht die geringste meßbare Wahrscheinlichkeit hinsichtlich ihrer

Schlußfolgerungen erlangen kann. Nach alle dem erscheint die natürliche

Religion heutzutage lediglich als ein System von intellektuellen

Widersprüchen und moralischen Schwierigkeiten; und wenn wir an sie mit

den größten von allen Fragen herantreten: »Giebt es ein Wissen bei

dem Allerhöchsten?«, »Sollte nicht der Richter der ganzen Welt recht

richten?«, -- so ist die einzig klare Antwort, welche wir erhalten und

die uns aus der Tiefe unseres eignen Herzens zurückschallt: »Als ich

dies bedachte, war es zu schmerzlich für mich.«

Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum. · 第 10 / 21 题