Ich habe mir vorgenommen in einer Reihe von drei Abhandlungen den
Einfluß der Naturwissenschaft auf die Religion zu untersuchen. Hierbei
werde ich versuchen, mich auf eine streng verstandesgemäße Behandlung
des Gegenstandes zu beschränken, ohne zu irgend welchen Fragen des
Gefühls abzuschweifen. Überdies werde ich in erster Linie die Art und
den Grad des Einflusses berücksichtigen, welchen die Naturwissenschaft
in der Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, um alsdann klar zu
stellen, wie weit sich dieser Einfluß wahrscheinlich in der Zukunft
ausdehnen wird. Die ersten beiden Abhandlungen sollen dem bisherigen
und dem voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft
auf die =natürliche= Religion und die dritte dem bisherigen und dem
voraussichtlich noch kommenden Einfluß der Naturwissenschaft auf die
=geoffenbarte= Religion gewidmet sein.[24]
Wenige Fragen haben in den letzten Jahren so viel Interesse erregt wie
die, welche ich hier zur Untersuchung ausersehen habe. Dies kann kaum
überraschen, wenn man beachtet, daß der in Frage stehende Einfluß nicht
allein ein sehr unmittelbarer, sondern auch ein in jeder Beziehung
ungemein wichtiger ist. Generationen und Jahrhunderte hindurch besaß
die Religion eine unbestrittene Macht über den menschlichen Geist,
wenn auch nicht immer als ein praktischer Ratgeber in Sachen der
Lebensführung, so doch wenigstens als ein Regulator des Glaubens.
Selbst bei den verhältnismäßig wenigen Menschen, welche in früheren
Jahrhunderten das Christentum offenkundig verwarfen, wurden die
geistigen Vorstellungen doch ohne Zweifel in hohem Maße durch dasselbe
bestimmt. Denn da das Christentum damals der einzige Gerichtshof für
alle diese Vorstellungen war, so konnten sich selbst die wenigen, die
offenkundig außerhalb seiner Jurisdiktion standen, dem indirekten
Einfluß nicht entziehen, den es durch andere auf sie ausübte. Aber
wenn nun nach und nach neben dieser ehrwürdigen Institution ein neuer
Gerichtshof entstand, so können wir uns nicht wundern, daß man ihn
als einen Nebenbuhler des alten ansah, und dies um so mehr, als seine
Forschungsmethoden und der bestimmte Charakter seiner Urteile viel
mehr als jene mit den Anforderungen eines dem Skeptizismus zuneigenden
Zeitalters in Einklang stand. Dieser Geist der Eifersucht wurde
noch mehr durch die Thatsache genährt, daß die Naturwissenschaft
auf die Religion unfraglich einen, wie Fiske sagt, »reinigenden«
Einfluß ausgeübt hat. Das soll heißen: nicht allein sagt die
naturwissenschaftliche Forschungsmethode zur Auffindung der Wahrheit
den skeptischen Geistern mehr zu als die religiöse Methode (die man
dreist damit kennzeichnen kann, daß sie die Wahrheit auf Autorität hin
annehmen), sondern die Ergebnisse der ersteren haben auch mehr als
einmal denen der letzteren direkt widersprochen. Die Naturwissenschaft
hat in mehreren Fällen unantastbar klar bewiesen, daß Lehren der
Religion den Thatsachen gegenüber falsch waren. Ferner: der große
Fortschritt der Naturerkenntnis, welcher das gegenwärtige Jahrhundert
charakterisiert, hat bewirkt, daß unsere Vorstellungen von vielen mit
Philosophie zusammenhängenden Begriffen und Lehren eine vollständige
Wandlung erfahren haben. Ein gebildeter Mensch unserer Tage ist ganz
außer Stande manche christliche Dogmen von demselben intellektuellen
Standpunkt aus wie seine Vorfahren anzusehen, selbst wenn er sie auch
weiterhin noch in einem anderen Sinn als wahr hinnimmt. Kurz, da unsere
ganze Denkungsweise in gewissen Beziehungen verändert ist, so können
wir gar nicht verlangen, daß sie in dieser Hinsicht noch mit dem
unveränderlichen System der Theologie übereinstimmen sollte.
Auf solche Weise hat nach meiner Auffassung die Naturwissenschaft ihren
Einfluß auf die Religion ausgeübt, und es ist unnötig, den Umfang
dieser Wirkung länger zu betrachten. Man kann keine Zeitung lesen, ohne
sie zu bemerken. Einerseits triumphiert der Zweifler zuversichtlich,
daß das Licht der aufgehenden Erkenntnis endlich angefangen habe, die
Finsternis des Aberglaubens zu verscheuchen, während andererseits
religiös gerichtete Menschen bei dem Gedanken zittern, was die Zukunft,
nach der Vergangenheit zu urteilen, bringen werde. Auf beiden Seiten
finden wir freie Diskussion, kräftige Sprache, ernstes Forschen. Jahr
für Jahr wird Überschlag gemacht und Jahr für Jahr neigt sich die
Wagschale mehr zu Gunsten der Naturwissenschaft.
So stehen die Dinge eben, und ich denke, daß wir mit der Kenntnis der
Art und des Grades des Einflusses, den die Naturwissenschaft in der
Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat, Material genug besitzen
werden, um den mutmaßlichen Umfang, den dieser Einfluß in der Zukunft
haben wird, beurteilen zu können. Dies will ich zu thun versuchen,
indem ich nach allgemeinen Grundsätzen die Grenzen bestimme, innerhalb
derer der in Rede stehende Einfluß vorläufig ausgeübt werden kann.
Doch um dies zu können, ist es nötig, vorerst die Art und den Grad
des Einflusses zu betrachten, den die Naturwissenschaft in der
Vergangenheit auf die Religion ausgeübt hat.
Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir zunächst das Wesen
der Naturwissenschaft und der Religion auseinandersetzen. Denn dies
ist natürlich der erste Schritt bei einer Untersuchung, welche den
thatsächlichen und den möglichen Einfluß dieser beiden Gedankengebiete
aufeinander abschätzen soll.
Die Naturwissenschaft ist im wesentlichen ein Gebiet des Denkens,
welches sich ausschließlich auf die =nächsten= Ursachen bezieht.
Noch genauer: sie ist ein Gebiet des Denkens, dessen Gegenstand die
Erklärung des Naturgeschehens durch die Entdeckung natürlicher (oder
nächstliegender) Ursachen ist. Wenn die Naturwissenschaft diese ihre
einzig rechtmäßige Domäne zu überschreiten und das Naturgeschehen
durch unmittelbare Einwirkung übernatürlicher oder letzter Ursachen zu
erklären versucht, dann hat sie aufgehört Naturwissenschaft zu sein und
ist ontologische Spekulation geworden. Die Wahrheit dieser Behauptung
ist jetzt von allen Naturforschern in praxi anerkannt worden, und
Ausdrücke, welche sich auf die letzten Ursachen beziehen, sind aus dem
Wörterbuch der Astronomie, Chemie, Geologie, Biologie und selbst der
Psychologie verbannt worden.
Auf der anderen Seite ist die Religion ein Gebiet des Denkens, das
sich ebenso ausschließlich auf die =letzten= Ursachen bezieht. Sie
ist ein Gebiet des Denkens, das ein selbstbewußtes und intelligentes
Wesen zum Gegenstand hat, und dieses wird dabei als persönlicher Gott
und als Urquell aller Kausalität betrachtet. Ich bin mir sehr wohl
bewußt, daß der Ausdruck »Religion« seit einigen Jahren häufig in einem
Sinn gebraucht worden ist, welcher sich nicht mit dieser Definition
deckt; doch dies zeigt nur, wie oft dieser Ausdruck mißbraucht worden
ist. Irgend eine Theorie der Dinge Religion zu nennen, obwohl sie
gar keinen Glauben an eine Gottheit enthält, das heißt das Wort in
ganz entgegengesetztem Sinne wie bisher gebrauchen. Von Religion des
Unerkennbaren, von Religion des Kosmos, von Religion der Humanität
u. s. w. sprechen, wobei die Persönlichkeit der letzten Ursache nicht
anerkannt wird, das ist ebenso unverständig, als wenn man von der
Liebe eines Dreiecks oder von der Vernunft des Äquators sprechen
wollte; denn wenn man diesen Ausdrücken überhaupt irgend einen Sinn
abgewinnen will, so müssen sie im metaphorischen Sinn gebraucht
werden. Wir können ja z. B. sagen, daß es so etwas wie eine Religion
der Humanität giebt, in dem wir die Humanität zuerst in unserer
Wertschätzung vergöttlichen und dann dieses unser Ideal anbeten. Aber
wenn wir auf diese Weise der Humanität den Namen der Gottheit beilegen,
so schaffen wir darum doch keine neue Religion; wir gebrauchen damit
bloß eine Metapher, welche als poetische Diktion mehr oder weniger
Erfolg haben mag, die aber sicherlich als philosophischer Satz keinen
Pfifferling wert ist. Ja, sie ist in dieser Beziehung noch schlimmer
als wertlos: sie ist irreleitend. Veränderungen oder Umkehrungen der
Bedeutung von Wörtern kommen nicht selten bei der Entwicklung der
Sprache vor, aber nicht häufig wird, und so in diesem Fall, der ganze
Sinn des Ausdrucks absichtlich und willkürlich von den Vertretern der
Philosophie abgeändert. Humanität z. B. ist ein abstrakter Begriff,
den wir selbst gebildet haben, Humanität existiert objektiv ebenso
wenig wie der Äquator. Wenn es daher möglich wäre eine Religion durch
diesen sonderbaren Kunstgriff zu konstruieren, indem man der Humanität
metaphorisch die Attribute der Gottheit zuschreibt, so würde es logisch
ebensogut möglich sein, eine Theorie brüderlicher Liebe zum Äquator
zu konstruieren, indem man diesem metaphorisch menschliche Attribute
zuschreibt.
Das charakteristische Merkmal irgend einer Theorie, welche man
berechtigter Weise als Religion bezeichnen könnte, ist, daß sie sich
auf den letzten Ursprung aller Dinge bezieht und daß sie diesen
Ursprung als ein objektives und intelligentes und persönliches Wesen
bezeichnet. Den Ausdruck »Religion« auf irgend eine andere Theorie
anwenden, heißt also nur ihn mißbrauchen.
Nach diesen Definitionen scheint es so, als ob sich Ziel und Methode
der Naturwissenschaft ausschließlich auf die Bestimmung und Prüfung des
zunächstliegenden »Wie?« der Dinge und der Naturvorgänge richten. Ihre
Aufgabe ist, wie Mill sagt, die kleinste Anzahl der Naturthatsachen
zu bestimmen, welche die Erscheinungen der Erfahrung erklären kann.
Andererseits ist die Religion in keiner Weise mit der Kausalität
verbunden, nur daß sie annimmt, daß alle Dinge und alle Ereignisse im
letzten Grunde auf eine intellektuelle Persönlichkeit zurückzuführen
sind. Spencer sagt, »die Religion ist eine apriorische (außerhalb
der Erfahrung liegende) Theorie des Weltalls« -- dem müssen wir noch
hinzufügen, eine Theorie, welche eine intelligente Persönlichkeit als
schaffenden Ursprung des Weltalls annimmt. Ohne diesen notwendigen
Zusatz würde die Religion sich logisch nicht von der Philosophie
unterscheiden.
Aus diesen Definitionen geht klar hervor, daß Naturwissenschaft
und Religion in ihren reinsten Formen thatsächlich keine logischen
Beziehungen haben. Nur wenn die Naturwissenschaft die Bedingungen des
Raumes und der Zeit, der gegenseitigen Beziehung der Erscheinungen
und aller menschlichen Beschränkungen überschreiten würde, dann nur
könnte sie in der Lage sein, die übernatürliche Theorie der Religion
zu berühren. Doch es ist offenbar, wenn die Naturwissenschaft dies
thäte, so würde sie aufhören Naturwissenschaft zu sein. Indem sie
sich über die Region der Naturerscheinungen (Phänomena) erhöbe und in
den zarten Äther der Verstandesbegriffe (Noumena) einträte, würden
ihre gegenwärtigen Schwingen, die wir ihre Methode nennen, in solcher
Atmosphäre nicht mehr zur Bewegung dienen können. Ohne Raum, ohne
Zeit und ohne Beziehungen zu den Naturerscheinungen, könnte die
Naturwissenschaft nicht länger als solche bestehen.
Andererseits kann auch die Religion in ihrer reinsten Form in gleicher
Weise die Naturwissenschaft nicht berühren. Denn die Religion als
solche hat, wie wir schon gesehen haben, nichts mit dem Gebiet der
Naturerscheinungen zu thun; ihre metaphysische Theorie kann keine
Beziehung zu dem »Wie« der Natur-Kausalität haben. Es ist daher
augenscheinlich, daß sich Naturwissenschaft und Religion, weil
sie in ihren reinsten und idealsten Formen ganz verschiedenartige
Geistesrichtungen sind, nicht gegenseitig in ihr Gebiet einmischen
dürfen.
So weit lassen sich diese Bemerkungen in gleicher Weise auf alle
Formen der Religion anwenden, sie sei nun eine wirkliche oder nur
eine mögliche, wenn sie nur rein ist. Aber es ist notorisch, daß
bis vor Kurzem die Religion auf die Naturwissenschaft nicht nur
einen Einfluß überhaupt, sondern sogar einen überwältigenden Einfluß
ausübte. Da der Glaube an ein göttliches Wirken fast allgemein war,
während die Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht
bestimmt formuliert waren, hatten die früheren Generationen die
Gewohnheit, jede Naturerscheinung, deren natürliche Ursache noch nicht
nachgewiesen war, einer mehr oder minder unmittelbaren Einwirkung
der Gottheit zuzuschreiben. Nun wissen wir aber, daß diese geistige
Gewohnheit daher kam, daß man noch nicht den wesentlich verschiedenen
Charakter der Naturwissenschaft und Religion als (getrennte)
Denkgebiete unterscheiden konnte, und nur insofern, als die Religion
früherer Zeiten unrein oder mit Gedanken, die der Naturwissenschaft
angehören, vermischt war, übte sie jenen verderblichen Einfluß aus.
Die allmähliche, nun schon fast völlige Ausscheidung der Endursachen
aus dem Gedankengang der Naturforscher, worauf wir schon hingedeutet
haben, ist nur ein Ausdruck für die Thatsache, daß die Naturforscher
einmütig und ganz und gar dazu gelangt sind, die von mir festgestellten
Grundunterschiede zwischen Naturwissenschaft und Religion anzuerkennen.
Die Naturforscher empfinden es einmütig und klar -- wenigstens
alle die Männer, deren Gedanken über diese Fragen auf der Höhe
der Zeit stehen -- daß eine religiöse Erklärung irgend einer
Naturerscheinung vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus überhaupt
keine Erklärung ist. Denn eine religiöse Erklärung besteht darin,
daß man die beobachtete Naturerscheinung auf die »letzte« Ursache
bezieht, d. h. darin, daß man jene besondere Erscheinung in das
allgemeine und letzte Geheimnis der Dinge versenkt. Dagegen besteht
eine naturwissenschaftliche Erklärung darin, daß man die beobachtete
Naturerscheinung auf die nächstliegenden =natürlichen= Ursachen
zurückführt, und in keinem Falle kann sich eine solche Erklärung auf
die Hypothese eines Endzweckes einlassen, ohne den Charakter einer
naturwissenschaftlichen Erklärung zu verlieren. Wenn mir z. B. ein Kind
eine Blume mit der Frage bringt, warum sie eine so sonderbare Form,
so lebhafte Farbe, so süßen Duft u. s. w. hat, und ich ihm antworte:
weil Gott sie so machte! -- so beantworte ich damit des Kindes Frage
eigentlich gar nicht: ich verberge nur meine Unkenntnis der Natur unter
dem Mantel der Frömmigkeit und entschuldige meine Trägheit im Studium
der Botanik. Die Würdigung dieser Thatsache war es, was Darwin in
seiner »Entstehung der Arten« zu der Bemerkung führte, daß die Theorie
der Schöpfung keine Thatsache, mit der sie sich beschäftigt, wirklich
erklären kann, sondern daß sie diese Thatsache nur nochmals darlegt,
wie sie beobachtet worden. Das soll besagen: indem wir die beobachteten
Thatsachen so in das Grundgeheimnis der Dinge versenken, versuchen
wir es gar nicht einmal, sie irgendwie im naturwissenschaftlichen
Sinne zu erklären; denn es würde dann offenbar möglich sein, sich
der Aufgabe, irgend eine Naturerscheinung zu erklären, stets auf
dieselbe Weise zu entledigen, indem man sie nämlich immer einfach auf
die unmittelbare Einwirkung der Gottheit zurückführt. Wenn wirklich
irgend eine Naturerscheinung einträte, welche aus einer unmittelbaren
Gottesthat als Ursache entspränge, dann würden _ex hypothesi_ überhaupt
keine natürlichen Ursachen mehr zu erforschen sein, und der Mohr als
Naturforscher hätte seine Schuldigkeit gethan und könnte gehen; denn
solch' eine Erscheinung würde wunderbar sein, daher ihrer Natur nach
jenseits der Grenze wissenschaftlicher Forschung liegen.
Die religiöse Theorie der Endursache erklärt also keine
Naturerscheinung, sie bestätigt sie nur, wie sie beobachtet worden
ist -- oder wenn man lieber will: sie ist in sich selbst eine
Universal-Erklärung aller möglichen Naturerscheinungen auf einmal.
Denn es muß zugegeben werden, daß hinter allen möglichen Erklärungen
naturwissenschaftlicher Art etwas höchst Unerklärliches liegt,
welches gerade seines übersinnlichen Charakters wegen nicht auf
irgend etwas anderes zurückgeführt, d. h. erklärt werden kann. »Es
ist so wie es ist«, das ist alles, was wir von ihm sagen können. »Ich
bin was ich bin«, ist alles, was es von sich selbst sagen könnte.
Und darin bestehen im Wesentlichen die Lehren der Religion, daß sie
Naturerscheinungen auf diese unerklärbare Quelle der natürlichen
Kausalität zurückführt. Die Lehre der Naturwissenschaft dagegen beruht
auf der Gewißheit, daß es immer möglich ist, eine der Erfahrung nach
endlose Kette natürlicher Ursachen zu erforschen, d. h. eine endlose
Reihe von Naturerscheinungen zu erklären. Wenn wir den Vorgang der
Erklärung als die Zurückführung der beobachteten Erscheinungen auf ihre
zureichenden Ursachen definieren, so dürfen wir sagen, daß die Religion
sich mit Hülfe einer allgemeinen Theorie der Dinge in der Annahme einer
ersten Ursache intelligenter Art zu ihrer eigenen Befriedigung eine
letzte Erklärung des Weltalls als eines Ganzen verschafft. Sie hat
daher nichts mit den =nächsten= Erklärungen oder mit der Entdeckung
der nächstliegenden Ursachen zu thun, und diese ist ausschließlich
Gegenstand der Naturwissenschaft. Wir gehen also hiermit auf die schon
gegebenen Definitionen zurück, wonach die Religion einem Gedankengebiet
angehört, welches als solches ausschließlich Beziehung auf die =letzte=
Ursache hat, während die Naturwissenschaft einem Gedankengebiet
angehört, welches als solches ebenso ausschließlich in Beziehung
zu den =nächsten= Ursachen steht. Wenn die Grenzen dieser beiden
Gebiete überschritten werden, so entstehen Konflikte und Verwirrung.
Wenn daher die religiöse Lehre von den Endursachen auf das Feld der
naturwissenschaftlichen Forschung übertrat, so überschritt sie ihre
logische Domäne, und indem sie sich das Amt anmaßte, diese oder jene
Erscheinung im einzelnen zu erklären, hörte sie auf, reine Religion
zu sein, während sie zu gleicher Zeit und aus demselben Grunde der
Naturwissenschaft den Weg des Fortschritts versperrte.[25]
Wir sind nun bei einem der Hauptpunkte angelangt, die wir zu behandeln
haben -- nämlich bei der Lehre von dem Zweck in der Natur und damit
bei der Frage der natürlichen Religion in ihrer Beziehung zur
Naturwissenschaft. Hier werde ich versuchen, einen möglichst tiefen
und klaren Überblick über den gegenwärtigen Zustand der natürlichen
Religion zu gewinnen, ohne Schritt für Schritt den Weg und die Mittel
zu zeigen, durch welche sie unter dem Einfluß der Naturwissenschaft auf
diesen Standpunkt gekommen ist.
Beim ersten Dämmern des Denkens ist, soweit wir davon Kunde haben,
die Teleologie in dieser oder jener Form die am weitesten verbreitete
Lehre zur Erklärung der Naturordnung gewesen. Es ist indessen nicht
meine Absicht, in diesen Blättern die Geschichte dieser Lehre von ihren
rohen Anfängen im Fetischismus bis zu ihrer schließlichen Entwicklung
im Theismus aufzuzeichnen. Ich will mich ausschließlich an den jetzigen
Zustand dieser Lehre halten und erwähne die vergangene Geschichte nur,
um die häufig aufgestellte Behauptung zu prüfen, daß ihr allgemeines
Übergewicht in allen Jahrhunderten und unter allen Nationen der Welt
ihr einen gewissen Grad »aprioristischer Glaubwürdigkeit« giebt. In
Bezug auf diesen Punkt muß ich folgendes sagen: ob nun die Naturordnung
von einem ordnenden Geist herrührt oder nicht, die Lehre von der
Wirksamkeit eines Geistes innerhalb der Natur -- oder wie es der
Herzog von Argyll nennt, »die Lehre vom Anthropopsychismus« -- muß
notwendigerweise die ursprünglichste gewesen sein. Was wir in der
Natur finden, ist die allgemeine Herrschaft der Kausalität und lange
vorher, ehe die nicht weniger allgemeine Aequivalenz zwischen Ursachen
und Wirkungen -- d. h. die allgemeine Herrschaft der Naturgesetze --
genügend gewürdigt wurde, erkannte man schon vollauf die allgemein
gültige Thatsache, daß nichts ohne irgend eine zureichende Ursache
geschieht. Und ganz gewiß, das Bewußtsein dieser Thatsache finden
wir nicht nur bei den am niedrigsten stehenden Rassen der Jetztzeit,
sondern wie ich es bewiesen habe, auch bei Tieren und Kindern.[26] Es
scheinen mir daher wohl jene Psychologen Recht zu haben, welche meinen,
daß der Begriff der Ursache ebenso unmittelbar ist wie die Begriffe von
Raum und Zeit -- d. h. er ist die instinktive [oder ererbte] Wirkung
angestammter Erfahrung.
Wenn es nun sicher ist, daß das Bewußtsein der Kausalität in der Natur
ebenso alt oder sogar älter ist als der menschliche Verstand, dann
scheint es mir doch ebenso sicher zu sein, daß der erste Versuch, die
Ursache dieser oder jener Naturerscheinung festzustellen, d. h. die
ersten Versuche einer vernünftigen Erklärung der Naturereignisse --
anthropopsychischer Art gewesen sein müssen. Keine andre Erklärung lag
so nahe, wie die, daß man in die äußere Natur die Thätigkeit eines
Willens hineintrug, die doch jedem Menschen, soweit er und seine
Nebenmenschen dabei in Betracht kommen, als die augenscheinliche
Hauptquelle der kausalen Thätigkeit erschien. Um diese sehr
einleuchtende Erklärung der Kausalität in der Natur zu gewinnen,
brauchte der Urmensch gar nicht zu wissen, was wir jetzt wissen,
daß die richtige Auffassung der Kausalität aus unserem Gefühl von
Anstrengung bei einem Willensakt entspringt. Wenn dies der Fall
war, dann mußte, falls überhaupt an die Kausalität irgend einer
Naturerscheinung gedacht wurde, die abgeleitete Ursache notwendiger
Weise psychologischer Art sein. Ich brauche nicht die allmähliche
Entwicklung dieser anthropologischen Lehre aus ihrer frühsten und
verbreitetsten Gestalt, die wir Polypsychismus nennen könnten -- (bei
welchem die Zahl der aufgestellten Ursachen fast so groß war wie die
der beobachteten Wirkungen) -- durch den Polytheismus hindurch, (bei
welchem viele Wirkungen gleicher Art =einer= Gottheit zugeschrieben
wurden, deren Spezialfall gerade diese Wirkungen waren) bis zum
Monotheismus hin zu verfolgen (bei welchem alle Kausalität in den
Monopsychismus einer einzelnen Persönlichkeit zusammengefaßt wird). Es
genügt, kurz zu zeigen, daß die Lehre des Anthropopsychismus von Anfang
an unter den obwaltenden Bedingungen eine notwendige Phase geistiger
Entwicklung war, mag diese Lehre nun wahr sein oder nicht.
Von diesem Gesichtspunkt aus glaube ich nicht, daß der »_consensus
gentium_« (Übereinstimmung der Völker) eine Thatsache von irgend
welcher Beweiskraft zu Gunsten der anthropopsychischen Theorie ist,
-- ich meine, insofern es sich um die Kausalitätsfrage handelt --
mag es sich nun um den Fetischismus oder um die Teleologie unserer
Tage handeln: der »_consensus gentium_« bei der wichtigeren Frage
des Theismus (wobei noch manche andere Dinge außer der Kausalität in
Betracht kommen) geht uns hier nichts an. Es scheint mir in der That
so: wenn wir zur Sicherstellung unserer anthropologischen Theorie auf
die Wilden zurückgehen müssen, dann ist die dabei erhaltene Bürgschaft
noch weniger als wertlos. Wir könnten ebenso gut schließen, daß die
Uhr ein lebendes Wesen sei, weil dies für den Geist eines Wilden die
nächstliegende Erklärung ihrer Bewegungen ist, -- als wenn wir aus
genau denselben Gründen schließen wollen, daß unser Glaube an die
Teleologie aus irgend einer der früheren Phasen des Anthropopsychismus
irgend eine wirkliche Stütze erhielten.
Wenn wir daher den Nachweis eines Zwecks in der Natur würdigen wollen,
so scheint es mir, daß wir von vorne anfangen müssen, ohne auf frühere
Meinungen über den Gegenstand Bezug zu nehmen. Die Frage muß wesentlich
in dem Licht der jüngsten Erkenntnis, welche wir besitzen und mit
der schärfsten Denkkraft erwogen werden, die wir (die Erben aller
Jahrhunderte) ihr widmen können. Ich werde daher auf die Geschichte des
Anthropopsychismus nur insofern Bezug nehmen, als es erforderlich ist,
um das Argument zu erläutern.
Und hier ist es nötig, zuerst das zu erörtern, was Paley vor der
Darwinschen Epoche »den Stand des Arguments« nannte. Dies ist von Paley
klar und deutlich in seinem klassischen Beispiel von der Uhr, die
jemand auf einer Heide findet, dargestellt -- ein so wohl bekanntes
Beispiel,[27] daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche. Ich will
daher nur bemerken, daß es den ganzen Zweckbeweis, wie man sagt, in der
Westentasche enthält und daß es meiner Meinung nach die von Mill an ihm
ausgeübte Kritik nicht verdient, wenn er sagt: »Die Schlußfolgerung
würde gar nicht gemacht werden, wenn ich nicht schon aus direkter
Erfahrung wüßte, daß die Uhren von Menschen verfertigt werden.« Es
kommt mir vor, als ob damit der Meinung (und Absicht) Paley's die ganze
Pointe genommen würde; denn es würde offenbar überhaupt gar kein Beweis
sein, es sei denn, man verstände seine Meinung so, daß der Nachweis des
Zweckes, welchen die Prüfung der Uhr vermutlich liefert, wahrscheinlich
eben nur durch diese Prüfung und nicht durch irgend eine direkte
Kenntnis, auf welche Mill hinweist, geliefert wird. Um des Beispiels
willen muß natürlich angenommen werden, daß der Finder der Uhr keine
von früher stammende direkte Kenntnis von der Konstruktion einer Uhr
besitzt. Abgesehen von diesem wunderbaren Mißverständnis war Mill in
Bezug auf den ganzen Gegenstand mit Paley gleicher Ansicht.
Andererseits ist es kein stichhaltiger Einwand gegen das Argument oder
das Beispiel, wenn man sagt, wie wir es oft thaten, daß es nichts
für den Uhrmacher beweist. Das Ziel des Zweckbeweises ist das Dasein
jemandes, der den Zweck gesetzt hat, zu =erweisen=, nicht sein Dasein
zu =erklären=. In der That würde es für das ganze Argument in seiner
Beziehung zum Theismus ein Selbstmord sein, wenn die Möglichkeit einer
solchen Erklärung aufrecht erhalten würde, denn dies könnte nur auf
die Annahme hin geschehen, daß das Wesen der Gottheit eine Erklärung
zuläßt, d. h. daß die Gottheit nicht die letzte Ursache ist.
Im Grunde genommen ist dieser Beweis genau derselbe, wie er uns an
zahlreichen Stellen der heiligen Schrift und in theologischen Büchern
der ganzen Welt bis auf den heutigen Tag begegnet. Er besagt: überall
in der organischen Natur treffen wir auf zahllose Anpassungen der
Mittel an die Zwecke, die in vielen Fällen eine solche Feinheit und
Kompliziertheit zeigen, daß im Vergleich zu ihr die Anpassungen der
Mittel an die Zwecke in einer Uhr nur armselige und lückenhafte
Versuche des Mechanismus sind. Niemand weiß es so gut wie der moderne
Biologe, wie unermeßlich weit die uns in solchem Übermaße in der Natur
begegnenden Mechanismen die höchsten Triumphe menschlicher Erfindung
in jeder Weise überragen. Auf den ersten Blick erscheint es daher ganz
zweifellos, daß wir keinen stichhaltigeren und besseren Beweis für
einen Zweck als den finden können, wie er in Paley's Worten liegt: »Die
Anordnung, die Disposition der Teile, die Unterordnung der Mittel unter
einen Zweck, die Beziehung der Werkzeuge auf den Gebrauch schließen das
Dasein einer Intelligenz und eines Geistes in sich.«
Aber nun entsteht die Frage: wenn dies alles auch sicherlich das
Dasein eines Geistes als erklärende Ursache verlangen[28] mag, sind
wir darum schon zu der Annahme berechtigt, daß es in der Natur keine
andere Ursache giebt, um diese Wirkungen hervorzubringen? Das ist eine
Frage, auf die weder Paley noch Bell und Chalmers, ja kein Vertreter
der natürlichen Theologie bis auf Darwins Zeiten gekommen ist. Und das
ist doch, meine ich, eine bemerkenswerte Thatsache, weil die Frage als
eine blos logische so sehr nahe zu liegen scheint. Aber Thatsache ist
es, daß sich die Vertreter der natürlichen Theologie meines Wissens
ausnahmslos damit begnügten, es als einen Grundsatz hinzunehmen, daß
jener Mechanismus keine andre Ursache als die eines zwecksetzenden
Geistes haben könnte; daher beschränkt sich ihre Arbeit darauf, der
Zahl und Vortrefflichkeit der Mechanismen, denen sie in der Natur
begegneten, im Einzelnen nachzuspüren. Es ist aber klar, daß die bloße
Anhäufung solcher Fälle keinen wirklichen oder logischen Einfluß auf
das Argument ausüben kann. Die Mechanismen, denen wir in der Natur
begegnen, sind in ihrer Vollkommenheit und Zahl so überwältigend,
daß das aufmerksame Studium schon irgend eines einzelnen (wie es
Paley in seinem Beispiel thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich,
darlegt) hinreicht, die ganze Sache wesentlich zu fördern, wenn nur die
Annahme zugegeben wird, daß der Mechanismus allein durch einen Geist
entstehen kann. Daher wird durch die bloße Ansammlung einer beliebigen
Zahl besonderer Fälle von Mechanismen in der Natur aber auch weder
ein wirkliches noch ein logisches Argument geliefert: alle sind ja
als Mechanismen der Art nach ähnlich. Wir wollen nun dieses Argument
betrachten.
Wenn wir uns etwa darüber wundern möchten, daß die Vertreter der
natürlichen Theologie bis auf Darwin sich mit der Annahme begnügten,
der Geist sei die einzig mögliche Ursache des Mechanismus, so finden
wir meines Erachtens die richtige Antwort darin, daß ihr Glaube an
eine Schöpfung im Einzelnen damals allgemein herrschte. Denn auf der
Grundlage dieses Glaubens halte ich ohne Frage die Behauptung für
berechtigt; d. h. wenn wir von dem Glauben ausgehen, daß alle Arten
der Pflanzen und Tiere ursprünglich plötzlich und fertig geschaffen in
die komplizierten Lebensbedingungen ihrer besonderen Umgebung gesetzt
wurden (etwa so, wie die Uhren aus einer Fabrik hervorgehen), dann
sind wir, denke ich, vernünftiger Weise zu der Annahme berechtigt,
daß keine andre denkbare Ursache als die eines intelligenten Zweckes
möglicherweise als Erklärung jener Wirkungen gefordert werden kann.
Nun ist natürlich die Bemerkung unnötig, daß jener Zweckbeweis, wenn
man diesem ihm vorhergehenden Glauben an eine Schöpfung im Einzelnen
einen Einfluß auf ihn einräumte, zum Beispiel eines Zirkelschlusses
wird. Vielleicht ist es ebenso unnötig zu bemerken, daß die bloße
Thatsache der Entwicklung als Gegensatz zur Schöpfung im Einzelnen oder
die Thatsache der allmählichen Entfaltung der lebenden Mechanismen
im Gegensatz zu ihrem plötzlichen und fertigen Erscheinen diesen
Zweckbeweis in keiner Weise beeinflussen würde, es sei denn, daß man
nicht zeigen könnte, daß der Entwicklungsprozeß die Möglichkeit einer
anderen Ursache zuläßt, welche durch die Hypothese der Schöpfung im
Einzelnen nicht zugelassen wird. Aber dies ist es gerade, was durch die
Theorie der Entwicklung, wie sie Darwin aufgestellt hat, gezeigt wird.
Das soll besagen: Die Theorie der allmählichen Entwicklung der lebenden
Mechanismen, wie Darwin sie aufstellte, ist doch etwas mehr als eine
Theorie allmählicher Entfaltung im Gegensatz zu der plötzlichen
Schöpfung. Sie ist auch eine rein naturwissenschaftliche Theorie,
welche die rein natürlichen Ursachen dieser Entwicklung darzuthun
sucht. Und dies ist der Punkt, an dem die Naturwissenschaft ihren
Einfluß auf die natürliche Theologie auszuüben anfängt, oder der Punkt,
an dem die Theorie der Entwicklung mit der Lehre vom Zweck in Berührung
tritt. Da dies ein höchst wichtiger Teil unseres Themas ist und da über
ihn in unserer Zeit eine außerordentliche Verwirrung herrscht, so werde
ich ihn in der folgenden Abhandlung sorgfältig nach allen Richtungen
hin erörtern.