Kantitschandra war noch jung, doch nachdem ihm seine Gattin gestorben war,
suchte er keine zweite Gefährtin, sondern gab sich ganz seiner Leidenschaft
für die Jagd hin. Sein Körper war lang und schlank, zäh und behende, sein
Blick scharf, seine Hand verfehlte nie das Ziel. Er ging wie ein Landmann
gekleidet, und seine Gefährten waren der Wettkämpfer Hira Singh, der Sänger
Khan Saheb, Mian Saheb, Tschakkanlal und viele andere. An müßigen
Begleitern fehlte es ihm nicht.
Im Monat Agrahayan[25] jagte Kanti mit einigen Jagdgefährten im Sumpfgebiet
von Naidighi. Sie waren in Booten, und ein ganzes Heer von Dienern,
gleichfalls in Booten, füllte die Badestufen. Die Dorffrauen fanden es fast
unmöglich, zu baden oder Wasser zu holen. Den ganzen Tag lang erzitterten
Land und Wasser von den Schüssen ihrer Flinten, und Abend für Abend
scheuchte ihre Musik den Schlaf hinweg.
[25] November-Dezember.
Eines Morgens, als Kanti in seinem Boot saß und seine Lieblingsflinte
reinigte, wurde er plötzlich durch einen Schrei wie von einer wilden Ente
aufgeschreckt. Als er aufsah, erblickte er ein Dorfmädchen, das zwei weiße
junge Enten im Arm hielt und sich dem Wasser näherte. Der kleine Fluß stand
fast ganz still, da viele Schlingpflanzen seinen Lauf hemmten. Das Mädchen
setzte die Vögel ins Wasser und bewachte sie ängstlich. Augenscheinlich war
die Nähe der Jäger die Ursache ihrer Unruhe und nicht die Wildheit der
Enten.
Die Schönheit des Mädchens war von einer seltenen Frische und
Unberührtheit, als ob sie eben erst aus der Werkstatt Wischwakarmans[26]
hervorgegangen wäre. Es war schwer, ihr Alter zu erraten. Ihre Gestalt war
fast die eines Weibes, aber ihr Antlitz hatte einen Ausdruck von so
kindlicher Reinheit, daß man sah, die Eindrücke der Welt hatten in ihrer
Seele noch keine Spur hinterlassen. Sie schien selbst nicht zu wissen, daß
sie die Schwelle des Jungfrauentums erreicht hatte.
[26] Der göttliche Bildner in der indischen Mythologie.
Kanti hatte mit dem Reinigen seiner Flinte aufgehört. Er saß da, wie von
einem Zauber gebannt. Solch Antlitz hätte er nie an solchem Ort zu finden
erwartet. Und doch paßte seine Schönheit besser in diese Umgebung hinein
als in die Pracht eines Palastes. Eine Knospe ist lieblicher am Zweig als
in einer goldenen Vase. Das blühende Schilf glänzte im Herbsttau und in der
Morgensonne, und in diesem Rahmen erschien das frische, jugendreine Antlitz
dem entzückten Auge Kantis wie ein heiliges Tempelbild. Kalidasa hat
vergessen zu besingen, wie Schivas Gattin, die Bergkönigin selbst, zuweilen
zum jungen Ganges herabstieg mit ebensolchen jungen Entlein im Arm. Während
er noch in ihren Anblick versunken war, fuhr das Mädchen erschrocken
zusammen, und einen halbartikulierten Schmerzensschrei ausstoßend, ergriff
sie hastig die Enten und barg sie an ihrer Brust. Im nächsten Augenblick
hatte sie das Flußufer verlassen und war in dem nahen Bambusdickicht
verschwunden. Als Kanti sich umsah, erblickte er einen seiner Leute, der
mit einer ungeladenen Flinte auf die Enten zielte. Er sprang sofort auf ihn
zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der verblüffte Spaßmacher
beendete seinen Spaß am Boden. Kanti fuhr mit dem Reinigen seiner Flinte
fort.
Aber die Neugier ließ ihm doch keine Ruhe und trieb ihn zu dem Dickicht, in
dem er das Mädchen hatte verschwinden sehen. Als er sich hindurchgearbeitet
hatte, befand er sich auf einem Bauernhofe, der von der Wohlhabenheit des
Besitzers Zeugnis gab. An einer Seite war eine Reihe Scheunen mit
kegelförmigen Strohdächern, an der andern ein reinlich gehaltener Kuhstall,
an dessen Ende ein Jujubenstrauch wuchs. Unter dem Strauch saß das Mädchen,
das er am Morgen gesehen hatte, und schluchzte über eine verwundete Taube,
in deren gelben Schnabel sie aus dem feuchten Zipfel ihres Gewandes etwas
Wasser zu tropfen versuchte. Eine graue Katze hatte die Vorderpfoten auf
ihr Knie gestemmt und sah verlangend nach dem Vogel, und hin und wieder,
wenn sie sich zu weit vordrängte, wies das Mädchen sie durch einen
warnenden Schlag auf die Nase wieder an ihren Platz.
Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden
Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfängliches Herz.
Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen
hin und her und spielten auf dem Schoße des Mädchens. Nicht weit davon lag
eine Kuh behaglich wiederkäuend und wehrte mit trägen Bewegungen ihres
Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flüsterte leise im nahen
Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrühe am Flußufer wie die
Waldkönigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie
die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen über ein leidendes Geschöpf
neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war,
überkam ein Gefühl der Schuld. Er fühlte sich wie ein Dieb, der auf
frischer Tat ertappt war. Es drängte ihn, ihr zu sagen, daß nicht er es
war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wußte,
wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: »Sudha!« Das Mädchen
sprang auf. »Sudha!« rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und
lief hinein. »Sudha!,« dachte Kanti, »welch ein passender Name!«[27]
[27] sudha bedeutet Nektar.
Er kehrte zu seinem Boot zurück, gab seine Flinte einem seiner Leute und
ging zu der vorderen Tür des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von
mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf
einer Bank vor dem Hause saß und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand
auf seinem gütigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die
aus dem des Mädchens leuchtete.
Kanti trat grüßend näher und sagte: »Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr?
Ich bin sehr durstig.« Der Brahmane hieß ihn mit eifriger
Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die
Bank genötigt, ging er hinein und brachte eigenhändig einen kleinen
Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.
Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm
seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und
seinen Wohnort. »Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,«
fügte er in der üblichen Weise hinzu, »so werde ich mich glücklich
schätzen.«
»Sie können mir nicht zu Diensten sein, mein Sohn,« sagte Nabin Banerdschi,
»ich habe augenblicklich nur eine einzige Sorge.«
»Und was für eine Sorge ist das?« fragte Kanti.
»Die Sorge um meine Tochter Sudha, die herangewachsen ist« (Kanti lächelte,
als er an ihr Kindergesicht dachte) »und für die ich noch keinen würdigen
Bräutigam habe finden können. Wenn ich sie nur gut verheiratet hätte, so
würde ich der Welt meine Schuld abgetragen haben. Aber hier am Ort ist kein
passender Bräutigam für sie, und ich kann den Dienst meines Gottes hier
nicht im Stich lassen, um anderswo für sie einen Gatten zu suchen.«
»Wenn Sie mich in meinem Boot aufsuchen möchten, Herr, so könnten wir über
die Heirat Ihrer Tochter sprechen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich
Kanti und kehrte zu seinem Boot zurück. Dann sandte er einige von seinen
Leuten ins Dorf, um sich nach der Tochter des Brahmanen zu erkundigen. Die
Antwort war ein einstimmiges Lob ihrer Schönheit und Tugenden.
Als am nächsten Tage der alte Mann zu dem Boot kam, um seinen versprochenen
Besuch zu machen, begrüßte ihn Kanti mit tiefer Ehrfurcht und bat ihn um
die Hand seiner Tochter für sich selbst. Der Brahmane war so überwältigt
von diesem ungehofften Glück, -- denn Kanti gehörte nicht nur einer
wohlbekannten Brahmanenfamilie an, sondern war auch ein reicher und
angesehener Gutsbesitzer --, daß er zuerst kaum ein Wort erwidern konnte.
Er dachte, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Endlich wiederholte er
mechanisch: »Sie selbst wollen meine Tochter heiraten?«
»Wenn Sie mich ihrer für würdig halten«, sagte Kanti.
»Sie meinen Sudha?« fragte der Alte noch einmal.
»Ja«, war die Antwort.
»Aber wollen Sie sie nicht erst sehen und mit ihr sprechen?«
Kanti verschwieg, daß er sie schon gesehen hatte, und sagte: »O, das wird
bei der Hochzeit geschehen, im Augenblick der glückverheißenden Schau[28].«
[28] Nach der Verlobung dürfen Braut und Bräutigam sich nicht wiedersehen
bis zu dem Teil der Hochzeitsfeierlichkeit, den man als »glückverheißende
Schau« bezeichnet.
Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme sagte der Alte: »Meine Sudha ist
wirklich ein gutes Mädchen, in allen häuslichen Dingen geschickt. Da Sie
sie so großmütig auf Treu und Glauben nehmen, so möge sie Ihnen nie einen
Augenblick Kummer bereiten. Dies ist mein Segen!«
Man mietete das große Backsteingebäude des Archivars für die
Hochzeitsfeierlichkeit, die auf den nächsten Magh[29] festgesetzt wurde, da
Kanti nicht gern länger warten wollte. Zur bestimmten Zeit erschien der
Bräutigam auf seinem Elefanten mit Trommeln und Musik und einem Fackelzuge,
und die Feierlichkeit begann.
[29] Januar-Februar.
Als der Augenblick der glückverheißenden Schau gekommen und der
Scharlachschleier über das Brautpaar geworfen war, sah Kanti zu seiner
Braut auf. In dem schüchternen, verwirrten Antlitz, das sich unter der
Brautkrone neigte und ganz mit Sandelpaste bedeckt war, konnte er kaum das
Dorfmädchen, dessen Bild seiner Phantasie vorschwebte, wiedererkennen, und
seine Erregung war so groß, daß es sich wie ein Nebel über seine Augen
legte.
Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber waren und die Frauen sich im
Zimmer der Braut versammelten, bestand eine alte Dame aus dem Dorf darauf,
Kanti solle selbst seinem Weibe den Brautschleier abnehmen. Als er es tat,
fuhr er zurück. Es war nicht dasselbe Mädchen.
Es war ihm, als ob etwas in ihm aufstiege und sein Gehirn durchstäche. Als
ob die Lichter der Lampen sich verdüsterten und Dunkelheit das Gesicht der
Braut selbst schwarz färbte.
Im ersten Augenblick war er zornig auf seinen Schwiegervater. Der alte
Halunke hatte ihm das eine Mädchen gezeigt und das andere verheiratet. Aber
bei ruhiger Überlegung erinnerte er sich, daß ihm der alte Mann überhaupt
keine Tochter gezeigt hatte, -- daß alles seine eigene Schuld war. Er hielt
es für das beste, seine heillose Dummheit den Menschen nicht zu verraten,
und nahm mit scheinbarer Ruhe wieder seinen Platz ein.
Er brachte die Pille glücklich herunter, aber ihren Geschmack konnte er
nicht loswerden. Die ausgelassene Fröhlichkeit der Hochzeitsgesellschaft
war ihm unerträglich. Er war wütend auf sich selbst und auf alle anderen.
Plötzlich merkte er, wie seine Braut, die neben ihm saß, zusammenschrak und
einen Schrei unterdrückte; ein junger Hase war ins Zimmer gesprungen und
über ihre Füße gehuscht. Dicht hinter ihm kam das Mädchen, das er vorher
gesehen hatte. Sie ergriff das Häschen, nahm es in ihren Arm und begann,
ihm liebkosend etwas zuzumurmeln. »Ach, das verrückte Mädchen!« riefen die
Frauen und machten ihr Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Aber sie beachtete
es nicht, sondern kam herein und setzte sich ganz unbekümmert dem Brautpaar
gegenüber, das sie mit kindlicher Neugierde anstarrte. Als ein
Dienstmädchen kam und sie am Arm nahm, um sie hinauszubringen, wehrte Kanti
ihr hastig und sagte: »Laß sie in Ruh.«
»Wie heißt du?« wandte er sich dann an das Mädchen.
Diese wiegte mit dem Körper hin und her, aber gab keine Antwort. Alle
Frauen im Zimmer begannen zu kichern.