Als man dem Mädchen den Namen Subhaschini[21] gab, wer hätte da ahnen
können, daß sie stumm sein würde? Ihre beiden älteren Schwestern hießen
Sukeschini[22] und Suhasini[23], und um der Gleichförmigkeit willen nannte
der Vater seine jüngste Tochter Subhaschini. Sie wurde der Kürze wegen
Subha genannt.
[21] Die lieblich Plaudernde.
[22] Die lieblich Gelockte.
[23] Die lieblich Lächelnde.
Die beiden älteren Schwestern waren mit den gewöhnlichen Unkosten und
Schwierigkeiten verheiratet, und nun lag die jüngste Tochter wie eine
stille Last auf dem Herzen der Eltern. Alle Menschen schienen zu meinen,
daß sie, da sie nicht sprach, auch nicht fühlte; sie sprachen in ihrer
Gegenwart ganz offen über ihre Zukunft und ihre eigenen Sorgen darüber. Sie
hatte schon in ihrer frühesten Kindheit verstanden, daß sie ein Fluch für
ihr Vaterhaus war, daher zog sie sich von den andern zurück und versuchte,
abseits zu leben. Wenn sie sie nur alle vergessen wollten! Sie fühlte, daß
sie es dann hätte ertragen können. Aber wer kann seinen Schmerz vergessen?
Tag und Nacht quälte der Gedanke an sie die Eltern. Besonders die Mutter
empfand sie als ein körperliches Gebrechen an sich selbst. Für die Mutter
ist die Tochter noch mehr ein Teil ihrer selbst als der Sohn es sein kann;
und ein Fehler an ihr ist für sie eine Quelle persönlicher Schmach.
Banikantha, Subhas Vater, liebte sie eigentlich noch mehr als seine andern
Töchter; aber die Mutter betrachtete sie mit Abneigung als einen
Schandfleck am eigenen Leibe.
Wenn Subha auch keine Sprache hatte, so hatte sie doch ein paar große,
dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen; und ihre Lippen bebten leise
wie ein Blatt bei jedem Gedanken, der sie bewegte.
Wenn wir unsere Gedanken in Worten ausdrücken wollen, so ist die
Vermittlung gar nicht leicht zu finden. Es bedarf erst der Übersetzung, die
oft ungenau ist, und dann werden wir mißverstanden. Aber ein Paar dunkle
Augen brauchen nicht übersetzt zu werden, aus ihnen spricht die Seele
unmittelbar. In ihnen eröffnet oder verschließt sich uns der Gedanke,
leuchtet uns klar entgegen oder tritt düster hervor, steht ruhig und
gelassen da wie der untergehende Mond oder schießt wie der Blitz hervor und
erhellt einen Augenblick alles um sich her. Sie, die von ihrer Geburt an
keine andere Sprache gekannt haben als das Zittern ihrer Lippen, lernen
eine Sprache der Augen, die unendlich ausdrucksvoll ist; sie ist tief wie
das Meer, klar wie der Himmel, in ihr spielen Licht und Schatten, Morgen-
und Abendröte. Die Stummen haben etwas von der einsamen Größe der Natur
selbst. Daher war es fast, als ob die andern Kinder Subha fürchteten; sie
spielten fast nie mit ihr. Sie war schweigend und ohne Gefährten wie der
stille Mittag.
Das Dorf, wo sie lebte, hieß Tschandipur. Sein Fluß, der für einen Fluß
Bengalens klein war, hielt sich in seinen engen Grenzen, wie ein Mädchen
aus dem Mittelstande. Dieser geschäftige Streifen Wasser floß nie über
seine Ufer, sondern erfüllte gewissenhaft seine Pflichten, als ob er ein
Glied jeder Familie gewesen wäre, die an seinen Ufern wohnte. Zu beiden
Seiten waren Häuser und Bäume, die die Ufer beschatteten. So wurde die
Göttin des Flusses, wenn sie von ihrem Königsthron herabstieg, zur
Gartengottheit jedes Heims und eilte, sich selbst vergessend, leichtfüßig
und heiter von einer Aufgabe zur andern, unendlichen Segen spendend.
Banikanthas Gehöft lag dicht am Fluß. Die vorüberfahrenden Schiffer konnten
jede Hütte und jeden Schuppen desselben sehen. Ich weiß nicht, ob irgend
jemand unter diesen Anzeichen von Wohlstand das kleine Mädchen bemerkte,
die, wenn ihre Arbeit getan war, sich nach dem Flußufer schlich und dort
saß. Denn hier vermißte sie die Gabe der Sprache nicht, hier sprach die
Natur für sie. Das Murmeln des Baches, die Stimmen der Dorfleute, die
Lieder der Schiffer, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume,
alles floß zu _einer_ Sprache zusammen und wurde eins mit dem Zittern ihres
Herzens. Es wurde zu einer großen Woge von Schall, die an ihr sehnsüchtiges
Herz schlug. Dies Rauschen und Raunen in der Natur war die Sprache der
armen Stummen, und in ihren dunklen Augen fand die Sprache der Welt um sie
her ihren Ausdruck. Von den kleinen Heimchen, die im Gebüsch zirpten, bis
zu den stillen Sternen über ihr war nichts, was nicht zu ihr sprach mit
Zeichen und Gebärden, Weinen und Seufzen. Und in der tiefen Stille des
Mittags, wenn die Schiffer und Fischerleute zum Essen gegangen waren, wenn
die Dorfbewohner schliefen und die Vögel verstummt waren, wenn die
Fährboote müßig am Ufer lagen, wenn die große, geschäftige Welt mit ihrer
Arbeit haltmachte und plötzlich schweigend dastand wie ein einsamer,
furchtbarer Riese, dann saßen unter dem weiten Himmelsdom, in der
feierlichen Mittagsstille, die beiden allein und schweigend da: die stumme
Natur und das stumme Mädchen -- die eine überströmt vom Sonnenlichte, die
andere von einem kleinen Baum beschattet.
Aber Subha war nicht ganz ohne Freunde. Im Stall waren zwei Kühe, Sarbaschi
und Panguli. Sie hatten nie von ihren Lippen ihren Namen gehört, aber sie
kannten ihren Schritt. Wenn sie auch keine Worte hatte, so hatte sie doch
ein liebevolles Murmeln für sie, und sie verstanden ihr sanftes Gemurmel
besser als alle Worte. Wenn sie sie liebkoste oder schalt oder sich
zärtlich an sie schmiegte, so verstanden diese Tiere sie besser, als
Menschen es hätten tun können. Subha kam zu ihnen in den Stall und schlang
ihren Arm um Sarbaschis Nacken; sie rieb ihre Wange an der ihrer Freundin,
und Panguli sah sie mit ihren großen gütigen Augen an und leckte ihr
Gesicht. Das Mädchen kam dreimal am Tage regelmäßig zur bestimmten Zeit zu
ihnen, aber auch dazwischen besuchte sie sie noch oft. Immer wenn sie Worte
gehört hatte, die sie verletzten und ihr wehe taten, so kam sie zu diesen
stummen Freunden. Es war, als ob sie in ihrem stillen, traurigen Blick ihre
innere Not läsen. Sie drängten sich dicht an sie und rieben ihre Hörner
sanft an ihren Armen und versuchten, sie in ihrer stummen, hilflosen Art zu
trösten. Außer diesen beiden waren da noch ein paar Ziegen und ein
Kätzchen, aber so nahe standen sie Subha doch nicht, wenn sie sich auch
ebenso anhänglich zeigten. Das Kätzchen sprang bei jeder Gelegenheit, die
sich ihm bot, auf ihren Schoß, um dort sein Schläfchen zu halten, und
schnurrte behaglich und dankbar, wenn Subhas weiche Finger ihm über Hals
und Rücken strichen.
Subha hatte aber auch unter der höheren Tiergattung einen Kameraden, und
es ist schwer zu sagen, wie ihre Beziehungen zueinander waren, denn er
konnte sprechen, und diese Gabe nahm ihnen die Möglichkeit, sich
miteinander in der allgemeinen Natursprache zu verständigen. Er war der
Jüngste von den Gosains, namens Pratap, ein träger Bursche. Nach langer
vergeblicher Mühe hatten seine Eltern die Hoffnung aufgegeben, daß je etwas
aus ihm werden und er es lernen würde, sich selbst durchzuschlagen. Nun
haben Taugenichtse den Vorteil, daß sie, wenn auch ihre eigenen Verwandten
nichts von ihnen wissen wollen, gewöhnlich bei allen andern sehr beliebt
sind. Da sie durch keine Arbeit gebunden sind, werden sie öffentliches
Eigentum. Wie jede Stadt ihren freien Platz braucht, wo alle atmen können,
so braucht jedes Dorf zwei bis drei solche Freiherren von Müßiggang, die
Zeit für alle haben, so daß, wenn wir ein wenig faulenzen möchten und einen
Gefährten brauchen, gleich einer zur Hand ist.
Prataps Hauptehrgeiz richtete sich auf den Fischfang. Damit wußte er eine
Menge Zeit zu verbringen, und fast jeden Nachmittag konnte man ihn in
dieser Beschäftigung finden. So kam es, daß er häufig mit Subha
zusammentraf. Bei allem, was er tat, hatte er gern einen Kameraden, und
beim Fischfang ist ein stummer Kamerad der beste. Pratap schätzte Subha
wegen ihrer Schweigsamkeit, und da alle andern sie Subha nannten, zeigte er
ihr seine Zuneigung, indem er sie Su nannte.
Subha saß dann unter einem Tamarindenbaum, und Pratap warf nicht weit davon
seine Angel aus. Er hatte immer etwas Betel mitgebracht, und Subha
bereitete ihn ihm zu. Und wenn sie so dasaß und ihm lange zusah, stieg wohl
in ihr der heiße Wunsch auf, ihm helfen, etwas Großes für ihn tun zu
können, um zu beweisen, daß sie keine nutzlose Last in dieser Welt sei.
Aber was sollte sie tun? Dann wandte sie sich in stillem Gebet an den
Schöpfer, er möchte ihr plötzlich eine wunderbare Gabe verleihen, so daß
Pratap erstaunt ausrufen müßte: »Potztausend, ich hätte mir nie träumen
lassen, daß unsre Su so etwas könnte!«
Man denke nur! Wenn Subha eine Wassernymphe gewesen wäre, so wäre sie
langsam aus dem Fluß emporgetaucht und hätte ihm den Edelstein aus einer
Schlangenkrone ans Ufer gebracht. Dann hätte Pratap sein armseliges Fischen
lassen und in die Unterwelt hinabtauchen können, und dort hätte er in einem
silbernen Palaste auf einem goldenen Bett -- nun, wen gesehen? Wen sonst
als die stumme kleine Su, Banikanthas Kind? Ja, unsre Su, die einzige
Tochter der glänzenden Juwelenstadt! -- Aber das würde nie geschehen, es
war unmöglich. Nicht daß irgend etwas wirklich unmöglich war, aber Su war
nicht im königlichen Palast von Patalpur[24], sondern im Hause Banikanthas
geboren, und so wußte sie kein Mittel, Pratap in Erstaunen zu setzen.
[24] Stadt der Unterwelt.
Allmählich wuchs sie heran. Allmählich begann sie, sich selbst zu finden.
Ein nie gekanntes, unbestimmtes Gefühl durchwogte sie, wie die Flut des
Meeres, wenn der Vollmond aufsteigt. Sie stand vor sich selbst wie vor
etwas ganz Neuem, das sie sich nicht erklären konnte.
Einmal, es war spät in einer Vollmondnacht, öffnete sie langsam ihre Tür
und blickte schüchtern hinaus. Die Natur, die selbst auch in ihrem Vollmond
war wie die einsame Subha, sah auf die schlafende Erde herab. Auch in ihr
pulsierte starkes junges Leben; Freude und Traurigkeit füllte ihr Wesen zum
Überquellen, sie war an den Grenzen ihrer grenzenlosen Einsamkeit
angelangt, ja, sie war über sie hinausgekommen. Das Herz war ihr schwer,
und die Sprache war ihr versagt! An das Gewand dieser stummen geängsteten
Mutter klammerte sich ein stummes geängstetes Kind.
Der Gedanke an Subhas Heirat erfüllte die Eltern mit steter Sorge. Die
Leute machten ihnen Vorwürfe und sprachen sogar davon, daß sie sie aus der
Kaste ausstoßen würden. Banikantha war wohlhabend, sie aßen zweimal am Tage
Fisch-Ragout, und infolgedessen fehlte es ihnen nicht an Feinden. Da nahmen
die Frauen die Sache in die Hand, und Bani verreiste auf ein paar Tage.
Bald kehrte er zurück und sagte: »Wir müssen nach Kalkutta reisen.«
So wurde denn die Reise in dieses fremde Land vorbereitet. Subhas Herz war
schwer von Tränen wie ein nebelumhüllter Morgen. Eine unbestimmte Angst
hatte sich schon seit Tagen in ihr gesammelt, und sie ging ihren Eltern auf
Schritt und Tritt nach wie ein stummes Tier. Mit angstvoll geöffneten
Augen forschte sie in ihrem Gesicht, als ob sie ihr Schicksal in ihren
Zügen lesen wollte. Aber sie würdigten sie keines Wortes. Eines
Nachmittags, während dies alles vor sich ging und als Subha einmal wie
sonst Pratap beim Fischen zusah, rief er lachend: »Nun, Su, jetzt haben sie
also glücklich einen Bräutigam für dich eingefangen und du wirst heiraten.
Vergiß mich nur nicht ganz!« Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den
Fischen zu. Wie ein verwundetes Wild den Jäger in stummer Todesangst
anblickt, als fragte es ihn: Was habe ich dir getan? so blickte Subha
Pratap an. An dem Tage saß sie nicht mehr unter dem Baum. Als Banikantha
seinen Mittagsschlaf beendet hatte und in seinem Schlafzimmer saß und
rauchte, stürzte Subha ihm plötzlich laut aufschluchzend zu Füßen und sah
ihn flehend an. Banikantha versuchte, sie zu trösten, und auch seine Wange
wurde feucht von Tränen.
Die Reise nach Kalkutta war auf den folgenden Tag festgesetzt. Subha ging
in den Kuhstall, um den Gefährten ihrer Kindheit Lebewohl zu sagen. Sie
ließ sie aus der Hand fressen; sie umklammerte ihren Hals, sie sah ihnen
ins Gesicht, und Tränen strömten unaufhörlich aus ihren Augen und kündeten
den stummen Freunden ihr ganzes Leid. Es war die zehnte Nacht des neuen
Mondes. Subha ging hinaus und warf sich auf ihr Rasenlager neben dem
geliebten Fluß. Es war, als ob sie ihren Arm um die Erde, ihre starke,
schweigende Mutter, schlang und ihr sagen wollte: >Laß mich nicht fort,
Mutter. Leg deine Arme um mich, wie ich sie um dich lege, und halte mich
fest.<
Sie waren in Kalkutta angelangt. In einem fremden Hause putzte die Mutter
Subha sorgfältig heraus. Sie steckte ihr Haar, das sonst frei um ihre
Schultern gehangen hatte, in festen Flechten hoch, behing sie über und über
mit Schmucksachen und tat ihr Bestes, ihre natürliche Schönheit zu
ersticken. Subhas Augen füllten sich mit Tränen. Die Mutter schalt sie
rauh, denn sie fürchtete, die Augen könnten vom Weinen geschwollen werden,
aber die Tränen wollten auf kein Schelten hören. Der Bräutigam kam mit
einem Freunde, um sich die Braut anzusehen. Den Eltern war ganz schwindlig
vor Angst, als sie den Gott nahen sahen, der sich das Tier zu seinem Opfer
erwählen sollte. Hinter den Kulissen gab die Mutter der Tochter noch
eindringlich ihre Verhaltungsmaßregeln und rief dadurch einen erneuten
Tränenausbruch hervor, bevor sie sie zur Musterung entließ. Der große Mann
sah sie eine lange Weile forschend an, dann sagte er: »Gar nicht so übel.«
Er nahm besonders Notiz von ihren Tränen und meinte, sie müsse ein weiches
Herz haben. Dadurch gewann sie in seinen Augen an Wert, denn er sagte sich,
daß ein Mädchen, welches unglücklich sei, weil es seine Eltern verlassen
sollte, auch eine treue und zärtliche Gattin werden würde. Und so dienten
die Tränen des armen Kindes wie die Perlen der Muschel nur dazu, sie
begehrenswerter zu machen.
Der Kalender wurde befragt, und die Hochzeit fand an einem
glückverheißenden Tage statt. Nachdem Subhas Eltern ihre stumme Tochter den
Händen eines andern übergeben hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Gott
sei Dank! Ihre Kaste war gerettet, und sie waren gerechtfertigt in dieser
und der zukünftigen Welt! Der Bräutigam hatte seine Arbeit im westlichen
Teil des Landes, und bald nach der Hochzeit nahm er sein Weib mit sich
dorthin.
Es waren noch nicht zehn Tage vergangen, als schon jeder wußte, daß die
junge Frau stumm war! Wenigstens war es nicht ihre Schuld, wenn irgend
jemand es noch nicht wußte, denn sie versuchte niemand zu täuschen. Ihre
Augen erzählten ihre ganze Geschichte, wenn auch niemand sie verstand. Sie
sah auf jede Hand, sie fand nirgends eine Sprache; sie vermißte die
Gesichter, die ihr von ihrer Geburt an vertraut waren und die die Sprache
eines stummen Kindes verstanden hatten. In ihrem schweigenden Herzen tönte
ein endloses stummes Weinen, das nur der Erforscher der Herzen hören
konnte.
Ihr Gebieter aber hielt noch einmal sorgfältig Umschau, diesmal brauchte er
sowohl seine Ohren wie seine Augen und heiratete eine zweite Frau, die
sprechen konnte.