Dschoygopal erbleichte. Für die neugierigen Dorfbewohner war die Geschichte
ein Hauptspaß, und sie drängten sich heran. Aber sobald der Sahib seinen
Stock erhob, machten sie sich davon.
Noch immer die Hand des Bruders haltend, erzählte Sasi die Geschichte
dieses Waisenkindes von Anfang an. Sobald Dschoygopal versuchte, sie zu
unterbrechen, donnerte ihn der Friedensrichter mit zornrotem Gesicht an:
»Schweig!« und machte ihm mit dem Stock ein Zeichen, sich zu erheben und
stehenzubleiben.
Dschoygopal, der innerlich vor Wut schäumte, stand stumm da. Nilmani
schmiegte sich an seine Schwester und hörte scheu und furchtsam zu.
Als Sasi ihre Erzählung beendet hatte, richtete der Sahib ein paar Fragen
an Dschoygopal, und nachdem er seine Antworten gehört hatte, schwieg er
eine ganze Weile. Dann wandte er sich an Sasi: »Gute Frau,« sagte er, »wenn
auch diese Angelegenheit eigentlich nicht vor mein Gericht gehört, so
können Sie doch gewiß sein, daß ich die nötigen Schritte tun werde, um
Ihnen zu helfen. Sie können ohne Sorge mit Ihrem Bruder nach Hause gehen.«
Doch Sasi erwiderte: »Sahib, solange das Haus nicht ihm gehört, wage ich
nicht, ihn dahin zu bringen. Wenn Sie selbst nicht Nilmani bei sich
behalten, wird niemand anders ihn retten können.«
»Und was soll aus Ihnen werden?« fragte der Sahib.
»Ich werde in meines Gatten Haus zurückkehren«, sagte Sasi; »für mich ist
nichts zu fürchten.«
Der Sahib lächelte ein wenig zweifelnd, und da ihm nichts anderes
übrigblieb, so willigte er ein, diesen mageren, dunklen, ernsten, gesetzten
vornehmen bengalischen Knaben, dessen Hals dicht mit Amuletten behängt war,
in seine Obhut zu nehmen.
Als Sasi fortgehen wollte, klammerte der Knabe sich an ihr Kleid. »Hab'
keine Angst, baba, -- komm«, sagte der Sahib. Während die Tränen hinter
ihrem Schleier flossen, sagte Sasi: »Ja, geh, mein Bruder, mein geliebter
Bruder -- du wirst deine Schwester wiedersehen!«
Damit umarmte sie ihn, strich ihm noch einmal liebkosend über Kopf und
Rücken und riß sich dann eilig los, während der Sahib seinen linken Arm um
ihn legte. Das Kind schrie auf: »Schwester, o meine Schwester!« Sasi wandte
sich jäh um und streckte noch einmal stumm den Arm nach ihm aus, als wollte
sie ihn trösten, dann eilte sie mit brechendem Herzen davon.
Und wieder trafen die Gatten in dem altvertrauten Hause zusammen. So
wollte es Pradschapati!
Aber diese Vereinigung dauerte nicht lange. Denn bald darauf hörten die
Dorfbewohner eines Morgens, daß Sasi in der Nacht an der Cholera gestorben
und sofort eingeäschert sei.
Niemand äußerte ein Wort darüber. Nur die Nachbarin Tara wollte mitunter
mit etwas herausplatzen, aber die Leute brachten sie schnell mit
erschrockenem »Pst« zum Schweigen.
Sasi hatte beim Abschied ihrem Bruder versprochen, daß sie sich wiedersehen
würden. Wo das Versprechen erfüllt wurde, kann niemand sagen.