Nilmanis Kopf war das Größte an ihm. Es war, als ob der Schöpfer eine große
Blase durch ein dünnes Rohr aufgeblasen hätte. Die Ärzte fürchteten
zuweilen, daß das Kind auch einmal schnell wie eine Blase dahinschwinden
könnte. Es lernte sehr spät sprechen und gehen. Wenn man sein ernstes,
trauriges Gesicht sah, so hätte man denken können, daß seine Eltern die
ganze traurige Last ihres Alters auf das Haupt dieses kleinen Kindes
abgeladen hätten.
Dank der sorgfältigen Pflege seiner Schwester überstand Nilmani die
gefährliche Periode der Kinderkrankheiten und war nun schon fünf Jahre alt.
Im Monat Kartik[13] am Bhaiphoto-Tag[14] hatte Sasi Nilmani wie einen
kleinen Babu herausgeputzt mit Rock und Tschadar[15] und rotumsäumtem
Lendentuch und war dabei, das Bruderzeichen auf seine Stirn zu malen, als
ihre freimütige Nachbarin Tara hereinkam und anfing, mit ihr zu zanken.
[13] Mitte Oktober bis Mitte November.
[14] Wörtlich Bruderzeichen. Ein schöner und rührender Brauch bei den
Hindus: die Schwester macht mit Sandelpaste ein Zeichen auf die Stirn ihres
Bruders und spricht eine Formel aus, kraft deren sie »vor das Tor Jamas,
des Todesgottes, eine Schranke setzt« (d. h. ihm langes Leben wünscht). Bei
dieser Gelegenheit bewirten die Schwestern ihre Brüder, machen ihnen
Geschenke usw. (Anm. d. engl. Übersetz.)
[15] Eine Art Plaid, das als Mantel getragen wird.
»Es hat keinen Zweck,« rief sie, »dem Bruder mit so viel Prunk und Staat
das Bruderzeichen zu geben, wenn man ihn im geheimen seines Eigentums
beraubt.«
Sasi war wie vom Donner gerührt. Staunen, Wut und Schmerz kämpften in ihr.
Tara wiederholte ihr das Gerücht, Sasi und ihr Mann hätten sich den Plan
ausgeheckt, das Besitztum des minderjährigen Nilmani wegen rückständiger
Pacht zum Verkauf zu stellen und es durch einen Vetter Dschoygopals für
sich ankaufen zu lassen. Als Sasi dies hörte, stieß sie den Fluch aus, daß
denen, die eine so schreckliche Lüge verbreiteten, die Zunge gelähmt werden
möge. Dann ging sie weinend zu ihrem Manne und erzählte ihm von der
Klatscherei. Dschoygopal sagte: »Man kann heutzutage doch niemandem trauen.
Upen ist der Sohn meiner Tante, und ich fühlte mich ganz sicher, als ich
ihm die Sorge für das Besitztum überließ. Wenn ich nur den geringsten
Verdacht gehabt hätte, so hätte es nicht geschehen können, daß er das Gut
Hasilpur in Zahlungsrückstand geraten ließ und es nachher heimlich für sich
ankaufte.«
»Willst du ihn denn nicht verklagen?« fragte Sasi erstaunt.
»Den eigenen Vetter verklagen!« rief Dschoygopal. »Außerdem würde es gar
nichts nützen, es wäre bloße Geldverschwendung.«
Es war Sasis vornehmste Pflicht, den Worten ihres Gatten zu glauben, aber
sie konnte es nicht. Ihr glückliches Heim, ihr liebendes Wirken im Hause
wurde ihr verhaßt. Das Familienleben, das einst ihre höchste Zuflucht
gewesen war, war für sie jetzt nichts mehr als ein grausames Netz von
Selbstsucht, das Bruder und Schwester von allen Seiten umstrickte. Sie war
eine Frau und stand allein, wie sollte sie den hilflosen Nilmani retten? Je
mehr sie grübelte, je mehr füllte sich ihr Herz mit Abscheu gegen ihren
Gatten und mit unendlicher Liebe für ihren gefährdeten kleinen Bruder. Wenn
sie nur gewußt hätte, wie sie es machen sollte, so wäre sie gern zum Lat
Saheb[16] gegangen, ja sie hätte der Maharani[17] selbst geschrieben, daß
sie das Eigentum ihres Bruders rettete. Die Maharani hätte sicher nicht
geduldet, daß Nilmanis Gut Hasilpur mit einem jährlichen Einkommen von 758
Rupien verkauft würde.
[16] Vizekönig.
[17] Der Königin.
Als Sasi so bei sich überlegte, wie sie ihres Mannes Vetter zur
Rechenschaft ziehen könnte, indem sie sich an die Maharani selbst wandte,
wurde Nilmani plötzlich von Fieber und Krämpfen ergriffen.
Dschoygopal rief den Dorfarzt. Als Sasi ihn bat, einen besseren Arzt zu
holen, sagte Dschoygopal: »Ach was, Matilal versteht seine Sache ganz gut.«
Sasi fiel ihm zu Füßen und beschwor ihn bei ihrem Leben, worauf Dschoygopal
sagte: »Gut, ich werde den Arzt aus der Stadt schicken.«
Sasi kauerte auf dem Bette mit Nilmani im Schoß; er wollte sie auch keinen
Augenblick aus den Augen lassen; er klammerte sich an sie, damit sie ihm
nicht unter irgendeinem Vorwand entschlüpfte, selbst im Schlaf ließ er ihr
Kleid nicht los.
So verging der ganze Tag, und abends kam Dschoygopal und sagte, daß der
Doktor nicht zu Hause sei, er sei fort zu einem entfernten Kranken. Er
fügte hinzu, er selbst müsse noch am selben Abend wegen eines Prozesses
fortreisen und habe Matilal Bescheid gesagt, der sich regelmäßig nach dem
Kranken umsehen wolle.
In der Nacht begann Nilmani im Schlaf zu phantasieren. Sobald der Morgen
dämmerte, nahm Sasi, ohne sich im geringsten zu bedenken, ein Boot und
fuhr mit ihrem kranken Bruder zum Arzt. Der Arzt war zu Hause -- er war gar
nicht aus der Stadt fortgewesen.
Er fand schnell ein Unterkommen für sie, und nachdem er sie der Fürsorge
einer ältlichen Witwe übergeben hatte, unternahm er die Behandlung des
Knaben.
Am nächsten Tage kam Dschoygopal. Kochend vor Wut gebot er seiner Frau,
sofort mit ihm nach Hause zurückzukehren.
»Und wenn du mich kurz und klein schlägst, so kehre ich doch nicht zurück«,
erwiderte sie. »Ihr alle wollt meinen Nilmani umbringen, der nicht Vater
noch Mutter, der niemand als mich hat, aber ich will ihn retten.«
»Dann bleibst du hier und kommst nicht wieder in mein Haus zurück«, rief
Dschoygopal zornig.