III

Nilmanis Kopf war das Größte an ihm. Es war, als ob der Schöpfer eine große

Blase durch ein dünnes Rohr aufgeblasen hätte. Die Ärzte fürchteten

zuweilen, daß das Kind auch einmal schnell wie eine Blase dahinschwinden

könnte. Es lernte sehr spät sprechen und gehen. Wenn man sein ernstes,

trauriges Gesicht sah, so hätte man denken können, daß seine Eltern die

ganze traurige Last ihres Alters auf das Haupt dieses kleinen Kindes

abgeladen hätten.

Dank der sorgfältigen Pflege seiner Schwester überstand Nilmani die

gefährliche Periode der Kinderkrankheiten und war nun schon fünf Jahre alt.

Im Monat Kartik[13] am Bhaiphoto-Tag[14] hatte Sasi Nilmani wie einen

kleinen Babu herausgeputzt mit Rock und Tschadar[15] und rotumsäumtem

Lendentuch und war dabei, das Bruderzeichen auf seine Stirn zu malen, als

ihre freimütige Nachbarin Tara hereinkam und anfing, mit ihr zu zanken.

[13] Mitte Oktober bis Mitte November.

[14] Wörtlich Bruderzeichen. Ein schöner und rührender Brauch bei den

Hindus: die Schwester macht mit Sandelpaste ein Zeichen auf die Stirn ihres

Bruders und spricht eine Formel aus, kraft deren sie »vor das Tor Jamas,

des Todesgottes, eine Schranke setzt« (d. h. ihm langes Leben wünscht). Bei

dieser Gelegenheit bewirten die Schwestern ihre Brüder, machen ihnen

Geschenke usw. (Anm. d. engl. Übersetz.)

[15] Eine Art Plaid, das als Mantel getragen wird.

»Es hat keinen Zweck,« rief sie, »dem Bruder mit so viel Prunk und Staat

das Bruderzeichen zu geben, wenn man ihn im geheimen seines Eigentums

beraubt.«

Sasi war wie vom Donner gerührt. Staunen, Wut und Schmerz kämpften in ihr.

Tara wiederholte ihr das Gerücht, Sasi und ihr Mann hätten sich den Plan

ausgeheckt, das Besitztum des minderjährigen Nilmani wegen rückständiger

Pacht zum Verkauf zu stellen und es durch einen Vetter Dschoygopals für

sich ankaufen zu lassen. Als Sasi dies hörte, stieß sie den Fluch aus, daß

denen, die eine so schreckliche Lüge verbreiteten, die Zunge gelähmt werden

möge. Dann ging sie weinend zu ihrem Manne und erzählte ihm von der

Klatscherei. Dschoygopal sagte: »Man kann heutzutage doch niemandem trauen.

Upen ist der Sohn meiner Tante, und ich fühlte mich ganz sicher, als ich

ihm die Sorge für das Besitztum überließ. Wenn ich nur den geringsten

Verdacht gehabt hätte, so hätte es nicht geschehen können, daß er das Gut

Hasilpur in Zahlungsrückstand geraten ließ und es nachher heimlich für sich

ankaufte.«

»Willst du ihn denn nicht verklagen?« fragte Sasi erstaunt.

»Den eigenen Vetter verklagen!« rief Dschoygopal. »Außerdem würde es gar

nichts nützen, es wäre bloße Geldverschwendung.«

Es war Sasis vornehmste Pflicht, den Worten ihres Gatten zu glauben, aber

sie konnte es nicht. Ihr glückliches Heim, ihr liebendes Wirken im Hause

wurde ihr verhaßt. Das Familienleben, das einst ihre höchste Zuflucht

gewesen war, war für sie jetzt nichts mehr als ein grausames Netz von

Selbstsucht, das Bruder und Schwester von allen Seiten umstrickte. Sie war

eine Frau und stand allein, wie sollte sie den hilflosen Nilmani retten? Je

mehr sie grübelte, je mehr füllte sich ihr Herz mit Abscheu gegen ihren

Gatten und mit unendlicher Liebe für ihren gefährdeten kleinen Bruder. Wenn

sie nur gewußt hätte, wie sie es machen sollte, so wäre sie gern zum Lat

Saheb[16] gegangen, ja sie hätte der Maharani[17] selbst geschrieben, daß

sie das Eigentum ihres Bruders rettete. Die Maharani hätte sicher nicht

geduldet, daß Nilmanis Gut Hasilpur mit einem jährlichen Einkommen von 758

Rupien verkauft würde.

[16] Vizekönig.

[17] Der Königin.

Als Sasi so bei sich überlegte, wie sie ihres Mannes Vetter zur

Rechenschaft ziehen könnte, indem sie sich an die Maharani selbst wandte,

wurde Nilmani plötzlich von Fieber und Krämpfen ergriffen.

Dschoygopal rief den Dorfarzt. Als Sasi ihn bat, einen besseren Arzt zu

holen, sagte Dschoygopal: »Ach was, Matilal versteht seine Sache ganz gut.«

Sasi fiel ihm zu Füßen und beschwor ihn bei ihrem Leben, worauf Dschoygopal

sagte: »Gut, ich werde den Arzt aus der Stadt schicken.«

Sasi kauerte auf dem Bette mit Nilmani im Schoß; er wollte sie auch keinen

Augenblick aus den Augen lassen; er klammerte sich an sie, damit sie ihm

nicht unter irgendeinem Vorwand entschlüpfte, selbst im Schlaf ließ er ihr

Kleid nicht los.

So verging der ganze Tag, und abends kam Dschoygopal und sagte, daß der

Doktor nicht zu Hause sei, er sei fort zu einem entfernten Kranken. Er

fügte hinzu, er selbst müsse noch am selben Abend wegen eines Prozesses

fortreisen und habe Matilal Bescheid gesagt, der sich regelmäßig nach dem

Kranken umsehen wolle.

In der Nacht begann Nilmani im Schlaf zu phantasieren. Sobald der Morgen

dämmerte, nahm Sasi, ohne sich im geringsten zu bedenken, ein Boot und

fuhr mit ihrem kranken Bruder zum Arzt. Der Arzt war zu Hause -- er war gar

nicht aus der Stadt fortgewesen.

Er fand schnell ein Unterkommen für sie, und nachdem er sie der Fürsorge

einer ältlichen Witwe übergeben hatte, unternahm er die Behandlung des

Knaben.

Am nächsten Tage kam Dschoygopal. Kochend vor Wut gebot er seiner Frau,

sofort mit ihm nach Hause zurückzukehren.

»Und wenn du mich kurz und klein schlägst, so kehre ich doch nicht zurück«,

erwiderte sie. »Ihr alle wollt meinen Nilmani umbringen, der nicht Vater

noch Mutter, der niemand als mich hat, aber ich will ihn retten.«

»Dann bleibst du hier und kommst nicht wieder in mein Haus zurück«, rief

Dschoygopal zornig.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 28 / 54 题