Der Name des Knaben war Nilmani. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein
Vater ernstlich krank. Dschoygopal erhielt einen Brief mit der Bitte, so
schnell wie möglich zu kommen. Als er mit viel Mühe Urlaub erhalten hatte
und ankam, lag Kaliprasanna schon im Sterben.
Vor seinem Tode übergab er seinen Sohn der Sorge Dschoygopals und
vermachte seiner Tochter den vierten Teil seines Besitzes.
Nun gab Dschoygopal seine Stellung auf und kam nach Hause, um nach seinem
Eigentum zu sehen.
Nach langer Trennung sahen sich die Gatten wieder. Wenn irgendein Ding
zerbricht, so kann man die Teile wieder zusammenfügen. Aber wenn zwei
Menschen getrennt werden, so fügen sie sich nach langer Trennung nie wieder
an derselben Stelle und zur gleichen Zeit zusammen; denn die Seele ist ein
lebendes Wesen und wächst und wandelt sich jeden Augenblick.
In Sasi weckte die Wiedervereinigung neue Gefühle. Die Erstarrung
jahrelanger Gewohnheit in der früheren Zeit ihrer Ehe war durch die
Sehnsucht der Trennungszeit gänzlich gelöst, und es war ihr jetzt, als ob
ihr der Gatte enger als je wieder verbunden würde. Hatte sie sich doch im
Herzen gelobt: was für Tage auch kommen und wie lange sie auch dauern
möchten, nie sollte der Glanz dieser Liebe zu ihrem Gatten sich trüben.
Dschoygopal jedoch empfand anders bei dieser Wiedervereinigung. Als sie
früher beständig zusammengewesen waren, hatten ihn seine Interessen und
Eigenheiten an sein Weib gebunden. Sie war damals eine lebendige Wahrheit
in seinem Leben, und das Gewebe seiner täglichen Gewohnheiten hätte einen
großen Riß bekommen, wenn sie plötzlich gefehlt hätte. Daher fühlte er
sich, als er zuerst sein Heim verließ, ganz verloren. Aber mit der Zeit
wurde dieser Riß in seiner Gewohnheit durch eine neue Gewohnheit wieder
zugeflickt.
Und dies war nicht alles. Früher hatte er ganz sorglos und träge
dahingelebt. In den letzten beiden Jahren war der Trieb, seine Lage zu
verbessern, in ihm so mächtig geworden, daß er an nichts anders dachte. In
der Heftigkeit dieser neuen Leidenschaft schien ihm sein früheres Leben wie
ein wesenloser Schatten. In der Natur der Frau werden die größten
Veränderungen durch die Liebe bewirkt, in der des Mannes durch den Ehrgeiz.
Als Dschoygopal nach zwei Jahren zurückkehrte, fand er, daß seine Frau
nicht ganz dieselbe geblieben war. Ihr Leben hatte durch seinen kleinen
Schwager an Umfang gewonnen. Dieser Teil ihres Lebens war ihm ganz fremd --
hier hatte er keine Gemeinschaft mit seinem Weibe. Sie gab sich alle Mühe,
ihn an ihrer Liebe für das Kind teilnehmen zu lassen, aber man kann nicht
sagen, daß es ihr gelang. Sasi kam wohl mit dem Kinde auf dem Arm zu ihm
und hielt es ihm lächelnd entgegen -- aber Nilmani umklammerte Sasis Nacken
und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter und wollte von der andern
Verwandtschaft nichts wissen. Sasi wollte, daß ihr kleiner Bruder
Dschoygopal all die Künste vormachte, womit er die Herzen zu gewinnen
pflegte. Aber Dschoygopal lag gar nichts daran. Wie konnte das Kind dann
Lust dazu haben? Dschoygopal konnte gar nicht begreifen, was an diesem
dickköpfigen Kinde mit dem ernsten, bräunlichen Gesicht sei, daß man so
viel Liebe an ihn verschwenden solle.
Frauen verstehen solche Dinge schnell. Sasi verstand sofort, daß
Dschoygopal Nilmani nicht leiden mochte. Und von nun an hielt sie ihren
Bruder sorgfältig im Hintergrund, um ihn vor dem lieblosen, abweisenden
Blick ihres Mannes zu schützen. So wurde das Kind für sie ein heimlich
gehüteter Schatz, der Gegenstand ihrer einsamen Liebe.
Dschoygopal war sehr ärgerlich, wenn Nilmani schrie; daher suchte Sasi das
Kind immer schnell zu beruhigen, indem sie es zärtlich an sich drückte und
ihm liebkosend zusprach. Und wenn Nilmanis Schreien des Nachts Dschoygopal
einmal im Schlafe störte und Dschoygopal gefoltert aufbegehrte und über das
Kind schalt, so zitterte Sasi innerlich und fühlte sich gedemütigt und
schuldig. Dann nahm sie das Kind auf ihren Schoß und setzte sich mit ihm in
die entfernteste Ecke und schmeichelte es mit tausend zärtlich geflüsterten
Liebesworten wie: »mein goldiger Schatz, mein Augenlicht, mein holdes
Kleinod« wieder in Schlaf.
Kinder zanken sich um hundert Kleinigkeiten. Sonst pflegte Sasi in solchen
Fällen ihre Kinder zu bestrafen und ihres Bruders Partei zu nehmen, da er
ja keine Mutter hatte. Jetzt veränderte sich mit dem Richter auch das
Gesetz. Nilmani mußte oft unschuldig schwere Strafe erleiden, ohne daß
Dschoygopal untersuchte, wer der Schuldige war. Dies Unrecht traf Sasi wie
ein Dolch ins Herz; sie nahm ihren bestraften Bruder in ihr Zimmer und
suchte, so gut sie konnte, mit Süßigkeiten und Spielsachen und durch Küsse
und Liebkosungen sein gekränktes Herz zu trösten.
Je mehr Sasi Nilmani liebte, desto mehr ärgerte sich Dschoygopal über ihn.
Und wiederum, je mehr Dschoygopal seine Abneigung gegen Nilmani zeigte,
desto mehr badete Sasi das Kind in dem Nektar ihrer Liebe.
Und wenn Dschoygopal seine Frau rauh behandelte, so diente sie ihm mit
schweigender Sanftmut und liebevoller Güte. Aber innerlich verletzten sie
sich jeden Augenblick Nilmanis wegen.
Dies heimliche Aneinanderreiben bei einem solchen Konflikt ist viel
schwerer zu ertragen als ein offener Zusammenstoß.