II

Eines Nachmittags, als Dschagannath wie gewöhnlich die von Mangobäumen

überschatteten Dorfstraßen durchstreifte, sah er einen Knaben,

augenscheinlich einen Fremden, der die Hauptmannschaft über die Dorfknaben

an sich gerissen hatte und ihnen den Plan eines neuen Streiches

auseinandersetzte. Durch die Energie seines Charakters und die verblüffende

Neuheit seiner Ideen gewonnen, hatten die Knaben ihm alle als ihrem

Oberhaupt gehuldigt. Im Gegensatz zu den andern lief er nicht vor dem alten

Mann davon, sondern ging dicht zu ihm heran und schüttelte aus seinem

Tschadar[9] eine lebendige Eidechse, die auf den Alten sprang, an seinem

Rücken hinablief und schnell ins Gebüsch huschte. Der arme Mann zitterte

vor Schreck am ganzen Leibe, zur großen Belustigung der andern Knaben, die

vor Freude jubelten. Dschagannath ging scheltend und fluchend davon. Doch

er war noch nicht weit gegangen, als der Gamtscha[10] plötzlich von seiner

Schulter verschwand, und im nächsten Augenblick sah man ihn auf dem Kopf

des fremden Jungen, in einen Turban verwandelt.

[9] eine Art Plaid, das als Mantel um die Schulter getragen wird.

[10] Schulterschal.

Die neuen Aufmerksamkeiten dieses Bürschchens wirkten befreiend auf

Dschagannath. Es war lange her, seit irgendein Junge sich so etwas bei ihm

herausgenommen hatte. Nach vielem guten Zureden und allerlei schönen

Versprechungen gelang es ihm endlich, den Knaben zu bewegen, zu ihm

heranzukommen, und nun entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen:

»Wie heißt du, mein Junge?«

»Nitai Pal.«

»Wo wohnst du?«

»Das sage ich nicht.«

»Wer ist dein Vater?«

»Das sage ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich von Hause fortgelaufen bin.«

»Warum hast du das getan?«

»Mein Vater wollte mich zur Schule schicken.«

Es schien Dschagannath eine unnütze Geldverschwendung, solchen Knaben zur

Schule zu schicken, und er sagte sich, der Vater müsse ein ganz

unpraktischer Mann sein, daß er dies nicht eingesehen hatte.

»Hör' mal, mein Junge,« sagte Dschagannath, »möchtest du wohl mit mir

kommen und bei mir bleiben?«

»Meinetwegen«, sagte der Junge. Und sogleich richtete er sich bei

Dschagannath häuslich ein, ohne die mindesten Bedenken, als ob das Haus der

Schatten eines Baumes an der Straße gewesen wäre. Und nicht nur das. Er

begann seine Wünsche in bezug auf Nahrung und Kleidung mit solcher kühlen

Ruhe zu äußern, als ob er die Rechnung im voraus bezahlt hätte; und wenn

irgend etwas nicht in Ordnung war, machte er sich gar kein Gewissen daraus,

mit dem Alten zu zanken. Es war Dschagannath leicht genug gewesen, sein

eigenes Kind im Zaum zu halten, aber jetzt, wo es sich um ein fremdes Kind

handelte, mußte er die Waffen strecken.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 23 / 54 题