Eines Nachmittags, als Dschagannath wie gewöhnlich die von Mangobäumen
überschatteten Dorfstraßen durchstreifte, sah er einen Knaben,
augenscheinlich einen Fremden, der die Hauptmannschaft über die Dorfknaben
an sich gerissen hatte und ihnen den Plan eines neuen Streiches
auseinandersetzte. Durch die Energie seines Charakters und die verblüffende
Neuheit seiner Ideen gewonnen, hatten die Knaben ihm alle als ihrem
Oberhaupt gehuldigt. Im Gegensatz zu den andern lief er nicht vor dem alten
Mann davon, sondern ging dicht zu ihm heran und schüttelte aus seinem
Tschadar[9] eine lebendige Eidechse, die auf den Alten sprang, an seinem
Rücken hinablief und schnell ins Gebüsch huschte. Der arme Mann zitterte
vor Schreck am ganzen Leibe, zur großen Belustigung der andern Knaben, die
vor Freude jubelten. Dschagannath ging scheltend und fluchend davon. Doch
er war noch nicht weit gegangen, als der Gamtscha[10] plötzlich von seiner
Schulter verschwand, und im nächsten Augenblick sah man ihn auf dem Kopf
des fremden Jungen, in einen Turban verwandelt.
[9] eine Art Plaid, das als Mantel um die Schulter getragen wird.
[10] Schulterschal.
Die neuen Aufmerksamkeiten dieses Bürschchens wirkten befreiend auf
Dschagannath. Es war lange her, seit irgendein Junge sich so etwas bei ihm
herausgenommen hatte. Nach vielem guten Zureden und allerlei schönen
Versprechungen gelang es ihm endlich, den Knaben zu bewegen, zu ihm
heranzukommen, und nun entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen:
»Wie heißt du, mein Junge?«
»Nitai Pal.«
»Wo wohnst du?«
»Das sage ich nicht.«
»Wer ist dein Vater?«
»Das sage ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich von Hause fortgelaufen bin.«
»Warum hast du das getan?«
»Mein Vater wollte mich zur Schule schicken.«
Es schien Dschagannath eine unnütze Geldverschwendung, solchen Knaben zur
Schule zu schicken, und er sagte sich, der Vater müsse ein ganz
unpraktischer Mann sein, daß er dies nicht eingesehen hatte.
»Hör' mal, mein Junge,« sagte Dschagannath, »möchtest du wohl mit mir
kommen und bei mir bleiben?«
»Meinetwegen«, sagte der Junge. Und sogleich richtete er sich bei
Dschagannath häuslich ein, ohne die mindesten Bedenken, als ob das Haus der
Schatten eines Baumes an der Straße gewesen wäre. Und nicht nur das. Er
begann seine Wünsche in bezug auf Nahrung und Kleidung mit solcher kühlen
Ruhe zu äußern, als ob er die Rechnung im voraus bezahlt hätte; und wenn
irgend etwas nicht in Ordnung war, machte er sich gar kein Gewissen daraus,
mit dem Alten zu zanken. Es war Dschagannath leicht genug gewesen, sein
eigenes Kind im Zaum zu halten, aber jetzt, wo es sich um ein fremdes Kind
handelte, mußte er die Waffen strecken.