DER HÜTER DES ERBES

I

Brindaban Kundu kam wütend zu seinem Vater und sagte: »Ich gehe jetzt auf

der Stelle fort.«

»Du elendes, undankbares Geschöpf!« rief der Vater, Dschagannath Kundu,

verächtlich. »Wenn du mir alles bezahlt hast, was ich für deine Nahrung und

Kleidung ausgegeben habe, dann ist es Zeit, so großartig zu tun.«

Die Nahrung und Kleidung, die es in Dschagannaths Hause zu geben pflegte,

hatte nicht viel kosten können. Unsere alten Weisen wußten mit unglaublich

wenig auszukommen. Dschagannaths Lebensweise zeigte, daß sein Ideal in

dieser Beziehung dem ihren nicht nachgab. Wenn er es ihnen nicht ganz

gleichtun konnte, so war zum Teil die Abhängigkeit von der entarteten

Gesellschaft um ihn herum schuld daran, zum Teil waren es gewisse

unvernünftige Forderungen der Natur, bei ihrem Bestreben, Leib und Seele

zusammenzuhalten.

Solange Brindaban noch nicht verheiratet war, ging die Sache ganz gut, aber

nach seiner Verheiratung fing er an, dem Ideal seines Vaters untreu zu

werden. Es war klar, daß des Sohnes Begriffe von Wohlsein sich immer mehr

vom Geistigen ab dem Materiellen zuwandten und in das Fahrwasser der

verderbten Welt gerieten. Er wollte das Unbehagen, das ihm Hitze und Kälte,

Hunger und Durst verursachten, nicht länger geduldig hinnehmen. Das

Minimum, das er an Nahrung und Kleidung brauchte, wuchs zusehends.

Vater und Sohn gerieten immer häufiger aneinander. Endlich wurde Brindabans

Frau ernstlich krank, und ein Landarzt wurde gerufen. Aber als der Doktor

eine teure Medizin für die Kranke verordnete, nahm Dschagannath dies als

einen offenbaren Beweis seiner Unfähigkeit und wies ihm ohne weiteres die

Tür. Zuerst flehte Brindaban seinen Vater an, die Behandlung doch nicht

abzubrechen, dann wurde er heftig und machte ihm Vorwürfe, aber es half

alles nichts. Als seine Frau starb, schalt und schmähte er seinen Vater

und nannte ihn einen Mörder.

»Unsinn!« sagte der Vater. »Sterben die Menschen denn nicht auch, wenn sie

alle möglichen Medizinen verschlucken? Wenn teure Medizinen das Leben

retten können, wie kommt es da, daß Könige und Kaiser nicht unsterblich

sind? Du erwartest doch wohl nicht, daß deine Frau mit mehr Pomp und

Feierlichkeit sterben soll als deine Mutter und deine Großmutter?«

Wäre Brindaban nicht von Kummer überwältigt und zum Denken ganz unfähig

gewesen, so hätten ihm diese Worte wirklich einigen Trost geben können.

Weder seine Mutter noch seine Großmutter hatten Medizin genommen, bevor sie

dieser Welt Valet sagten, und so war es altehrwürdige Gewohnheit in der

Familie. Aber ach, die jüngere Generation wollte nicht mehr nach dieser

alten Gewohnheit sterben! Die Engländer waren zu der Zeit, in der unsere

Geschichte spielt, erst ins Land gekommen. Die guten alten rechtgläubigen

Leute waren damals entsetzt über die gottlose Art der neuen Generation; sie

hockten stumm in ihrem Winkel und versuchten, aus ihren langen

Wasserpfeifen Trost zu saugen.

Kurz und gut, der moderne Brindaban sagte zu seinem alten Kauz von Vater:

»Ich gehe auf der Stelle.«

Der Vater war sogleich einverstanden und tat feierlich den Wunsch: Sollte

er in Zukunft seinem Sohne je einen einzigen Heller geben, so möchten die

Götter ihm diese Tat anrechnen, als ob er das heilige Blut von Kühen

vergossen hätte. Brindaban wünschte gleicherweise: Sollte er je etwas von

seinem Vater annehmen, so möchte ihm diese Tat wie ein Muttermord

angerechnet werden.

Für die Leute im Dorf war diese kleine Revolution eine erlösende

Abwechslung in dem ewigen Einerlei ihres Lebens. Und als Dschagannath

seinen Sohn enterbte, tat jeder sein Bestes, um ihn zu trösten. Nur in

einer so entarteten Zeit konnte es geschehen, daß jemand sich um eines

Weibes willen mit seinem Vater entzweite -- darin waren sich alle einig.

Und sie gaben auch einen sehr einleuchtenden Grund für ihre Ansicht: »Wenn

einem sein Weib stirbt,« sagten sie, »so kann er sich gleich ein anderes

suchen. Aber wenn ihm sein Vater stirbt, so kann er nicht für Geld oder

gute Worte einen anderen bekommen, der an seine Stelle träte.« Ihre Logik

war zweifellos richtig, aber es ist zu vermuten, daß die gänzliche

Aussichtslosigkeit, einen anderen Vater zu bekommen, den mißleiteten Sohn

nicht sehr bekümmerte. Im Gegenteil.

Auch dem Alten wurde die Trennung von Brindaban nicht schwer. Zunächst

einmal wurden die Haushaltsausgaben durch seine Abwesenheit geringer. Und

dann wurde der Vater auch von einer großen Angst befreit, die ihn immer

verfolgt hatte: von der Angst, sein Sohn und Erbe könne ihn eines Tages

vergiften. Wenn er sein kärgliches Mahl aß, hatte er den Gedanken an Gift

nie loswerden können. Nach dem Tode seiner Schwiegertochter hatte diese

Angst sich etwas gemindert, und jetzt, da der Sohn fort war, verschwand sie

ganz.

Aber es gab eine weiche Stelle im Herzen des alten Mannes. Brindaban hatte

einen vierjährigen Sohn, Gokul Tschandra, mit sich genommen. Nun waren die

Kosten für den Unterhalt des Kindes verhältnismäßig gering und konnten

daher Dschagannaths Liebe zu ihm keinen Abbruch tun. Doch wenn sein Kummer,

als Brindaban den Kleinen mit sich nahm, auch aufrichtig war, so mischte

sich doch die Berechnung hinein, wieviel er monatlich durch die Abwesenheit

der beiden sparen würde, wieviel das in einem Jahr ausmachte und welches

Kapital dazu gehören würde, um die gleiche Summe an Zinsen einzubringen.

Aber es wurde dem Alten immer schwerer, in dem leeren Hause, in dem kein

Gokul Tschandra mehr Unfug trieb, zu leben. Jetzt war niemand mehr da, der

ihm Streiche spielte, während er seine Gebete sprach, niemand, der ihm sein

Essen wegriß und es aufaß, niemand, der mit seinem Tintenfaß davonlief,

wenn er seine Rechnungsabschlüsse machte. Der gewohnheitsmäßige Gang seines

täglichen Lebens, der nun durch nichts mehr unterbrochen wurde, wurde ihm

zur unerträglichen Last. Er fand, daß man solchen ungestörten Frieden nur

in der künftigen Welt ertragen könnte. Wenn er die Löcher erblickte, die

sein Enkel in seine Bettdecke gerissen hatte, oder die Tintenzeichnungen

auf seiner Binsenmatte, die von demselben Künstler herrührten, so wurde ihm

das Herz schwer vor Kummer. Einst hatte er dem Jungen bittere Vorwürfe

gemacht, daß er sein Lendentuch in der kurzen Zeit von zwei Jahren

zerrissen hatte; jetzt traten Dschagannath die Tränen in die Augen, als er

da im Schlafzimmer stand und die schmutzigen Überreste anstarrte. Er

verwahrte sie sorgfältig in seiner Lade und tat ein feierliches Gelübde:

sollte Gokul je zurückkommen, so wollte er nicht schelten, und wenn er auch

jedes Jahr ein Lendentuch aufbrauchte.

Aber Gokul kehrte nicht zurück, und der arme Dschagannath alterte sehr

schnell. Sein leeres Haus erschien ihm mit jedem Tage leerer.

Der alte Mann hielt es nicht mehr still zu Hause aus. Selbst in der

Mittagszeit, wenn alle ehrbaren Leute im Dorf ihre Mittagsruhe genossen,

dann sah man Dschagannath durchs Dorf wandern, die lange Pfeife in der

Hand. Die Knaben hörten auf zu spielen, wenn sie ihn sahen, sie zogen sich

geschlossen in sichere Entfernung zurück und sangen einen Vers, den ein

Dorfdichter verfaßt hatte und der die sparsamen Gewohnheiten des alten

Herrn pries. Niemand wagte es, seinen wirklichen Namen zu nennen, aus

Furcht, an dem Tage fasten zu müssen[7], und so legten die Leute ihm

andere Namen bei. Die älteren Leute nannten ihn Dschagannasch[8], aber die

jüngere Generation nannte ihn einen Vampyr. Vielleicht hatte die blutlose,

vertrocknete Haut des Alten eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit der eines

Vampyrs.

[7] Es herrscht in Bengalen der Aberglaube, daß, wer den Namen eines

Geizhalses ausspricht, an dem Tage nichts zu essen bekommt.

[8] Dschagannath heißt »der Herr der Welt« und Dschagannasch würde heißen

»der Verderber der Welt«.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 22 / 54 题