IV

»Ich habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es

ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher

folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das

Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe

sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. -- Aber Maschi, ich habe

diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!«

»Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.«

»Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von

mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.«

»Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir

muß der Hals ganz trocken sein.«

»Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich

nicht mehr erinnern.«

»Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.«

»Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf.

Daher meine ich -- --«

»Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige

hast du verdient.«

»Aber dies Haus --?«

»Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen,

wo mein Haus war!«

»Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich --«

»Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.«

»Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es

praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.«

»Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?«

»Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so

denke keinen Augenblick, daß -- --«

»Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur

einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich

bin doch nicht so kleinlich.«

»Aber du wirst auch -- --«

»Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld

trösten.«

»Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als

Geld!«

»Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht

mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es

mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel

gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht

klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld,

deinen Wagen und dein Land -- mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.«

»Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast,

aber Mani ist so jung, daß --«

»O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das

ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft --«

»Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?«

»Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden

ihr wie Staub und Asche sein.«

* * * * *

Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht

und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.

Er seufzte und sagte: »Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir

niemandem zurücklassen.«

»Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie

den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.«

»Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam

Mani eigentlich gestern zu mir?«

»Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende

deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu

besorgen.«

»O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt,

daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie

stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu

weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod

ein so furchtbarer Schlag für sie sein.«

»Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie

werden ganz kalt.«

»Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.«

»Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so

fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst

gestern ist sie damit fertig geworden.«

Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte

Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht

hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle

gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine

Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.

»Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, -- jedenfalls

mochte sie es nie.«

»So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind

allerlei Fehler darin.«

»Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung

schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.«

Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie

Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für

Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch!

Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.

»Maschi, ist der Doktor unten?«

»Ja, er will heute nacht hierbleiben.«

»Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der

verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter

danach. Laß mich richtig wach bleiben. -- Weißt du, Maschi, daß unsre

Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die

Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht

daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar

Minuten her. -- ... Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl

gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung -- aber ich versichere dich,

Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann,

brauche ich gar keinen Schlaftrunk. -- Maschi, weine doch nicht so! Ich

fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem

Leben. Darum möchte ich Mani sehen. -- Nein, nein, Maschi, ich kann es

nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig

gewesen. Was hast du denn nur heute abend?«

»Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre;

aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.«

»Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie

morgen -- --«

»Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du

irgend etwas willst, ruf' ihn.«

Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder.

»O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte

Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch

nicht den Todesstoß!«

* * * * *

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 17 / 54 题