»Ich habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es
ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher
folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das
Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe
sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. -- Aber Maschi, ich habe
diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!«
»Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.«
»Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von
mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.«
»Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir
muß der Hals ganz trocken sein.«
»Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich
nicht mehr erinnern.«
»Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.«
»Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf.
Daher meine ich -- --«
»Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige
hast du verdient.«
»Aber dies Haus --?«
»Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen,
wo mein Haus war!«
»Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich --«
»Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.«
»Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es
praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.«
»Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?«
»Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so
denke keinen Augenblick, daß -- --«
»Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur
einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich
bin doch nicht so kleinlich.«
»Aber du wirst auch -- --«
»Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld
trösten.«
»Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als
Geld!«
»Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht
mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es
mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel
gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht
klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld,
deinen Wagen und dein Land -- mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.«
»Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast,
aber Mani ist so jung, daß --«
»O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das
ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft --«
»Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?«
»Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden
ihr wie Staub und Asche sein.«
* * * * *
Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht
und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.
Er seufzte und sagte: »Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir
niemandem zurücklassen.«
»Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie
den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.«
»Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam
Mani eigentlich gestern zu mir?«
»Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende
deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu
besorgen.«
»O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt,
daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie
stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu
weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod
ein so furchtbarer Schlag für sie sein.«
»Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie
werden ganz kalt.«
»Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.«
»Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so
fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst
gestern ist sie damit fertig geworden.«
Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte
Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht
hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle
gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine
Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.
»Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, -- jedenfalls
mochte sie es nie.«
»So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind
allerlei Fehler darin.«
»Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung
schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.«
Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie
Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für
Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch!
Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.
»Maschi, ist der Doktor unten?«
»Ja, er will heute nacht hierbleiben.«
»Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der
verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter
danach. Laß mich richtig wach bleiben. -- Weißt du, Maschi, daß unsre
Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die
Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht
daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar
Minuten her. -- ... Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl
gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung -- aber ich versichere dich,
Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann,
brauche ich gar keinen Schlaftrunk. -- Maschi, weine doch nicht so! Ich
fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem
Leben. Darum möchte ich Mani sehen. -- Nein, nein, Maschi, ich kann es
nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig
gewesen. Was hast du denn nur heute abend?«
»Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre;
aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.«
»Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie
morgen -- --«
»Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du
irgend etwas willst, ruf' ihn.«
Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder.
»O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte
Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch
nicht den Todesstoß!«
* * * * *