»Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?«
»Sage deiner Herrin, sie soll kommen.«
»Wer soll kommen?«
»Deine Herrin.«
»Sie ist noch nicht zurück.«
»Zurück? Von wo?«
»Von Sitarampur.«
»Wann reiste sie dahin?«
»Vor drei Tagen.«
Einen Augenblick war Dschotin ganz betäubt, und alles drehte sich vor
seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn stützten, und stieß
den wollenen Schal, der seine Füße bedeckte, auf den Boden.
* * * * *
Als Maschi nach einer langen Weile zurückkam, erwähnte Dschotin Manis Namen
nicht, und Maschi dachte, daß er sie ganz vergessen hätte.
Plötzlich rief er: »Maschi, erzählte ich dir den Traum, den ich neulich
nachts hatte?«
»Welchen Traum?«
»Wo Mani immer gegen die Tür stieß, und die Tür wollte sich nicht weiter
als einen Zoll öffnen. Sie stand draußen und konnte nicht herein. Jetzt
weiß ich, daß Mani bis zuletzt draußen vor meiner Tür bleiben muß.«
Maschi antwortete nicht. Sie sah, daß der Himmel, den sie aus Lügen für
Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestürzt war. Wenn das Leid kommt, so
ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlägt, können wir dem
Schlag nicht ausweichen.
»Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine künftigen
Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefüllt und nehme sie mit
fort. Ich bin gewiß, in unserm nächsten Leben wirst du als meine Tochter
geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hüten und
hegen.«
»Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mädchen geboren
werden? Kannst du nicht beten, daß ich als Sohn in deine Arme komme?«
»Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener
wunderbaren Schönheit, die dich schmückte, als du jung warst. Ich kann mir
sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.«
»Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.«
»Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.«
[4] Gemahlin Vischnus, Göttin des Glückes und der Schönheit.
»Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.«
»Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein
Haus mit deiner schönen altmodischen Art.«
»Ich kann doch nicht wünschen, deinem Hause die Enttäuschung zu bringen,
daß ein Mädchen statt eines Knaben kommt.«
»Maschi, du hältst mich für schwach und willst mir alles Schwere ersparen.«
»Mein Kind, ich bin eine Frau und habe als solche meine Schwäche. Daher
habe ich mein ganzes Leben versucht, dir alles mögliche Schwere zu
ersparen, -- aber es ist mir nicht gelungen.«
»Maschi, ich habe in diesem Leben nicht Zeit gehabt, die Lehren, die ich
empfangen habe, anzuwenden. Aber sie werden mir in meinem nächsten Leben
zugute kommen. Ich werde dann zeigen, was ein Mann leisten kann. Ich habe
gelernt, wie verkehrt es ist, immer nur an sich zu denken.«
»Was du auch sagen magst, mein Liebling, du hast nie etwas für dich selbst
erstrebt, sondern alles andern gegeben.«
»Eins darf ich jedenfalls von mir sagen: Ich bin im Glück nie tyrannisch
gewesen, noch habe ich versucht, mein Recht mit Gewalt zu erzwingen. Weil
ich mich nicht belügen konnte, habe ich lange warten müssen. Vielleicht
wird die Wahrheit zuletzt doch gütig zu mir sein. -- Wer ist da, Maschi,
wer ist da?«
»Wo? Es ist niemand da, Dschotin.«
»Maschi, sieh doch einmal nebenan nach. Ich glaubte --«
»Nein, mein Liebling! Ich sehe niemanden.«
»Aber ich meinte ganz deutlich -- --«
»Nein, Dschotin, es ist nichts. Also sei ruhig. Der Doktor kommt jetzt.«
Als der Doktor eintrat, sagte er:
»Hören Sie mal, Sie dürfen nicht so viel bei dem Kranken sein, Sie regen
ihn auf. Gehn Sie zu Bett, mein Assistent bleibt bei ihm.«
»Nein, Maschi, ich kann dich nicht fortlassen.«
»Gut, mein Liebling, ich werde ruhig in der Ecke sitzen.«
»Nein, nein, du mußt dicht bei mir sitzen. Ich kann deine Hand nicht
lassen, nicht bis zuletzt. Deine Hand hat mich geführt und aus deiner Hand
soll Gott mich wieder empfangen.«
»Nun gut,« sagte der Doktor, »Sie können dableiben. Aber Dschotin Babu, Sie
dürfen nicht zu ihr sprechen. Es ist Zeit, daß Sie Ihre Medizin nehmen.«
»Zeit für Medizin? Unsinn! Die Zeit dafür ist vorbei. Jetzt Medizin geben
heißt nur täuschen. Aber ich fürchte mich auch gar nicht vor dem Sterben.
Maschi, der Tod bereitet mir schon seinen Trank, was soll der Doktor mich
noch plagen! Schick' ihn fort! Dich nur brauch ich jetzt, niemanden sonst,
niemanden! Keine Lüge mehr!«
»Ich muß hier als Arzt Einspruch tun, diese Aufregung schadet Ihnen!«
»Gehen Sie also fort, Doktor, regen Sie mich nicht mehr auf! -- Ist er
fort, Maschi? ... das ist gut! Nun komm und nimm meinen Kopf in deinen
Schoß.«
»Ja komm, mein Liebling. Und nun versuch' zu schlafen!«
»Nein, Maschi, sag' nicht, daß ich schlafen soll. Wenn ich einschlafe,
wache ich nicht wieder auf. Ich muß mich noch etwas wach halten. -- Hörst
du nicht ein Geräusch? Es kommt jemand!«
V
»Dschotin, mein Liebling, mach' deine Augen mal ein wenig auf. Sie ist
gekommen. Schau einmal her und sieh!«
»Wer ist gekommen? Ein Traum?«
»Kein Traum, mein Liebling! Mani ist mit ihrem Vater gekommen.«
»Wer bist du?«
»Siehst du denn nicht? Es ist deine Mani!«
»Mani? Hat die Tür sich geöffnet?«
»Ja, mein Lieb, sie ist weit offen.«
»Nein, Maschi, nicht den Schal! nicht diesen Schal! Dieser Schal ist eine
Lüge!«
»Es ist kein Schal, Dschotin. Es ist unsere Mani, die sich über deine Füße
geworfen hat. Leg deine Hand auf ihren Kopf und segne sie. Weine nicht so,
Mani! Du hast noch Zeit genug dazu. Nun sei ein Weilchen ganz still.«