»Was ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?«
»Doch, ich will nach Sitarampur.«
»Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?«
»Anath.«
»Nicht heute, mein Kind, ein andermal.«
»Aber die Kajüte ist schon belegt.«
»Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen
früh.«
»Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es
schaden, wenn ich heute reise?«
»Dschotin möchte mit dir sprechen.«
»Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm
sehen.«
»Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.«
»Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben.
Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute
reisen.«
»O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch,
dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht
merken, daß du es eilig hast.«
»Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn
Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.«
»Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie
zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst,
wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag
zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt,
das wirst du eines Tages erfahren.«
»Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.«
»O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde
hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.«
* * * * *
Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in
der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin
bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:
»Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!«
»Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben,
Maschi?«
»Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte
verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch
mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung _deiner_ Suppe so nachlässig
hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer
Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher
habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.«
Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich
doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet,
daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben
könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani
unglücklich war, weil sie _seine_ Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz
mit überströmender Freude.
»Maschi!«
»Ja, mein Liebling?«
»Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht
traurig darum. Gräme dich nicht um mich!«
»Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß
nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.«
»Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.«
Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es
war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn
zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen,
die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut
hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem
Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem
liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das
kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der
Sterne thronte, wo Leben und Tod in _einen_ Strom münden. Dschotin faltete
die Hände und flüsterte leise: »Endlich hat sich der Schleier gehoben, die
Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du
mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!«
[3] Braut und Bräutigam sehen einander zum erstenmal bei der Hochzeitsfeier
unter einem Schleier, den man ihnen übers Haupt wirft.