II

Als Dschotin hörte, daß Mani geweint hätte bei dem bloßen Gedanken an eine

Heimreise zu ihrem Vater, wurde er so erregt, daß er sich im Bett

aufrichten mußte. Er schob das Kissen hinter seinen Rücken und sich darauf

zurücklehnend, sagte er: »Maschi, öffne das Fenster ein wenig und nimm die

Lampe weg.«

Die stille Nacht stand schweigend am Fenster wie ein Pilger der Ewigkeit,

und die Sterne schauten herein, die Zeugen zahlloser Todesszenen in

zahllosen Jahrtausenden.

Dschotin sah das Antlitz seiner Mani auf dem Hintergrunde der dunklen Nacht

und sah, wie ihre großen dunklen Augen unaufhörlich von Tränen überflossen.

Maschi fühlte sich erleichtert, als sie ihn so ruhig sah, denn sie dachte,

er schliefe.

Plötzlich machte er eine hastige Bewegung und sagte: »Maschi, ihr meintet

alle, Mani sei zu oberflächlich, um sich in unserem Hause glücklich zu

fühlen. Aber jetzt siehst du --«

»Ja, mein Liebling, jetzt sehe ich, daß ich mich irrte, -- aber in der

Prüfung bewährt sich erst der Mensch.«

»Maschi!«

»Versuch doch zu schlafen, mein Liebling.«

»Laß mich doch ein bißchen denken, laß mich plaudern. Sei nicht böse,

Maschi!«

»Nun also, plaudre.«

»Damals, als ich glaubte, ich könnte Manis Herz nicht gewinnen, ertrug ich

es still. Aber du --«

»Nein, mein Liebling, das darfst du nicht sagen; ich ertrug es auch.«

»Unsre Herzen, weißt du, sind nicht leblose Dinge, die man nur aufzunehmen

braucht, um sie zu besitzen. Ich fühlte, daß Mani ihr eigenes Herz nicht

kannte und daß eines Tages, durch ein starkes Erlebnis --«

»Ja, Dschotin, du hast recht.«

»Daher beachtete ich ihre Launen nicht viel.«

Maschi schwieg und unterdrückte einen Seufzer. Nicht einmal, sondern oft

hatte sie bemerkt, wie Dschotin die Nacht auf der Veranda zugebracht hatte.

Er hatte sich lieber von dem prasselnden Regen durchnässen lassen, als daß

er in sein Schlafzimmer gegangen wäre. Wie manchen Tag lang hatte er mit

fieberndem Kopf dagelegen, und sie wußte, wie er sich sehnte, daß Mani

käme und seine heiße Stirn kühlte, während Mani sich fertig machte, um ins

Theater zu gehen. Doch wenn Mani gekommen war, um ihn zu fächeln, hatte er

sie verdrießlich fortgeschickt. Sie allein wußte von seiner heimlichen

großen Not. Wie oft hätte sie ihm sagen mögen: »Beachte das törichte Kind

nicht so viel, laß sie, bis sie selbst Sehnsucht und stille Tränen

kennenlernt.« Aber so etwas kann man nicht sagen, und es wird auch leicht

mißverstanden. Dschotin hatte der Gottheit Weib in seinem Herzen einen

Altar errichtet, auf dem Mani thronte. Er konnte nicht glauben, daß er

keinen Anteil haben sollte an dem Wein der Liebe, den jene Gottheit

schenkte. Und so fuhr er fort anzubeten und sein Opfer darzubringen und gab

die Hoffnung auf eine Gabe nicht auf.

* * * * *

Maschi glaubte wieder, daß Dschotin schliefe, als er plötzlich ausrief:

»Ich weiß, du dachtest, ich sei nicht glücklich mit Mani, und daher warst

du böse auf sie. Aber Maschi, das Glück ist wie jene Sterne. Sie decken

nicht die ganze Dunkelheit zu, es sind Lücken dazwischen. Diese Lücken sind

unsere Irrtümer. Wir machen Fehler im Leben und verstehen vieles falsch,

aber das Licht der Wahrheit dringt doch durch. -- Ich weiß nicht, wie es

kommt, daß mein Herz heute abend so froh ist.«

Maschi begann sanft über Dschotins Stirn zu streichen, während ihre Tränen

ungesehen im Dunkel flossen.

»Ich dachte eben, Maschi, sie ist so jung! Was wird sie tun, wenn

ich -- --?«

»Jung, Dschotin? Sie ist alt genug. Ich war auch jung, als ich den

Geliebten verlor, und ich fand ihn auf immer in meinem Herzen wieder. War

das überhaupt ein Verlust? Und meinst du denn, daß man durchaus glücklich

sein muß?«

»Maschi, es scheint, daß gerade, wo Manis Herz erwacht, ich -- --«

»Sei darum nicht traurig, Dschotin. Ist es nicht genug, _daß_ ihr Herz

erwacht?«

Plötzlich fielen Dschotin die Worte aus dem Liede eines Volkssängers ein,

das er vor langer Zeit einmal gehört hatte:

O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann

deiner Liebe an deine Tür kam.

Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du.

O, du erwachtest im Dunkel!

»Maschi, wie spät ist es jetzt?«

»Gegen neun.«

»Noch so früh! Und ich glaubte, es müßte wenigstens schon zwei oder drei

sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist.

Aber warum wolltest du denn, daß ich schlafe?«

»Nun, du weißt, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst.

Daher mußt du heute früh einschlafen.«

»Schläft Mani schon?«

»O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?«

»Gewiß! Sie kocht ja alles für dich, die fleißige kleine Frau.«

»Ich dachte, daß Mani überhaupt nicht --«

»Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut,

lernt man sie von selbst.«

»Die Fischsuppe, die ich heute morgen aß, hatte einen so besonders

köstlichen Geschmack; ich dachte, du hättest sie gekocht?«

»Ach, du meine Güte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani würde mich

etwas für dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wäsche selbst; sie

weiß, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen könntest,

wie blitzblank sie alles hält! -- Wenn ich sie häufig in dein Krankenzimmer

kommen ließe, so würde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch

gerade.«

»Ist denn Manis Gesundheit --?«

»Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie

ist zu weichherzig.«

»Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?«

»Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich muß ihr beständig sagen, wie es dir

geht.«

* * * * *

Die Sterne glitzerten am Himmel wie Tränentropfen. Dschotin neigte sein

Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod

durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, faßte er sie

vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser

Ungeduld:

»Maschi, wenn Mani doch noch wacht, könnte ich da nicht -- wenn auch nur

eine --?«

»Ja gewiß! Ich will sie rufen.«

»Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fünf Minuten. Ich habe ihr etwas

Besonderes zu sagen.«

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins

Puls an, schnell zu schlagen. Er wußte nur zu gut, daß es ihm nie gelungen

war, ein vertrauliches Gespräch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente

waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu

spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein plötzliches Gefühl von Eifersucht

überkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen

hörte. Dschotin tadelte nur sich, -- warum konnte _er_ nicht über

oberflächliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht daß er es nicht gekonnt

hätte; mit seinen männlichen Freunden plauderte er oft über allerlei

alltägliche Dinge. Aber _das_ Geplauder, das für Männer paßt, paßt nicht

für Frauen. Man kann ein philosophisches Gespräch als Monolog halten und

seinen unaufmerksamen Zuhörer gar nicht beachten, aber beim leichten

Geplauder müssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf _einer_

Sackpfeife spielen, aber nicht mit _einer_ Zymbel. Wie oft hatte Dschotin,

wenn er am Abend mit Mani draußen auf der Veranda saß, gewaltsame

Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber

immer wieder riß gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich

seines Schweigens schämte. Dschotin war sicher, daß Mani sich von ihm

fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewünscht, ein Dritter möchte

dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu

zweien schwer fällt.

Jetzt fing er an darüber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani käme.

Aber so ein künstlich zurechtgelegtes Gespräch wollte ihn nicht

befriedigen. Dschotin fürchtete, daß diese fünf Minuten heute abend

verloren sein würden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu

vertraulichem Gespräch.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 15 / 54 题