Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des osmanischen
Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen
Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen.
Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom.
Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig aufgelöst. Der Vormarsch
der Türken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden.
Schwieriger als dessen Beseitigung war die Überwindung der Hindernisse,
die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Türken in den Weg legte.
Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwürdigen
Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die
Türkei warf sich über die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die
Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggründe:
Panislamitische Träumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen
für bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch
ein weiteres, nämlich die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster
Linie die Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf
Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu
eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu dem regelmäßigen Militärdienst
nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen
der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die
Üppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den
osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die
mohammedanischen Völker Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht
gekannt hätten, als mit dem türkischen Reiche zusammen ein einiges großes
geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von
der Hand zu weisen, daß die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte
erschließt, und daß England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung
dieser Vorgänge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es
aber gut, mit nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf
die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß die
Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf
den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und
guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen
Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen!
Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen in
Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir
Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines
geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen.
Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht
eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu einer
Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der
Türkei vollzieht.
Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß zu
gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung vor. Man will
durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die
Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchführung aber
Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden
werden. Vielleicht aber binden schon die ersten türkischen Bewegungen im
nördlichen Persien englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für
die Türkei.
Wie durch das Weiße Meer über Archangelsk, so scheint England auch über
das Kaspische Meer und über Baku sich einen Einfluß in Rußland sichern zu
wollen. Aus diesen Gründen liegt die Durchführung der osmanischen Pläne in
Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur hätte
demgegenüber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien
nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Aufstellung einer
verwendungsbereiten türkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo wäre
jedenfalls mit Rücksicht auf alle operativen Möglichkeiten des Engländers
südlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als größere Operationen in
Persien.
In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
betrachtet unverändert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
Gegenden südlich von Mosul für die türkischen Armeen eine Katastrophe
vollzogen, freilich nicht unter Geschützdonner. Wie im armenischen
Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
Winter 1917/18 die türkischen Soldaten in großer Zahl zugrunde. Man
spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den
Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermögen wir nicht
nachzuprüfen. „Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod“, so versicherte
uns ein Türke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster
Überzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen türkischen Armee überleben in
Mesopotamien das Frühjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu
gefechtsfähiger Stärke gebracht werden können. Man fragt sich, warum
greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum
marschiert es nicht einfach vorwärts? Genügen die Schatten dieser
osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms
kolonialer Kriegführung zu veranlassen? Die englische Führung mag für
diese Vorsicht ihrer Operationen alle möglichen Gründe anführen können,
nur einen hat sie nicht, nämlich die Stärke des Gegners.
Während im armenischen Hochlande die türkische Wehrmacht nochmals einen
Triumph feierte, hatten die Kämpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam
es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne daß
hierdurch die Lage wesentlich geändert wurde. Im Frühjahr 1918 schien die
englische Kriegführung dieses ewigen Einerleis endlich müde zu werden. Sie
raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach über Jericho in das
Ostjordanland ein. Man nahm an, daß die Araberstämme in diesem Gebiete das
Auftreten ihrer Befreier vom türkischen Joch nur erwarteten, um sofort den
osmanischen Armeen in den Rücken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte
jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und türkischen Kräften dank
ausgezeichneter osmanischer Führung. Die Lage an der syrischen Front wurde
hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in
jenen glutheißen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit
Sicherheit zu erwarten, daß der Engländer im Herbste seine Angriffe in
irgend einer Richtung wiederholen würde. Wir glaubten, daß die
Zwischenzeit genügend sei, um die Lage an der syrischen Front durch
Zuführung neuer türkischer Kräfte zu festigen.
Die inneren Schwierigkeiten im türkischen Staate dauerten auch im Jahre
1918 an. Der Tod des Sultans übte nach außen hin zunächst keinen
sichtbaren Einfluß aus. Im Innern begann allmählich eine Bewegung zur
Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschäden
entgegenzutreten. Er wählte die Männer seiner Umgebung aus den Kreisen,
die sich den alttürkischen Richtungen zuneigten.
Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt.
Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den
Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur
türkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf
den Austausch von Ansprachen beschränkt. Die Erwiderung des Thronfolgers
auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem
entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.
Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
persönlichen Einfluß auszuüben. Er wollte auch die Armeen in den
entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mängel hätten
beseitigt werden können, wage ich nicht zu entscheiden.
Das Land war durch den Kriegszustand völlig erschöpft. Es konnte dem Heere
kaum noch irgend welche neuen Kräfte bieten. So gelang es auch während des
Sommers nicht, die Verhältnisse an der syrischen Front wesentlich zu
stärken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu
kläglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes hätte geleistet werden
können. Die Zustände in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die
Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu beständig in ungestilltem
Hunger dahin, körperlich müde, seelisch empfindungslos.
Wie ich schon früher anführte, mußten wir auf das Wegziehen der deutschen
Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Führung
glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu
können. Man schätzte freilich den Angriffsgeist der gegenüberstehenden
englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen
mohammedanisch-indischer Überläufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die
bisherigen Leistungen der englischen Führung so wenig eindrucksvoll, daß
man sich zu der Hoffnung berechtigt fühlte, mit den vorhandenen geringen
Kräften dem Feinde wenigstens die Möglichkeit eines weiteren Widerstandes
vortäuschen zu können. Wie lange eine solche Täuschung vorhielt, hing
lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Gerüst
des türkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stützen
umwerfen würde oder nicht.
Am 19. September griff der Engländer überraschend den rechten türkischen
Heeresflügel in den Küstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die
dortigen Linien. Die Niederlage der beiden türkischen Armeen an der
syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.
In diesen Tagen wurde die Türkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
dadurch im ersten Augenblick auf der europäischen Landseite völlig
schutzlos. Die türkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der
letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen
der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen
steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfähigen
Küstenbesatzung ungeschützt. Die Befestigungen der berühmten
Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schützengräben, wie sie
nach den Kämpfen der Jahre 1912/13 von den türkischen Truppen verlassen
waren. Alles übrige war nur in der Phantasie oder auf trügerischen Plänen
vorhanden. Man mag über diese Zustände nachträglich den Kopf schütteln,
letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der große Wille, alle
vorhandenen Kräfte auf den entscheidenden Außenposten zu verwenden. Wehe
dann freilich, wenn der äußere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die
feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.
Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
Eindrücken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch
wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte
Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter
Widerstand wäre jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der
moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige
Überführung von deutschen Landwehrformationen aus dem südlichen Rußland
nach Konstantinopel an. Auch entschloß sich die Türkei dazu, alle aus
Transkaukasien zurückgerufenen Divisionen zunächst nach Thrazien zu
werfen. Bis jedoch nennenswerte Kräfte Konstantinopel erreichen konnten,
mußte geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte,
um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, läßt sich nach den bis jetzt
vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Türkei vor einer
unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber
Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.