Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes schien
jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen
über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persönlichkeiten mit
der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der
amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstätte von uns
verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie
zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen
Wirklichkeit des Krieges.
Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die
Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war
endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer
versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für uns
das Entscheidende.
Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter diesen
litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter leiden. Der
Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so
elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste fehlte. Meutereien
fanden statt, wurden uns gegenüber aber meistens vertuscht. Die Armee
wurde durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den
besetzten Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der
Höhe zu halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang
an. War es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der
Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die
bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen
Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des
Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine
wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa
Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von Heer
und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich als
unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als im
Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen
in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung
fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte
größtenteils.
Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten
unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große
Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch
wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge
erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli
nicht im Zweifel lassen.
Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen
sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle
seine Kräfte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber
kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig
gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert
worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der
Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen
Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach
Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit,
sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie
trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung
des Krieges für Bulgarien fiel.
Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an
diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin
nicht beendet wäre.
Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu einem
Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der bei
einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte.
Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen
zu können, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des
Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit
längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Engländer erkannt worden.
Auch hier bestand angesichts der ganz außerordentlichen Stärke der
Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer
solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Über
die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste Heeresleitung
ganz gewiß.
Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am
15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten
Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der
glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten
lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt, als
man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten Truppen
hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die
Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung,
sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem
Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an einer Stelle, die dem
wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen
Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag.
Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen, so
ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen
Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles
daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres
abzuwenden.
Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die
bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
18. September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Engländer,
sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zäher
Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am Doiransee, wenn
in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch
Schlimmeres als Mutlosigkeit.
Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage in
der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen
ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein
eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der bulgarischen
Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder
einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach
ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie
willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie
das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedränge ein
Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrängnis kommt, er hilft
den deutschen Geschützen beim Marsch auf das Gefechtsfeld über schlechte
Wegestrecken fort. Den Kampf indessen überläßt er den Deutschen.
Mazedonien wird auf diese Weise freilich für Bulgarien verloren gehen.
Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er in der Heimat Land genug
habe; also zieht er in die Heimat und überläßt die Sorge und den Kampf um
Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne anderen Menschen.
Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse
vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu
retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der
Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung,
die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung würde an sich
nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine
gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der
Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen
Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern
sich auch die rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint
wenigstens möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten.
Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß
ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich
völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe.
Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle
Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur
Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was
aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken
müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft
auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille.
Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir
müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer
uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit
in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu
dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die
Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine
weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.
Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine
gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über das
Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und
sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen jedoch nicht. An
unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht
werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was
sind das für Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkräftigen
schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung
erwartet werden? Sie mögen den besten Willen mitbringen, aber in diesem
Klima und ohne Ausrüstung für den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie
an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn
nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der
Zar müssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.
Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben
erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn
gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien
zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur Verfügung. Wir
verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische Unterstützung an
unserer Westfront.
Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß versucht
werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz
aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere
bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des
Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.
Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht
angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für ihre
Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung;
Mut und ruhige Überlegung schwinden. Der Führer hält seine Lage für
unhaltbar und beschwört den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen.
Der Zar antwortet: „Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu
Grunde.“ Das Wort beweist, daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich
nicht in ihm täuschte.
Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt an
die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein
einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller
getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
Schwinden des Willens?
Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemäß den Rückzug.
Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die
Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist
nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
beseelt, nämlich der Führer.
Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße
führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete
und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über
Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber
sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in diesen
Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken müssen
starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden dorthin
gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straßenstück
Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon am
21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer
förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an eine
amerikanische Neugründung erinnert. Ungeheuere Vorräte sind hier
aufgespeichert, ausreichend für einen ganzen Feldzug. In den dortigen
Depots merkt man nichts davon, daß die bulgarischen Armeen an der Front
irgend etwas entbehren mußten. Jetzt fällt alles der bulgarischen
Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko
sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien noch über reiche Bestände. Sie
ruhten bisher im Verborgenen, behütet von der einseitigen Sorge
bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das
Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem
Parlament.
Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht
selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die
Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender:
Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurückschwenken. Die
rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter nördlich versammeln; sie wird
verstärkt durch die anrollenden deutschen und österreichischen Divisionen.
Diese Kräfte bei Üsküb werden reichlichst genügen, um die Lage zu halten;
ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu
rechnen, daß wir von Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher
Richtung vorgehen können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne
Rast mit starken Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze
nachdrängt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und
Straßen gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen
Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
Verantwortungsgefühl zusammenfinden.
Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange gehalten
wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen herankommen. Diese
Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat über Gradsko
hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften.
Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der
Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der
gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb
ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie
wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt hätten.
Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein
abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall
friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen
erweisen sich aber meist als übertrieben.
An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen
Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte
des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch
sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und
wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der
Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schüssen ihre
Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen
Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemühen
deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch
ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige Masse zu wirken.
So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und
österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am 29. September
treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen
aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Straße nach Üsküb
zu rücken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig.
Die schwerste Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch
mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren.
Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben
Üsküb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
29. September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand.