Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn

Nach den vergeblichen Angriffen des österreichisch-ungarischen Heeres in

Oberitalien zeigte sich immer mehr, daß die Donaumonarchie ihre letzte und

beste Stärke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so

viel zahlenmäßige und sittliche Kräfte, um einen solchen Angriff

wiederholen zu können. Die Verhältnisse dieses Heeres traten uns so recht

deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer

Unterstützung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz

war unmöglich, wenn man später größere Kampfleistungen von ihnen verlangen

wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der

Ausrüstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen

ebenso rückhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k.

Armee-Oberkommandos. Alle österreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben

sich die größte Mühe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in

verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend

leistungsfähig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht

wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Tätigkeit und Einsicht der

Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.

Die großen Verluste der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,

die mangelhaften Ersatzverhältnisse, die politische Unzuverlässigkeit

einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustände im Innern des Landes

machten eine wirklich große und ausschlaggebende Unterstützung unserer

Westfront leider unmöglich. General von Arz mußte sich angesichts dieser

Verhältnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die

er uns schicken wollte, von der Seele reißen. Er selbst war von der großen

Bedeutung dieser Hilfe durchaus überzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob

man in allen österreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen

Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man überall die gleiche

Dankesschuld uns gegenüber empfand, wie General von Arz.

An den österreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf

des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische

Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort

hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenübergestanden, die

Italiener, etwa ein verstärktes Armeekorps, um Valona und östlich, die

Österreicher im nördlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz wäre ohne jede

militärische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den

mazedonischen Fronten gehabt hätte. Bulgarien befürchtete beständig, daß

durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte

Flanke seiner Heeresfront umfaßt werden könnte. Militärisch wäre einem

solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zurücknahme des bulgarischen

Westflügels aus dem Gebiete von Ochrida in nordöstlicher Richtung zu

begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhältnisse Bulgariens

machten, wie ich das schon erwähnt habe, damals jedes Zurückziehen

bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmöglich. Dazu kamen

bulgarisch-österreichische Eifersüchteleien in Albanien, die mit Mühe von

uns ausgeglichen worden waren.

Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Österreicher ihre

italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die

außerordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstützpunktes als zweiter

Torflügel zur Sperrung der Adria war mit den Händen zu greifen. Für eine

solche Operation fehlte jedoch für Österreich-Ungarn die erste

Voraussetzung, nämlich die entsprechende leistungsfähige, rückwärtige

Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein

solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in

dem öden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und

Österreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in

genügendem Umfang schaffen.

Die österreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in

einer Art von Dornröschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch

gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer

Tatkraft gestört wurden. Einen größeren Ernst nahm die Lage in Albanien

erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten

Angriff von der Meeresküste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.

Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlässigten

österreichisch-ungarischen Verbände wurden nach Norden zurückgedrückt.

Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der

mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste

Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens

an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die österreichischen Kräfte in

Albanien zu verstärken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen

Flanke durchführen zu können. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung

entschloß sich darüber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die

Italiener wurden wieder zurückgeschlagen.

Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend

welche weiter gesteckten politischen und militärischen Ziele im Auge

hatte. Besonders muß ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem später

einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front

in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der österreichische

Gegenangriff stellte angesichts der ganz außerordentlichen Schwierigkeiten

in den albanischen Geländeverhältnissen und der feindlichen zahlenmäßigen

Überlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient

durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.

Die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns hatten sich im Laufe des

Jahres 1918 in der früher erwähnten bedenklichen Richtung weiter

entwickelt. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernährung

bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein

Wunder, daß die österreichisch-ungarischen Behörden in dem Zusammenraffen

greifbarer Verpflegungsbestände, sei es in Rumänien, sei es in der

Ukraine, zu Maßnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im höchsten

Grade entgegengesetzt waren.

Unter den trüben politischen Verhältnissen Österreich-Ungarns war es nicht

weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklärt wurde, daß eine

Weiterführung des Krieges über das Jahr 1918 hinaus von seiten der

Donaumonarchie ausgeschlossen wäre. Der Drang nach Abschluß der

Feindseligkeiten äußerte sich immer häufiger und immer stärker. Ob dabei,

wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu

spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluß ausübte,

lasse ich dahingestellt sein.

Im Sommer erfolgte der Rücktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als

Außenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, daß die von seinem Kaiser

an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unüberbrückbaren

Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen hätten. Mir war der

Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensätze, die zwischen

seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns

gegenüber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.

Für mich war Graf Czernin der typische Vertreter der

österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Er war klug und von scharfem

Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von

zutreffender, rückhaltsloser Kritik der Schwächen des von ihm vertretenen

Staatswesens. Seine politischen Pläne bewegten sich dabei aber weit mehr

im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Für

die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes

Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in

der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht.

Aus diesen Widersprüchen kam es, daß er für die Doppelmonarchie

Erweiterung ihrer Machtsphäre anzustreben nicht aufhörte, auch wenn er

gleichzeitig uns Deutschen große Opfer für die Interessen der verbündeten

Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschätzte, wie alle

österreichisch-ungarischen Staatsmänner dieser Zeit, die

Leistungsfähigkeit seines Vaterlandes. Sonst hätte er nicht im Frühjahr

1917 kurz nach seiner Amtsübernahme von der Unmöglichkeit weiteren

Durchhaltens sprechen dürfen, obwohl die österreichisch-ungarische Kraft

noch länger ausreichte und auch bei der Geschäftsniederlegung des Grafen

noch keineswegs bei dem Erschöpfungstod angelangt war. Es lag in den

Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben.

Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers

Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster

Überzeugung unterstützte, vermochte ich während seiner Amtsführung nicht

klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in

einer übertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der

Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenüber enthalten

waren. Nur so wird es verständlich, daß er in einer Zeit des scheinbar

beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Mißerfolges der

feindlichen Frühjahrsoffensive und der Rückwirkung der staatlichen

Auflösung in Rußland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die

Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.

Ich war der Meinung, daß es Graf Czernin an der bundesbrüderlichen

Gesinnung uns gegenüber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei

den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei

Überraschungen stellte. Er befürchtete damals wohl, daß die Donaumonarchie

ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht überwinden könnte, und

daß der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit

der Ukraine forderte.

Unter der außenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage

zwischen uns und Österreich-Ungarn keinen Abschluß. Eine Preisgabe ganz

Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon früher berührten

Gründen für uns unannehmbar.

Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner

Tätigkeit als Außenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pleß bekannt

geworden. Bei der Umständlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren

Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in

absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muß auch offen eingestehen, daß meine

Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in

Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren

Verhandlungen.

Bei seiner Wiederberufung als Außenminister hatte Graf Burian das

begreifliche Bestreben, möglichst bald einen Ausweg aus unserer

politischen Lage zu finden. Es war menschlich verständlich, daß er unter

dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit größter

Hartnäckigkeit zum Frieden drängte. Nach meiner Anschauung sollte indessen

keiner der verbündeten Staaten aus dem Rahmen der politischen

Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war

ein Irrtum, zu glauben, daß dadurch jetzt noch wesentliches für einen

Einzelstaat oder für unsere Gesamtheit gebessert werden könne. Der

türkische Großwesir, der in der ersten Septemberhälfte in Spa weilte,

beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu

gleichem Zeitpunkt davon, daß Friedensbestrebungen seines Landes außerhalb

des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen könnten. Vielleicht ahnte der

Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor

in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.

Aus den angeführten Gründen heraus fühlte ich mich nicht veranlaßt, den

österreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente

einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, für glücklich zu halten.

Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenüber in der Tat auch

völlig ablehnend. Sie übersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als

daß sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten.

Die Frage weiterer Menschenopfer spielte für sie keine Rolle. Die

Befürchtung, daß wir Deutschen uns rasch wieder erholen könnten, wenn uns

auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen würde, beherrschte völlig den

feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere

Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch

machten. Für uns ein stolzes Gefühl mitten in alledem, was um uns zurzeit

vorging und noch vorgehen sollte!

Aus meinem Leben(#30695) · 第 89 / 118 题