Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe

Am 7. April 1866 trat ich als „Sekondlieutenant“ in das 3. Garderegiment

zu Fuß ein. Das Regiment gehörte zu denjenigen Truppenteilen, die

gelegentlich der großen Vermehrung aktiver Verbände 1859/60 neu errichtet

worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat,

bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines

Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehörigen und

liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewährt.

Hierin liegt ein unzerstörbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn,

wie im letzten großen Kriege, Regimenter wiederholt einen förmlichen

Neuaufbau durchmachen mußten. Übriggebliebene Reste des alten Geistes

durchströmten die neuen Teile in kurzer Zeit.

Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuß

hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den

besten Überlieferungen des damaligen preußischen Heeres entsprach. Das

preußische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Glücksgütern gesegnet,

und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Bedürfnislosigkeit. Das

Bewußtsein eines besonderen persönlichen Verhältnisses zu seinem König –

der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrückt –

durchdrang das Leben der Offiziere und entschädigte sie für manche

materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war für die Armee von

unschätzbarem Vorteil. Das Wort „ich dien’“ hatte dadurch einen ganz

besonderen Klang.

Vielfach wurde behauptet, daß eine solche Auffassung eine Absonderung der

Offiziere den anderen Berufsklassen gegenüber veranlaßt hätte. Ich habe

diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in höherem Maße gefunden wie

in jedem anderen Beruf, der auf sich hält und sich daher unter

Seinesgleichen am wohlsten fühlt. Ein in den Grundzügen wohl zutreffendes

Bild des damaligen Geistes innerhalb des preußischen Offizierskorps findet

sich in einer Abhandlung über den Kriegsminister von Roon. Dort wird das

Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest

und kräftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknöchert oder dem

allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung

liberaler Elemente, fachmännisch nüchtern aber auch fachmännisch reich.

Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue

der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in

den Söhnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preußens

gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefühl der staatlichen

Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preußen in seinem Heere neue

Betätigung in der Welt ersehnte.

Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen

die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten

voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Österreich noch nicht

ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhöhung des Mannschaftsstandes war

ergangen und in voller Ausführung begriffen.

Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preußen und

Österreich bewegten sich unsere politischen und militärischen

Gedankengänge völlig in den Bahnen Friedrichs des Großen. Dementsprechend

führten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten

Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses

unvergeßlichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem

Einmarsch in Böhmen trug diesen Gedanken in seinem Schlußsatz mit den

Worten Rechnung: „Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, daß es

gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser größter König mit einem

kleinen Heere schlug.“

Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen

Österreich und uns, weil für beide Großmächte nebeneinander in dem

damaligen Bundesverhältnis keine freie Betätigungsmöglichkeit vorhanden

war. Einer von beiden mußte weichen, und da solches durch staatliche

Verträge nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Über diese

Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Österreich

bei uns keine Rede. Das Gefühl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch

ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark

entwickelt, als daß sich feindliche Empfindungen hätten durchsetzen

können. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene

wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man

sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder verträgt. Die

Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der größte Teil der

tschechischen Bevölkerung, zeigten uns meist ein derartiges

Entgegenkommen, daß sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie

in deutschen Manöverquartieren abspielte.

Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in

diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf

viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Böhmen ein.

Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, führte uns

am 28. Juni in dem gleichen Gelände und in der nämlichen Richtung von

Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September

1747 während der damaligen Schlacht bei Soor Preußens Garde inmitten der

in den starren Formen der Lineartaktik anrückenden Armee des großen Königs

vorbewegt hatte.

Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen

Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schützenzug führte, hatte

an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil

wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor

dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehörten. Immerhin hatten wir aber doch

wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehölz nordwestlich Burkersdorf mit

österreichischer Infanterie herumzuschießen und Gefangene zu machen, sowie

später ungefähr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde

ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre

Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die

Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere

Grenadiere auf ihre Bajonette gespießt in das Biwak bei Burkersdorf

brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des

italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren

lernte ich einen älteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in

österreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons

gestanden hatte. Er beichtete mir, daß er bei dieser Gelegenheit seine

neue Ulanka eingebüßt hätte, die für den Einzug in Berlin bestimmt gewesen

war.

Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so mußte ich mich damit begnügen,

wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung

durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Berührung mit

dem Gegner ergreift.

Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am nächsten Tage sozusagen

mit der Rückseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit

60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten

abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch

erschwert wurde, daß das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not

erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben

überholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon

im Gros der Division im Vormarsch nach Süden befand. Ich kam gerade noch

zur Zeit, um die Erstürmung des Elbüberganges von Königinhof durch unsere

Vorhut mit anzusehen.

Der 30. Juni versetzte mich in die nüchterne Wirklichkeit kriegerischen

Kleinkrams. Ich mußte mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll

Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr

leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach

Königinhof zurückkehren. Erst am 2. Juli früh konnte ich mich meiner

Kompagnie wieder anschließen. Es war hohe Zeit, denn schon der nächste Tag

rief uns auf das Schlachtfeld von Königgrätz.

Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der

Richtung auf die Festung Josephstadt ausgeführt hatte, standen wir am

Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im naßkalten Vorposten-Biwak am

Südausgang von Königinhof herum. Da ertönte das Alarmsignal, und bald

darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu

sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschützfeuer aus

südwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen über den Grund des

Gefechtslärms waren geteilt. Im allgemeinen überwog die Meinung, daß die

von der Lausitz her in Böhmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich

Karl – wir gehörten zur 2. des Kronprinzen – irgendwo auf ein vereinzeltes

österreichisches Korps gestoßen sei.

Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begrüßt. Sah doch der

Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glänzenden Erfolge, die das

links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz

bisher errungen hatte. Unter strömendem Regen, trotz kühler Witterung in

Schweiß gebadet, wateten wir mühsam in langgezogenen Kolonnen auf

grundlosen Wegen vorwärts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und

steigerte sich bei mir zu der Sorge, daß wir vielleicht zu spät kommen

könnten.

Diese Besorgnis erwies sich bald als unnötig. Der Kanonendonner wurde,

nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hörbar.

Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen höheren Stab zu Pferde auf einer Anhöhe

neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Ferngläser nach Süden

spähend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser

Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef,

General von Blumenthal, hat mir nach Jahren über diesen Augenblick

folgendes erzählt:

„Gerade als die 1. Gardedivision auf unergründlichen Wegen an uns

vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser

mich daraufhin fragend anblickte, fügte ich hinzu, daß ich ihm zur

gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das österreichische Geschützfeuer

schlüge überall nach Westen, ein Beweis dafür, daß der Feind auf der

ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt wäre, sodaß wir ihm jetzt in

die Flanke und teilweise in den Rücken kämen. Angesichts solcher Lage

war nur noch anzuordnen, daß das Gardekorps rechts, das VI. Korps links

einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei mächtigen

Lindenbäumen gekrönten, bei Horenowes gelegenen Höhe weiter vorgehen

sollten, während das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das

Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen hätten. Weiteres

hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen.“

Unsere Bewegung wurde zunächst noch querfeldein fortgesetzt, dann

marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den

Höhen seitwärts Horenowes entgegengeschickt. Die österreichische

Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten

Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Führer, ein anderes tötete dicht

hinter mir meinen Flügelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate

mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann außer Gefecht. Als dann

aber das Feuer verstummte und die Höhen uns kampflos in die Hände fielen,

weil es sich hier nur um eine aus der Überraschung heraus zum Zwecke des

Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt

hatte, machte sich ein Gefühl der Enttäuschung geltend. Freilich nicht für

lange, denn bald öffnete sich uns der Einblick auf einen großen Teil eines

gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwärts von uns erhoben sich in der

trüben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der

gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschützfeuer und die

Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste

Färbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die

Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.

Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun

bald aus südlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu können. Sie

sind später größtenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So

drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelände, der schwere, tiefe und

glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrüben gestatteten, vorwärts.

Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut

worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Züge begannen

sich ihre Gegner zu suchen; alles drängte nach vorwärts. Den Zusammenhang

für alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind!

Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon – eine damals sehr

beliebte Gefechtsformation – im Nebel und Getreide überraschend auf

feindliche, von Süden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das

überlegene Zündnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem

Schützenzuge in aufgelöster Ordnung folgend, stieß ich plötzlich auf eine

österreichische Batterie, die in rücksichtsloser Kühnheit herbeieilte,

abprotzte und uns eine Kartätschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel,

die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich für kurze Zeit

bewußtlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die

Batterie ein. Fünf Geschütze waren unser, die drei anderen entkamen. Das

war ein stolzes Gefühl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde

blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit,

auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jäger, kenntlich an den

Hahnenfedern auf ihren Hüten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und

folgte ihnen bis zu einem Hohlwege.

Der Zufall wollte es, daß im Verlauf des letzten großen Krieges dieses

mein erstes Schlachterlebnis in Österreich bekannt wurde. Ein

verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir

infolgedessen aus Reichenberg in Böhmen, daß er bei Königgrätz als

Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und

belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche

Worte hinzufügte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den

einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande

gekommen.

Als ich den oben erwähnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die

feindlichen Jäger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Dörfer

– vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti – waren merkbar noch

in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekämpft. Ich selbst war mit

meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die

geschlossenen Abteilungen waren mir nicht südwärts gefolgt, sondern

schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloß, meiner

Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, daß

ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel

erreichte, brausten noch mehrere österreichische Schwadronen, mich mit

meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorüber. Sie überschritten

vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stießen kurze Zeit darauf,

wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelände nordöstlich Rosberitz

auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige

Pferde zurück und schließlich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich

schickte noch einige Kugeln nach; die weißen Mäntel der Reiter boten in

der trüben Witterung gute Ziele.

Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestüm

vordrängende Züge und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division

waren daselbst auf sehr überlegene feindliche Kräfte geprallt. Hinter

unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunächst keine Verstärkungen.

Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen

worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich

mich am Ostrande von Rosberitz glücklich wieder vereinigte, war daher die

erste Hilfe.

Wer mehr überrascht ist, die Österreicher oder wir, vermag ich nicht zu

beurteilen. Jedenfalls drängen die zusammengeballten feindlichen Massen

von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So

fürchterlich unser Zündnadelgewehr auch wirkt, über die stürzenden ersten

Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen

zwischen den brennenden, strohbedeckten Häusern ein mörderisches

Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbänden ist keine Rede mehr. Jeder

sticht und schießt um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern

vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Fähnrich von

Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und

herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir überbracht,

damit diese nicht etwa feindlichen Plünderern in die Hände fällt. Bald

laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rücken

führenden Seitengasse tönen österreichische Hornsignale, hört man die

dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir müssen,

auch in der Front hart bedrängt, zurück. Ein brennendes Strohdach, das auf

die Straße herabstürzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt,

rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Höhe dicht

nordöstlich des Dorfes.

Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurückgehen. Major Graf

Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuß, der 1870 vor Paris als Kommandeur

des Garde-Grenadierregiments Königin Augusta fiel, läßt als ältester

anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde

stecken; um diese geschart werden die Verbände wieder geordnet. Schon

nahen auch von rückwärts Verstärkungen. Und so geht es denn bald wieder

mit schlagenden Tambours vorwärts, dem Feinde entgegen, der sich mit der

Besitzergreifung des Dorfes begnügt hat. Auch dieses räumt er bald, um

sich der allgemeinen Rückzugsbewegung seines Heeres anzuschließen.

In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach

kurzer Zeit im Lazarett zu Königinhof seinen Wunden erlag. Seine treue

Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgeführt. Auch aus meinem Zuge

teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer

Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage später auf dem

Weitermarsch abends südwestlich der Festung Königgrätz Biwaks bezogen,

fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der

Festung hatte sie in der Richtung auf die preußischen Biwakfeuer

hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernährung enthoben zu sein. Sie hatten

das Glück, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden.

Als Abschluß des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,

bis wir das Schlachtfeld verließen. Der Arzt wollte mich wegen meiner

Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnügte mich aber in Erwartung

einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlägen und einem leichten

Verbande und durfte fortan auf den Märschen statt des Helmes die Mütze

tragen.

Eigenartige Gefühle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten.

Nächst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze

Bewußtsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues

Ruhmesblatt in der Geschichte des preußischen Heeres und des preußischen

Vaterlandes geworden war. Übersahen wir auch noch nicht die volle

Tragweite unseres Sieges: daß es sich um mehr als in den vorhergegangenen

Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich

der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Hälfte seines

Bestandes verloren, ein Beweis dafür, daß er seine Schuldigkeit getan

hatte.

Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbrücke

überschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns

seine Anerkennung über das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit

lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber

unserer Armee und Erben der Krone Preußens gespendete Lob, freudig bereit,

ihm zu neuen Kämpfen zu folgen.

Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Märsche und

somit keine erwähnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende

Waffenstillstand traf uns in Niederösterreich, etwa 40 km von Wien

entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rückmarsch in die Heimat

antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst

allmählich verließ sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren

Reihen gefordert zu haben.

An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Während dieser Zeit traf ich

mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem

Schlachtfelde von Königgrätz tätig war, in Prag. Wir ließen diese

Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres

großen Königs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom

preußischen Staat nach dem Befreiungskriege für den bei Prag gefallenen

Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden,

das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs

des Großen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen.

Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf

des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich

der Lage Preußens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf

Prag folgenden Kolin, so nötigte nach der manchem Siege folgenden

Marneschlacht das Scheitern unseres großen Offensivgedankens das Vaterland

zu einer verhängnisvollen Verlängerung des Daseinskampfes. Aber während

uns der Ausgang des siebenjährigen Ringens ein mächtiges Preußen zeigt,

erblicken wir am Ende des letzten vierjährigen Verzweiflungskampfes ein

gebrochenes Deutschland. Waren wir der Väter nicht würdig gewesen?

Am 2. September überschritten wir in Fortsetzung des Rückmarsches die

böhmisch-sächsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee

Großenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte

begrüßte uns. Durch sie kehrten wir unter den Klängen des „Heil Dir im

Siegerkranz“ in die Heimat zurück. Mit welchen Gefühlen, bedarf keiner

Erläuterung.

Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die

Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Königsplatz, damals einem

sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebäude steht, befand

sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg

verbunden war. Krolls „Etablissement“ gab es dagegen bereits. Vom

Aufstellungsplatze weg rückte die Einzugstruppe durch das Brandenburger

Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner

Majestät dem König. Blücher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren

Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein!

Zum Einrücken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am

Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden

4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung überreicht, ihn sofort anzulegen,

weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich

mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine ältere

Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf

meiner Brust. So oft ich in spätern Jahren, sei es zu Fuß, sei es zu

Pferde, über den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der

freundlichen Berlinerin, die dem 18jährigen Leutnant dort einst seinen

ersten Orden angeheftet hat.

Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison

zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine

Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren

die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da

war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich

selbst hatte die schöne Stadt, die ich schon 1873 verlassen mußte, so lieb

gewonnen, daß ich mich später nach meiner Verabschiedung dorthin

zurückzog.

Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknüpft. Manche

Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gründen gänzlich

zurück. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie

verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers

in Preußen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten

einzelner seinen Schmerz nicht mit Würde trug, sondern sich in

Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir

in ihm einen Gegner.

Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in

glücklichster Weise die Vorteile einer Großstadt nicht mit den Nachteilen

einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche später,

nach dem französischen Kriege, dadurch ihren Höhepunkt erreichte, daß Ihre

Königlichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preußen und Gemahlin dort

jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzüglichen Hoftheaters

ab, der dem jungen Offizier für ein Billiges ermöglicht war. Herrliche

Parkanlagen und einer der schönsten deutschen Wälder, die Eilenriede,

umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuß

und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manövern in der Provinz

teil, anstatt zu den Herbstübungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren,

so lernten wir allmählich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner

anmutenden Eigenart kennen und schätzen. Der kleine Dienst spielte sich

auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine

Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen

meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt

versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in

die goldene Jugendzeit zurück. Fast alle meine damaligen Kameraden sind

schon bei der großen Armee versammelt. Meinen mehrjährigen Kompagniechef,

Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kürzlich wiedersehen. Ich

verdanke dem jetzt mehr als 80jährigen unendlich viel; war er mir doch

ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung.

Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestät der König zum ersten Male Hannover.

Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im

Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglückt, bei

welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient hätte. In spätern

Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz für 1870/71 erworben hatte,

hat mein Kaiser und König die gleiche Frage noch manchesmal bei

Versetzungs- und Beförderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets

durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie

damals.

Immer fester fügten sich die staatlichen, militärischen und sozialen

Verhältnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue

Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbürtiger Bestandteil Preußens

bewähren!

Bei Ausbruch des Krieges 1870 rückte ich als Adjutant des 1. Bataillons

ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzüge von

1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein

kriegserprobter altpreußischer Soldat von rücksichtsloser Energie und

unermüdlicher Fürsorge für die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen

waren gute.

Der Beginn des Feldzuges brachte für das Regiment, wie für das ganze

Gardekorps, insofern schmerzliche Enttäuschungen, als wir in wochenlangen

Märschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel

oberhalb Pont à Mousson überschritten und beinahe die Maas erreicht

hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die

dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach außerordentlich

anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von

Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und

X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die

Augen. Über die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten

wir auch am 18. August von unseren Biwakplätzen bei Hannonville westlich

Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten

gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhältnismäßig kurze Marsch,

ausgeführt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem

sächsischen (XII.) Korps, in glühender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne

die Möglichkeit genügender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage,

war zu einer großen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch

erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem

Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, über das

Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments

zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preußen

wie Franzosen, in und nördlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein

mörderischer Kampf hier auf den allernächsten Entfernungen geführt worden

war.

Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Gerüchte, daß

Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich.

Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Plötzlich beginnt

in östlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den

Feind gestoßen. Der Gefechtslärm belebt auch bei uns alles. Die Nerven

beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder stärker und freudiger zu

schlagen. Der Weitermarsch in nordöstlicher Richtung wird angetreten. Der

Eindruck, daß es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstärkt

sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Nähe

von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthüllen. Es geschieht unter

dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig

galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die

gegnerischen Stellungen. Immer mächtiger entwickelt sich das

Schlachtenbild. Über den Höhen von Amanweiler bis halbwegs gegen St.

Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren

Linien hinter- und zugleich übereinander steht dort oben feindliche

Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorläufig mit ganzer Wucht gegen

das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken

Flügel vom Gegner überragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen.

Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,

wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fünf Kilometer gleichlaufend

zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chênes. Das Dorf

wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf

Auboué marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung

von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht südlich des Dorfes, mit der

Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe.

Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schützen

schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant

von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Nähe erschossen; sein

Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Königgrätz

in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet.

Ich betrachte mir die Lage. In östlicher Richtung, fast in der rechten

Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmählich ansteigenden

Höhe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux

Chênes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden.

Das Gelände nördlich dieser Straße ist durch die Baumreihen großenteils

der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie

das Feld südlich der Chaussee. Auf den Höhen selbst herrscht eine fast

unheimliche Stille. Unwillkürlich strengt sich das Auge an, dort vermutete

Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklärung den Schleier zu nehmen,

scheint man auf unserer Seite nicht für nötig zu halten. So bleiben wir

denn ruhig liegen.

Gegen 5½ Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir

sollen hart östlich Ste. Marie vorbei in nördlicher Richtung antreten und

dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das

Bedenken, daß diese künstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten

Flanke gefaßt würde, drängt sich sofort auf.

Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelände um St.

Privat lebendig und hüllt sich in den Qualm feuernder französischer

Linien. Die nicht zu unserer Division gehörige 4. Gardebrigade geht

nämlich bereits südlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher

vorläufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe würde in

kürzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade,

nicht baldmöglich nördlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung

schaffen würden. Freilich, dort hinüberzukommen, erscheint fast unmöglich.

Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelände einzusehen und dem

Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein

ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns über das ganze Feld.

Doch wir müssen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzuführen. Es

gelingt uns auch, die Straße zu überschreiten. Jenseits dieser nehmen die

sich dicht drängenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und

stürzen, sich auseinanderziehend, vorwärts gegen St. Privat. Alles strebt

danach, so nahe als möglich an den Gegner heranzukommen, um die dem

Chassepot gegenüber minderwertigen Gewehre brauchen zu können. Der Vorgang

wirkt ebenso erschütternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein

Hagelwetter vorstürmenden Massen bedeckt sich das Gelände mit Toten und

Verwundeten, aber die brave Truppe drängt unaufhaltsam vorwärts. Immer und

immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald

von den tüchtigsten Grenadieren und Füsilieren ersetzt werden müssen, auf-

und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General

des Gardekorps, Prinz August von Württemberg, zu Pferde am Ortsausgang von

Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen

Regimenter sich hineinstürzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm

gegenüber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat

gestanden haben.

Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordöstlich Ste. Marie

herauszubringen und ihm die für den Kampf notwendige Armfreiheit zu

schaffen, läßt mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.

Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunächst in einer Falte des Geländes

die bisherige nördliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher

Deckung so weit seitlich heraus, daß wir nach dem Einschwenken den linken

Flügel der Brigade bilden. In diesem Verhältnis gelangen wir unter

zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt.

Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken

können, müssen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboué aus noch nicht

erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von

Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbrüchen östlich des

Dorfes französische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei

Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu führen. Bald darauf

unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbrüchen, welcher

abgewiesen wird. Nunmehr können sich die beiden andern Kompagnien ohne

Besorgnis für Flanke und Rücken gegen den Nordeingang von St. Privat

wenden, um dem schweren frontalen Kampf der übrigen Teile der Brigade

wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Später, nachdem Roncourt

von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere

beiden dort verwendeten Kompagnien heran.

In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von

feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus

mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen

Angriffsfeld niederzudrücken versucht. Auf unserer Seite eine lückenreiche

Linie loser Truppentrümmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen,

sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu

stürzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen,

aufs äußerste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoß unsere Truppen

wieder zurückschleudern würde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen

nicht über das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie

nördlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen.

Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschöpft

und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenüber. Die Waffenruhe auf dem

Schlachtfelde ist so ausgesprochen, daß ich vom linken Flügel bis fast zur

Mitte der Brigade und zurück in der Feuerlinie entlang reite, ohne das

Gefühl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermürbungsarbeit

unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich außerdem die

frischen Kräfte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten

begriffenen Reste der 4. und 1. ein, während von Nordwesten auch

sächsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie

lag, wird fühlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein

schien, rührt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der

schließlich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluß findet. Es

ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender

Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben.

Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne

Entschluß zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm drängt nach vorwärts.

Dieser unwiderstehliche Zug reißt alle mit sich fort. Das Bollwerk des

Gegners stürzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel

bemächtigt sich unser.

Als ich spät Abends die Reste unseres Bataillons zählte und dann am andern

Morgen die noch viel schwächern Trümmer der übrigen Teile meines

Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere

Seiten menschlichen Gefühles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an

das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg

gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von

36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon

tot 17 Offiziere und 304 Mann. Ähnliche Zahlen ergaben sich bei allen

Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten großen Krieges sind

Gefechtsverluste in der Höhe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,

innerhalb unserer Infanterieregimenter häufig geworden. Ich konnte aus

meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das für die Truppe bedeutet.

Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kräfte sinken da ins

Grab! Welch ein herrlicher Geist muß aber andererseits in unserem Volke

lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee

weiter kampfkräftig zu erhalten!

Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags

marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur,

Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung für

unsere Erfolge aus und betonte, daß wir damit aber nur unsere Pflicht und

Schuldigkeit getan hätten. Er schloß mit den Worten: „Im übrigen gilt für

uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur

Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!“ Ein donnerndes

Hurra auf Seine Majestät den König war unsere Antwort.

Welche militärische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen

mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Größe. Sie

liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis

ertrug und schließlich siegreich überwand. Dieses Gefühl war für uns in

der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste

Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemächtigt

hatte, verflüchtigte sich bald; dafür erhielt sich der Stolz auf die

persönlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen

Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag

von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines

Königs wieder angehörte. Mehrere „alte Herren“, Mitkämpfer von 1870,

darunter auch der früher erwähnte Major a. D. von Seel, waren zu dem

Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, daß

ich das stolze Regiment gesehen habe!

Wie ich höre, sind die Denkmäler der preußischen Garde auf den Höhen von

St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies

wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, daß solche Tat geeignet ist,

deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere

und Soldaten vor französischen Kriegsdenkmälern, auch wenn sie auf

deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die

Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden.

Nach der Schlacht übernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige

unverwundete Stabsoffizier die Führung des Regiments. Ich blieb auch in

der neuen Stellung sein Adjutant.

Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwürdigen

Abschluß fand, brachte wenig Bemerkenswertes für mich. Das Vorspiel, die

Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve

stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der

Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps

bildete den nordöstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des

Tages um die Armee Mac Mahons schloß. Die 1. Gardebrigade stand im

besondern von morgens bis nachmittags hinter den östlich des Grundes von

Givonne gelegenen Höhen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untätigkeit

dazu, mich zu den am Höhenrande in langer Linie aufgefahrenen

Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse über den Grund hinweg in

die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Höhen stehenden Franzosen

schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze

Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag

das Höhengelände von Illy und die französische Stellung westlich des

Givonne-Baches einschließlich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor

mir. Die Katastrophe der französischen Armee entwickelte sich also

geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche

Feuerkreis sich allmählich um den unglücklichen Gegner schloß, und wie die

Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an völlig aussichtslose Versuche

machten, durch einzelne Vorstöße unsere Umklammerung zu durchbrechen. Für

mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der

Schlacht hatte ich nämlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem

gesprächigen französischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine

Reitpeitsche kaufte, erfahren, daß der französische Kaiser bei seiner

Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am

Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen

Vernichtung die Äußerung tat: „In diesem Kessel befindet sich auch

Napoleon“, wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich später meine

Ansicht bestätigte, war groß.

Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer größeren

Gefechtstätigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem

1. Garderegiment über den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem

französischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie

schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich

eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm

die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdrücklich vor die

Augen zu führen. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an

dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, übertrafen alle Schrecken, die

mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind.

Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die

Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuß fiel noch gegen Abend und eine

Kugel pfiff über uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang

dort ein Turko mit drohender Gebärde sein Gewehr und verschwand dann mit

langen Sätzen im Dunkel der Bäume.

Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit

dem Gefühle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Träumte

doch jeder, nachdem das „Nun danket alle Gott“ verklungen war, von einem

baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttäuscht. Der

Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des französischen Widerstandes nach

der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnütze

französische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht

beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall

nicht versagen können. Zeigte sich doch darin, daß die französische

Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen

gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher

patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmännischer

Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, daß Frankreich mit einem Versagen

seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den größten Teil seiner

völkischen Würde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft

preisgegeben hätte.

Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem

wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee

verdankten, und nachmittags den unseres Königs und Kriegsherrn. Von dem

beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich

kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und

Glied zu halten. Sie umringten ihren heißgeliebten Herrn und küßten ihm

Hände und Füße. Seine Majestät sah seine Garden zum ersten Male in diesem

Feldzuge; er dankte uns tränenden Auges für das, was wir bei St. Privat

geleistet hatten. Das war reicher Lohn für jene schweren Stunden! Im

Gefolge des Königs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe

am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra,

das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen.

Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen

und alle noch außerhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese

hineinzudrängen. Hierdurch sollte verhindert werden, daß die sich

zahlreich im Vorgelände herumtreibenden Gegner verleitet würden, die

massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch

aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois

de la Garenne bis auf die Höhen dicht über der Stadt. Die die Landschaft

belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Mänteln und

Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen

des Regiments wurde daher unnötig; einige Patrouillen anderer

Truppenteile, die in der Nähe biwakierten, genügten. Als ich dem mir

nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehölz

auf der nach Norden führenden Chaussee eine Staubwolke. Ein französischer

Militärarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme

stand und mich ein Stück Weges begleitete, sagte mir, daß sich in dieser

Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befände,

um nach Belgien zu fahren. Wäre ich nur zwei Minuten eher an die Straße

gekommen, dann hätte ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein

können.

Am Abend dieses Tages verließen wir das Schlachtfeld und rückten in nahe

Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den

Vormarsch auf Paris an. Dieser führte uns zunächst über das Schlachtfeld

von Beaumont und später durch Gegenden, welche im letzten großen Kriege

der Schauplatz schwerer Kämpfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag

das Regiment in Craonne und Corbény, zwei freundlichen Städtchen am Fuße

des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich während der Schlacht bei

Soissons-Reims neben meinem Allerhöchsten Kriegsherrn auf ebendemselben

Winterberge. Ich machte Seine Majestät darauf aufmerksam, daß ich vor

48 Jahren dort unten im Quartier gelegen hätte. Von den beiden Orten waren

kaum noch Trümmer übriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der

Marktecke in Corbény gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr

herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein grüner, teilweise bewaldeter

Rücken, zeigte nur kahle, steile Kalkhänge, von denen Geschosse, Hacke und

Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger

Siegesfreude trauriges Wiedersehen!

Am 19. September sahen wir von der Hochfläche bei Gonesse aus, 8 km

nordöstlich St. Denis, zum ersten Male die französische Hauptstadt. Die

vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im

Morgensonnenstrahl. Ich glaube, daß die Kreuzfahrer einst mit ähnlichen

Gefühlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren

Füßen liegende Paris. Früh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und

lagen nun den ganzen schönen Herbsttag über auf den Stoppelfeldern zum

Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das

Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stoßen

sollte. Erst am späten Nachmittag durften wir in die Quartiere einrücken.

Wir lagen in der nächsten Zeit in Gonesse, welches übrigens dadurch

historischen Wert erlangt hat, daß dort 1815 Blücher und Wellington beim

Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um über die Fortführung der

Operationen zu beraten.

Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang

recht anstrengenden und undankbaren Einschließungsdienst auszuüben, der an

unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen

wurde. In die Eintönigkeit solcher Tätigkeit brachte erst die

Weihnachtszeit mit der Beschießung der Forts eine militärisch belebende

Zugluft.

Die Mitte des Januar brachte dann für mich ein besonderes Erleben. Ich

wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur

Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich

am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km

entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee

für die Unterbringung aller aus östlichen Quartieren kommenden Abordnungen

gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. über St. Germain nach

Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht

zurücklegen, weil ich Gepäck mit mir führen mußte. Da setzte ich mich denn

mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der

Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und

auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kälte

durch nächtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte

Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten.

Am 18. früh eröffnete mir der Führer der Leibkompagnie, daß er soeben

angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment

zurückzukehren. Glücklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer

Kamerad mit auf seinen zweiräderigen Wagen, und auch mein Sergeant fand

irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen

unserm nächsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes

Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart

verlor plötzlich ein Rad, und wir lagen vollzählig auf der Landstraße. Zum

Glück fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden

beseitigte, so daß wir uns in St. Germain bei einem Frühstück in dem auf

der Terrasse über der Seine herrlich gelegenen „Pavillon d’Henri quatre“

den übrigen Mitreisenden wieder anschließen konnten. Ein eigentümlicher

Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug

in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man

sie in den Schlössern, Villen und Bauernhöfen um Paris auftreiben konnte.

Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier

des Tages rechts und links von seinem Sitz eine große preußische Fahne –

deutsche gab es ja noch nicht – aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes

Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und

der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des

Reservoirs.

Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an

Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte

selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine

ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere

Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den

erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen

Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das

„Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren

zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen

Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen

lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte

fortan anders werden!

Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei

Seiner Majestät dem Kaiser in der Präfektur befohlen. Wir übrigen waren

Gäste des Kaisers im Hotel „de France“.

Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten französischen

Königsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden

Gemäldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns

plötzlich Kanonendonner in die Stadt zurück. Die Besatzung von Versailles

war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den

großen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den

Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir

dann die Rückfahrt an, und spät in der Nacht erreichte ich wieder mein

Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km nördlich St. Denis, dankbar

dafür, daß ich den großen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und

meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln dürfen.

Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte große

Kraftäußerung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris

und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Übergabe der

Forts wurde unsere Brigade westwärts in die zwischen dem Mont Valerien und

St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schön

gelegene Quartiere hart am Flußufer, Paris gegenüber in der Nähe des Pont

de Neuilly.

Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflächlich

kennenzulernen. Am 2. März morgens ritt ich in Begleitung einer

Gardehusaren-Ordonnanz über die eben genannte Brücke nach dem

Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein

Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in

Paris einrückte. Dann ritt ich die Champs Elysées herunter über die Place

de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre,

schließlich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder

nach Hause. Ich ließ auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmäler einer

reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,

die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung.

So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit

entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Völkern gegenüber;

trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten

nicht. So hat das französische Volk zwar für mich ein zu lebhaftes und

daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem

Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig

lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schätze ich es,

daß kraftvolle Persönlichkeiten so hinreißend auf die Masse zu wirken und

sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermögen, daß die französische

Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterländischen Ideal jegliche

Art von Sonderinteressen bis zur völligen Hinopferung zurückzustellen. In

eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten großen Kriege oft bis

zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament

entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene.

Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und

unendliche Freude, vor seinem Kaiser und König auf den Longchamps in

Parade zu stehen. In alter preußischer Strammheit defilierten die

kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie

jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben für den Schutz und die Ehre des

Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er

vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es für uns nicht

mehr, weil inzwischen der Präliminarfriede abgeschlossen war und

Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der

Demütigung bis auf die Neige leeren lassen wollte.

Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. März den Geburtstag

Seiner Majestät. Es war ein herrlicher, warmer Frühlingstag mit

Feldgottesdienst im Freien, Salutschießen der Forts und Festessen der

Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfüllter

Pflicht nun bald in die Heimat zurückkehren zu können, ließ die Stimmung

doppelt gehoben sein.

Aber ganz so früh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht

verlassen. Wir mußten vielmehr zunächst noch an der Nordfront von Paris in

und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der

französischen Regierung gegen die Kommune.

Die erste Entwickelung der neuen revolutionären Ereignisse hatten wir

schon während der Belagerung verfolgen können. Die Zuchtlosigkeit extremer

politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenüber war uns bekannt. Als

die Waffenruhe eintrat, begann die umstürzlerische Bewegung sich immer

mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den französischen Machthabern

zugerufen: „Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue

Revolution wird Sie wieder wegfegen.“ Er schien recht behalten zu sollen.

Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstürzlerischen Vorgängen

anfänglich gering. Erst von Mitte März ab, als die Kommune die Herrschaft

an sich zu reißen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen

Kampfe zwischen Versailles und Paris drängte, erhöhte sich unsere

Aufmerksamkeit. Zeitungen und Flüchtlinge unterrichteten uns über die

Vorgänge im Inneren der Stadt. Während nunmehr deutsche Korps Frankreichs

Hauptstadt im Norden und Osten gewissermaßen als Verbündete der

Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kämpfen von

Süden und Westen her zum Angriff auf Paris über. Die Ereignisse außerhalb

der Festungsumwallung konnte man am besten von den Höhen bei Sannois, 6 km

nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschäftsgewandte

Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen

Soldaten gegen Entgelt für Beobachtung des Dramas eines Bürgerkrieges zur

Benutzung überließen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern

beschränkte mich darauf, gelegentlich des täglichen Befehlsempfanges in

St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes

„Cerf d’or“ oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei

St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Mächtige

Feuersbrünste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der

Stadt treiben würde. Ich erinnere mich, daß ich besonders am 23. Mai den

Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.

Die Lage in der Stadt wurde von den herausströmenden Flüchtlingen in den

krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen

Erzählungen auch nicht zurückgeblieben zu sein. Brandstiftung, Plünderung,

Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen

Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskörpers

traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen

Führers: „Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschießen zu lassen,

aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu füsilieren“ sollte

anscheinend verwirklicht werden. Wie völlig das sonst so starke und

empfindliche französische Nationalgefühl bei den Kommunisten ausgelöscht

war, zeigt deren Erklärung: „Wir rühmen uns angesichts des Gegners,

unserer Regierung die Bajonette in den Rücken zu stoßen.“ Man sieht, daß

das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten

Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalität machen

kann.

Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schließlich eines Tages

das Ende der Kommune mit an. Außerhalb des Hauptwalles von Paris

vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und

erstürmten bald darauf über dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg

die weit beherrschende Höhe, das letzte Bollwerk des Aufstandes.

Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, daß die einzige

politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in

völliger Verkennung der wahren Vorgänge diese Bewegung verherrlichte, zur

Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schärfe gegen

kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafür,

wohin doktrinäre Einseitigkeiten führen, bis die praktische Erfahrung

aufklärend eingreift.

Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgänge im Herzen

kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Rücken und trafen

nach dreitägiger Eisenbahnfahrt in unserem glücklicheren, siegreichen

Vaterlande ein.

Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter

aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.

Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger

Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Königs und um

des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte,

sollte nicht in Erfüllung gehen!

Aus meinem Leben(#30695) · 第 11 / 118 题