Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten.
Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab
ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der
Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen
Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den
weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.
Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die
nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.
Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem
Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter
Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu
mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns
später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die
beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den
Zwischenkursen brachten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle
Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben
dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den
Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat
Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von
Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von
Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.
Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des
Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch
nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft
sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.
Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst
für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im
Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.
Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter
Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem
Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann
meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich
bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.
Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des
Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der
Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein
einheitlicher Zug alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum
alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die
Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr
in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der
militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die
erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit
und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu
lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.
Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit
verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine
Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer
im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn,
als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert
haben.
Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so
beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem
Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit
erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der
durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier
nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.
Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten
Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit.
Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das
Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen
konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen
beschäftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des
Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei
Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war
der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in
jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine
Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine
Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der
Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs,
erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich
eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.
Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die
Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den
russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem
Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten
höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.
Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe.
Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von
Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee
Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich
fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich
Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester
Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter.
Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit
getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen
Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.
1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung
machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich
in meine Heimatsprovinz.
Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben,
daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois
zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte,
interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens
in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über
außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit.
Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des
russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes
1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer
Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer
glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom
militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade
belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten
Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im
gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit
an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen
Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger
Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.
Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und
Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft
angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.
Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich
hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen,
die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die
der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der
Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im
Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst
war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner
Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die
Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften
in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen,
verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem
polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und,
was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der
Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten,
Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals
glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von
Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere
es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die
Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den
Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!
Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige
Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise
auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal
in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf
die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band
zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von
meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die
Rückkehr in den Generalstab brachte.
Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab.
Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des
damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des
Generalstabes der Armee, wurde aber außerdem noch der Abteilung des
derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden
Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der
Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung
der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten
Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden
bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.
An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem
Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung
praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm
von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte,
meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im
darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische
Armee.
Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem
nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte
doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung
genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen
konnte.
Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren
dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das
Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie
für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in
der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus
persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung
dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen
bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung
Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre
aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf
betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch,
daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu
erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte
sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.
Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der
Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde.
Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der
Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich
genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden,
aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf
Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe
hoch!“ Das sind elf Worte.
Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für
Humor.
Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß
die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu
vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch
ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes
und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter
gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk
nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung
dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.
Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen.
Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über
Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst
erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan
nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen
Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden
Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand.
Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen
fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den
Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann
wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und
Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher
durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten
hatte.
Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers
gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche
Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach
werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.
Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte
ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab
befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir
wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König
Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn
das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in
schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.
Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des
Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während
meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der
Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine
hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig
andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als
erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps.
Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu
kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.
Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge
Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen.
Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur
Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei
türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von
etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat
es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General
gebracht.
Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart
mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und
1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren
Bruder Kriegsminister wurde.
In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889
meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese
Veränderung auf den Umstand, daß mein einstiger Divisionskommandeur,
General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer
Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch
Abteilungschef.
So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen
entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den
Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann.
Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche
Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit
dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung
untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große
Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der
Kräfte gearbeitet wurde.
Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer
Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren
Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.
Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch
ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine
ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in
seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.
So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für
mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die
Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.
Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der
Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen
Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der
Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps
ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe
Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung
Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der
Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir
Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.
Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir
gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand
auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
Regiment durch _à la suite_-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn
auch heute noch zu den Oldenburgern.
Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in
Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit
unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen
des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere
Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem
Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen
gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und
die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen
Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und
Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von
Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder
Undank.
Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich
verlebte dort viele frohe Stunden.
Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen
Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als
mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine
Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.
Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese
Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.
Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine
Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und
Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die
Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem
schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein
gegenüber in den Rhein mündet.
Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef
eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine
Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam.
Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der
28. Division in Karlsruhe ernannt.
Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei
Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein
unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau
übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all
seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und
Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit
seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.
In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter
einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch
vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine
Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.
Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe,
weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des
IV. Armeekorps berief.
Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der
man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und
in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern
Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen
nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben.
Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine
der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich
wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit
mein schönes Amt niederlegte.
Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät
im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach
beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die
ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.
In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der
Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in
ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.
Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner
Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen
hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns
später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz
unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen
Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich überlegen war. Im
Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein
mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur
Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des
50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus
dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem
hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.
Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren
ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung
der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten
Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch
weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und
Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen
gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl
fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse
vorfindet, wie es uns beschieden war.
Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von
Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an.
Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich
wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen
väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf
Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.
Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im
Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern
dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß
kam.
Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee
auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr
erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und
so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach
vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich
die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt
hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher
oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.
Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders
von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht
leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren
wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps
Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.
Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch
einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum
ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für
ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.