An einem Frühlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jähriger Knabe am
Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefühl heraus
stahlen sich Tränen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen „Waffenrock“
fallen. „In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen“ fuhr es
mir durch den Kopf; ich riß mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und
mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.
Soldat zu werden war für mich kein Entschluß, es war eine
Selbstverständlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
einen Beruf wählte, war es stets der militärische gewesen. Der
Waffendienst für König und Vaterland war in unserer Familie eine alte
Überlieferung.
Unser Geschlecht, die „Beneckendorffs“, entstammt der Altmark, wo es
urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem
Zuge der Zeit folgend, über die Neumark seinen Weg nach Preußen herauf.
Dort waren schon manche Träger meines Namens in den Reihen der
Deutschritter als Ordensbrüder oder „Kriegsgäste“ gegen die Heiden und
Polen zu Felde gezogen. Später gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem
Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, während diejenigen mit
der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
ganz aufhörten.
Der Name „Hindenburg“ trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
Geschlecht in der neumärkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung
getreten. Auch die Großmutter meines im Regiment „von Tettenborn“
dienenden und in Ostpreußen bei Heiligenbeil ansässigen Urgroßvaters war
eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst
unter Friedrich dem Großen gekämpft hatte, vermachte seine beiden, in dem
schon mit der ostpreußischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, später
aber Westpreußen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Güter Neudeck und
Limbsee seinem Großneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider
Namen. Diese wurde von König Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem
wird bei Abkürzung des Doppelnamens die Benennung „Hindenburg“ angewendet.
Die Güter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
Limbsee mußte, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veräußert
werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehört
der Witwe meines nächstältesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jünger
als ich war, so daß unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander
herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Könige lange Jahre als
Offizier in Krieg und Frieden dienen.
In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Großeltern. Jetzt ruhen sie,
wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
Friedhof. Fast alljährlich kehrten wir bei den Großeltern, anfänglich noch
unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
machte es mir dann, wenn mein Großvater, der bis 1801 im Regiment „von
Langenn“ gedient hatte, davon erzählte, wie er im Winter 1806/7 bei
Napoleon I. im nahen Schloß Finckenstein als Landschaftsrat um Erlaß von
Kontributionen bitten mußte, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von
Durchmärschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hörte ich. Und
mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansässig war, wußte von
den Kämpfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen
drangen damals über die Brücke, wurden aber wieder zurückgeworfen. Ein
französischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus
verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es
fehlte nicht viel, dann hätten die Russen 1914 wieder diese Brücke
betreten.
Nach dem Tode meiner Großeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Räumen, das
Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe
ich mich später oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.
So ist denn Neudeck für mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehört. Wohin mich auch
innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf führte, ich fühlte mich
stets als Altpreuße.
Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der
Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des
damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.
Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preußischen
Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhältnissen, das in der
Arbeit und Pflichterfüllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab
naturgemäß unserm ganzen Geschlecht sein Gepräge. Auch mein Vater ging
daher völlig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit,
sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder – ich
hatte noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester – zu widmen. Das
sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete
Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach außen hin eine vollendete
Harmonie. In gegenseitiger Ergänzung der Charaktere stand neben der
ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die
ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer
Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller
Übereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder
ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe,
welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefördert
wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Körper und einen
kräftigen Willen zur Tat für die Erfüllung der Pflichten auf den Lebensweg
mitzugeben. Sie bemühten sich aber auch, uns durch Anregung und
Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu
bieten, was Eltern geben können: den vertrauensvollen Glauben an Gott den
Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als
die stärkste Stütze dieses Vaterlandes anerkannten, nämlich zu unserm
preußischen Königstum. Der Vater führte uns zugleich von früher Jugend an
in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf
Spaziergängen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die
Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schätzen. Unter
„uns“ verstehe ich hierbei außer mir meinen nächstältesten Bruder. Die
Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in
Händen der Mutter, und mein jüngster Bruder trat erst ins Leben, kurz
bevor ich Kadett wurde.
Das Los des Soldaten, zu wandern, führte meine Eltern von Posen nach Köln,
Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
Vater den Abschied und zog nach Neudeck.
Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Großvater
mütterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
Schlacht bei Kulm als Militärarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
erworben, weil er ein führerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon
wieder geordnet und vorgeführt hatte. Meine Großmutter mußte uns in
späteren Jahren noch viel von der „Franzosenzeit“, die sie in Posen als
junges Mädchen durchlebt hatte, erzählen. Genau entsinne ich mich eines
hochbetagten Gärtners meiner Großeltern, der noch 14 Tage unter Friedrich
dem Großen gedient hatte. So fiel gewissermaßen auf mich als Kind noch ein
letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.
Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
übergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekämpfung dieser
Bewegung ausgerückt. Die Polen bemächtigten sich nun vorübergehend der
Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Führers Miroslawski
sollten alle Häuser illuminiert werden. Meine Mutter war außerstande, sich
diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurück und
tröstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, daß gerade auf
diesen Tag, den 22. März, der Geburtstag des „Prinzen von Preußen“ fiel,
so daß die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
galten. 23 Jahre später war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
Versailles Zeuge der Kaisererklärung Wilhelms I., des einstigen Prinzen
von Preußen.
Unser Aufenthalt in Köln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
Kölner Zeit schwebt mir das Bild des mächtigen, jedoch noch unvollendeten
Domes vor.
In Pinne führte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
überzähliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht
sehr beansprucht, so daß er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte.
Er unterrichtete mich bald in Geographie und Französisch, während mir der
Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine
Vorliebe für Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und
anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht
erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.
Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
Erziehung ein Verhältnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
unbedingter Autorität gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
weit mehr das Gefühl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung
unter eine zu strenge Herrschaft wachrief.
Pinne ist ein kleines Städtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
gehörte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie
war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Nähe saß ihr Bruder, Herr von
Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen großer Kinderschar fand
ich mehrere liebe Spielgefährten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spätherbst 1914 den Ort von
Posen aus und betrat mit Rührung das kleine bescheidene Häuschen im
Dorfteile, in welchem wir einst ein so glückliches Familienleben geführt
hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
Spielgefährten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen.
In die Glogauer Zeit fällt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
dort vorher je zwei Jahre die Bürgerschule und das evangelische Gymnasium
besucht. Wie ich höre, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
Andenken bewahrt, daß eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel
an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner
Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war.
Rückblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, daß
meine erste Erziehung auf die gesündeste Grundlage gestellt war. Ich
fühlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, daß ich unendlich viel
zurückließ, aber ich empfand doch auch, daß mir unendlich viel auf den
weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben
hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermüden
Elternliebe, die sich später auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen
wurde.
Das Leben in dem preußischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl
sagen, bewußt und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung
auf eine gesunde Entwicklung des Körpers und des Willens gestellt.
Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als
Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine
gewisse Stärke. Die einzelne Persönlichkeit sollte und konnte sich auch in
ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem
Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von
oberflächlichen Beurteilern falsch aufgefaßt worden ist. Gewiß war York
gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es
auch, der für jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des
freien selbständigen Handelns forderte, wie er selbst diese
Selbständigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist
ist daher nicht nur in seiner militärischen Straffheit sondern auch in
seiner Freiheit einer der kostbarsten Züge unseres Heeres gewesen.
Für die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich
vorherrschend mit den alten Sprachen beschäftigt, habe ich nur wenig
Verständnis. Der praktische Nutzen für das Leben bleibt mir unklar. Als
Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen
im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium
gehören sie in spätere Lebensjahre. Ich wünschte, auf die Gefahr hin, für
einen Böotier gehalten zu werden, daß in solchen Schulen auf Kosten von
Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch,
Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt würden. Muß denn
das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die
Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster
Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kämpfen und schwerer
Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen?
Bedürfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu
können, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen?
Aus dem eben Gesagten soll keine Mißachtung des Altertums an sich
herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von früher Jugend an auf
mich eine große Anziehungskraft ausgeübt. Vornehmlich war es die der
Römer, welche mich fesselte. Sie hatte für mich etwas Gewaltiges, fast
Dämonisches, ein Eindruck, der mir in spätern Lebensjahren bei dem Besuche
Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin äußerte,
daß mich dort die Denkmäler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die
Schöpfungen italienischer Renaissance.
Roms kluges Erkennen der Vorzüge und Mängel völkischer Eigentümlichkeiten,
seine rücksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
Freund und Feind gegenüber verschmähte, seine geschickt aufgemachte
tugendhafte Entrüstung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten,
sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwächen innerhalb der
feindlichen Völker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den
germanischen Stämmen gegenüber angewendet wurde und hier mehr nutzte als
Waffengebrauch, fand nach meinen späteren Erfahrungen sein Spiegelbild und
seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all
diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur höchsten Verfeinerung und
Welttäuschung auszubauen.
Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine
Auffassung dahin aus, daß wir nicht so einseitig und undankbar sein
dürfen, über der Bewunderung für einen Alcibiades oder Themistokles, für
die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Männer ganz zu
übersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine
mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst für
Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
leider wiederholt im Gespräch mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann
bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam.
Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebührt
vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich
nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm
sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren
dem Kadettenkorps entwachsen, fühlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern
an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte
überall erfrischend und anregend und besaß obenein ein hervorragendes
Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre später
in Berlin in Selekta im Geländeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach
weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den
Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschäftigte sich
schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal während der
sonntäglichen Spaziergänge durch Anlage kleiner Übungen in geeignetem
Gelände anschauliche Bilder über den Gang der Schlachten, welche damals,
1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino.
Später, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium
der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in
Bahnen, die für meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch
die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister für die höhere Truppenführung.
Als ich später in den Generalstab versetzt wurde, gehörte ihm
Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und
schließlich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende
Generale, also Befehlshaber über Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine
Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in
der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal
versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte.
Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, daß sich das frische jugendliche
Toben, dem natürlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen
Übermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr
geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern
meist verständnisvolle, milde Richter.
Ich selbst war zunächst keineswegs das, was man im gewöhnlichen Leben
einen Musterschüler nennt. Anfangs hatte ich eine aus früheren Krankheiten
zurückgebliebene körperliche Schwächlichkeit zu überwinden. Als ich dann
dank der gesunden Erziehungsart allmählich erstarkte, hatte ich anfänglich
wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schließlich
unverdientermaßen den Ruf eines besonders begabten Schülers einbrachte.
Bei allem Stolz, mit welchem ich mich „Königlicher Kadett“ nannte,
begrüßte ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit
unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders
während des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel
wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern
Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund
bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der
Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am wärmsten entgegen. So
entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich
war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der
Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspätet, in
Glogau ein. Da saß die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum
erwärmten sogenannten Passagierstube an wollenen Strümpfen strickend, als
wolle sie durch das Nachgeben gegenüber der Sehnsucht zu einem ihrer
Kinder die Vorsorge für das Wohl der anderen nicht versäumen.
In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich, und seiner
Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum
ersten Male Mitglieder unseres Königshauses. Noch nie hatten wir beim
Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran
anschließenden Vorturnen so halsbrecherische Übungen gemacht als an diesem
Tage. Und von der Güte und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir
noch lange Zeit.
Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag König
Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprüften Herrscher
habe ich also die preußische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende
mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin
des Königs, der Königin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu
werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestät mir damals schenkte, hat mich in
drei Kriegen treulich begleitet.
Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstraße unweit des
Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preußens Hauptstadt
kennen und durfte jetzt endlich bei den Frühjahrsparaden mit Aufstellung
Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den
Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnädigsten Herrn,
König Wilhelm I., sehen.
Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Dänemark brach aus, und ein Teil
unserer Kameraden schied im Frühjahr von uns, um in die Reihen der
kämpfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehören. Mit
welch heißen Wünschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden,
bedarf keiner Schilderung.
Über die politischen Gründe, die zu dem Kriege führten, zerbrachen wir uns
den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, daß
in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
erfrischender Wind gefahren war, und daß die Tat wieder mehr gelten sollte
als das Wort und die Aktenbündel. Im übrigen verfolgten wir mit glühendem
Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
der Einbringung der eroberten Geschütze und dem Siegeseinzug der Truppen
als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefühl berechtigt zu sein, einen
Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den dänischen Kampffeldern
unsere Truppen zum Erfolge führte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem
kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee
führen sollte?
Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glück zuteil, unserm
König persönlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
Schloß geführt und hatten dort Seiner Majestät Namen und Stand des Vaters
zu nennen. Kein Wunder, daß da mancher in der Aufregung erst kein Wort
hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenüber gestanden, ihm noch nie so
scharf in das gütige Auge geblickt und seine Stimme gehört. Ernste Worte
sprach der König zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt.
Im Frühjahr 1866 verließ ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
dieser militärischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persönlichen
Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Königs Rock. Auch
während des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Söhne meiner
Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gäste
zu sehen. Ein günstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier
meines in den Krieg fallenden 70jährigen Geburtstages damit zu beginnen,
daß ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Straße weg an meinen mit
eßbaren Geschenken reich besetzten Frühstückstisch rufen lassen konnte.
Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und
unbefangen, leibhaftige Bilder längst vergangener Zeiten, Erinnerungen an
selbsterlebte Tage.