Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 8. Oktober 1832.

Der gestrige Morgen in Bellevue, wo wir Charles X. und den Dauphin

begrüßten, gehört gewiß zu den ergreifendsten Momenten des Lebens. Ich

vermag den Eindruck nicht zu schildern, den der Anblick des Mannes, auf

einer solchen Reise begriffen, auf mich machte, den man vor 17 Jahren

in Folge so mühseliger Anstrengungen und Opfer auf den Thron seiner

Väter zurückführen sah. Der Wechsel der entsetzlichen Schicksale trat

zu grell hervor, als daß man nicht tief erschüttert sein mußte.

Der König war in seiner bekannten Art heiter und außerordentlich

gerührt und dankbar über Alles, was ihm seit seinem Eintritt ins

Preußische begegnet ist, denn allgemein soll man ihm die größte

Teilnahme verbunden mit dem schuldigen Respect erwiesen haben... Er

sprach über die Revolution und sagte, daß er immer nur das Wohl seines

Landes im Auge gehabt habe und auch glaube, immer nur die richtigsten

Mittel gewählt zu haben; aber freilich einen Fehler habe er gemacht,

nämlich den, im Juli 1830 nicht 50000 Mann mehr nach Paris gezogen zu

haben, aber er hätte eine solche Maßregel nicht für nötig gehalten,

zu sehr auf die Gesinnung des Volkes rechnend. Er fürchtet sehr für

Frankreichs Ruhe in den nächsten Monaten bei Eröffnung und während der

Sitzung der Kammern, hinzufügend, er wünsche es nicht, denn er wünsche

zur die Zufriedenheit des Landes, aber er fürchte nur Unruhen. ~Le

gouvernement a bien de la peine de remettre les affaires en ordre et de

se consolider~ sagte er auch unter anderm. Auch freute er sich über

die Bundestagsbeschlüsse und sagte: ~la liberté de la presse, c’est

le reste~...

Berlin, den 24. Februar 1833[88].

Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl, mit welchem ich (in) diesem

Augenblick die Feder ergreife, da ich weiß, daß ich mich über die ganze

Zukunft der preußischen Armee aussprechen muß.

Vom Generalleutnant von Witzleben bin ich heute früh aufgefordert

worden, mich über die künftige Dienstzeit des Infanteristen nach den

mitgeteilten Plänen auszusprechen.

Früh schon hat mich Ihre Gnade und Ihr Vertrauen an die Spitze höherer

Truppencommandos berufen, sodaß ich bereits aus den gesammelten

Erfahrungen mir ein Urteil zutrauen darf. Wahrscheinlich berufen,

dereinst noch die mir anvertrauten Truppen zur Erhaltung Ihres

Thrones und Ihres Vaterlandes gegen den Feind zu führen, muß ich auch

wissen, wie die Truppen beschaffen sind, mit denen ich so hohe Güter

verteidigen soll. Eine Vernachlässigung meiner heiligsten Pflicht würde

es sein, wenn ich in einem Augenblicke schweigen wollte, wo es darauf

ankommt, die Beschaffenheit dieser Truppe so zu untergraben, daß deren

Führer dereinst nicht mehr wissen können, ob sie für deren Gehorsam und

Disciplin sich verbürgen können. Eine schwere Verantwortlichkeit würde

ich auf mich nehmen, wenn ich in diesem entscheidenden Moment nicht auf

das aufmerksam machte, was die Armee bedroht und wenn ich in ein System

willigte, von dem ich nur Übles erwarte und vielleicht in einer fernen

Zukunft -- wenn es zu spät ist -- hören müßte: warum hat man damals

darein gewilligt, warum hat man nicht gesprochen, als es Zeit war.

Im Monat October habe ich es gewagt, über den fraglichen Gegenstand

meine Ansichten ganz ~in exstenso~ vorzulegen. Wenn jenes Memoire

es nicht vermochte, die Beschließungen abzuwenden, von deren Anwendung

ich heute unterrichtet werde, so wird es freilich dieses Schreiben

noch viel weniger vermögen, wo ich mich nur auf jenes Memoire beziehen

kann. Aber verwahren muß ich mich gegen alle Folgen, die aus dem

beabsichtigten Schritt entspringen müssen, und dies hiermit zu tun ist

meine Pflicht.

Wohl weiß ich, daß gewichtige Stimmen keinen Übelstand in der

verkürzten Dienstzeit des Infanteristen sehen wollen; noch heute

sprach ich mit Generalleutnant Grollmann davon, aber wie künftig

Unteroffiziere zu beschaffen sein werden, daran hatte er nicht

gedacht, gleichfalls nicht, wie nach 16 monatlicher Dienstzeit sich

noch Kapitulanten finden werden, die Pflanzschulen der Unteroffiziere.

Er sagt, in 16 Monaten könne man einen Unteroffizier vollkommen

ausexercieren und felddienstfähig machen; ich versichere dies in 8-10

Monaten tun zu wollen, aber weder in 8, 10 noch 16 Monaten erzieht man

einen Soldaten, der es dem Geist nach ist, d. h. einen, der nicht aus

Furcht vor Strafe, sondern aus einer gewordenen Überzeugung handelt,

wie es ihm gelehrt ist. Wie will man Vertrauen auf einen Soldaten

auf Vorposten setzen, der kaum unter den Augen des Vorgesetzten das

Befohlene tut, weil er das Befohlene noch nicht inne hat und haben

kann. Wie wird im Kriege die Disciplin in einer Truppe zu erhalten

sein, die sie in 16 Monaten kaum der Idee nach kennen gelernt hat, dem

Geiste nach aber gar nicht; wie wird diese Disciplin in der Landwehr,

bei der Composition ihrer Offiziere aussehen, da sie in 16 Monaten

nicht erlernt ist, geschweige denn nach 10 Jahren der Beurlaubung.

Es gibt deutsche Armeen, die bei ihrer kurzen Dienstzeit weder das

Vertrauen des In- noch Auslandes haben; die aber wohl +ein+

Renomee sich gemacht haben, das der Indisciplin. Die Preußische Armee

zeichnete sich von jeher durch das Gegenteil aus; sie besitzt, und mit

Recht, das Vertrauen des In- und Auslandes, weil ein Jeder fühlt, daß

sie allein noch in Deutschland auf richtige Prinzipien gegründet ist,

daß ihre Glieder zu wirklichen, kräftigen Kriegern erzogen werden,

weil ihnen die Zeit dazu vergönnt ist. -- Wie wird sich das Alles

ändern, wenn nun die Dienstzeit des Soldaten denen der andern Heere

gleichkommt, auf die gerade dieserhalb man kein Vertrauen setzt.

Wenn wirklich die Reducierung der Dienstzeit von 36 auf 16 Monate

stattfinden soll, so wird man sich vor einer Haupttäuschung zu wahren

haben, nämlich der, daß man nicht mehr die Ansprüche an die Armee und

Landwehr einst beim Beginn eines Krieges mache, die man an sie zu

machen berechtigt war, als das Edikt vom Jahr 1814 erschien. Durch

die Reducierung der Dienstzeit tritt die Infanterie auf die Linie der

anderen kleinen deutschen Armeen und man ist nicht berechtigt, mehr

von der unsrigen als von jenen zu verlangen. Das Edikt vom Jahre 1814

zeigte eine Armee von Linientruppen beim Beginn eines Krieges, in

welcher eine feste soldatische Ausbildung möglich war, und daneben

die Landwehr, welche durch jene feste soldatische Ausbildung gegangen

war und daher ein Stamm sein konnte, trotz der langen Beurlaubung

jener Ausbildung in allen Teilen Ehre zu machen. Jetzt nun soll der

Vordersatz schwinden, was soll aus dem Nachsatz werden?

Die schöne Haltung der Armee gibt am meisten Stoff für die Laien,

um die Behauptung der verkürzten Dienstzeit aufzustellen. Man kehre

den Satz um: gesetzt, es wäre nicht gelungen, die Armee so schön

zu erhalten, sondern das Gegenteil, würden die Laien nicht selbst

behaupten, die Dienstzeit müsse verlängert werden? Denn es sehe die

Truppe zum Erbarmen aus? Ganz einfach und schlagend ist der Satz, da

ein Soldat 3 Jahre dienen +muß+, um dem +Geist+ nach Soldat

zu sein, so kann er auch so gut aussehen, wie der preußische Soldat

aussieht, aber nicht +um+ so gut auszusehen, soll er drei Jahre

dienen.

Schließlich kann ich nicht unberührt lassen, daß ich aus sicherer

und sehr wohl unterrichteter Quelle weiß, daß auch das Jahr 1832

wieder Überschüsse im Jahres-Abschluß liefert, die den früheren nicht

nachstehen: ich muß daher noch einmal auf die im Memoire vom Oktober

abgesprochene Ansicht zurückkommen; man zweige anderthalb Millionen

von diesen nun seit 3 Jahren constant sich bleibenden Überschüssen

zum Militär-Etat ab, lege das andere in den Schatz und Erlassung

von Steuern möge eintreten, wenn jener gefüllt ist, aber ehe jene

Millionen nicht zum Militär-Etat gebracht sind, darf kein Steuer-Erlaß

eintreten. Ist dieser erst eingetreten, und die Dienstzeit verkürzt,

wer kann +dann+ jemals daran denken, eine Steuer-Erhöhung und

eine verlängerte Dienstzeit wieder vorzuschlagen? So stehen wir am

Wendepunkt dieser ins tiefste Innerste mich erschütternden Frage, deren

Lösung das Schicksal des Vaterlandes und des Thrones in sich schließt.

Tief ergriffen und schmerzlich bewegt verbleibe ich

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 40 / 54 题