Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Belvedère bei Weimar, den 26. Juni 1831.

Die russische Remonte schlägt außerordentlich gut ein und ist wirklich

jetzt ~magnifique~; auch die Augmentations-Pferde sind sehr gut,

so auch beim 3. Ulanen-Regiment. Leider kann ich nicht dasselbe von

den sogenannten russischen Pferden sagen, welche das 2. Dragoner-

und das 3. Husaren-Regiment als Augmentation erhalten haben für

die außerordentlich guten, welche sie an die Regimenter des 4., 7.

und 8. Corps haben vor 6 Wochen abgeben müssen. Diese sogenannten

russischen Pferde sind nicht nur unter der Kritik schlecht, wenigstens

zu Dreiviertel der ganzen Masse, sondern sind sie nicht einmal

einstellungsfähig, was das Haupterfordernis dieser Augmentationspferde

war... Der Kriegsminister ist freilich selbst sehr ungehalten auf

diesen Ankauf und wenn er auch Ersatz stellen will, so kann er es

doch nicht hindern, daß diese Regimenter statt in vier Wochen erst in

mehreren Monaten schlagfertig auf die Kriegsstärke werden. Ich hatte es

ihm vorher gesagt und bin wirklich sehr niedergeschlagen, weil meine

Cavallerie die einzige in der ganzen Armee ist, der es so ergeht...

Im Neuen Palais, 30. Juli 1831.

In militärisch-cholerischer[87] Beziehung melde ich nur noch, daß

auf Aufforderung des Generals v. Thile von gestern der Oberst v.

Neumann angewiesen worden ist, eine Compagnie des Kaiser Franz

Füselier-Bataillons und eine Escadron jenseits Stettin zu detachieren,

indem die dortige Garnison nur 100 Mann disponibel zum Cordon bis zum

Haff machen kann, daher die verlangte Aushülfe notwendig wurde. Das

Füselier-Bataillon des ersten Garde-Regiments wird, wenn jene Lücke

links geschlossen werden muß, auf dem rechten Flügel des Cordons

diese Links-Schiebung ersetzen. Die Bataillone sind guten Muts

ausmarschiert, um so mehr, weil die Soldaten nicht glauben, daß sie

blos gegen die Krankheit, sondern gegen die Polen marschieren, wovon

die nur mitgenommenen 15 scharfen Patronen sie nicht zu detrompieren

vermochten. Die Bemerkung hörte man allgemein, daß man nach 16

Friedensjahren nicht erwartet hätte, zum ersten Male nach Osten und

gegen eine Seuche wieder auszumarschieren und daß die westliche

Richtung lieber eingeschlagen worden wäre, einen andern Feind findend.

Wer weiß, was über kurz oder lang uns bevorsteht, dann ist die jetzige

Zeit ein gutes Aguerriren...

Berlin, den 10. Februar 1832.

Durch den Kriegsminister ist mir Ihr Befehl zugegangen, nach welchem

eine sehr bedeutende Beurlaubung bei der Infanterie eintreten soll.

Die Staatskassen müssen freilich sehr erschöpft sein, da Sie sich zu

dieser Maaßregel entschlossen haben, denn Niemand ist ja fürsorglicher

für das Wohl der Armee als Sie und Niemand weiß daher besser als Sie,

wie schmerzlich dieser Befehl der Armee sein muß, wie desorganisierend

er momentan und vielleicht auf länger auf dieselbe wirken muß. Ich kann

daher auch nicht, wenn ich es mir auch gern unterstehen möchte, auf

Zurücknahme dieser Anordnung für die ganze Infanterie antragen; aber

ich wage es, Ihnen die Lage der Infanterie des dritten Armee-Corps

untertänigst vorzutragen. Durch die Dislocation derselben außer ihrem

Cordon trifft diese Maßregel dieselbe ungleich härter und führt weniger

zum Ziel der Ersparnisse.

1.) Die Beurlaubung wird nicht viel vor Ende des Monats eintreten,

sodaß also ungefähr dieselbe nur auf 3 Monate eintritt.

2.) Nach meinem ungefähren Überschlag wird die Entlassung beim dritten

Armee-Corps circa 2200 Mann betragen. Der Mann zu 3 Taler monatlich

berechnet, gibt die Summe von 10000 Talern, in 3 Monaten also 30000

Taler, welche erspart werden.

3.) Davon sind jedoch wiederum abzurechnen wenigstens 14 Tage Hin- und

14 Tage Her-Marsch, also wieder ein Monat, sodaß wieder 10000 Taler

abzurechnen sind, und es bliebe also nur ca. 20000 Taler Ersparnis.

4.) Wie Wenige werden sich finden, die auf eine so kurze Zeit nach

Hause gehen, wie sie kein Unterkommen, kein Verdienst auf 2 Monate

finden?

5.) Bei der Aussicht einer großen Revue für das dritte Armee-Corps

wird die Maaßregel für dasselbe im höchsten Grade drückend.

Die Desorganisation der Truppen tritt in dem Moment ein, wo

die Compagnie-Exercier-Zeit beginnt, wo die Rekruten durch die

Zusammenstellung mit den alten Mannschaften erst anfangen sich

zu orientieren und als Soldaten zu fühlen. Das Fortschreiten

der Ausbildung von Stufe zu Stufe, Compagnie-, Bataillon-,

Regiments-Exercieren wird unmöglich, teils aus Mangel an

Formations-Möglichkeit, teils weil mit vier wachtfreien Nächten die

Mannschaft so fatiguirt wird, daß an ein systematisches Exercieren

kaum zu denken ist. Jede Vermehrung von Kranken im Frühjahr, die

leider jetzt immer zu erwarten ist, jedes kleine Kommando und andere

Zufälligkeiten vermindern den wachtgebenden Stand, sodaß bald mit 3,

bald mit 2 Nächten wird aufgezogen werden müssen. Bei einer solchen

Fatigue hat die Erfahrung, namentlich in Coblenz bis zum Jahre 1830,

gelehrt, daß die jungen Leute nicht auf dem Posten sich wach zu

erhalten vermögen, sie schlafen ein, werden so betroffen, arretiert,

sodaß ihre Existenz höchst gefährdet ist, da sie zwischen Ermattung

auf Posten durch Mangel an Schlaf, was die Gesundheit untergräbt,

und Arretierung wegen Erliegung der Fatigue zu wählen haben. Dies

Bild erscheint grell, ist aber leider aus der Erfahrung von Coblenz

gegriffen und findet sich in einem Brief von mir an den General

Witzleben aus Ems von 1830. Ich fürchte mit Recht, daß ähnliche

traurige Verhältnisse nun in Magdeburg, Erfurt, Cüstrin und Wittenberg

eintreten werden. Wie soll bei solchen Fatiguen viel exerciert werden

können? Die Ausbildung der Truppe ist also während der drei Monate fast

unmöglich.

6.) Am 1. Juni soll die beurlaubte Mannschaft wieder eintreffen

bei den Regimentern. Um Ihre Zufriedenheit zu erlangen im Herbst,

ist es unumgänglich nötig, daß wie 1827 die Vorübungen der Truppe

systematisch in ihrer größeren Zusammensetzung fortschreiten; sonst

kann ich nicht verantwortlich sein für Ordnung der Ausführung des

Verlangten. Eine desfalsige Berechnung ergibt, daß die Erfurter

Garnison in der Hälfte Juli aufbrechen muß; sie hat also kaum 5 Wochen,

um mit der Mannschaft im Detail alles nachzuholen, was erforderlich

ist. Welch’ ein kurzer Zeitraum für die feine Ausbildung im Detail;

welche Anstrengungen, welche Überbietung der Kräfte aller Teile gehört

dazu, um zu Stande zu kommen? Eine so übermäßige Anspannung erkältet

leicht den höchsten Eifer und die größte Lust. Und wenn es mir auch

glückte, das Corps wie vor 6 Jahren Ihnen vorzuführen, so bangt mir

wahrlich vor der Frage, was für Kräfte aufgeboten wurden, um in so

kurzer Zeit so viel zu erreichen.

Aus dieser, ich fühle es, sehr kühnen und gewagten Darstellung der

Folgen, welche die Beurlaubungsmaßregel bei meiner Infanterie haben

wird, unterstehe ich mich darauf anzutragen, die Maßregel bei dieser

Infanterie zurückzunehmen, teils, weil die Ersparnis-Erzielung bei

derselben gering ist, durch ihre Dislocation, teils weil die Kräfte der

Mannschaften beim Wachtdienst und bei den übereilten späteren Übungen

gefährdet werden... Ich muß bemerken, daß meine Befehle zur Beurlaubung

bereits abgegangen sind, eine gnädige baldige Entscheidung also sehr

erwünscht ist.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 39 / 54 题