Wilhelm.
Im Dienste des Staates.
Berlin, den 14. November 1830.
Auf meinen dienstlichen Antrag, den Kavallerie-Regimentern
die Kriegsreserven-Mannschaften so lange zu belassen, bis die
Augmentations-Mannschaft im Februar oder März eintrifft, habe ich
heute die abschlägige Bescheidung des Kriegsministers auf Ihren Befehl
erhalten. Verzeihen Sie gnädigst, wenn ich noch ein Mal in dieser
Angelegenheit mich direkt an Sie wende. Mein Zweck kann ja kein anderer
sein, als Ihre Kavallerie vor einem möglichen Erscheinen im Felde zu
sichern, der ihr und ihrem Namen nur Nachteil bringen kann.
Die jetzige Stärke eines Kavallerie-Regimentes ist 462 Gemeine;
davon sollen nun ein Drittel entlassen werden, also pp. 150 Gemeine;
es verbleiben also ausrückender Stand 378 Gemeine. Davon Kranke,
Kommandierte ect. vielleicht 18 Mann. Schlagfertiger Stand also 300
Mann.
Mit 300 Pferden also würde ein Kavallerie-Regiment marschieren, wenn
im Laufe der nächsten Monate ein Marsch befohlen würde. Wenngleich
ich die politischen Ereignisse nicht kenne, so scheint doch aus allem
hervorzugehen, daß die Krisis gekommen ist, wo es sich entscheiden muß,
ob in wenigen Wochen Belgien sich friedlich gibt oder ob es gezwungen
werden muß, dem Willen Europas sich zu beugen. Tritt letzterer Fall
ein, so scheint ein Einrücken unserer Truppen so schnell als möglich
doch unumgänglich nötig, um noch so viel zu retten als möglich. Dann
tritt aber auch der Fall ein, daß die Kavallerie-Regimenter am Rhein
schnell aufbrechen müssen und nicht 14 Tage bis 3 und 4 Wochen auf die
Einziehung ihrer Kriegsreserven warten können; folglich marschieren
sie dann mit 300 Gemeinen. Noch schlimmer gestaltet sich das Ganze für
mein Armeekorps. Dasselbe wird doch allerwenigstens nach dem Rhein
marschieren müssen, wenn die dortigen Corps vorrücken (freilich wäre es
mir lieber, wenn mein Corps gleich mit vor den Feind rücken könnte),
dann habe ich also auch aber nur Kavallerie-Regimenter zu 300 Gemeinen;
meine Kriegsreserve-Mannschaft kann ich aber unter 6 Wochen nicht in
den jetzigen Garnisonen haben und nicht unter 2 Monaten am Rhein.
Die jetzt einkommenden Rekruten pp. 150 müssen zurückbleiben oder
unausexerciert folgen; dasselbe gilt von den Rekruten, die jetzt oder
im Februar kommen sollen.
Ein Regiment hat jetzt etatmäßige Pferde 468; angenommen, es haben nur
18 Pferde ausrangiert, bleiben 450. Folglich, um den neuen Etat von
584 Pferden zu erreichen, bedarf es 134 Pferde; davon erhält es jetzt
60 und im Februar 74 Stück. Wenn also in den nächsten 4 Wochen ein
Marsch eintritt, so muß ein Regiment 450 Pferde und 60 Pferde, Summa
510 Pferde mitnehmen; darauf hat es aber nur 300 gedienter Leute und
150 Rekruten, also genau 210 Pferde mehr zu warten, als es Leute zu
deren Wartung hat und wenn die Rekruten mit die Pferde warten können,
so bleiben immer noch 60 Pferde mehr als wartende Soldaten. In der
Garnison in Ruhe läßt sich das allenfalls ertragen, aber auf einem
Marsch wäre es ein entsetzlicher Übelstand[84].
Aus allem diesem fühlte ich mich daher bewogen, Ihnen nochmals den
Antrag vorzulegen, die Kriegsreserven der Kavallerie-Regimenter des
3., 4., 7. und 8. Armeecorps so lange vor der Hand bei den Regimentern
zu belassen, bis die zweite Remonte zur Augmentation eingetroffen
ist, ungefähr so im Februar, bis wohin sich so Vieles am politischen
Horizonte aufgeklärt haben muß und namentlich, ob man sich noch mehr
oder weniger rüsten muß. Tritt bis dahin aber jenes Corps in Marsch,
so sind die Kavallerie-Regimenter doch einigermaßen schlagfertig, was
ohne Einbehaltung der Kriegsreserven fast nicht möglich ist. Am 23.
d. M. sollen die Kriegsreserven meiner Kavallerie abgehen; die der 5.
Kavallerie-Brigade sind schon zweimal fort gewesen und zweimal wieder
eingezogen worden. Ich habe jedem Mann aus meiner Tasche einen halben
Taler geschenkt, um sie einigermaßen für die gehabten Kosten an
Kleidung und Putzzeug zu entschädigen. Dies zum dritten Mal zu erleben,
was leicht möglich wäre bei der zu erwartenden Entscheidung der Krisis,
wäre wohl sehr unangenehm in jeder Beziehung.