Wilhelm.
Düsseldorf, den 28. August 1830.
In diesem Augenblick geht durch einen Privat-Brief aus Brüssel die
Nachricht hier ein, daß daselbst am 25. Abends bei Aufführung der
~Muette de Portici~ ein Aufruhr ausgebrochen ist, der mit Pfeifen
im 5. Akt begonnen hat. Darauf hat man die Presse des royalistischen
Journales zerstört, die Wohnung des Justizministers und zweier anderer
Beamten zerstört; die Rufe ~Vive la liberté, à bas les ministres,
vive Napoléon II~ wurden ausgestoßen, die Wachen verhielten sich
ruhig. Um 2 Uhr Nachts hat, da sich der Aufruhr nicht legte, das Feuer
der Truppen begonnen; einige haben zu feuern refusiert, das Volk hatte
eine Kanone erobert; das Schloß war in Gefahr und mit Cavallerie
umgeben. Um 6 Uhr früh dauerte das Feuer fort; es sollten nach
Augenzeugen-Nachrichten viele Menschen tot und blessiert sein.
So wäre denn die Revolution in Spanien und den Niederlanden über
die Grenzen gebrochen[74]... Hier soll der Geist gut sein, einige
Schreier ausgenommen. Ich bin sehr herzlich hier empfangen worden, mit
Illumination und Hurrah und Fackelzug... Ich darf nicht unterlassen,
untertänigst zu bemerken, wie schwach unsere Festungen besetzt sind,
bei der Concentration des 2. Armee-Corps. Lüttich ist eine schlecht
gesinnte Stadt. Jülich hat 100 Mann Garnison, Köln nicht mehr.
Köln, den 29. August 1830.
Die Brüsseler Unruhen scheinen sich gänzlich gelegt zu haben... die
ganze Sache scheint nur den Charakter eines Excesses, allerdings der
gröbsten und gefährlichsten Natur zu tragen, dem aber unleugbar ein
politischer Grund zur Basis diente, der aber glücklicher Weise weder
von den Behörden noch dem angesehenen Teile der Bürger geteilt wird...
Da ich nicht das Glück gehabt habe, in der Beurteilung der
französischen Revolution und der gegen dieselbe zu unternehmenden
Reppressalien und deren Bekämpfung Ihre Intentionen zu treffen,
so scheue ich fast, über diese belgischen Ereignisse ein Urteil zu
fällen. Aber dennoch drängt es mich, auszusprechen, was daraus werden
soll, wenn die Untertanen ~ad libitum~ die Souveraine bedrohen
und durch Wort und Tat zwingen wollen, die Minister und überhaupt die
Regierungsprinzipien nach ihrem Urteil, nach ihrem Willen zu wechseln
und zu ändern. Die Ereignisse in Paris seit 3 Jahren sollten doch
recht aufmerksam machen, was daraus wird, wenn ewig den Schreiern
Concessionen gemacht werden.
So sehen wir aber, wohin man kommt, wenn stets Concessionen gemacht
werden, die so lange verlangt und gesteigert werden, bis die
Souveränität der der Orleans gleich kommt, das heißt, ein Mannequin!
Ich kann daher meine Ansicht nicht ändern; so lange man nicht mit
aller Kraft und Gewalt der Revolution da, wo sie am abscheulichsten
ausgebrochen ist und zu Resultaten geführt hat, also in Paris,
entgegen tritt, so lange wird man auch das revolutionäre Princip nicht
unterdrücken, sondern es nur nähren und bald allenthalben zum Ausbruch
bringen!
Alles hier ist Ihrer Person ganz ungemein und unumwunden ergeben. Die
Behörden können freilich nicht leugnen, daß es allenthalben Vereine
gibt, die bei großen Fabrikstädten wie hier und in Aachen namentlich
Unruhen oder unruhige Auftritte herbeizuführen trachten könnten; aber
an eine Folge übler Art von dergleichen wäre nicht zu denken.
Lippstadt, den 31. August 1830.
Die Ruhe, welche in den Niederlanden hergestellt zu sein schien,
hat sich leider nicht bestätigt und ist im Gegenteil die Sache viel
schlimmer geworden... Der König hat Ihre Unterstützung für seinen
wankenden Thron in Anspruch genommen...
Leider sehe ich immer mehr meine Ansicht bestätigt, daß die
Revolutionäre mit jedem Moment dreister und um sich greifender werden,
als deren Principien nicht allgemein bekämpft und auf den Kopf getreten
werden. Ich hoffe und rechne sehr darauf, daß die energischen Maßregeln
in den Niederlanden die Brüsseler usw. zu Paaren treiben werden...
Lippstadt, den 1. September 1830.
Heute früh 7 Uhr erhielt ich die erste Meldung von dem Aufstande in
Aachen... So niederschlagend auch der Auftritt in Aachen ist, so kann
ich doch nicht leugnen, hat er mich nicht überrascht. Die Stimmung
jenseits des Rheines ist nicht günstig gewesen: „sie dächten gar
nicht daran, preußisch zu bleiben, auch wäre das Ihre Ansicht, denn
nur darum, weil sie bald wieder französisch werden würden, hätten
Sie ihnen die französische Gesetzgebung gelassen“... Von neuem zeigt
sich also, daß die unglückselige französische Gesetzgebung Schuld an
der Entfremdung der Gemüter von Preußen ist. Von allen Seiten bin ich
wieder angelegen worden, Sie inständig zu bitten, die preußischen
Gesetze lieber heute wie morgen einzuführen. Und ich kann nicht anders
als aus voller Überzeugung Sie fußfällig zu ersuchen, die jetzige
Crisis zu brauchen, um Ihre Gesetze so schnell wie möglich am Rhein
einzuführen. Die Revision der Gesetzgebung, bis zu deren Beendigung die
Einführung der preußischen Gesetze ausgesetzt bleiben soll, ist noch
so weit im Felde, daß unter vielen Jahren an deren Beendigung nicht zu
denken ist, um so mehr, als die damit beauftragte Commission auch sehr
eigentümlich combiniert sein soll. Dieses beständige Hinausschieben der
Einführung der Gesetze am Rhein hat auch schon die Ansicht verbreitet,
man fürchte sich eigentlich jetzt, unsere Gesetze einzuführen. Diesem
Allem könnten Sie jetzt so rasch ein Ende machen...
Lippstadt, den 3. September 1830.
Die soeben aus Elberfeld eingegangene Meldung des dort statt gehabten
Auflaufes eile ich Ihnen zu übersenden. Der Bürgersinn hat sich, wie
es scheint, dort und in Köln und in Aachen bei den verschiedenen
Aufständen sehr gut gezeigt. Eine aufrührerische Affiliation
zwischen allen Fabrikorten ist aber unverkennbar, die unstreitig von
revolutionären Emmissairs herrührt; die Revolution sucht allenthalben
die Gründe der Unzufriedenheit zu erkunden, um darauf Unruhe zu
basieren; bei uns scheint sie aber bis jetzt noch glücklicher Weise
keinen nahrhaften Boden zu finden.
Coblenz, den 6. September 1830.
Soeben erhalte ich aus dem Haag die Nachricht, daß Wilhelm von Oranien
dort am 3. ganz unerwartet angelangt ist, um die Proposition der
Belgier zu überbringen, Belgien als ein eigenes Königreich ganz vom
Königreich Holland zu trennen. Unter dieser Bedingung wollten sie
ferner die Herrschaft des Königs anerkennen. Wenn ich meine Meinung
aussprechen darf, so glaube ich, hätte der König von Hause aus diese
Trennung bei Übernahme der Krone verfügen sollen, weil diese beiden
Nationen nie zusammenzubringen wären; dies hat mir wenigstens vom
ersten Augenblick an eingeleuchtet. Es scheint, daß der König auf diese
Trennung eingehen wird als einziges Mittel, Belgien sich zu erhalten
ohne Blutvergießen. Was ihm diese Concession kosten wird im Laufe der
Zeit, ist unberechenbar, denn wer den Finger gibt, muß bald die ganze
Hand nachgeben.
So hätte denn die Revolution in Zeit von 4 Wochen den zweiten Sieg
davon getragen...
Wir fangen an, etwas Luft zu schöpfen[75], seit der heutigen Nachricht
aus Brüssel. Wilhelm von Oranien hat sich wirklich aufgeopfert, aber
auch viel aushalten müssen. In Loewen und Lüttich ist die Gährung noch
sehr groß...
Im Haag, den 13. September 1830.
.... daß der König aus Paris aus sicherer Quelle wisse, daß sich
daselbst mit einemmale eine Menge deutscher Studenten von vielen
Universitäten eingefunden hätten, die plötzlich alle abgereist seien,
~après avoir reçu le mot d’ordre~, wie der König sich ausdrückte,
um ~ce mot d’ordre~ ihren Corporationen zu überbringen. Es sei
dies von großer Wichtigkeit und von den deutschen Fürsten durchaus
nicht außer Acht zu lassen, weil etwas sehr Unangenehmes sonst zu
erwarten stände.
Der König trug mir auf, Ihnen dies doch gleich wissen zu lassen und
habe er es allen Gesandten hier schleunigst mitteilen lassen.
Was daran wahr sein mag, ist schwer zu entscheiden; indessen in der
jetzigen Zeit, wo die Pariser Revolution schon so viele Imitateurs
findet, wovon die Ereignisse in Braunschweig[76] neuerdings wieder
zeugen -- auch von Cassel fängt man an zu sprechen -- darf man wohl
jede Andeutungen, die auf Conspiration hinweisen, nicht außer Acht
lassen. Und wenn diese Studentengeschichte auch nur einen momentanen
Aufstand erregen sollte, so kann der doch so manches Menschenleben
kosten und daher ist jede Vorsicht wohl heute zu Tage um so mehr sehr
zu empfehlen. General Borstell ist benachrichtigt, um für Bonn ein
wachsames Auge zu haben und namentlich um zu erfahren zu suchen, ob
wirklich Emmissaire in Paris gewesen sind und zurückkehrten und wie ihr
Betragen ist. Bekannt ist, daß in den Hundstags-Ferien unglaublich viel
deutsche Studenten nach Paris geeilt sind, um die große Nation in der
Nähe zu bewundern.
Im Haag, den 14. September 1830.
Sie können sich gar nicht denken, mit welchem Vertrauen Alles auf Sie
und Ihre Armee hier sieht. Der Eindruck, den die bei uns sogleich
gestillte Emeute hier gemacht hat, ist nicht zu schildern; das
Vertrauen zu Preußen ist dadurch um ein Unglaubliches gestiegen. In
Alost mußte der Herzog Bernhard von Weimar[77] eine Emeute stillen; er
konnte die Impertinenz der Behörden nicht bezwingen, so daß er endlich
sagte: wenn sie so fortfahren zu handeln, so sind in 14 Tagen die
preußischen Armeen hier, da wird kurzer Proceß gemacht; in 24 Stunden
ist das Urteil dann gefällt und ausgeführt. Das hat einen solchen
Eindruck gemacht, daß die Gesichter sich verzogen und sogleich klein
beigegeben ward.
Im Haag, den 16. September 1830.
Gestern Mittag erfuhren wir hier die traurigen Nachrichten aus
Dresden[78]. Die ungestrafte Pariser Revolution findet also, wie ich es
leider nur zu wahr ahndete, immer mehr Nachfolger.
Was nun meine Besuche in den Städten am Rhein betrifft, die ich nach
den stattgehabten Emeuten dort machte, so fand ich zuvörderst in
Elberfeld eine Niedergeschlagenheit, die nicht zu schildern ist; der
Empfang und die Versicherungen von Anhänglichkeit, welche ich 5 Tage
dort vorher erlebt hatte, mochten den Anwesenden wohl eine Art Scham
erzeugen, die ich mich veranlaßt fand selbst als falsch und unnötig
ihnen vorzuhalten. Denn der Aufstand war ja durch die niedrigste
Volksklasse erzeugt worden und durch diejenigen, welche jetzt als
Repräsentanten der Bürgerschaft vor mir standen, sogleich ohne Militär
gedämpft worden, sodaß ihnen ja nichts zur Last fiel, sondern ich im
Gegenteil ihnen nur danken konnte für ihr schönes, entschlossenes und
festes Benehmen. Diese Worte richteten sie wieder auf, und gewiß ist
die Stimmung dort vorzüglich und die Anhänglichkeit an Ihre Person
außerordentlich groß. In Köln war ich bei meiner ersten Anwesenheit
ohne alle äußeren Zeichen von Enthusiasmus behandelt worden, ja ich
möchte eher sagen, daß man in der Stadt fast keine Notiz von mir
nahm, obgleich abends die Stadt erleuchtet war, aber schwerlich ganz
freiwillig. Um so auffallender war es mir, daß, als ich nun nach dem
Auflauf wieder herkam, der auch durch die Bürger allein gedämpft worden
war, ich sogleich beim Aussteigen mit Hurrah von den Bürgern und von
den Angeseheneren begrüßt ward, was sich auch wiederholte, wo ich mich
sehen ließ, woraus ich sehr deutlich entnehmen konnte, daß sich die
Bürger etwas darauf zu Gute taten, daß sie ihre Anhänglichkeit an Ruhe
und Ordnung, an Ihre Person und an den bestehenden Zustand der Dinge
auf eine so eclatante Art durch ihr Benehmen gegen die Aufrührer hatten
kund tun können.
Die einzelnen Wünsche, die ich im allgemeinsten gehört habe, gehen
hauptsächlich darauf hin, daß man es sehr gern sehen würde, wenn mehr
Eingeborene in Westphalen und im Rheinland angestellt würden. Ein
anderer Wunsch ist, daß die Geschäfte rascher betrieben werden möchten,
indem die Sachen in den Ministerien entsetzlich verschleppt werden.
Und dann noch, daß das Unterrichtsministerium praktischer eingreifen
möchte, was freilich von Altenstein[79] nicht mehr zu erwarten ist...
Es sind heute schlechte Nachrichten aus Brüssel gekommen. Man hat dort
die Thron-Rede öffentlich verbrannt und ein Auflauf von 5-600 Menschen
hat stattgefunden; um 11 Uhr Abends war jedoch die Ruhe hergestellt.
Es scheint, daß diese Nachricht zu ernsten Mitteln endlich den Anstoß
gibt, aber die Generalstaaten sollen erst diese Mittel vorschlagen und
verlangen; damit gehen immer mehrere Tage verloren; die jungen Truppen,
die ~au qui vive~ stehen, schon einmal zurück mußten und von den
Rebellen bearbeitet werden durch Emissairs und Proclamationen, werden
mißmutiger; kurzum die Lage ist sehr bedenklich, wenn nicht bald und
rasch etwas geschieht. Der König ist sehr niedergeschlagen. Er sagte
mir heute: Wie haben sich die Dinge geändert, seitdem Sie bei uns
sind; nirgends ist ja mehr Treu und Glauben zu finden; die heiligsten
Rechte werden ja nicht mehr respectiert. Dann setzte er hinzu: Meine
Lage ist verzweifelt; wenn ein europäischer Krieg ausbricht, so bin
ich paralysiert; mein halbes Reich ist in Aufruhr, die Hälfte der
Armee jenseits Brüssel in den Festungen isoliert und diese schwach
besetzt; bleiben die Truppen nicht treu, so sind diese Festungen alle
für Frankreich erbaut, die Finanzen, die blühten, sind schon jetzt
gedrückt, die Papiere so gefallen, daß man mit ihnen keinen Handel
machen kann; ich habe also gar keine Mittel tätig zu sein, wenn ein
Krieg ausbricht...
Nimwegen, den 19. September 1830.
Gleich vorgestern, als nach dem Diner die ersten alarmierenden
Nachrichten eintrafen, sandte der König seinen Adjutanten an Fritz, um
ihm den Befehl zum Vorrücken gegen Brüssel zu geben, da nun kein Moment
zu versäumen sei, die Residenz zum Gehorsam zu zwingen, bevor das
platte Land im Aufstand sei. Fritz erhielt zugleich den Befehl, wenn
er mit seinem Corps vor Brüssel concentriert stehe, eine Proclamation
zu erlassen, in welcher die Stadt im Guten noch einmal zum Gehorsam
aufgefordert wird und in welcher der König eine Art Pardon annonciert
und nur die Rädelsführer zu strafen verspricht (eine Art limitierte
Amnestie, von der Wilhelm sagt, daß sie doch die Hände nicht zu sehr
bände; über das Geschehene ist nichts zu sagen, sonst glaube ich, sind
die Amnestien nicht zum Heile der Throne ausgeschlagen). Wenn diese
Aufforderung nach einigen Stunden Bedenkzeit nicht angenommen, und
ausgeführt ist, so soll Fritz den Gehorsam mit Gewalt erzwingen und da
habe ich ihn inständigst gebeten, jedes Straßen-Gefecht zu evitieren
und Alles durch ein Bombardement zu zwingen suchen. Wahrscheinlich
steht Fritz heute Abend schon vor Brüssel, spätestens morgen, sodaß am
21. bestimmt der entscheidende Schlag sein wird. Gott gebe seinen Segen.
Sollte die Sache manquieren, ja dann sagte mir der König gestern
ausdrücklich, daß er alsdann Belgien aufgeben müßte für den Moment;
er würde eine Defensiv-Stellung von Antwerpen nach Maastricht nehmen
und in dieser die Unterstützung der Alliierten abwarten, die er dann
sogleich in Anspruch nehmen würde. Er fügte hinzu, daß dann freilich
ein allgemeiner Krieg unvermeidlich sei, da ihm Frankreich habe
officiell anzeigen lassen, daß, wenn er von Europa unterstützt würde,
der sogenannte König Orleans die Revolution Belgiens seinerseits
unterstützen würde. Dahin wären wir nun also in Europa gekommen, daß,
während fast alle Mächte die Revolution bekämpften, nun schon das
Zerwürfnis eingetreten ist, daß eine bedeutende Macht erklärt, die
Revolution unterstützen zu wollen, wenn die andern Mächte sie angreifen
wollen. Wohin soll das noch führen[80]!
Ich hoffe, daß Fritz von Oranien in Brüssel den Frieden Europas auf
einige Jahre wenigstens noch erhalten wird[81].
Weimar, den 28. September 1830.
Auf der Durchfahrt durch Gotha kommen soeben Reisende an, welche von
Hanau bis Fulda, Fulda selbst ausgenommen, alle Städte im Aufruhr
gefunden haben. Allenthalben würden, wie vor einigen Nächten in
Hanau, die öffentlichen Bureaus und Beamten-Wohnungen geplündert und
verbrannt und alles schreie nach Freiheit, der Kurfürst verweigere eine
Verfassung, die Wappen wurden abgerissen, die Durchreisenden mußten
mit: es lebe die Freiheit rufen, wobei man ihnen eine Axt vors Gesicht
hielt; nicht nur die Städte, sondern auch die Bewohner des platten
Landes sind im Aufstande; sie jagen die Schulzen und Amtsleute fort,
ziehen bewaffnet von einem Ort zum andern, setzen sogleich Wachen und
Signale aus, kurzum die Sachen werden natürlich durch immer noch nicht
habhaft zu werdende Emmissaire nach ein und demselben Plane geleitet,
überall wird gesengt und gebrannt, aber nirgends gestohlen. Auf Zuruf
einer Stimme: es ist genug für heute geht alles ruhig auseinander
gerade wie in Brüssel bei dem Rufe: ~c’est assez~. Der soeben
eintreffende Großherzog von Oldenburg bestätigt nicht nur all’ die eben
erzählten Greuel, sondern ist Augenzeuge derselben gewesen, indem auch
ihm unter anderm jene Axt vorgehalten worden ist. In Fulda war gestern
Mittag bei seiner Abreise die Unruhe auch schon ausgebrochen und die
schwachen Behörden hatten sogleich die Licent-Erhebung, welches die
Haupt-Forderung der Meuterer ist, aufgehoben. Das Militär sieht überall
ruhig zu dem Unwesen zu. Der Großherzog von Oldenburg und der Herzog
von Coburg, der mir gestern Rendez-Vous in Gotha gab, sprachen Beide
äußerst determiniert, besonders ersterer hatte echte Ansichten über
das Militär und seine Leistungen bei solchen Excessen ausgesprochen.
Wenn nur endlich irgendwo einmal Ernst und Strenge gegen die Meuterer
gezeigt würde und nicht überall die unzeitige Nachgiebigkeit erblickt
würde[82]... Der Großherzog von Oldenburg machte den glaube ich ganz
zweckmäßigen Vorschlag, man sollte mobile Colonnen formieren in
hiesiger Gegend, in Böhmen und Bayern vielleicht, die sich gleich nach
den aufgestandenen Gegenden zu begeben hätten, um sie zur Raison zu
bringen. Der Herzog von Coburg drängt, wohl sehr mit Recht, auf eine
Art Manifest des Bundes, in dem diese unerhörten Frevel öffentlich
verpönt und als mit Gewalt zu bekämpfend dargestellt würden.
Weimar, den 14. Oktober 1830.
Sie haben mich durch den Grafen Lottum[83] befragen lassen, was es für
eine Bewandtnis mit einer Rede habe, die ich in Coblenz gehalten hätte,
die jetzt in mehreren Zeitungen gedruckt stehe. Wenngleich mir der
Graf Lottum nicht sagen konnte, auf Befragen, ob Sie den Inhalt dieser
sogenannten Rede tadelten, so mußte ich durch seine Sendung durch Sie
an mich doch etwas Tadelndes vermuten. Es kann mir daher nichts übrig
bleiben, als den wahren Zusammenhang der Sache vorzutragen, um mich
dann Ihrem Schicksale zu überlassen. Daß ich keine Reden zu halten
pflege, wissen Sie wohl und am allerwenigsten war meine Stellung in den
Rhein-Provinzen diesen Sommer dazu geeignet; denn große Reden verfehlen
oft ihren Zweck, wenn es auch nur darum wäre, weil die Menschen sich
sagen: der will uns durch Redensarten gewinnen. Alles, was ich gesagt
habe, war im Conversationstone gesprochen bei der Präsentation der
Behörden, wo dann bald diese, bald jene Äußerung zu Einem oder dem
Anderen oder auch zu Mehreren zugleich gesagt wird; und beim Interesse
des Gegenstandes kam es natürlich oft, daß ein Jeder zu horchen
versuchte, was ich sprach, dann also auch alle still waren und man so
meinen Worten die Ehre angetan hat, sie in eine Rede zusammenzufassen.
Übrigens sprach ich mich nicht allein in Coblenz so aus, sondern in
Cöln, Düsseldorf, Aachen, Lippstadt, Wesel usw.; überall sagte ich dem
Sinne nach dasselbe und dies Alles habe ich mir aus den Inhalten Ihres
eigenen Briefes... construiert. Demnach ging der Sinn meiner Worte
dahin: „daß Sie es bedauerten, zum zweiten Male von der Bereisung der
westlichen Provinzen und der dortigen Armee-Corps verhindert zu werden
und daß Sie mir aufgetragen hätten, dies den Truppen und den Einwohnern
bekannt zu machen“. Wenn im vergangenen Jahre ein so schöner Grund Sie
von dieser Reise abgehalten hätte, so wäre es nur im höchsten Grade
zu beklagen, daß in diesem Jahre der Grund ein so höchst trauriger,
unglücklicher sei; denn bei den jetzigen gestörten Verhältnissen in
Frankreich, die ganz Europa in Unruhe und Bewegung zu setzen drohen,
hätten Sie natürlich die Residenz nicht verlassen können, um sich mit
Ihren Alliierten desto rascher beraten zu können. Was die französische
Revolution beträfe, so würden Sie sich nicht in diese inneren
Angelegenheiten mischen; man würde die Revolution wie einen Krater
beobachten, der in sich selbst ausbrennen müßte und man würde nur auf
seiner Hut sein, daß dieser Krater keine Crevasse bekäme, aus der sich
der Gährungsstoff auf andere Länder ergießen könne. Sollte Preußen
jedoch nicht angegriffen werden, so wären Sie fest entschlossen, alle
Ihre Kräfte aufzubieten, um den jetzigen Besitzstand zu erhalten, und
Sie würden keinen Mann Ihrer bewaffneten Macht zurücklassen, um auch
den letzten Ihrer Untertanen zu beschützen und sich zu erhalten. Was
die verschiedenen Aufstände im Preußischen beträfe, so hätten Sie dem
wohlgesinnten Teil der Untertanen Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie
sehr sie Ihrem Szepter anhingen, indem sie den Emeuten allenthalben
rasch ein Ziel gesetzt hätten. Ich müßte aber einem Jeden zu bedenken
geben, daß man nicht nur durch Aufstände gegen Sie sich auflehnen,
sondern daß auch durch Gesinnungen und Handeln eines Jeden in seinem
Wirkungskreise Auflehnung entstehen könne, und daher müßte ich
namentlich die Behörden aufmerksam machen, genau den geregelten und
vorgezeichneten Gang Ihrer Regierungsform ins Auge zu fassen, damit
ein Jeder in Ihrem Sinne Recht und Billigkeit ausübe. Jede Abweichung
hiervon wäre gegen Ihre Absicht und gegen den Sinn Ihrer Regierung und
könne daher eine Ahndung nach sich ziehen.
Wenn Sie gegen diese Worte und deren Sinn etwas zu erinnern finden,
so muß ich Belehrung darüber erwarten; ich glaube aber versichern zu
können, daß sie nicht nachteilig gewirkt haben und das Interesse,
welches Sie an den getrennten Provinzen nehmen, den Einwohnern von
Neuem gezeigt und sie sehr erfreut hat.