Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Düsseldorf, den 28. August 1830.

In diesem Augenblick geht durch einen Privat-Brief aus Brüssel die

Nachricht hier ein, daß daselbst am 25. Abends bei Aufführung der

~Muette de Portici~ ein Aufruhr ausgebrochen ist, der mit Pfeifen

im 5. Akt begonnen hat. Darauf hat man die Presse des royalistischen

Journales zerstört, die Wohnung des Justizministers und zweier anderer

Beamten zerstört; die Rufe ~Vive la liberté, à bas les ministres,

vive Napoléon II~ wurden ausgestoßen, die Wachen verhielten sich

ruhig. Um 2 Uhr Nachts hat, da sich der Aufruhr nicht legte, das Feuer

der Truppen begonnen; einige haben zu feuern refusiert, das Volk hatte

eine Kanone erobert; das Schloß war in Gefahr und mit Cavallerie

umgeben. Um 6 Uhr früh dauerte das Feuer fort; es sollten nach

Augenzeugen-Nachrichten viele Menschen tot und blessiert sein.

So wäre denn die Revolution in Spanien und den Niederlanden über

die Grenzen gebrochen[74]... Hier soll der Geist gut sein, einige

Schreier ausgenommen. Ich bin sehr herzlich hier empfangen worden, mit

Illumination und Hurrah und Fackelzug... Ich darf nicht unterlassen,

untertänigst zu bemerken, wie schwach unsere Festungen besetzt sind,

bei der Concentration des 2. Armee-Corps. Lüttich ist eine schlecht

gesinnte Stadt. Jülich hat 100 Mann Garnison, Köln nicht mehr.

Köln, den 29. August 1830.

Die Brüsseler Unruhen scheinen sich gänzlich gelegt zu haben... die

ganze Sache scheint nur den Charakter eines Excesses, allerdings der

gröbsten und gefährlichsten Natur zu tragen, dem aber unleugbar ein

politischer Grund zur Basis diente, der aber glücklicher Weise weder

von den Behörden noch dem angesehenen Teile der Bürger geteilt wird...

Da ich nicht das Glück gehabt habe, in der Beurteilung der

französischen Revolution und der gegen dieselbe zu unternehmenden

Reppressalien und deren Bekämpfung Ihre Intentionen zu treffen,

so scheue ich fast, über diese belgischen Ereignisse ein Urteil zu

fällen. Aber dennoch drängt es mich, auszusprechen, was daraus werden

soll, wenn die Untertanen ~ad libitum~ die Souveraine bedrohen

und durch Wort und Tat zwingen wollen, die Minister und überhaupt die

Regierungsprinzipien nach ihrem Urteil, nach ihrem Willen zu wechseln

und zu ändern. Die Ereignisse in Paris seit 3 Jahren sollten doch

recht aufmerksam machen, was daraus wird, wenn ewig den Schreiern

Concessionen gemacht werden.

So sehen wir aber, wohin man kommt, wenn stets Concessionen gemacht

werden, die so lange verlangt und gesteigert werden, bis die

Souveränität der der Orleans gleich kommt, das heißt, ein Mannequin!

Ich kann daher meine Ansicht nicht ändern; so lange man nicht mit

aller Kraft und Gewalt der Revolution da, wo sie am abscheulichsten

ausgebrochen ist und zu Resultaten geführt hat, also in Paris,

entgegen tritt, so lange wird man auch das revolutionäre Princip nicht

unterdrücken, sondern es nur nähren und bald allenthalben zum Ausbruch

bringen!

Alles hier ist Ihrer Person ganz ungemein und unumwunden ergeben. Die

Behörden können freilich nicht leugnen, daß es allenthalben Vereine

gibt, die bei großen Fabrikstädten wie hier und in Aachen namentlich

Unruhen oder unruhige Auftritte herbeizuführen trachten könnten; aber

an eine Folge übler Art von dergleichen wäre nicht zu denken.

Lippstadt, den 31. August 1830.

Die Ruhe, welche in den Niederlanden hergestellt zu sein schien,

hat sich leider nicht bestätigt und ist im Gegenteil die Sache viel

schlimmer geworden... Der König hat Ihre Unterstützung für seinen

wankenden Thron in Anspruch genommen...

Leider sehe ich immer mehr meine Ansicht bestätigt, daß die

Revolutionäre mit jedem Moment dreister und um sich greifender werden,

als deren Principien nicht allgemein bekämpft und auf den Kopf getreten

werden. Ich hoffe und rechne sehr darauf, daß die energischen Maßregeln

in den Niederlanden die Brüsseler usw. zu Paaren treiben werden...

Lippstadt, den 1. September 1830.

Heute früh 7 Uhr erhielt ich die erste Meldung von dem Aufstande in

Aachen... So niederschlagend auch der Auftritt in Aachen ist, so kann

ich doch nicht leugnen, hat er mich nicht überrascht. Die Stimmung

jenseits des Rheines ist nicht günstig gewesen: „sie dächten gar

nicht daran, preußisch zu bleiben, auch wäre das Ihre Ansicht, denn

nur darum, weil sie bald wieder französisch werden würden, hätten

Sie ihnen die französische Gesetzgebung gelassen“... Von neuem zeigt

sich also, daß die unglückselige französische Gesetzgebung Schuld an

der Entfremdung der Gemüter von Preußen ist. Von allen Seiten bin ich

wieder angelegen worden, Sie inständig zu bitten, die preußischen

Gesetze lieber heute wie morgen einzuführen. Und ich kann nicht anders

als aus voller Überzeugung Sie fußfällig zu ersuchen, die jetzige

Crisis zu brauchen, um Ihre Gesetze so schnell wie möglich am Rhein

einzuführen. Die Revision der Gesetzgebung, bis zu deren Beendigung die

Einführung der preußischen Gesetze ausgesetzt bleiben soll, ist noch

so weit im Felde, daß unter vielen Jahren an deren Beendigung nicht zu

denken ist, um so mehr, als die damit beauftragte Commission auch sehr

eigentümlich combiniert sein soll. Dieses beständige Hinausschieben der

Einführung der Gesetze am Rhein hat auch schon die Ansicht verbreitet,

man fürchte sich eigentlich jetzt, unsere Gesetze einzuführen. Diesem

Allem könnten Sie jetzt so rasch ein Ende machen...

Lippstadt, den 3. September 1830.

Die soeben aus Elberfeld eingegangene Meldung des dort statt gehabten

Auflaufes eile ich Ihnen zu übersenden. Der Bürgersinn hat sich, wie

es scheint, dort und in Köln und in Aachen bei den verschiedenen

Aufständen sehr gut gezeigt. Eine aufrührerische Affiliation

zwischen allen Fabrikorten ist aber unverkennbar, die unstreitig von

revolutionären Emmissairs herrührt; die Revolution sucht allenthalben

die Gründe der Unzufriedenheit zu erkunden, um darauf Unruhe zu

basieren; bei uns scheint sie aber bis jetzt noch glücklicher Weise

keinen nahrhaften Boden zu finden.

Coblenz, den 6. September 1830.

Soeben erhalte ich aus dem Haag die Nachricht, daß Wilhelm von Oranien

dort am 3. ganz unerwartet angelangt ist, um die Proposition der

Belgier zu überbringen, Belgien als ein eigenes Königreich ganz vom

Königreich Holland zu trennen. Unter dieser Bedingung wollten sie

ferner die Herrschaft des Königs anerkennen. Wenn ich meine Meinung

aussprechen darf, so glaube ich, hätte der König von Hause aus diese

Trennung bei Übernahme der Krone verfügen sollen, weil diese beiden

Nationen nie zusammenzubringen wären; dies hat mir wenigstens vom

ersten Augenblick an eingeleuchtet. Es scheint, daß der König auf diese

Trennung eingehen wird als einziges Mittel, Belgien sich zu erhalten

ohne Blutvergießen. Was ihm diese Concession kosten wird im Laufe der

Zeit, ist unberechenbar, denn wer den Finger gibt, muß bald die ganze

Hand nachgeben.

So hätte denn die Revolution in Zeit von 4 Wochen den zweiten Sieg

davon getragen...

Wir fangen an, etwas Luft zu schöpfen[75], seit der heutigen Nachricht

aus Brüssel. Wilhelm von Oranien hat sich wirklich aufgeopfert, aber

auch viel aushalten müssen. In Loewen und Lüttich ist die Gährung noch

sehr groß...

Im Haag, den 13. September 1830.

.... daß der König aus Paris aus sicherer Quelle wisse, daß sich

daselbst mit einemmale eine Menge deutscher Studenten von vielen

Universitäten eingefunden hätten, die plötzlich alle abgereist seien,

~après avoir reçu le mot d’ordre~, wie der König sich ausdrückte,

um ~ce mot d’ordre~ ihren Corporationen zu überbringen. Es sei

dies von großer Wichtigkeit und von den deutschen Fürsten durchaus

nicht außer Acht zu lassen, weil etwas sehr Unangenehmes sonst zu

erwarten stände.

Der König trug mir auf, Ihnen dies doch gleich wissen zu lassen und

habe er es allen Gesandten hier schleunigst mitteilen lassen.

Was daran wahr sein mag, ist schwer zu entscheiden; indessen in der

jetzigen Zeit, wo die Pariser Revolution schon so viele Imitateurs

findet, wovon die Ereignisse in Braunschweig[76] neuerdings wieder

zeugen -- auch von Cassel fängt man an zu sprechen -- darf man wohl

jede Andeutungen, die auf Conspiration hinweisen, nicht außer Acht

lassen. Und wenn diese Studentengeschichte auch nur einen momentanen

Aufstand erregen sollte, so kann der doch so manches Menschenleben

kosten und daher ist jede Vorsicht wohl heute zu Tage um so mehr sehr

zu empfehlen. General Borstell ist benachrichtigt, um für Bonn ein

wachsames Auge zu haben und namentlich um zu erfahren zu suchen, ob

wirklich Emmissaire in Paris gewesen sind und zurückkehrten und wie ihr

Betragen ist. Bekannt ist, daß in den Hundstags-Ferien unglaublich viel

deutsche Studenten nach Paris geeilt sind, um die große Nation in der

Nähe zu bewundern.

Im Haag, den 14. September 1830.

Sie können sich gar nicht denken, mit welchem Vertrauen Alles auf Sie

und Ihre Armee hier sieht. Der Eindruck, den die bei uns sogleich

gestillte Emeute hier gemacht hat, ist nicht zu schildern; das

Vertrauen zu Preußen ist dadurch um ein Unglaubliches gestiegen. In

Alost mußte der Herzog Bernhard von Weimar[77] eine Emeute stillen; er

konnte die Impertinenz der Behörden nicht bezwingen, so daß er endlich

sagte: wenn sie so fortfahren zu handeln, so sind in 14 Tagen die

preußischen Armeen hier, da wird kurzer Proceß gemacht; in 24 Stunden

ist das Urteil dann gefällt und ausgeführt. Das hat einen solchen

Eindruck gemacht, daß die Gesichter sich verzogen und sogleich klein

beigegeben ward.

Im Haag, den 16. September 1830.

Gestern Mittag erfuhren wir hier die traurigen Nachrichten aus

Dresden[78]. Die ungestrafte Pariser Revolution findet also, wie ich es

leider nur zu wahr ahndete, immer mehr Nachfolger.

Was nun meine Besuche in den Städten am Rhein betrifft, die ich nach

den stattgehabten Emeuten dort machte, so fand ich zuvörderst in

Elberfeld eine Niedergeschlagenheit, die nicht zu schildern ist; der

Empfang und die Versicherungen von Anhänglichkeit, welche ich 5 Tage

dort vorher erlebt hatte, mochten den Anwesenden wohl eine Art Scham

erzeugen, die ich mich veranlaßt fand selbst als falsch und unnötig

ihnen vorzuhalten. Denn der Aufstand war ja durch die niedrigste

Volksklasse erzeugt worden und durch diejenigen, welche jetzt als

Repräsentanten der Bürgerschaft vor mir standen, sogleich ohne Militär

gedämpft worden, sodaß ihnen ja nichts zur Last fiel, sondern ich im

Gegenteil ihnen nur danken konnte für ihr schönes, entschlossenes und

festes Benehmen. Diese Worte richteten sie wieder auf, und gewiß ist

die Stimmung dort vorzüglich und die Anhänglichkeit an Ihre Person

außerordentlich groß. In Köln war ich bei meiner ersten Anwesenheit

ohne alle äußeren Zeichen von Enthusiasmus behandelt worden, ja ich

möchte eher sagen, daß man in der Stadt fast keine Notiz von mir

nahm, obgleich abends die Stadt erleuchtet war, aber schwerlich ganz

freiwillig. Um so auffallender war es mir, daß, als ich nun nach dem

Auflauf wieder herkam, der auch durch die Bürger allein gedämpft worden

war, ich sogleich beim Aussteigen mit Hurrah von den Bürgern und von

den Angeseheneren begrüßt ward, was sich auch wiederholte, wo ich mich

sehen ließ, woraus ich sehr deutlich entnehmen konnte, daß sich die

Bürger etwas darauf zu Gute taten, daß sie ihre Anhänglichkeit an Ruhe

und Ordnung, an Ihre Person und an den bestehenden Zustand der Dinge

auf eine so eclatante Art durch ihr Benehmen gegen die Aufrührer hatten

kund tun können.

Die einzelnen Wünsche, die ich im allgemeinsten gehört habe, gehen

hauptsächlich darauf hin, daß man es sehr gern sehen würde, wenn mehr

Eingeborene in Westphalen und im Rheinland angestellt würden. Ein

anderer Wunsch ist, daß die Geschäfte rascher betrieben werden möchten,

indem die Sachen in den Ministerien entsetzlich verschleppt werden.

Und dann noch, daß das Unterrichtsministerium praktischer eingreifen

möchte, was freilich von Altenstein[79] nicht mehr zu erwarten ist...

Es sind heute schlechte Nachrichten aus Brüssel gekommen. Man hat dort

die Thron-Rede öffentlich verbrannt und ein Auflauf von 5-600 Menschen

hat stattgefunden; um 11 Uhr Abends war jedoch die Ruhe hergestellt.

Es scheint, daß diese Nachricht zu ernsten Mitteln endlich den Anstoß

gibt, aber die Generalstaaten sollen erst diese Mittel vorschlagen und

verlangen; damit gehen immer mehrere Tage verloren; die jungen Truppen,

die ~au qui vive~ stehen, schon einmal zurück mußten und von den

Rebellen bearbeitet werden durch Emissairs und Proclamationen, werden

mißmutiger; kurzum die Lage ist sehr bedenklich, wenn nicht bald und

rasch etwas geschieht. Der König ist sehr niedergeschlagen. Er sagte

mir heute: Wie haben sich die Dinge geändert, seitdem Sie bei uns

sind; nirgends ist ja mehr Treu und Glauben zu finden; die heiligsten

Rechte werden ja nicht mehr respectiert. Dann setzte er hinzu: Meine

Lage ist verzweifelt; wenn ein europäischer Krieg ausbricht, so bin

ich paralysiert; mein halbes Reich ist in Aufruhr, die Hälfte der

Armee jenseits Brüssel in den Festungen isoliert und diese schwach

besetzt; bleiben die Truppen nicht treu, so sind diese Festungen alle

für Frankreich erbaut, die Finanzen, die blühten, sind schon jetzt

gedrückt, die Papiere so gefallen, daß man mit ihnen keinen Handel

machen kann; ich habe also gar keine Mittel tätig zu sein, wenn ein

Krieg ausbricht...

Nimwegen, den 19. September 1830.

Gleich vorgestern, als nach dem Diner die ersten alarmierenden

Nachrichten eintrafen, sandte der König seinen Adjutanten an Fritz, um

ihm den Befehl zum Vorrücken gegen Brüssel zu geben, da nun kein Moment

zu versäumen sei, die Residenz zum Gehorsam zu zwingen, bevor das

platte Land im Aufstand sei. Fritz erhielt zugleich den Befehl, wenn

er mit seinem Corps vor Brüssel concentriert stehe, eine Proclamation

zu erlassen, in welcher die Stadt im Guten noch einmal zum Gehorsam

aufgefordert wird und in welcher der König eine Art Pardon annonciert

und nur die Rädelsführer zu strafen verspricht (eine Art limitierte

Amnestie, von der Wilhelm sagt, daß sie doch die Hände nicht zu sehr

bände; über das Geschehene ist nichts zu sagen, sonst glaube ich, sind

die Amnestien nicht zum Heile der Throne ausgeschlagen). Wenn diese

Aufforderung nach einigen Stunden Bedenkzeit nicht angenommen, und

ausgeführt ist, so soll Fritz den Gehorsam mit Gewalt erzwingen und da

habe ich ihn inständigst gebeten, jedes Straßen-Gefecht zu evitieren

und Alles durch ein Bombardement zu zwingen suchen. Wahrscheinlich

steht Fritz heute Abend schon vor Brüssel, spätestens morgen, sodaß am

21. bestimmt der entscheidende Schlag sein wird. Gott gebe seinen Segen.

Sollte die Sache manquieren, ja dann sagte mir der König gestern

ausdrücklich, daß er alsdann Belgien aufgeben müßte für den Moment;

er würde eine Defensiv-Stellung von Antwerpen nach Maastricht nehmen

und in dieser die Unterstützung der Alliierten abwarten, die er dann

sogleich in Anspruch nehmen würde. Er fügte hinzu, daß dann freilich

ein allgemeiner Krieg unvermeidlich sei, da ihm Frankreich habe

officiell anzeigen lassen, daß, wenn er von Europa unterstützt würde,

der sogenannte König Orleans die Revolution Belgiens seinerseits

unterstützen würde. Dahin wären wir nun also in Europa gekommen, daß,

während fast alle Mächte die Revolution bekämpften, nun schon das

Zerwürfnis eingetreten ist, daß eine bedeutende Macht erklärt, die

Revolution unterstützen zu wollen, wenn die andern Mächte sie angreifen

wollen. Wohin soll das noch führen[80]!

Ich hoffe, daß Fritz von Oranien in Brüssel den Frieden Europas auf

einige Jahre wenigstens noch erhalten wird[81].

Weimar, den 28. September 1830.

Auf der Durchfahrt durch Gotha kommen soeben Reisende an, welche von

Hanau bis Fulda, Fulda selbst ausgenommen, alle Städte im Aufruhr

gefunden haben. Allenthalben würden, wie vor einigen Nächten in

Hanau, die öffentlichen Bureaus und Beamten-Wohnungen geplündert und

verbrannt und alles schreie nach Freiheit, der Kurfürst verweigere eine

Verfassung, die Wappen wurden abgerissen, die Durchreisenden mußten

mit: es lebe die Freiheit rufen, wobei man ihnen eine Axt vors Gesicht

hielt; nicht nur die Städte, sondern auch die Bewohner des platten

Landes sind im Aufstande; sie jagen die Schulzen und Amtsleute fort,

ziehen bewaffnet von einem Ort zum andern, setzen sogleich Wachen und

Signale aus, kurzum die Sachen werden natürlich durch immer noch nicht

habhaft zu werdende Emmissaire nach ein und demselben Plane geleitet,

überall wird gesengt und gebrannt, aber nirgends gestohlen. Auf Zuruf

einer Stimme: es ist genug für heute geht alles ruhig auseinander

gerade wie in Brüssel bei dem Rufe: ~c’est assez~. Der soeben

eintreffende Großherzog von Oldenburg bestätigt nicht nur all’ die eben

erzählten Greuel, sondern ist Augenzeuge derselben gewesen, indem auch

ihm unter anderm jene Axt vorgehalten worden ist. In Fulda war gestern

Mittag bei seiner Abreise die Unruhe auch schon ausgebrochen und die

schwachen Behörden hatten sogleich die Licent-Erhebung, welches die

Haupt-Forderung der Meuterer ist, aufgehoben. Das Militär sieht überall

ruhig zu dem Unwesen zu. Der Großherzog von Oldenburg und der Herzog

von Coburg, der mir gestern Rendez-Vous in Gotha gab, sprachen Beide

äußerst determiniert, besonders ersterer hatte echte Ansichten über

das Militär und seine Leistungen bei solchen Excessen ausgesprochen.

Wenn nur endlich irgendwo einmal Ernst und Strenge gegen die Meuterer

gezeigt würde und nicht überall die unzeitige Nachgiebigkeit erblickt

würde[82]... Der Großherzog von Oldenburg machte den glaube ich ganz

zweckmäßigen Vorschlag, man sollte mobile Colonnen formieren in

hiesiger Gegend, in Böhmen und Bayern vielleicht, die sich gleich nach

den aufgestandenen Gegenden zu begeben hätten, um sie zur Raison zu

bringen. Der Herzog von Coburg drängt, wohl sehr mit Recht, auf eine

Art Manifest des Bundes, in dem diese unerhörten Frevel öffentlich

verpönt und als mit Gewalt zu bekämpfend dargestellt würden.

Weimar, den 14. Oktober 1830.

Sie haben mich durch den Grafen Lottum[83] befragen lassen, was es für

eine Bewandtnis mit einer Rede habe, die ich in Coblenz gehalten hätte,

die jetzt in mehreren Zeitungen gedruckt stehe. Wenngleich mir der

Graf Lottum nicht sagen konnte, auf Befragen, ob Sie den Inhalt dieser

sogenannten Rede tadelten, so mußte ich durch seine Sendung durch Sie

an mich doch etwas Tadelndes vermuten. Es kann mir daher nichts übrig

bleiben, als den wahren Zusammenhang der Sache vorzutragen, um mich

dann Ihrem Schicksale zu überlassen. Daß ich keine Reden zu halten

pflege, wissen Sie wohl und am allerwenigsten war meine Stellung in den

Rhein-Provinzen diesen Sommer dazu geeignet; denn große Reden verfehlen

oft ihren Zweck, wenn es auch nur darum wäre, weil die Menschen sich

sagen: der will uns durch Redensarten gewinnen. Alles, was ich gesagt

habe, war im Conversationstone gesprochen bei der Präsentation der

Behörden, wo dann bald diese, bald jene Äußerung zu Einem oder dem

Anderen oder auch zu Mehreren zugleich gesagt wird; und beim Interesse

des Gegenstandes kam es natürlich oft, daß ein Jeder zu horchen

versuchte, was ich sprach, dann also auch alle still waren und man so

meinen Worten die Ehre angetan hat, sie in eine Rede zusammenzufassen.

Übrigens sprach ich mich nicht allein in Coblenz so aus, sondern in

Cöln, Düsseldorf, Aachen, Lippstadt, Wesel usw.; überall sagte ich dem

Sinne nach dasselbe und dies Alles habe ich mir aus den Inhalten Ihres

eigenen Briefes... construiert. Demnach ging der Sinn meiner Worte

dahin: „daß Sie es bedauerten, zum zweiten Male von der Bereisung der

westlichen Provinzen und der dortigen Armee-Corps verhindert zu werden

und daß Sie mir aufgetragen hätten, dies den Truppen und den Einwohnern

bekannt zu machen“. Wenn im vergangenen Jahre ein so schöner Grund Sie

von dieser Reise abgehalten hätte, so wäre es nur im höchsten Grade

zu beklagen, daß in diesem Jahre der Grund ein so höchst trauriger,

unglücklicher sei; denn bei den jetzigen gestörten Verhältnissen in

Frankreich, die ganz Europa in Unruhe und Bewegung zu setzen drohen,

hätten Sie natürlich die Residenz nicht verlassen können, um sich mit

Ihren Alliierten desto rascher beraten zu können. Was die französische

Revolution beträfe, so würden Sie sich nicht in diese inneren

Angelegenheiten mischen; man würde die Revolution wie einen Krater

beobachten, der in sich selbst ausbrennen müßte und man würde nur auf

seiner Hut sein, daß dieser Krater keine Crevasse bekäme, aus der sich

der Gährungsstoff auf andere Länder ergießen könne. Sollte Preußen

jedoch nicht angegriffen werden, so wären Sie fest entschlossen, alle

Ihre Kräfte aufzubieten, um den jetzigen Besitzstand zu erhalten, und

Sie würden keinen Mann Ihrer bewaffneten Macht zurücklassen, um auch

den letzten Ihrer Untertanen zu beschützen und sich zu erhalten. Was

die verschiedenen Aufstände im Preußischen beträfe, so hätten Sie dem

wohlgesinnten Teil der Untertanen Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie

sehr sie Ihrem Szepter anhingen, indem sie den Emeuten allenthalben

rasch ein Ziel gesetzt hätten. Ich müßte aber einem Jeden zu bedenken

geben, daß man nicht nur durch Aufstände gegen Sie sich auflehnen,

sondern daß auch durch Gesinnungen und Handeln eines Jeden in seinem

Wirkungskreise Auflehnung entstehen könne, und daher müßte ich

namentlich die Behörden aufmerksam machen, genau den geregelten und

vorgezeichneten Gang Ihrer Regierungsform ins Auge zu fassen, damit

ein Jeder in Ihrem Sinne Recht und Billigkeit ausübe. Jede Abweichung

hiervon wäre gegen Ihre Absicht und gegen den Sinn Ihrer Regierung und

könne daher eine Ahndung nach sich ziehen.

Wenn Sie gegen diese Worte und deren Sinn etwas zu erinnern finden,

so muß ich Belehrung darüber erwarten; ich glaube aber versichern zu

können, daß sie nicht nachteilig gewirkt haben und das Interesse,

welches Sie an den getrennten Provinzen nehmen, den Einwohnern von

Neuem gezeigt und sie sehr erfreut hat.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 36 / 54 题