Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 22. August 1830.

Was mir an Ihrem gnädigen Briefe natürlich das Interessanteste war,

war Ihre Ansicht über das, was wegen der Ereignisse in Frankreich zu

tun sei. Da ich daraus ersah, daß Sie mit der hier bereits bekannten

englischen Ansicht sich einverstanden erklären, und wie man indirect

nun auch weiß, daß Österreich so denkt und Rußland so denken wird,

so sehe ich freilich, daß ich mit meiner Ansicht das Feld räumen

muß, wobei es vielleicht vergönnt sein wird, daß ich meinem Innern

die ausgesprochene Überzeugung bewahre und daß Gott gebe, daß meine

Besorgnisse nicht kurz über lang eintreffen, namentlich wenn nun noch

der Orleans anerkannt wird; dann dürften in 10 bis 15 Jahren viele

dergleichen Könige auf Europas Thronen sitzen, wenn auch die mit mir

Gleichgesinnten für die gute Sache zu sterben werden gewußt haben.

Da Sie selbst mit Gewißheit annehmen, daß über kurz oder lang wir von

der Revolution werden ergriffen werden, weil Frankreich die Eroberung

Belgiens und des linken Rheinufers verlangen wird, eine Ansicht, die

ich in einem meiner ersten Briefe von hier auch schon auszusprechen

wagte, so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich auch

noch über diesen Gegenstand ausspreche und namentlich, ob nicht ein

Angriffskrieg Europas gegen Frankreich jetzt vorzuziehen sei.

Frankreich ist in diesem Augenblick in einem Zustand von Unsicherheit

über das, was es getan hat, über die Möglichkeit der Erhaltung des

Erlangten, über die Maßregeln, welche Europa ergreifen wird, von dem

Alle gewiß Mißbilligung und Strafe fürchten; demnächst daraus folgend

sehen wir die Parteiungen täglich in Paris ausbrechen, die der Roi

citoyen und die Seinigen mit Proklamationen dämpfen müssen; man sieht

in den Journalen bereits die alte Unzufriedenheit mit dem Souverain und

den Ministern ausgesprochen (trägt die Zügellosigkeit der Presse unter

der vorigen Regierung nicht einen großen Teil der Schuld der jetzigen

Revolution?); wir sehen die Armee in einer völligen Reorganisation,

mit detachierten Armeen in Algier und Griechenland; wir sehen die

freimütigen Äußerungen vieler Pairs und Deputierten, die sich aus den

Ämtern zurückziehen, es mit ihrem Gewissen nicht vereinigen könnend,

der neuen Regierung zu schwören und zu dienen (und wie stark mag

die Partei derer nicht sein, die eben so denken, aber sich nicht

ausspricht, die aber auf Europa hofft und wartet als Erlöserin?).

Alle diese Verhältnisse werden noch Monate lang so bestehen, aber die

Consolidierung des Reichs und der Verhältnisse wird mit Riesenschritten

fortschreiten, wenn es erst erfährt, daß Europa nicht intervenieren

wird oder gar Orleans anerkennt. Die Unsicherheit und Bangigkeit

im Lande verschwindet dann, die Gutgesinnten unterwerfen sich dem

Anerkannt-Bestehenden, die Armee ist reorganisiert, die detachierten

Corps werden herangezogen.

Wenn so also in Jahr und Tag das neue Frankreich sich consolidiert

haben wird und sich kräftig und gerüstet fühlt, einen Schlag nach außen

tun zu können, dann wird es uns angreifen. Wenn der Himmel uns dann

den Sieg gibt, so wird der Kampf, wie Sie selbst sagen, auch nicht

leicht sein, nein, er wird ungleich schwerer als diesen Augenblick

sein, da man dann nicht mehr darauf rechnen kann, einen unsicheren und

schwankenden Thron, der nur von Parteiungen erzeugt und gehalten wird,

mit einem Schlag wie 1815 zu zertrümmern, sondern weil man es alsdann

mit einer, das neue Verhältnis teils lieb gewonnenen, teils ruhig

ertragenden Nation zu tun haben wird. Und das Ende des Ganzen ist, daß

man mit dem Geschöpf der Revolution einen Frieden schließt, wenn die

Pariser nicht ihren Orleans wie ihren Napoleon und ihren Charles nach

Belieben absetzen wollen und Europa dies abwarten muß, bis es mit dem

Herzog von Bordeaux und der Legitimität hervortritt.

Wenn dagegen Europa jetzt mit diesem Princip auftritt und

gemeinschaftlich wohl gerüstet in 2-3 Monaten den Krieg erklärte, bis

wohin alle Armeen am Rhein concentriert sein könnten, so würde man

Frankreich weder durch eine stillschweigende noch durch eine officielle

Anerkennung des Geschehenen consolidiert haben, noch es consolidiert

finden, sondern man findet es in dem geschilderten Zustande von

Unsicherheit über die Möglichkeit der Erhaltung des Geschehenen, in der

gerechten Besorgnis, einem Stoß von ganz Europa nicht widerstehen zu

können; die gute Partei würde mit Ungeduld den Moment erwarten, wo die

Legitimität triumphieren wird und wo der nicht anerkannte Souverain von

Europa destituiert wird; man findet die Armee noch nicht organisiert

und nicht einmal einen Feldherrn, wie Napoleon, der 1815 Alles

electrisierte und der dennoch in einer Schlacht nur von zwei großen

und einer kleinen Armee geschlagen unterlag. Wieviel Chancen also

für das Gelingen eines Angriffskrieges +jetzt+ gegen Frankreich.

Und selbst für den ungünstigst anzunehmenden Fall, den ich der Erste

bin, als gewiß aufzustellen, daß im Moment, wo Europa Frankreich den

Krieg erklärt, +alle+ Parteien zusammenstimmen und zusammenhalten

werden, um den einfallenden Feind abzuwehren, so würde dadurch diese

Harmonie im +jetzigen+ Moment von nicht größerer Dauer sein als

1815. So wie damals würde vielleicht mit einem Schlage die Sache

beendigt, denn Orleans’ Thron scheint mir nicht einmal so fest zu

stehen als der von Napoleon in 100 ~jours~.

Demnach hat es mich also bedünken wollen, daß ein Aggressiv-Krieg

Europas jetzt gegen Frankreich nicht nur zum Besten und zum Triumph der

guten Sache gereichen würde und die Revolution dadurch allenthalben

auf lange Jahre unterdrückt werden würde, sondern auch der Kampf viel

leichter und der Erfolg sicherer sein würde. Auch wer weiß, ob, wenn

Frankreich einst Belgien und uns angreift, wir auf die Armeen der

Verbündeten rechnen können, die sie jetzt des Princips halber stellen

müßten oder dann nur auf die tractatmäßigen Corps.

Wie ungeduldig ich bin, zu erfahren, was Europa auch ohne

Kriegserklärung beschließen wird, um sein Mißfallen mit der Revolution

auszusprechen, begreifen Sie gewiß. Die Nicht-Anerkennung Orleans und

die officielle Mißbilligung alles Geschehenen und damit Frankreich

seinem Schicksal sich überlassend, dürfte jetzt doch noch nötig sein,

um wenigstens einen moralischen Eindruck der Einigkeit Europas zu geben

und dadurch Frankreich zittern zu machen.

Verzeihen Sie gnädigst meine freimütigen Äußerungen, aber der Moment

ist zu groß, als daß ich es nicht wagen dürfte, mich auszusprechen,

wenn es auch nur verhallende Worte sind.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 35 / 54 题