Wilhelm.
Im Haag, den 20. August 1830.
Gestern langte hier aus London die Nachricht ein, daß Charles X.
am 17. auf der Reede vor Portsmouth angelangt sei und so lange an
Bord des Schiffes bleiben wollte, bis er Antwort aus London auf die
Meldung seiner Ankunft erhalten haben würde. Diese Meldung war durch
telegraphische Depesche nach London gekommen und die Antwort des
Gouvernements noch nicht bekannt.
Eine andere sehr wenig erfreuliche Antwort gab noch gestern Abend
der niederländische Ambassadeur, Falk, aus London, daß nämlich das
englische Ministerium sehr geneigt sei, den Herzog von Orleans als
König anzuerkennen... demnächst wäre jetzt das englische Gouvernement
auch geneigt, Don Miguel[73] anzuerkennen, ob aus Legitimität oder
revolutionären Prinzipien, weiß ich nicht.
Die Schlußfolge aus Beiden ist aber, daß also vorgeschlagen wird, zwei
Revolutionen anzuerkennen oder aber die größte aller Inkonsequenzen zu
begehen, in Portugal die Legitimität und zugleich in Frankreich die
Revolution anzuerkennen.
Wenn bloß das confuse englische Ministerium so spräche, so würde ich
mich eher von dem Donnerschlage erholen, den mir diese Nachricht
gegeben hat; da aber russische und andere Diplomaten diese Ansichten
teilen, so gestehe ich, daß mich eine Trauer erfüllt, die ich nicht
bergen kann. Also die Revolte des Pariser Pöbels soll von ganz Europa
anerkannt werden und ihr Resultat gekrönt. Das, was alle rechtdenkenden
Menschen mit Schauder erfüllt hat, soll legalisiert werden? Welch’
eine Aufforderung für alle Übelwollenden zur Nachahmung würde in einer
solchen Anerkennung liegen. Wie kann man einer Nation noch Treu und
Glauben schenken, wie kann man ihre Eitelkeit durch solche Anerkennung
noch mehren und stärken wollen, eine Nation, die zu allen solchen
Freveln bereit ist, wie wir sie wieder seit drei Wochen sehen, wie wir
sie seit 40 Jahren erlebt haben? Und wenn es noch die Nation wirklich
wäre; aber es ist immer nur eine Partei, die den Anstoß gibt, der die
betörte und leichtfertige Nation willenlos folgt. Also dieser Partei
unterwürfe sich Europa durch jene Anerkennung; welch’ ein Triumph für
diese Partei und für alle Revolutionen. Welche Throne würden da noch
sicher stehen?
Die Gründe, die England zu diesen Anerkennungs-Ansichten bewegen,
sollen die sein, daß es dadurch hofft, einer Republik oder einer
Anarchie in Frankreich zuvor zu kommen. Allerdings wird man den sehr
schwankenden Thron des Orleans durch Anerkennung consolidieren, aber
auf Unkosten des Princips, das alle Throne nur erhalten kann. Aber bei
der sehr großen Unsicherheit des Throns des Orleans, die sich täglich
officiell und in privaten Unterhaltungen ausspricht, beim Austritt
aller Wohldenkenden aus der Kammer, bei der Unzufriedenheit, die bei
allen ~gens de bien~ existieren soll, bei allen solchen Erscheinungen
bedarf es nur des Anstoßes von Außen, um das unsicher fundamentierte
Gebäude umzuwerfen und die Legitimität durch den Bordeaux triumphieren
zu lassen, dem man freilich eine Constitution zur Seite setzen und zu
erhalten wissen muß, die Hand und Fuß hat.
Verzeihen Sie gnädigst diese freimütigen Äußerungen, aber ich war zu
ergriffen, um sie Ihnen nicht mitzuteilen.