Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 12. August 1830.

Gestern früh erhielten wir hier die Nachricht von der nunmehr wirklich

erfolgten Erhebung auf den Thron des Herzogs von Orléans und daß

Lafayette diese Art König ~par la volonté de la sublime nation et par

la constitution la plus belle république~ getauft hat, eine Taufe,

die Ironie und Wahrheit zugleich enthält. Was ich und die mit mir

Gleichgesinnten hier sagen, werden Sie aus meinem langen Brief folgern,

nämlich daß der nun also wirklich bei Seite geschobene und übergangene

Herzog von Bordeaux der Anknüpfungspunkt für Europa wird, indem es

dessen Rechte auf die Krone behauptet, verteidigt und für ihn Alles

wagen müßte. Man hat in den merkwürdigen Sitzungen der Kammern gesehen,

wie offen und frei sich Viele für die Legitimität und für den Herzog

von Bordeaux ausgesprochen haben. Außerdem stimmen die Nachrichten aus

Frankreich darin überein, daß freilich die Revolution sich überall

(breit) gemacht hat, weil Paris das unglückliche Beispiel gab, daß

aber nur in wenig Orten sich Enthusiasmus gezeigt und vielmehr eine

allgemeine Bangigkeit, ein allgemeiner Schrecken über das Geschehene

sich ausspricht, fürchtend, daß der blühende Zustand des Landes, die

glücklichen Verhältnisse mit dem Auslande usw. sich nur zu leicht

ändern werden. Mir scheint es daher, daß man für die Sache des Herzogs

von Bordeaux eine große Partei finden würde, obgleich man sich nicht

verhehlen darf, daß eine Agression durch Europas Mächte eine große

Einheit zur Abwehrung des Feindes erzeugen würde. Aber man hat sie

1815 überwunden und wenngleich nach 15 Friedensjahren sich Vieles

consolidiert hat und kräftiger geworden ist, so würde 1830 oder 1831

der gerechten Sache auch der Sieg nicht fehlen.

Lord Bagot, der englische Ambassadeur hier hat... gesagt, daß er gewiß

überzeugt sei, daß, wenn der Herzog von Orléans seine Thronbesteigung

nur den Mächten anzeige, England gewiß die Antwort geben würde, daß

seine Anerkennung von der übereinstimmenden Ansicht aller großen Mächte

abhängen müsse, die sich dazu auf einem Congreß gewiß schleunigst

versammeln würden.

Geheime Nachrichten, namentlich von der belgischen Grenze her

sagen, daß die hiesige liberale Partei von der französischen auf’s

inständigste gebeten wird, sich noch ganz ruhig zu verhalten, weil im

entgegengesetzten Falle dies die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich

ziehen müßte und zu Gegenmaßregeln veranlassen würde. Dies sei es, was

sie in Frankreich am meisten fürchten müßten, weil ein Entgegentreten

der Regierung gegen das liberale Prinzip jetzt der jungen Revolution

nur höchst nachteilig werden könnte und die Angst für das Ausland

noch mehr vermehren würde. Darum erscheinen auch mit einem Male in

den hiesigen liberalen Blättern ruhigere Artikel. Diese Nachrichten

scheinen mir nicht unwichtig der Berücksichtigung in diesen wichtigen

Momenten und bei Beurteilung der Meinung Frankreichs und der liberalen

Parteien.

Im Haag, den 13. August 1830.

.... als Wilhelm zu mir kam, um mich in Kenntnis von Wellingtons

Ansichten zu setzen, die er ihm in einem Briefe... ausspricht. Das

kurze Resumee dieses Schreibens ist folgendes: Die Hoffnung, welche

seit 1815 bestand, den Frieden in Europa erhalten zu sehen, sei

jetzt nicht mehr so groß nach den Ereignissen von Paris. Es sei ihm

viel weniger bang für etwaige kriegerische Schritte des Orleans als

für dergleichen von Seiten der enthusiasmierten Nationalgarden,

die so ziemlich die Anarchie zu ihrem Ziele sich gesetzt zu haben

scheinen. Die neue Regierung würde nicht im Stande sein, irgend

einem unüberlegten Schritt dieser Banden vorzubeugen noch die Kraft

haben, eine Reparation zu machen, falls fremdes Gebiet dabei betreten

worden wäre. Kurzum, der Herzog deutet an, daß das Volk stärker als

die Regierung ist (das ist es ja gerade, was die Revolution auch

wollte) und daß man daher an den Grenzen sehr auf seiner Hut sein

müßte. Er rät demnach das zu tun, was Sie für Saarlouis und Luxemburg

angeordnet haben, nämlich die Grenzplätze gegen einen gewaltsamen

Angriff zu sichern, jedoch alle Anstalten dazu mit dem wenigstmöglichen

Aufsehen zu machen, damit keine Jalousie erregt wird. Außerdem rät er,

gleichfalls wie Sie bereits befohlen haben, alle Anstalten zu treffen,

daß Alles vorbereitet sei zu späteren größeren möglichen Ereignissen

und sich immer so zu halten, daß man vorbereiteter als die Franzosen

sei. Er schlägt vor, Feldgeschütze nach den Grenzfestungen zu senden,

um, falls ~une colonne mobile Garde nationale~ sich eine Incursion

erlauben sollte, ihr auch mit Geschütz entgegen gehen zu können.

Außerdem läßt der Herzog wissen, daß die Revolution in Paris

keineswegs, wie es den Anschein habe, eine Sache des Momentes gewesen

sei, sondern ein ~de longue main~ vorbereiteter Schlag, indem

unter dem vermeintlichen Pöbel allenthalben verkleidete Offiziere,

~à demi soldé, vieux soldats de Napoléon~ und andere verkleidete

~messieurs~ sich befunden hätten, woher man denn auch die

auffallende Ordnung im Gefecht so wie die völlig regelmäßigen

Detachierungen zum Verhauen der Wege, zum Errichten der Barrikaden

und so Mehreres sich erklären könne. Es war Alles vorbereitet, damit

vom 3. bei Eröffnung der Kammern durch Charles X. die Revolution

losbrechen sollte, wo man in der Thron-Rede oder sonst auf irgend eine

Art Veranlassung dazu zu finden hoffte; die Ordonnanzen vom 25. Juli

sollten der Sache zuvorkommen... den Erfolg aber sehen wir. Man sieht

also immer deutlicher, daß die armen Bourbons hätten tun können, was

sie wollten, ihnen das jetzige harte Los jedenfalls zugedacht war[72].

Im Haag, den 19. August 1830.

Sie werden auch die sehr widersprechenden Nachrichten über die Reise

des Königs Charles X. erhalten haben. Vorgestern kam aus Paris die

Nachricht, daß der König in Ostende landen würde, um sich dann zu

Lande weiter nach Deutschland zu begeben. Gestern kam per Estafette

die Nachricht, daß Marschall Moison den Befehl vom Herzog von Orleans

erhalten habe, den König in keinem niederländischen Hafen landen zu

lassen und wahrscheinlich nach Portsmouth gehen würde. Heute sind keine

weiteren Nachrichten gekommen. Ich fürchte, daß der Empfang, den

Charles X. in England erhalten wird, sehr niederdrückend für ihn sein

dürfte, da, wenn auch niemand wohl seine Partei nehmen kann, doch wohl

kein Volk so geneigt ist, seine Gesinnungen laut ausbrechen zu lassen,

wie das englische. Übrigens muß man doch in den Befehlen Orleans’, der

dem armen König, dem er Krone und Land nahm, nicht einmal erlaubt, frei

seine Fluchtreise zu bestimmen, eine Härte und Impertinenz erblicken,

die weit geht. Übrigens scheint mir sehr große Gährung in Paris

fortwährend zu existieren, die uns alle Zeitungen seit mehreren Tagen

wohl zeigten, aber noch mehr die Proclamation des Orleans vom 16. Die

Contre-Revolution wird wohl nicht ausbleiben, denn die Ultra-Liberalen,

sieht man wohl, sind noch lange nicht zufrieden. Gewiß erleben wir noch

blutige Auftritte in Paris und ~le roi citoyen~ wird wohl auch müssen

unter ~les concitoyens~ schießen lassen. Dies wird Europa wohl

abwarten wollen; wenn nur dadurch nicht das Legitimitätsprinzip zu kurz

kommt!

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 33 / 54 题