Wilhelm.
Der Hallenser Kirchenstreit.
Ems, den 19. Juli 1830.
Die Ereignisse zu Halle[64] in kirchlicher Hinsicht ziehen die
Aufmerksamkeit von ganz Deutschland ungemein auf sich. Überall hört man
davon sprechen und ist sehr gespannt auf ihren Ausgang. Niemand kann
sich denken, daß die zwei questionierten Professoren im Amt bleiben
können, da eine bloße Verwarnung nicht ausreichend erscheint bei der
allgemeinen Aufmerksamkeit, die die Sache erregt hat, und ein Exempel
zu statuieren wohl im höchsten Grade notwendig geworden ist. Denn bei
dem regen Leben für Religion und deren Wahrheiten, das sich jetzt
wiederum zeigt, sollte ich meinen, könnte man der entgegengesetzten
Richtung der verfälschten Religion nicht kräftig und bestimmt genug
entgegentreten. Daher erscheint mir der Ausgang der Halleschen Händel
ungemein wichtig in jeder Beziehung. Sehr schlimm ist es freilich, daß
die gedruckte Dogmatik[65] dieser Herren so allgemein verbreitet ist,
so allgemein nach ihr gelehrt wird und von allen rationalistischen
Geistlichen, deren es nur noch zu viele gibt, den jüngeren Theologen
empfohlen und gepriesen wird, so daß die Absetzung des Verfassers im
Amt zwar noch nicht Allem abhelfen wird, aber doch Allen die Augen
öffnen muß... Eine andere Klippe, die zu umschiffen bleibt, ist nun
wieder die sogenannte Frömmelei, die affichierte Zungen-Religion, worin
mir viel Eitelkeit und überhebendes Wesen zu liegen scheint, sowie
ein böser Schritt zum Sectieren und Separieren. Ich höre, daß Herr v.
Gerlach, der Bruder des meinigen[66], der jene Hallenser Dinge ans
Licht brachte, auch in dieser frömmelnden Richtung sein soll und da
wäre es auch wohl weniger eitel gewesen, wenn er die Sache nicht hätte
drucken lassen, so ihm ja der Weg offen stand, Ihnen die Anzeige jener
Abscheulichkeiten zu machen...
Die Pariser Julirevolution.
Mit dem Regierungsantritt Karls X. im Jahre 1824 waren in
Frankreich rückschrittliche Tendenzen und Elemente erneut ans
Ruder gekommen. Gesetzgebung, Verwaltung und Presse gerieten in
mannigfache Abhängigkeiten, Parteikämpfe erfüllten die Kammern,
Leitungen, Gerichte und Salons, deren Debatten einen europäischen
Widerhall fanden. 1828 kam es zu einer regierungsfeindlichen
Mehrheit unter den Deputierten; an Stelle des Ministerpräsidenten
Villèle amtierte Herr von Martignac, der vergeblich versuchte, eine
gemäßigte Mittelpartei zu bilden. Karl X. glaubte daher im Juli
1829 ein Ministerium seiner Wahl einsetzen zu können, an dessen
Spitze der unbeliebte Herzog Jules de Polignac trat. Der König
hoffte durch Erfolge in der auswärtigen Politik durch Eroberungen
am Rhein oder durch Kolonialerwerb in Algier eine Regierung nach
seinem Sinne durchführen zu können; als aber die heimgeschickte
oppositionelle Mehrheit der Deputierten-Kammer durch die Neuwahlen
wieder dorthin zurückkehrte, begann die Situation sich zuzuspitzen;
der „rechtlose Willkürakt“, durch den Karl X. mit seinen
„Ordonnanzen“ vom 25. Juli 1830 das Wahlrecht einschränkte und die
Preßfreiheit aufhob, kostete ihm den Thron. Die Pariser Revolution
vom 26. bis 29. Juli, deren allgemeine Bedeutung nach einem Worte
Jakob Burckhardts in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“
als europäische Erschütterung viel größer als die spezielle
politische war, der dreitägige Aufstand, in welchem die Pariser
Liberalen durch das großstädtische Proletariat den legitimen
König davonjagen ließen und den nationalen auf den Thron setzten,
das Werk der studierenden Jugend und gleich ihr republikanisch
gesinnter Arbeiter triumphierte über die militärischen Mittel des
verblendeten Königs. Der Befehlshaber der königlichen Truppen,
Marschall Marmont, konnte die Lage nicht halten; die „Ordonnanzen“
wurden zurückgezogen und ein volkstümliches Ministerium mit
dem Herzog von Mortemart in Aussicht genommen; trotzdem aber
verhandelte der König insgeheim mit den Männern um Polignac weiter
und verlor somit die letzte Möglichkeit eines Ausgleiches; in der
Frühe des 30. Juli hatte der jugendliche Thiers, der Redakteur des
„~National~“, der am meisten zum öffentlichen Widerstande
gegen die „Ordonnanzen“ beigetragen hatte, durch einen glänzend
stilisierten öffentlichen Aufruf auf den Herzog von Orléans als
auf den kommenden Mann Frankreichs hingewiesen. Im Stadthaus
von Paris führte der alte Lafayette wie einst im Jahre 1789 die
Nationalgarden des Landes, und die Riesenstadt zitterte vor einer
Wiederholung blutiger Straßenkämpfe.... da beschleunigte jener
meisterhafte Aufruf die Bildung einer Partei Orléans.
Louis Philippe, Herzog von Orléans, hatte sich in den
entscheidenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen;
jetzt erging an ihn die Aufforderung, den Posten eines
Generalstatthalters zu übernehmen, der er sich nicht mehr entziehen
konnte. Im Laufe des 31. Juli hatte er durch eine Proklamation
diese Würde angenommen und zeigte sich mit Lafayette unter der
Trikolore dem Volk: das Schicksal Karls X. war besiegelt; am 2.
August hat er mit dem Dauphin auf die Krone verzichtet, und wenige
Tage später bestieg der „Bürgerkönig“ Louis Philippe den Thron von
Frankreich. Seine europäische Anerkennung ist verhältnismäßig rasch
erfolgt.... Prinz Wilhelm weiß in den nachfolgenden Briefen dieses
Vorgehen der Mächte nicht scharf genug zu tadeln. Im selben Monat,
am 25. August 1830, brach in Brüssel die belgische Revolution aus;
noch waren die europäischen Kabinette durch die französischen
Ereignisse derartig verwirrt, daß sie diesen neuen, gefährlichen
Unruhen zunächst verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstanden.
Durch einen Besuch bei dem ihm verwandten niederländischen Hofe Im
Haag hatte Prinz Wilhelm die Ereignisse in Paris fast aus nächster
Nähe miterleben können; wenn ihn auch Ende August desselben Jahres
eine militärische Inspektionsreise nach dem Rheinland rief, so
blieb er doch mit dem niederländischen Hofe in enger Verbindung
und erlebte den Beginn der Trennung der durch die Willkür der
Großmächte 1814/5 zusammengekuppelten Nationalitäten der Holländer
und Belgier.
Das kunstreiche Gebilde des europäischen Friedens mit seinen
wohlabgemessenen und aufeinander berechneten Pfeilern, Legitimität
der Krone, christlicher Sinn der zur heiligen Allianz vereinten
Monarchen-Völker, die je nach ihrer geschichtlich gewordenen
Eigentümlichkeit ihren gesetzlichen Anteil am Leben besaßen --,
dies Gebäude, umsorgt von den einen, gehaßt von den andern, das
selbst die gefährliche Erschütterung des Aufstandes der Griechen
gegen ihren legitimen Sultan schließlich überdauert zu haben
schien, stürzte zusammen. Kunst, Weisheit und Gesittung, die in
seinem Innern Schutz gefunden hatten, schienen aufs neue gefährdet.
Nichts Geringers als einen Rückfall in die Barbarei, einen neuen
Dreißigjährigen Krieg weissagte Niebuhr. Die Angst, daß wie
vor vierzig Jahren das Feuer nicht auf seinen Herd beschränkt
bleiben und die Welt wiederum in seine Flammen getaucht werden
würde, schien Recht zu bekommen, als die Revolution nach Belgien
übergriff. Preußen begann vielleicht gar, nicht allein durch die
Nachbarschaft der Rheinprovinz, sondern vor allem durch das nahe
verwandtschaftliche Verhältnis seines Königs zu dem Beherrscher des
niederländischen Gesamtstaates -- Friedrich Wilhelms III. Schwester
Wilhelmine war die Gattin des Königs der Niederlande -- unmittelbar
hineinverwickelt zu werden, ganz abgesehen davon, daß sich für ein
revolutionäres Frankreich aus dem benachbarten -- belgischen --
Ereignis ungeahnte Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Politik
von 1792 ergaben. Eine Wolke neuer Revolutionskriege drohte am
Horizonte heraufzuziehen.... Doch die belgischen Verhältnisse
klärten sich.... die Londoner Botschafterkonferenz gab der von
den Revolutionären durchgeführten Trennung ihren nachträglichen
Segen; im Januar 1831 wurden unter dem Vorantritte Preußens von
dem vereinigten Europa die Grundmauern des zukünftigen belgischen
Staates gelegt.
Im Haag, den 28. Juli 1830.
.... Der gestern hier bekannt gewordene ~Coup d’état~ des Königs
von Frankreich erregt allgemeines Aufsehen und allgemeine Besorgnisse.
Die Nachrichten, die man hier haben will, sollen, wenn sie gegründet
sind, die Besorgnisse sehr gegründet erscheinen lassen und eine nicht
zu berechnende Reaction befürchten lassen. Im entgegengesetzten Falle,
d. h. wenn dieser ~Coup d’état~ glückt und ohne Reaction verläuft,
so ist Charles X. nur Glück zu wünschen, denn die Wirtschaft würde
doch zu toll in Frankreich, wenn nicht, so sind leider die Folgen
unberechenbar.
Im Haag, den 2. August 1830.
Wenngleich ich annehmen darf, daß Sie von Allem unterrichtet sind,
was sich Schreckliches in Paris in den Tagen vom 27. bis 30. ereignet
hat, so nehme ich keinen Anstand, dasjenige Ihnen hiermit schleunigst
zukommen zu lassen, was man hier teils direkt, teils indirekt erfahren
hat. Die Abdication des Königs und des Dauphins zu Gunsten des Herzogs
von Bordeaux, unter Vormundschaft des Herzogs von Orléans, scheint
sich nicht zu bestätigen. Herr d’Agoult, von dem erst heute die ersten
Meldungen eingegangen sind, schreibt, daß Marschall Marmont noch einen
Teil von Paris besetzt hält; eine Deputation der sich constituiert
habenden Regentschaft hat ihm folgende Vorschläge gemacht: Der König
soll sogleich das Ministerium wechseln, sogleich die Ordres vom 25.
Juli zurücknehmen und die Kammern zum 3. berufen, dann wolle man
weiter mit ihm unterhandeln. Marmont habe erklärt, er habe keine
Instruktionen, werde aber Polignac aufsuchen, der in der Nähe sei. Nach
einer halben Stunde sei er mit der Antwort gekommen, daß auf solche
Conditionen nicht unterhandelt werden könnte, worauf ihm die Deputation
erwidert: ~Voulez-vous donc la guerre civile?~ was Marmont mit
einer stillschweigenden Verbeugung und weggehend beantwortet habe.
Der König soll, nach Einigen, mit 8-10000 Mann nach der Vendée, nach
Anderen nach Lille sich gewendet haben. In Lille waren auch Unruhen
ausgebrochen, die aber durch die Garnison ohne Blutvergießen gestillt
worden sind. Nach eben eingehenden Nachrichten hat die Stadt aus ihrer
Mitte eine Municipalität gewählt. Die ganze Picardie soll im Aufstand
sein. In Rouen sind die Unruhen den Parisern gleich gewesen. Da alle
Nachrichten übereinstimmen, daß die Garde und die übrigen Truppen in
Paris trotz des enormen Verlustes treu geblieben sind und von der
übrigen Armee also wohl dasselbe zu erwarten steht, so behalte ich die
Hoffnung, daß, wenn der König nur fest bleibt, er noch im Stande sein
wird, die Sache herzustellen, wenn die erste Wut in Paris sich gelegt
haben wird und zugleich die Politik des übrigen Europas sich als recht
einig und imposant darstellt. Der König der Niederlande, bei dem ich
gestern und vorgestern in Loo[67] war, wo gerade diese Nachrichten
ankamen, war noch unentschieden, was er tun sollte; bevor er irgend ein
Message an Karl X. sendet, falls er sich der Grenze nähert, will er
erst abwarten, was derselbe für Maßregeln ergreift, doch scheint es,
werden hier die Grenz-Festungen stärker besetzt und armiert und Alles
zu einer schleunigen Complettierung und Mobilmachung vorbereitet. Der
König hier ist der Ansicht, daß, den Fall ausgenommen, daß Charles
X. mit seiner treu bleibenden Armee die Ruhe und seine Autorität
wiederherstellt, jeder andere Fall nur die mittelbare oder unmittelbare
Einwirkung der bewaffneten Macht der anderen Staaten nach sich ziehen
kann, d. h. entweder einen Grenz-Cordon oder geradezu einen Einmarsch
in Frankreich auf Wunsch seines Königs, um ihn zu restituieren. Aber
dann nur Einheit und Übereinstimmung, um nicht etwa einzeln sich Extras
auszusetzen. Mir scheint dies Raisonnement des Königs sehr richtig.
Er ist für seine südlichen Provinzen ganz ruhig bis jetzt, und mit
Recht, da alle geheimen Nachrichten von dort den Geist als sehr gut
beim Empfang der schrecklichen Pariser Begebenheit schildern. Die
Festigkeit des Königs diesen Winter hier gegen die Generalstaaten ist
von unberechenbarem Nutzen also gewesen, wie man sieht. Gott gebe, daß
alles so bleibt.
Das Extra-Blatt des Courier français, welches die heillose Proclamation
Lafayettes an die National-Garde enthält, wie die 1000 anderen kleinen
Charakter-Züge der ~citoyens~, werden Sie wohl erhalten haben, da
es hier angekommen ist wie sonst die gewöhnlichen Zeitungen.
Ihnen den Eindruck, den dies Alles auf mich gemacht hat, zu schildern
bin ich nicht im Stande. Bei Lesung dieser Sachen glaubt man Zeitungen
von vor 40 Jahren zu lesen. Es ist wirklich gräßlich. Ich hatte den
festen Glauben, bei Allem, was man in Frankreich sich trainieren sah,
daß dennoch nichts zum Ausbruch kommen würde, weil eben die Nation die
Greuel einer Revolution +gesehen+ hat und +kennt+, und also
eher wie jede andere davor zurückbeben müßte. Aber nein. Eine 40jährige
bittere Erfahrung hat sie nicht klüger, nicht ruhiger gemacht.
Sollte es wirklich zu Truppenbewegungen in dieser großen Catastrophe
kommen, so darf ich wohl mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie mich
nicht vergessen werden, wenn selbst mein Corps nicht mobil gemacht
würde.
Soeben erfahre ich, daß der englische Ambassadeur hier sich bereits
über die französischen Angelegenheiten abgesprochen hat und zwar
Englands Verhalten als völlig passiv geschildert, selbst in dem
Fall, daß Charles X. die Unterstützung der Alliance in Anspruch
nimmt. Daß man hier diese Ansicht nicht teilt und wohl nicht von
vielen Gouvernements geteilt werden dürfte, begreift sich leicht, und
namentlich ist wohl Niemand mehr interessiert an der Sache als Preußen
und Niederland durch die langen Grenzen. Die Unbegreiflichkeit der
englischen Politik verleugnet sich also wiederum nicht. Mögen nur die
anderen Mächte recht einig sein und einen gemeinschaftlichen raschen
Entschluß fassen, denn mir scheint, daß der moralische Eindruck, den
dies in Frankreich machen muß, so groß sein wird, daß ein Krieg dadurch
évitiert wird. Trennung und Zeitverlust scheint mir in diesem Moment
das Unglücklichste zu sein. Graf Douavaroff geht als Courir nach
Petersburg auf Wilhelms[68] Wunsch und bringt diesen Brief nach Berlin;
vielleicht dürfte von Ihrer Seite diese Gelegenheit nach Petersburg
gleich benutzt werden, um Ihre Ansicht dahin zu überbringen.
Soeben erhielt Fritz einen Brief eines niederländischen Generales,
der gerade auf Urlaub sich in Paris befunden hat und am 29. Mittags
es verließ während der tollsten Massacres. Seine Schilderungen sind
schrecklich. Die umgekommenen Menschen werden zwischen 15 und 20000
angegeben. Alle Bäume auf den Boulevards sind umgehauen, um Verhaue zu
bilden, damit die Cavalerie nicht agieren konnte.
Im Haag, den 4. August 1830.
Die heutigen Nachrichten aus Frankreich sagen, daß der König auf dem
Marsch nach Nantes ist, daß aber die ihn begleitenden Truppen nach und
nach (ihn) verlassen und daß die Nachrichten, die man in Paris über
die Stimmung der Vendee hat, sehr ungünstig lauten. Wohin wird sich
also der König wenden? Der heute angekommene Constitutionel indigniert
aufs Äußerste durch seine revolutionäre Sprache und durch die
Erzählungen über des Herzogs von Orleans Benehmen. Es scheint danach
aber nicht, daß der Herzog +für+ den König und seine nächsten
Agnaten zu arbeiten scheint. Die Sache des Königs scheint demnach
verloren zu sein, sowie die des Dauphins; werden sie resignieren zu
Gunsten des Herzogs von Bordeaux? Wird der Herzog von Orleans die
bloße Vormundschaft über den Bordeaux übernehmen wollen? Wird Charles
X. nicht die Unterstützung der Alliance in Anspruch nehmen, um die
Legitimität wiederherzustellen und einzusetzen? Dies sind wohl Fragen,
die ganz Europa jetzt in Bewegung setzen werden und deren Antwort die
größten Folgen haben muß.
Wäre doch eine Zusammenkunft der großen Souveraine[69] jetzt schnell
möglich, um einen großen schnellen Entschluß zu fassen. Denn bevor man
zusammenkommt, muß Alles so klar schon sein, daß man einen Entschluß
fassen kann.
Der König ist heute vom Loo hier eingetroffen; es werden die
Grenz-Festungen, welche nicht hinreichende Garnisonen haben, stärker
besetzt werden, dieselben gegen einen gewaltsamen Angriff vorbereitend
armiert werden und zum 1. September, wo die Beurlaubten stets
einkommen, aber nicht vollzählig, sollen dieselben complett eingezogen
werden, mit Ausnahme der Reserve-Bataillone. Man ist hier natürlich
sehr gespannt, was Sie wegen Luxemburg und Saarlouis befehlen werden,
so wie überhaupt auf die vorbereitenden Maaßregeln am Rhein, da die
Niederlande von Niemand eher und kräftiger Unterstützung erwarten
können, als von Preußen, wenn es zum Extreme kommen sollte. Von
Thionville aus sind Vorposten gegen unsere Grenze ausgesetzt worden.
Im Haag, den 6. August 1830.
Die Hoffnung, daß der König von Frankreich das Äußerste wagen würde, um
seine Macht und sein Ansehen, d. h. seinen Thron wieder herzustellen,
ist verschwunden. Die heute hier erhaltene Eröffnungsrede des Herzogs
von Orleans in den Kammern zeigt uns offiziell die Resignation des
Königs und des Dauphins an. Glücklicherweise nicht die des Herzogs
von Bordeaux, welche aber von der sublimen Nation auch verlangt wird.
Sollte Charles X. auch zur Resignation für den minorennen Kleinen noch
gezwungen werden, so scheint es mir, kann Europa diesen Akt nicht
anerkennen; es würde ja die Revolution bis zur letzten Neige anerkennen
und legalisieren.
Daß hier nur dieser Gegenstand die stete Conversation macht, können
Sie leicht denken. Die Meinungen, die sich hier ausbilden, zerfallen
in zwei Hauptabteilungen; 1.) darf man die stattgehabte Revolution
ungestraft von Europa gehen lassen, also sie legalisieren, oder muß
man ihr auf das Bestimmteste und Entschiedenste entgegen treten und
Frankreich züchtigen? 2.) Darf man eine solche Züchtigung vornehmen,
ohne befürchten zu müssen, die revolutionären Prinzipien fast in
allen Staaten zum Ausbruch zu reizen und wird man nicht vielmehr aus
dieser Befürchtung die Revolution anerkennen müssen, was mit anderen
Worten heißt, die Revolutions-Partei in ganz Europa cajolieren und zur
nächsten Nachahmung des 27. bis 29. Juli anspornen?
Daß ich natürlich zur ersten Abteilung dieses Raisonnements halte,
brauche ich wohl kaum erst zu versichern.
Die Revolution ward nach 20jähriger Dauer im Jahre 1814 bekämpft,
besiegt und der legale Stand der Dinge durch die Wiedereinsetzung
der Bourbons auf den Thron ihrer Väter durch ganz Europa wieder
hergestellt. Die Revolutionen von Spanien, Neapel und Piemont
wurden durch gewaffnete Hand gedämpft, die abgesetzten Souveräne
wieder eingesetzt und ihre Staaten durch vieljährige Occupation der
Befreiungsarmee beruhigt. Jetzt bricht in dem Lande, wovon aus aller
revolutionäre Stoß ausging, wovon aus er seit 15 Friedensjahren
nach allen Seiten hin verbreitet und unterhalten ward, eine neue
Revolution aus und der König und seine Dynastie (werden) entthront.
Kann Europa in diesem Falle anders handeln, weniger tun, als es in
Spanien, Neapel und Piemont tat? Ist der jetzige Fall nicht viel
graver, erhebt die Revolution in diesem Moment den Kopf nicht viel
mächtiger und gefährlicher als seit 15 Jahren? Mir scheint die Crisis
gekommen zu sein, wo es sich entscheiden muß, ob die Legitimität oder
die Revolution triumphieren soll. Die Legitimität wird triumphieren,
wenn Europa einen einmütigen, allgemeinen Beschluß zur Züchtigung
Frankreichs faßt. Die Revolution wird triumphieren, wenn Europa dem
jetzigen Treiben in Frankreich ruhig gewähren läßt, sie wird dadurch
legalisiert und kein Thron dürfte mehr sicher stehen.
Durch eine Züchtigung Frankreichs wird meiner festen Überzeugung nach
der revolutionäre Stoff in Europa unterdrückt und durch strenges
Gericht in Frankreich dieser Stoff vielleicht allenthalben --
wenigstens auf lange, wenn auch nicht auf immer -- ausgerottet.
Die entgegenstehende Ansicht sagt: dieser revolutionäre Stoff ist in
Europa viel zu sehr verbreitet (in den Niederlanden, vielleicht linkem
Rhein-Ufer, Polen, Italien, Spanien), als daß man es wagen dürfte,
gegen die Revolution anzukämpfen; man würde in dem Falle es erleben,
daß in allen genannten Ländern jener Stoff zum Ausbruch käme und es
wäre sehr die Frage, ob es gelingen würde, ihn mit den eigenen Truppen
und Kräften, ein Jeder bei sich, zu überwältigen. Auch habe die jetzige
französische Revolution einen Schein von Recht, indem man den König
Charles X. beschuldigen könne, seinen Eid einigermaßen gebrochen zu
haben (was ich nicht zugeben kann, da ihm der Artikel 14 der Charte das
Recht zu extraordinären Maaßregeln beilegt und den Gebrauch desselben
freilich seinem Gewissen allein überlassen muß) und wenn, wie ich gern
zugebe, Charles X. meiner Ansicht nach jetzt und so nicht hätte diesen
~Coup d’état~ ausführen sollen, so hat darüber doch Niemand als
die Nation mit ihm zu richten oder gar das Recht, ihn zu entthronen.
Was den ersten Teil dieser entgegenstehenden Ansichten betrifft, so
habe ich schon meine Nichtbefürchtungen dieser Art ausgesprochen;
sollte eine solche revolutionäre Reaction aber wirklich durch ganz
Europa sich erzeugen, nun so ist es immer besser, daß man seine Feinde
kennen lernt und sie zu bezwingen sucht; da hoffe ich denn doch,
daß ein Jeder bei sich zu Stande zu kommen wissen wird. Denn es ist
allenthalben der Kampf aus demselben Prinzip gegen dasselbe Prinzip.
Der Sieg steht bei Gott.
Was nun die Züchtigung Frankreichs betrifft, so muß ich freilich
gestehen, daß ich sehr glücklich mich preise, die Art derselben
nicht vorzuschlagen zu brauchen. Am schwierigsten ist der Fall, wenn
der Herzog von Bordeaux unter Vormundschaft des Herzogs von Orleans
erhalten wird, weil in diesem Fall einige Legalität sich einmischt;
doch nie kann man übersehen, daß die Nation durch Revolution gegen
ihren König dahin gelangte. Da aber alle Proklamationen sagen, daß
gegen den Bordeaux der Umstand spreche, daß er zu einer Dynastie
gehöre, die sich ~par la grace de dieu~ genannt habe, jetzt aber
ein König nur ~par la volonté du peuple~ bestehen könne und
solle, so wird an die Erhaltung der Rechte des Bordeaux wohl nicht zu
denken sein. Dann scheint mir der Fall klar zu sein: Europa muß mit
gewaffneter Hand die Rechte des Herzogs von Bordeaux herstellen und
Frankreich mit seiner Revolution und seinem Orléans zu Paaren treiben.
Krieg scheint mir leider unausbleiblich. Handelt Europa nicht so, wie
ich hier es andeute, so greift uns Orleans in Zeit von einem Jahre an;
das linke Rhein-Ufer ist sein Ziel, um zum Tyrann dann zu werden.
Ob die Züchtigung Frankreichs dann noch in einer langen Occupation oder
in Verringerung seines Gebietes bestehen soll, das sind Fragen, die
heute wohl schwer zu entscheiden sind.
Aber wenn Europa handelt, so muß es gemeinsam, kräftig, mit aller Macht
auftreten und recht vorbereitet in den Kampf treten; denn er wird nicht
leicht sein.
Wäre es doch möglich, daß eine Zusammenkunft zwischen Ihnen, den beiden
Kaisern und dem hiesigen König möglich wäre; wie rasch und wie viel
besser verhandelt sich alles mündlich. Die Heilige Alliance muß jetzt
oder niemals zeigen, daß sie noch existiert und ganz im Geiste des
seligen Kaisers[70] handeln.
Noch ist in den Niederlanden Alles ruhig; aber in Brüssel spricht
man doch schon sehr laut ~du grand exemple donné de la France; van
Maassen c’est notre Polignac, c’est une bonne leçon pour Monsieur
van Maassen etc.~ In Köln aber auch hat der Darmstädter Graf
Wittgenstein in einem Zeitungssalon zugesehen, wie die Pariser
Nachrichten vom Stuhle herab laut vorgelesen wurden und bei den
tollsten Stellen Bravos und Applaudissements erschallt sind.
Das sind ein paar Züge, die beweisen, was zu erwarten wäre, wenn die
Pariser Revolution ungestraft hingeht und somit legal wird oder was zu
erwarten ist, wenn Orleans das linke Rheinufer erobern will und die
Niederlande... Der König hat hier nur die Verstärkung der Artillerie
in den Gränz-Plätzen angeordnet, aber nicht die durch Truppen anderer
Waffen...