Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 29. April 1830.

Soeben erhalte ich ein Schreiben des Kriegsministers, eine Antwort auf

den Vortrag, den ich ihm in Bezug auf meine militärischen Ausgaben

gemacht hatte, in welcher er mir Ihre genommene Entscheidung über

diesen Punkt mitteilt. Wenngleich ich gehofft hatte, von Ihrer

Gnade einen Zuschuß zu erhalten, bei den ganz klar nachgewiesenen

Mehrausgaben jährlich von 800 Rthlr., so muß ich Ihre abschlägige

Antwort hierauf freilich ruhig hinnehmen, nicht so aber kann ich dies

mit der Ankündigung, die Sie mir durch den Kriegsminister machen

lassen, daß Sie mich vom Commando der ersten Gardedivision entbinden

wollten, wenn mich dasselbe wegen meiner pecuniären Verhältnisse

geniere. Vor 10 Jahren berief mich Ihre Gnade zu diesem Commando,

noch in einem sehr frühen Alter. Als Sie mich wenige Jahre darauf an

die Spitze des III. Armeecorps stellten[62], beließen Sie mir jenes

Commando und da durfte ich wagen zu hoffen, daß Ihr Vertrauen und Ihre

Zufriedenheit mit meinen Leistungen es war, die mich dieses Vorzuges

eines doppelten Commandos würdigten. Die Anhänglichkeit, welche ich

an dies mein erstes selbstständiges Verhältnis habe, sowie, ich darf

es aussprechen, die Anhänglichkeit, welche mir jene Untergebenen

seit 10 und 12 Jahren bewiesen haben, sind Ihnen nicht unbekannt

geblieben; meinen ganzen Stolz setzte ich in das bewiesene Vertrauen,

einem Commando vorzustehen, von welchem die Instruction in die ganze

Armee übergegangen ist und jährlich übergeht. Und diesen mir so teuer

gewordenen, ehrenvollen Posten lassen Sie mir jetzt anbieten, um 400

Rthlr. aufzugeben, nachdem Sie durch den Kriegsminister mir sagen

ließen, daß Sie annehmen, daß die Prinzen Ihres Hauses es als eine

Ehrensache betrachten würden, wenn Ihre Gnade ihnen Militärcommandos

anvertraut. Ich darf es Ihnen nicht verschweigen, daß dies Anerbieten,

aus +diesem+ Grunde, mein Inneres so gewaltsam erschüttert hat,

daß nur Tränen meinem gepreßten Herzen Luft machen konnten. Das

Gefühl der Ehre ist in mir so rege, daß es sich nur mit dem Gefühl

der Dankbarkeit vergleichen kann, welche mich belebt, daß Ihre Gnade

mich berief, in ausgedehntem Wirkungskreise dieses den Militär-Stand

allein leitende Princip immer mehr zu verbreiten und recht innig mit

dem Geiste meiner Untergebenen zu verschmelzen. Daß Sie dies Ehrgefühl

je bei Ihren Söhnen vermissen könnten, ist unmöglich. Unfähig werden

Sie mich daher auch halten, aus Mangel an Ehrgefühl und um 400 Rthlr.

weniger auszugeben, eine Stelle aufzugeben, die bisher mein Glück wegen

ihrer Wichtigkeit und wegen Ihres bewiesenen Vertrauens machte. Sollte

ich dies Vertrauen verloren haben, so bin ich jeden Augenblick bereit,

einem Würdigeren meine Stelle zu überlassen.

Was nun jedoch den von Ihnen verminderten Zuschuß von 800 Rthlr.

betrifft, so muß ich mich wenigstens über den Verdacht rechtfertigen,

als wäre jene Forderung unbillig. Denn ich kann nur annehmen, daß

+dies+ der Grund ist, der mir Ihre Verweigerung zuzog. Ich

unterstehe mich daher Ihnen hier meine ganzen pecuniären Verhältnisse

darzustellen.

Der mir bewilligte Etat von 88000 Thlr. ist in seine bestimmten Etats

abgeteilt und Ersparnisse bei denselben sind sehr unsicher. Für unsere

Person beziehen die Princeß und ich jeder 6000 Thlr. von diesem

Haupt-Etat, von welchem, wie Sie leicht denken können, bei der Princeß,

die gar nichts von zu Hause erhält, nichts erspart werden kann; ich

kann nicht nur nichts zurücklegen, sondern brauche die mir von Ihnen

so sehr gnädig verliehenen 11000 Thlr. Zulage vollkommen. Sollten Sie

eine Durchsicht meiner Rechnungen befehlen, so scheue ich diese nicht,

da ich, eingedenk Ihrer Worte, als Sie mir jene Zulage gaben: „daß

wir auch eine gute Anwendung von derselben machen sollten“ versichern

darf, daß die Hälfte auf Unterstützungen verwendet ist. Der erste

Jahresabschluß meiner Etats-Rechnungen hat eine Ersparnis von 4000

Thlr. ergeben. Davon sind 3000 Thlr. zur Reise nach Weimar gebraucht

worden, so daß 1000 Thlr. erspart sind. Sollte eine solche Reise also

auch nur ein Geringes mehr einst kosten, so ist gar kein Überschuß

vorhanden. Dieser Fall dürfte bereits in diesem Jahre eintreten, wo

die schlesische Reise, die zur Revue usw. vorkommen werden. An den mir

bewilligten Inspektionsreise-Geldern wird fast nichts erspart, da sie

nach dem Bedürfnis bewilligt wurden. Aus dieser getreuen Übersicht

werden Sie sich gnädigst überzeugen, wie sehr mich eine, nun also

zur Norm werdende Mehrausgabe von jährlich 800 Thlr. genieren muß,

da die möglichen Ersparnisse nur hinreichen, extraordinäre Ausgaben

wie Reisen ect. zu leisten. Was nun noch die Summe betrifft, welche

ich mein Vermögen nenne, und welche aus den Ersparnissen seit meinen

Kinderjahren besteht, die mir der General Braun im Jahre 1817 übergab

sowie aus der Erbschaft von Mama und aus den Etatersparnissen bis zum

vorigen Jahr, so beläuft sich diese auf 70000 Rthlr. Von denselben

habe ich beinahe 30000 Thlr. teils zinsenfrei, teils verzinset

nach und nach verliehen und dürften mehrere (Teile) dieser Summe,

wie ich bereits mehrfach die Erfahrung gemacht habe, wohl nicht

zurückzuerhalten sein, ohne geizig und indelicat zu erscheinen.

Das ist also die einzige Summe, über die ich disponieren kann, die sich

aber, wie gezeigt, nicht vermehren, sondern nur vermindern kann. Wenn

Sie nun gnädigst bedenken, daß ich noch keine Besitzung habe, also

weder zur Acquerierung einer solchen noch zur Unterhaltung derselben

diese Summe bisher verwandte, ich auch noch kein Palais besitze, dessen

Einrichtung gewöhnlich die angeschlagenen und bewilligten Kosten,

wie bekannt fast bei allen Bauten, übersteigt, Sie diese Mehrkosten

aber, wie bei Carls Palais-Bau, nicht zu übernehmen die Gnade haben,

so werden Sie sich ebenso gnädigst überzeugen wollen, daß ich alle

Ursache habe, mit meinem sogenannten Vermögen haushälterisch umzugehen,

ungerechnet, daß man doch vernünftiger Weise eine Summe sich für

unvorhergesehene Fälle und für jede Zukunft zu erübrigen sucht.

Ihrer gnädigen Überzeugung und Ansicht muß ich es nun, nach dieser

wahrhaften Darstellung, überlassen zu beurteilen, ob ich eine unbillige

Forderung tat, wenn ich um 800 Thlr. Zuschuß antrug und bemerke ich

nur nochmals, daß ich beim Generalcommando 6 Zulagen an Adjutanten zu

zahlen habe, aus dem Militär-Zuschuß, während Fritz[63] mit demselben

Zuschuß nur 3 Zulagen zahlt, hier also eine Vergleichung, wie Sie

sie mir durch den Kriegsminister aufstellen lassen, nicht haltbar

erscheinen dürfte. Daß ich diese Zulagen jedoch verringern sollte, kann

wohl in Ihrer Intention nicht liegen, da es sich mit der Würde meiner

Stellung nicht vereinigen läßt.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 30 / 54 题